Joker

Gotham After Midnight: Ein herzergreifender Mörder

DC Comics

DC Comics

Titel: Gotham After Midnight (dt. Mitternacht in Gotham)

Autor/Zeichner: Steve Niles/Kelley Jones

Erschienen: 2008-2009 (Mini-Serie #1-12; Paperback 2009), dt. Panini 2008-2009 (DC Premium)


„Gotham City after dark is a dangerous place. Gotham City after midnight is hell on earth.“

„It’s nothing to take a life and everything to save one, Jim.“

Ein neuer Serienmörder versetzt in Gotham in Angst: Midnight, ein Maskierter mit Zylinder und Totenkopfgesicht, reißt Straftätern bei lebendigem Leibe das Herz heraus. Auch andere Schurken wie Scarecrow, Man-Bat, Killer Croc, Joker, Clayface, Catwoman und ein gewisser Axe-Man sind involviert, allerdings auf ungewohnte Weise und unfreiwillig beeinflusst. Batman blickt nicht durch, was es mit Midnight auf sich hat, der ihm stets einen Schritt voraus ist. Parallel dazu verliert Bruce Wayne sein Herz (im übertragenen Sinn) an die Polizistin Detective April Clarkson, eine idealistische Verbrechensbekämpferin, die ebenfalls ihren Vater durch einen Mord verloren hat.

Das Grundprinzip der Story erinnert stark an die beiden Klassiker The Long Halloween und Dark Victory: Auch in Gotham After Midnight wird ein Serienmörder mit einer besonderen Masche gesucht, während einmal die Rogue’s Gallery abgeklappert wird, auch hier finden Schlüsselereignisse an Feiertagen wie Halloween, Weihnachten, Silvester oder Valentinstag statt. Und trotzdem wird genug Neues geboten, was den Kenner bei Laune hält: Da ist zum einen der Hauptschurke, der im Gegensatz zu den anderen genannten Geschichten, in Erscheinung tritt und dabei eine schön theatralisch-düstere Figur abgibt. Da gibt es einen Kampf zwischen einem Riesen-Clayface und einem Batman-Roboter, bei dem ein paar Häuser zerstört werden. Der eigentliche Höhepunkt ist eine herrlich absurde Halloween-Szene, bei der Batman einfach so die Straße entlangflaniert, weil er unter allen Verkleideten nicht auffällt. Dass er dabei auch einen alten Bekannten wiedertrifft, zeugt von einer genialen Selbstironie.

Meister der Übetreibung

Alles in dieser Story ist zu viel, hier werden alle Register der Batman-Orgel gezogen. Gesteigert wird das Szenario von den Zeichnungen: Künstler Kelley Jones übertrifft sich als Meister der Übertreibung. Abgesehen von der üblichen langen Ohren der Batman-Maske, dem meterlangen wallenden Umhang und den vielen Schatten, zeigt sich Batman in fast jedem Panel in einer anderen dramatischen Pose. Jones kreiert beeindruckende Splash Pages, in denen sich Handlung und Symbole verdichten. Außerdem gibt es drei Batmobile, zwei davon mit Raketenantrieb, eines kurioser als das andere, selbst ein motorisiertes Einrad kommt zum Einsatz.

Trotz der Verspieltheit hat die Story eine eigene Ernsthaftigkeit und Dynamik, sodass man sie mit Spannung verfolgt – bis zu einem überraschenden Ende. Da verzeiht man ihr auch die Logiklücken oder langen Monologe von Batman am Ende oder von Alfred, der ermüdend die Moral von der Geschichte ausbreitet. Gotham After Midnight bietet alles, was man von einer Batman-Geschichte erwarten kann. Es ist nicht die stille Klasse von Loeb/Sale, aber das Schrille von Niles und Jones hat auch eine nicht zu verachtende Qualität.

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Batman, der Fascho

DC Comics

DC Comics

Titel: The Tyrant

Autor/Zeichner: Alan Grant/Tom Raney, Joe Staton

Erschienen: 1994 (Shadow of the Bat Annual #2)


„Funny how we start off with such good intentions, yet somehow end up mired in terror and fear.“ (Batman)

Dass der Weg zur Hölle bekanntlich mit guten Vorsätzen gepflastert ist, kann man in dieser Geschichte sehen: Seit Batman vor zwei Jahren vom Joker öffentlich demaskiert wurde, wurde der Vigilant zum Volkshelden und stieg zum Herrscher von Gotham empor. Batman bei Nacht, Bruce Wayne bei Tag – eine Schreckensherrschaft, deren oberstes Ziel die Verbrechensbekämpfung ist. Denn zusammen mit Doktor Jonathan Crane (hier einmal nicht Scarecrow) hält der Tyrann die Verbrechensrate gering, indem er das Trinkwasser mit Drogen versetzt. Als die beiden daraufhin planen, die Stadt mit einer noch stärkeren Substanz zu vergasen, die alle Menschen mit „kriminellen Tendenzen“ außer Gefecht setzt, regt sich Widerstand: Die klassischen Batman-Schurken planen ein Attentat auf Batman – angeführt vom jugendlichen Revoluzzer Anarky.

Es ist schade, dass The Tyrant keine aufwendigere Aufmachung oder mehr Seiten bekommen hat, denn das Elseworlds-Setting, das Alan Grant entwirft, wäre es wert gewesen, weiter ausgebreitet zu werden. Dass Batmans Kreuzzug in letzter Konsequenz Faschismus bedeutet, ist eine kühne Vision, die hier sehr einnehmend inszeniert wird. Batman ist zwar ein autoritärer Herrscher, aber auch ein Zweifler, der sich nach den richtigen Methoden fragt und schockiert ist, als er von James Gordon als Faschist beschimpft wird. Da ist es folgerichtig, die Story als Tragödie enden zu lassen. Leider aber kommt das eigentliche Finale überstürzt, hier hätte man sich mehr Platz für Dramaturgie gewünscht. So bleibt The Tyrant zwar ein herausragendes Was-wäre-wenn-Szenario, aber ein viel zu kurzes.

Eine ähnliche, aber nicht ganz so gelungene Dystopie entwirft I, Joker. Wen der politische Aspekt besonders interessiert, sollte die Anarky-Storys lesen. In Frank Millers All-Star Batman wird der Held erneut zum faschistoiden Tyrannen.

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Inkarnation des Wahnsinns

Batman: Nosferatu

DC Comics

Titel: Batman: Nosferatu

Autor/Zeichner: Randy & Jean-Marc Lofficier/Ted McKeever

Erschienen: 1999 (One-Shot)


 „I am — the Nosferatu! I am madness incarnate!“

Batman und Vampire – das ist eine Verbindung, die sich geradezu aufdrängt. Nicht nur, wegen der Nähe zu Fledermäusen, sondern auch weil der Held seine Entstehung unter anderem Bela Lugosis Dracula verdankt. Aber was wäre naheliegender, als noch einen Schritt zurück zum Ursprung des Vampir-Mythos zu gehen? Batman als Nosferatu klingt erst mal sehr vielversprechend.

Angelegt ist die Geschichte als Sequel zu Superman’s Metropolis, das ebenfalls an einen Stummfilm der 20er angelehnt ist. Die Handlung spielt in der utopischen Stadt, nachdem sie Superman vom Schurken Lutor befreit hat. Doch anders als der Titel Nosferatu verspricht, hat die Story nicht viel mit dem Film zu tun, sondern erscheint zunächst als Verschnitt von Das Cabinet des Doktor Caligari, allerdings ist es hier ein gewisser Doktor Arkham mit seiner Irrenanstalt. Statt eines Somnambulen führt er den Laughing Man vor, eine Art Joker, der Tod weissagt und selbst dafür sorgt, dass seine Prophezeiungen in Erfüllung gehen. So sterben Gord-Son und Gray-Son durch brutale Morde eines Irren mit langen Klauen. Und weil Superman gerade mit seinem Einsatz für das Proletariat beschäftigt ist, muss eben Bruss Wayne-Son (was sind das eigentlich für bescheuerte Namen?) für Gerechtigkeit sorgen – in Gestalt des Nosferatu, einer selbsternannten Inkarnation des Wahnsinns. Am Ende kommt es sogar zum Gipfeltreffen und Kampf mit Superman …

Wie schon Superman’s Metropolis profitiert auch die Fortsetzung von dem expressionistischen Malereien Ted McKeevers. Mit groben Strichen, abstrakten Darstellungen und verzerrten Schemen inszeniert er ein wunderbar schauriges, abgründiges und von Wahnsinn geprägtes Szenario. Der Nosferatu erscheint genauso schrecklich wie Caligari und der Laughing Man – und er schreckt auch vor Brutalität nicht zurück. Leider ist die Geschichte ebenso dröge geschrieben wie der erste Teil. Hölzerne Dialoge und eine pathetische Erzählstimme machen das Buch nicht gerade zu einem Lesevergnügen. Die etwas dünne Story ist wegen des Horror-Faktors aber allemal spannender als der lahme Metropolis-Neuaufguss. Gleiches gilt nämlich auch für die Vorlagen. Im Gegensatz zum Film Metropolis kann man Caligari und Nosferatu wiederholt anschauen – und zwar mit Genuss.

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The Joke Was On Me

Nachdem bei der San Diego Comic-Con die ersten Filmausschnitte aus Suicide Squad zu sehen waren und das Material sofort geleakt wurde, hat Warner Bros. den Teaser offiziell herausgebracht – und dabei gleich mitgeteilt, was der Konzern von solchen Leaks hält. Zu sehen sind drei Minuten bewegte Bilder, die nicht viel mehr über die Handlung verraten, als man sich hätte denken können: Die Suicide Squad ist eine Eingreiftruppe aus Superschurken – Harley Quinn, Killer Croc, Deadshot und so weiter.

Die Joker-Braut Harley Quinn in einem doppelten Käfig herumbaumeln zu sehen, erinnert an Hannibal Lecter. Und kaum hat man das gedacht, sieht man, wie Killer Croc in Zwangsjacke und Hockeymaske hereingefahren wird. Auch Batman wird kurz gezeigt – auf dem Auto des Jokers. Der Höhepunkt aber ist natürlich der Auftritt des Jokers am Ende: „I’m not gonna kill you“, sagt er zu einem Adressaten, der nicht zu sehen ist. „I’m just gonna hurt you really, really bad.“ Und weil im Hintergrund schon die Phrase „the joke was on me“ zu hören war und ein ähnlicher Satz schon im Batman v Superman-Trailer aufgetaucht ist, könnte das ein Hinweis sein, dass vielleicht Robin dran glauben muss. Damit wäre Suicide Squad ein Prequel. Vielleicht ist das aber auch nur eine falsche Fährte. Jared Leto macht jedenfalls eine gute Figur als sadistischer Marilyn-Manson-Verschnitt. Auf den ersten Blick. Für ein Urteil über seine Rolle ist es allerdings noch ein wenig zu früh.

Ich bin weiterhin skeptisch, ob ein Film über einen Haufen neuer Superschurken funktionieren kann.

Vom Killing Joke zum Robin-Overkill

Ein neuer Batman-v-Superman-Trailer, The Dark Knight III und noch haufenweise mehr. Zur laufenden San Diego Comic-Con überschlagen sich die Nachrichten  zu Batman und Co. – und es sind einige interessante dabei, die Comics und Film betreffen. Hier eine Zusammenfassung der wichtigsten News:

  • The Killing Joke wird verfilmtlaut DC soll der Klassiker von Alan Moore und Brian Bolland 2016 als Direct-to-Video-Animationsfilm erscheinen. Damit setzt Warner den Trend fort, der mit Year One und The Dark Knight Returns begonnen wurde – solide, aber ohne großen Mehrwert. Daher ist vielleicht die folgende News interessanter:
  • Es wurden zwei weitere Animationsfilme angekündigt: Bad Blood soll eine Original-Story sein, mit der Batwoman ins DC Animated Universe eingeführt werden soll. Beim zweiten Film, Justice League vs. Titans, spricht der Titel für sich.
  • Im Oktober beginnt eine neue wöchentliche Comicserie: Batman & Robin Eternal. Nach dem Ende von Batman Eternal soll die Serie im Oktober starten und ein halbes Jahr lang laufen. Als Autoren beteiligt werden wieder Scott Snyder und James Tynion IV sein. Wie auf dem ersten Cover zu sehen ist, werden alle bisherigen Robins eine Rolle spielen. Bis auf Damian, so scheint es. Der ist anderweitig beschäftigt.
  • Im Dezember startet Robin War, ein Crossover aus Robin: Son of Batman, We Are Robin und Gotham Academy. In der ersten Serie geht es um Damian Wayne, in der zweiten um Jugendliche, die im Geiste des Wunderknaben auf eigene Faust Verbrechen bekämpfen, in der dritten ebenfalls um Jugendliche, die Abenteuer in Gotham erleben.
  • Grant Morrison hat eine neue Batman: Black and White-Serie angekündigt. Die soll etwas mit seiner Multiversity zu tun haben. Klingt sehr verwirrend – ob der Meister da selbst noch durchsteigt? Jedenfalls sagte Morrison, diese Serie sei „my final word on Batman, probably„. Nächstes Jahr wird er erst einmal seine Earth One-Version von Wonder Woman herausbringen.
  • Apropos Earth One: J. Michael Straczynski, der bereits drei Bände Superman auf Erde eins geschrieben hat, wird auch den Flash alias Barry Allen in dem alternativen Universum neu erfinden. Francis Manapul wird für Aquaman: Earth One verantwortlich sein.
  • Das Green Lantern Corps bekommt im Jahr 2020 einen eigenen Live-Action-Kinofilm. Das passiert anstelle eines Green Lantern Solo-Film-Reboots nachdem der erste ein Flop war.
  • Tiefpunkt der Woche: Batman trifft auf die Teenage Mutant Ninja Turtles. Im November beginnt eine sechsteilige Mini-Serie. Damit fehlt nur noch ein Crossover mit Micky Maus, Barbie und Ken sowie den Teletubbies.
  • Vielversprechender ist ein neuer Zugang zu Batmans Kumpel: Die Mini-Serie Superman: Alien American  erzählt in sieben Teilen Episoden aus Clark Kents Jugend. Und es sieht aus, als wäre er ein Angry Young Man gewesen. Die Cover machen neugierig.
  • Apropos Superman: Nach dem Gipfeltreffen, dem Spielfilm Batman v Superman im März (den neuen Trailer gibt’s hier, den Teaser hier), soll ein neuer Batman-Kinofilm kommen. Das Gerücht, dass Hauptdarsteller Ben Affleck Regie führen soll, hat sich offenbar bestätigt. Am Drehbuch wird er wohl auch beteiligt sein – zusammen mit DC-Autor Geoff Johns, der unter vielem anderen Batman: Earth One geschrieben hat. Ein Starttermin ist noch unklar, ebenso wenig der Titel. Bisher kursierte The Batman. Nicht gerade einfallsreich, aber okay für einen Neubeginn.

Hardboiled Gordon

James Gordon (Teil 5)

Batman: Gotham Noir

DC Comics

Titel: Gotham Noir

Autor/Zeichner: Ed Brubaker/Sean Phillips

Erschienen: 2001 (One-shot), dt. Panini 2002


„All I had figured out was that things were definitely not going my way, and I had no real idea why. And that’s when the world decided to get even weirder…“ (James Gordon)

Was wäre wenn … James Gordon im Zweiten Weltkrieg gekämpft hätte? Dann wäre er wohl so kaputt, dass er seinen Posten bei der Polizei verloren und zum trinkenden, hartgesottenen Privatdetektiv geworden wäre. Gotham Noir, das im Jahr 1949 spielt, ist genau das, was der Titel verspricht: Ein Comic Noir par excellence. Das Cover gibt den Stil der Schundromane vor. Und Autor Ed Brubaker versteht das Handwerk dieser Tradition. So ist die Geschichte ein klassischer Krimi: Gordon bekommt von seiner alten Flamme Selina den Auftrag, eine junge Frau bei einer Party zu bewachen. Kurz darauf ist die Dame tot, ihr Beschützer wacht neben ihr am Strand auf und weiß nicht nur mehr, wie es dazu gekommen ist. Zudem ist er auch der Hauptverdächtige.

Es beginnt eine Ermittlung zwischen den Fronten: Gangstern und korrupten Politikern, Staatsanwalt Dent und einer mysteriösen Fledermaus, die Gordon aus dem Schatten heraus hilft. Das ist durchaus wörtlich gemeint, denn Batman sieht man das ganze Comic über nur als schwarze Silhouette mit weißen Augen. Natürlich muss es auch eine Art Joker geben (Brubaker hat auch The Man Who Laughs geschrieben), aber der wird relativ subtil eingeführt als Handlanger, der von Gordon als Informant für Dent entlarvt wird, daraufhin ein Glasgow-Smile verpasst kriegt und sich dafür an Gordon rächen will.

Die Zeichnungen von Sean Phillips erfüllen ihren Zweck im Sinne des Genres: Viel Schwarz, starke Kontraste, gedeckte Farben wie bei Year One. Manchmal wirken die Figuren etwas zu steif, aber ansonsten schafft es der Zeichner, die Noir-Stimmung gut wiederzugeben, auch wenn ihm die künstlerische Finesse eines Tim Sale abgeht. Definitiv gehört das Buch zu den besseren Elseworlds-Geschichten, vor allem wegen seiner Charakterstudie.

Wer Spaß an dieser Story hat, sollte auch mal Nine Lives lesen. Darin spielt Dick Grayson einen Privatdetektiv in einem ähnlichen Szenario.

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Black Mirror: Böse Brut

DC Comics

DC Comics

Titel: The Black Mirror (dt. Der schwarze Spiegel)

Autor/Zeichner: Scott Snyder/Jock, Francesco Francavilla

Erschienen: 2011 (Detective Comics #871-881, Paperback 2011), dt. Panini 2012 (Sonderband)


 „… evil is humanity’s divine spark.“ (Etienne Guiborg/The Dealer)

Erinnern wir uns an das Ende von Year One, als Bruce Wayne in zivil James Gordons Sohn rettet: Das Baby fällt von der Brücke, Wayne springt hinterher und fängt es. Damit ist die Freundschaft zwischen Gordon und Batman besiegelt. Bald darauf zerbricht die Ehe mit Barbara und die Mutter zieht mit ihrem Sohn zurück nach Chicago (vgl. Turning Points). Doch was passiert mit dem Sohn, James Gordon Junior? Dieser Frage hat sich Scott Snyder angenommen. In Black Mirror, der letzten großen Detective Comics-Storyline vor dem Reboot (The New 52), ist Junior das Gegenteil seines Vaters: ein unempathischer Psychopath, der sich an jedem, der ihm blöd kommt, grausam rächt. Nach Jahren sucht er den Vater in Gotham auf, Gordon befürchtet Schlimmes, zunächst scheint er sich zu irren – doch die Zweifel wird er nie los. Autor Scott Snyder spielt mit den Erwartungen der Leser, indem er sie ständig untergräbt. Das erzeugt eine ungeheure Spannung.

Parallel erzählt er von Batman, also Dick Grayson, der Bruce Wayne in Gotham vertritt. Dieser muss zunächst einen Auktionator (The Dealer) aufhalten, der Schurkengimmicks aus Polizeibeständen an Bonzen verhökert, dann muss er den Ursprung eines toten Orca untersuchen, der plötzlich (mit Frauenleiche im Bauch) im Foyer einer Bank liegt, schließlich bricht noch der Joker aus. Die drei Episoden haben auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun, am Ende erschließt sich wenigstens für zwei der Zusammenhang mit dem Hauptplot um James Junior, der es auf seine eigene Familie abgesehen hat und eine neue Generation nach seinem Bilde formen will. Diese Doppelstruktur ist eine eigenartige Erzählweise, die sich auch in zwei verschiedenen grafischen Stilen wiederspiegelt: Die Hefte, in denen Batman die Hauptrolle spielt, sind von Jock gezeichnet, die Gordon-Hefte von Francesco Francavilla. Während Jock sehr kantige Figuren und karge Hintergründe macht, Batman stets von Fledermäusen umgeben ist und der Horror durch zittrige Striche besonders drastisch bei ihm wirkt, pflegt Francavilla einen ruhigeren Stil, der mehr an David Mazzucchelli erinnert, und er koloriert selbst mit knalligen Komplementärfarben.

Diese Stilbrüche sind gewöhnungsbedürftig, aber sie erfüllen ihren Zweck. Zunächst hat man den Eindruck, zwei verschiedene Geschichten zu lesen, bis sich nach und nach beide zu einer zusammenfügen, am Ende wechseln sich die Zeichner alle paar Seiten ab. Beide sind auf ihre Weise große Künstler, Jock besonders bei den Covern, Francavilla beeindruckt am meisten mit einer Doppelseite, auf der sich Gordon in einer Montage an Juniors Kindheit erinnert. Autor Scott Snyder steht beiden in nichts nach: er erweist sich als meisterhafter Erzähler, indem er allen Figuren an Tiefe gerecht wird und dabei auch noch die Stadt Gotham als Protagonisten einführt, der im Hintergrund das Böse aus den Menschen hervorbringt.

The Black Mirror ist eine zutiefst grausame, beunruhigende Geschichte, die trotz ihres Pessismismus sich die Menschlichkeit bewahrt. Dass einige Fragen offen bleiben, bzw. dass Batman die Grenzen der Glaubwürdigkeit überschreitet, kann man da als kleine Makel verzeihen: Für eine Story von so herausragender Qualität und narrativer Innovation kann man bloß dankbar sein.

>> Batman 2000-2011


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Niemandsland: Post-Apokalypse in Gotham

Titel: No Man’s Land (dt. Niemandsland)/Road to No Man’s Land (dt. Weg ins Niemandsland)

Autor/Zeichner: Bob Gale, Greg Rucka u.a./Alex Maleev u.a.

Erschienen: 1999-2000 (alle Serien + Specials), Paperbacks 2011-2016 (2+4 Bände); dt. Dino-Verlag: Batman #47-63, Batman Special #11-14, Batman Präsentiert #5-9, Batman Niemandsland Sonderausgabe, Batman Sonderband #8; Panini 2017-2019 (2+8 Bände)


„Die Regeln haben sich geändert.“ (Nightwing)

„Gotham ist zum Traum eines jeden Anthropologen geworden. Ein gewaltiger Freilandversuch für Darwins Theorien. Nur die Stärksten überleben. Mit Mühe.“ (Batman)

„… egal, wie schlimm die Lage bereits erscheint … es kann immer … immer … noch schlimmert werden.“ (Barbara Gordon)

No Man’s Land ist die bislang größte Batman-Saga: Die vier Sammelbände umfassen insgesamt 2088 Seiten, mit den eng verknüpften Vorgeschichten Cataclysm (dt. Inferno) und Road to No Man’s Land sind es sogar 2840 (zum Vergleich: die drei Bände Knightfall haben insgesamt 1948 Seiten, wobei die Saga nicht mal komplett enthalten ist). Lohnt sich der Aufwand, sich da durch zu lesen?

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Nach zwei Seuchen und einem Erdbeben, bei dem ganz Gotham zerstört wurde, wird die Stadt von den USA aufgegeben, evakuiert und isoliert. Auch Bruce Wayne kann daran nichts ändern, als er nach Washington geht und mit pathetischen Reden versucht, den Kongress umzustimmen.

Parallel tut ein aufsteigender Rockstar namens Nicholas Scratch mit seinen Schergen in Teufelsmasken alles dafür, dass die Stadt endgültig vernichtet wird und rekrutiert dazu einige alte Schurken. Der Plan wird zwar vereitelt, aber Gotham wird trotzdem zum Niemandsland erklärt. Nur die Verbrecher und die gesellschaftlichen Außenseiter bleiben da und kämpfen in einem postapokalyptischen Szenario, in dem es am Nötigsten wie Lebensmitteln, Strom, Wasser und einer zivilen Ordnung fehlt, ums Überleben.

Batman macht Urlaub

Nachdem die Arkham-Insassen vom Anstaltsleiter freigelassen worden sind, weil er sie weder in Schach halten noch versorgen konnte, teilen die mächtigsten von ihnen die Stadt unter sich auf. Auch die verbliebenen Polizisten um James Gordon und seine Frau Sarah Essen reklamieren einen Bezirk für sich und versuchen, zu expandieren und wieder Recht und Ordnung herzustellen. Dabei bedienen sich die Cops zweifelhafter Mittel wie Mord zur Abschreckung und das Anzetteln eines Bandenkrieges, bei denen sich zwei konkurrierende Gruppen gegenseitig ausmerzen sollen. Gordon schließt einen Pakt mit Two-Face, den er bald darauf bereuen wird. Schließlich kommt es zu einer Spaltung innerhalb der Gruppe, als einem militanten Cop Gordons Methoden nicht weit genug gehen.

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Und Batman? Der macht erst mal drei Monate Urlaub in Monaco, bevor er zurückkehrt. In der Zwischenzeit wird er vertreten von einer neuen Gestalt im Fledermauskostüm: einem neuen Batgirl, dessen Identität Batman sofort durchschaut: Helena Bertinelli, die vor kurzem noch als Huntress unterwegs war. Doch er lässt sie gewähren und übernimmt ihr Graffito, um sein Revier zu markieren. Bevor Batman die Stadt zurückerobert, muss er den Menschen erst einmal wieder klar machen, dass er wieder da ist und dass sie Grund haben, ihn zu fürchten. Weil er aber keine technischen Hilfsmittel hat, muss er sich neu orientieren. Batman bekommt erneut fundamentale Zweifel, ob er den Eid seinen Eltern gegenüber erfüllen kann.

Im Grunde trägt No Man’s Land die Stimmung von Aftershock weiter: Verzweiflung, Elend, Überlebenskampf. Allerdings sind es eher die normalen Menschen, die hier die echten Probleme haben, während Batman meistens souverän wirkt und schnell bekommt, was er will. Allerdings ist Gordon ziemlich schlecht auf ihn zu sprechen. Erst spät kommt es zu einer Aussprache und zum ultimativen Vertrauensbeweis …

Wendepunkt für Batman

Wie schon infolge des Erdbebens werden Batman und seine Mitstreiter öfter mit moralischen Dilematta konfrontiert, wie etwa der Frage, ob man einem Serienmörder wie Zsasz das Leben retten darf oder soll. Salomonische Urteile scheitern – ebenso wie Supermans Einsatz. Der Pinguin macht aus dem Tausch ein großes Geschäft und lässt Gladiatorenkämpfe ausrichten, Clayface nimmt Poison Ivy gefangen und verkauft die von ihr angebauten Früchte an die Hungrigen. Huntress wird schon bald von einem neuen Batgirl abgelöst: Cassandra Cain, Tochter eines Auftragskillers und Lehrmeisters von Bruce Wayne. Da sie nicht sprechen kann, bleibt sie eine blasse Erscheinung.

No Man’s Land ist nicht nur für Batman ein Wendepunkt, sondern auch für DC. Nach der Überleitung von Road to No Man’s Land wechseln die meisten Autoren und Zeichner – und auch wenn die Resultate nicht immer überzeugen, tut die Erneuerung gut. Die Batman-Serien schütteln endlich den Mief der 90er Jahre ab (beinahe ganz), in denen noch in die Jahre gekommenen Veteranen wie Jim Aparo ihre steifen Figuren zeichnen durften. Das Erzählverfahren ist uneinheitlich: mal langsam, mal sprunghaft, mal episodisch und sogar elliptisch, dass man sich zwischendurch fragt, ob man nicht etwas verpasst hat. Besonders zu loben ist der feinfühlig erzählte Auftakt von Bob Gale.

Schwaches Finale

Greg Rucka ist für den Hauptplot zuständig, allerdings macht sich der rote Faden erst gegen Ende der Saga bemerkbar. Bane tritt in Erscheinung, im Auftrag eines Unbekannten, und wütet so brachial, wie man es von dem Muskelberg kennt, sehr spät kommt auch der Joker hinzu und wird von seiner Sidekick-Braut Harley Quinn begleitet (eine Figur aus der Animated-Serie, die erst kurz zuvor im DC Hauptuniversum eingeführt wurde). Leider bereichert die Präsenz dieses Duos die Geschichte nicht, es wirkt eher planlos, wie die beiden ihre Beziehungsprobleme durchstehen. Der Joker hat keinen Bock auf die Alte – und als Leser kann man es nur nachvollziehen. Erst am Ende übernimmt der Schurke eine Schlüsselrolle, als er den Wiederaufbau in Gotham zu sabotieren versucht. Es fließt zwar viel Blut – und ein wichtiger Nebencharakter stirbt.

Dennoch ist das Finale schwach: Das Problem Niemandsland löst sich fast von allein (wenn auch unter zweifelhaftem Vorzeichen) und man bekommt auch nie den Eindruck, dass Gothams Rettung je ernsthaft gefährdet wäre. Schließlich wirkt das Ende inkonsequent und halbherzig, selbst der Joker scheint die Lust an seinem Vorhaben zu verlieren. Aber auch zuvor wurde zu wenig Spannung aufgebaut. Dafür dass die Autoren über Jahre hinweg Figuren und Leser mit zwei Seuchen und einem Erdbeben malträtiert haben, wirkt das Storytelling zu kurzatmig.

No Man’s Land ist eine kurzweilige Unterhaltung für ausdauernde Leser; immerhin besser als die Vorgänger-Storylines, aber ein Muss ist es nicht.

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Ein Beben geht durch Gotham

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Titel: Cataclysm (dt. Inferno)/Aftershock (dt. Nachbeben)

Autor/Zeichner: Alan Grant, Doug Moench, Chuck Dixon u.a./Jim Aparo, Klaus Janson u.a.

Erschienen: 1998 (18-teilig in mehreren Serien und One-Shots), dt. Dino 1999-2000 (Batman #40-46, Batman Special #9-11, Batman präsentiert #1-2)


„It’s never easy to find inner strength and peace, even when the outer world is relatively stable…the destruction of physical reality always does spiritual damage.“ (Bruce Wayne)

„… there’s little I can do against disease and natural disasters. A lost cause can become a fool’s errand. I’m still only human. I did what was humanly possible. I hope you don’t think I’ve failed in my promise.“ (Batman)

Nach der Seuche kommt das Erdbeben. Gotham wird zerstört, es herrschen Tod, Chaos und Verbrechen. Ein gewisser Quakemaster bekennt sich, die Katastrophe verursacht zu haben und erpresst die Stadt. Die Frage ist nicht, ob er es wirklich war, denn umgehen müssen Batman und seine Verbündeten so oder so mit einer kaum zu bewältigenden Herausforderung. Batman verzweifelt an dem Verfall seiner Stadt und dem Massentod seiner Bewohner, vor allem aber an der Tatsache, dass er niemandem die Schuld an dem Unglück geben kann. Er kämpft an allen Fronten – aber es gibt keinen Gegner, den man verprügeln und einbuchten könnte. Das mag zwar das alte Batman-Schurken-Schema durchbrechen, indem es dem Helden neue Seiten und Leidenswege eröffnet, aber es funktioniert nur schleppend.

Ein One-shot ist Arkham Asylum gewidmet, einer dem Blackgate-Gefängnis, doch nichts davon ist der Aufmerksamkeit wert. Die Blackgate-Episode ist Mittelmaß, Arkham sogar deutlich darunter. Die Insassen der Irrenanstalt brechen aus und erzählen sich Geschichten – ganz in der Tradition von Boccaccios Dekameron, aber keine davon hat das Zeug zum Klassiker.

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Der Erzählzyklus Aftershock ist so etwas wie ein langer Durchhänger – für Batman wie für seine Leser. Es gibt keinen Handlungsbogen, vielmehr eine Reihe von Kurzgeschichten über das Elend in Gotham, Arbeitslose, Obdachlose, Plünderer. Hin und wieder erscheinen ein paar der üblichen Verdächtigen (Mr. Freeze, Clayface, Mad Hatter, Joker) – allerdings nur, um gleich wieder zu verschwinden. Oft tritt die Sache auf der Stelle, es gibt Ausgaben, in denen nur lamentiert wird: wie schlimm alles ist und wie schön es früher war. In Batman #558 sieht man einen verzweifelten Batman, der seinen Butler umarmt und sagt: „Hilf mir, Alfred! Ich brauche Kraft! Ich komme einfach nicht mit dem Tod zurecht, alter Freund. Das kam ich noch nie. Er … zerreißt mich.“ Mehr Emo geht nicht.

Vielleicht muss die Geschichte so sein: Eine ermüdende Durststrecke. Es gibt darunter jedoch einige narrative Lichtblicke. Vor allem die Storys, die Alan Grant für Shadow of the Bat geschrieben hat, stechen in ihrer Qualität heraus. Etwa #76 (Dino: Batman #43), in der erzählt wird, wie eingeschlossene Menschen zu Kannibalen werden, oder #77 (Dino: Batman #44), wo ein Professor eine Klasse voller toter Studenten über Darwinismus unterrichtet und Batman dabei Teil eines Experiments wird. Leider muss Grant am Ende, für alle, die es nicht verstanden haben, die Moral wiederholen: „Vielleicht irrte sich Darwin doch. Nicht der Stärkste überlebt … Auch nicht der mit dem meisten Glück. … Sondern der, der nicht aufgibt!“

Die Geschichten leiten über zum größeren Event, dem No Man’s Land (dt. Niemandsland). Und genauso lesen sie sich auch: Wie Lückenbüßer.

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Batman trifft Houdini

DC Comics

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Titel: Houdini – The Devil’s Workshop (dt. Houdini)

Autor/Zeichner: Howard Victor Chaykin, John Francis Moore/Mark Chiarello

Erschienen: 1993 (One-shot), dt. Carlsen 1997


„I must be mad to put my faith in a wealthy madman with a bat fetish.“ (Harry Houdini)

Das Jahr 1907 in Gotham. Kinder verschwinden von den Straßen. Ein grisender „Albino“ sammelt sie auf, bekannt als Mad Jack Schadenfreude (Joker). Eine andere düstere Gestalt mit schwarzem Mantel und Fledermausmaske wird verdächtigt, doch der Batman hat bloß Gutes im Sinn. Unterstützt wird er von Harry Houdini, dem Entfesselungskünstler und Anti-Spiritisten, der nicht an das Übernatürliche glaubt und es sich zur Aufgabe gemacht hat, alle des Betrugs zu überführen, die sich für Geisterseher oder echte Zauberer halten. Doch dann muss er erkennen, dass es immerhin echte Vampire gibt.

Houdini wird also zu Batmans Sidekick in dieser Elseworlds-Story – und er ist weitaus sympathischer als Robin. Schnell entlarvt er Bruce Wayne hinter der Maske und lässt keine Gelegenheit aus, über den reichen Schnösel mit seinem bühnenreifen Kostüm zu spotten. „You ever thought about the show business, fella?“ Houdini hält sich für den Klügsten, aber was Technik angeht, bleibt er ein Kind des 19. Jahrhunderts. Das wird deutlich, als Batman mit ihm in einem Wright-artigen Flugzeug unterwegs ist. In der Spannung zwischen den beiden Helden entsteht der Witz, der den Mystery-Plot seiner Schwere beraubt.

In der Geschichte scheint die Epoche der Jahrhundertwende wieder lebendig zu werden: die Story steckt voller kultureller Bezüge und Zitate, wie etwa Bram Stokers Dracula, und steht damit in der Tradition der Gothic Novels. Die gemalten Panels von Mark Chiarello verleihen dem Band eine Aura des Unheimlichen. Da kann man auch über einige Schwächen und Sprünge im Plot hinwegsehen: Houdini – The Devil’s Workshop ist ein kurzweiliger Genuss von einem period piece.

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