Harvey Dent

Hardboiled Gordon

James Gordon (Teil 5)

Batman: Gotham Noir

DC Comics

Titel: Gotham Noir

Autor/Zeichner: Ed Brubaker/Sean Phillips

Erschienen: 2001 (One-shot), dt. Panini 2002


„All I had figured out was that things were definitely not going my way, and I had no real idea why. And that’s when the world decided to get even weirder…“ (James Gordon)

Was wäre wenn … James Gordon im Zweiten Weltkrieg gekämpft hätte? Dann wäre er wohl so kaputt, dass er seinen Posten bei der Polizei verloren und zum trinkenden, hartgesottenen Privatdetektiv geworden wäre. Gotham Noir, das im Jahr 1949 spielt, ist genau das, was der Titel verspricht: Ein Comic Noir par excellence. Das Cover gibt den Stil der Schundromane vor. Und Autor Ed Brubaker versteht das Handwerk dieser Tradition. So ist die Geschichte ein klassischer Krimi: Gordon bekommt von seiner alten Flamme Selina den Auftrag, eine junge Frau bei einer Party zu bewachen. Kurz darauf ist die Dame tot, ihr Beschützer wacht neben ihr am Strand auf und weiß nicht nur mehr, wie es dazu gekommen ist. Zudem ist er auch der Hauptverdächtige.

Es beginnt eine Ermittlung zwischen den Fronten: Gangstern und korrupten Politikern, Staatsanwalt Dent und einer mysteriösen Fledermaus, die Gordon aus dem Schatten heraus hilft. Das ist durchaus wörtlich gemeint, denn Batman sieht man das ganze Comic über nur als schwarze Silhouette mit weißen Augen. Natürlich muss es auch eine Art Joker geben (Brubaker hat auch The Man Who Laughs geschrieben), aber der wird relativ subtil eingeführt als Handlanger, der von Gordon als Informant für Dent entlarvt wird, daraufhin ein Glasgow-Smile verpasst kriegt und sich dafür an Gordon rächen will.

Die Zeichnungen von Sean Phillips erfüllen ihren Zweck im Sinne des Genres: Viel Schwarz, starke Kontraste, gedeckte Farben wie bei Year One. Manchmal wirken die Figuren etwas zu steif, aber ansonsten schafft es der Zeichner, die Noir-Stimmung gut wiederzugeben, auch wenn ihm die künstlerische Finesse eines Tim Sale abgeht. Definitiv gehört das Buch zu den besseren Elseworlds-Geschichten, vor allem wegen seiner Charakterstudie.

Wer Spaß an dieser Story hat, sollte auch mal Nine Lives lesen. Darin spielt Dick Grayson einen Privatdetektiv in einem ähnlichen Szenario.

>> Liste der Batman-Elseworlds-Comics

Batman nach Orson Welles

Batman: Citizen Wayne

Titel: Citizen Wayne

Autor/Zeichner: Mark Waid & Brian Augustyn/Joe Staton

Erschienen: 1994 (Legends of the Dark Knight Annual #4; Paperback: Superman/Batman: Alternate Histories, 1996)


„If the city’s freedom is regained by someone outside the law, the freedom is worthless.“ (Bruce Wayne)

Was wäre wenn … Orson Welles Batman verfilmt hätte? Dann hätte Bruce Wayne nur seinen Vater bei dem Überfall verloren, wäre wohl Zeitungsverleger geworden und hätte das organisierte Verbrechen mit den aufklärerischen Mitteln der Pressefreiheit bekämpft. Und es wäre sein bester Freund, der Bezirksstaatsanwalt Harvey Dent, der zu drastischeren Methoden gegriffen hätte.

Das ist die Prämisse der Elseworlds-Story Citizen Wayne, die an Orson Welles‘ Filmklassiker Citizen Kane von 1941 angelehnt ist. Doch hier geht es nicht um die Frage, wer oder was „Rosebud“ ist, sondern darum, was dazu geführt hat, dass Wayne und Dent bei einem gleichzeitigen Sturz vom Dach umgekommen sind. Ähnlich wie bei Welles geht ein Unbekannter der Frage nach, ein zunächst namenloser Assistant District Attorney. Damit gleichen nur das Erzählverfahren und der Stil dem Film. Schwarze Schatten bestimmen die Seiten und die Figuren wirken überaus lebendig, auch wenn die Herren in ihren Anzügen mit ihren überaus breiten Schultern wie Kleiderschränke aussehen.

Citizen Wayne erzählt die Geschichte einer Freundschaft, die beim Kampf gegen das Verbrechen zerrieben wird. Ein Mann verliert seine Existenz und wird zum selbsternannten Rächer jenseits des Gesetzes, der zum Mörder wird, während ein anderer zu seinen Idealen steht. Am Ende kommt es zu einem Duell zwischen Batman und Bruce Wayne in Samurai-Rüstung. Die Autoren verstehen es, die Problematik zwischen Recht und Unrecht auszuloten und dabei das Scheitern der Freundschaft als Tragödie glaubhaft zu machen. Außerdem sieht Batman mit seiner goldenen Maske und dem an Polizei- und Soldaten-Uniformen angelehnten Kostüm ziemlich cool aus. Ein bemerkenswertes Stück alternativer Geschichte – und eine gelungene Hommage an die Filmkunst der 40er.

>> Liste der Batman-Elseworlds-Comics

Versuch und Irrtum

DC Comics

DC Comics

Titel: Earth One Vol. 2

Autor/Zeichner: Geoff Johns/Gary Frank

Erschienen: 2015 (One-shot)


„You’re not much of a detective, are you?“ (James Gordon)

„See, Bruce, you might have worked out who you are. But in Gotham, you never know who anyone else really is.“ (Alfred Pennyworth)

Dieser neue Typ im Fledermauskostüm mag zwar gut darin sein, den Abschaum der Straße aufzumischen, aber er hat keine Ahnung davon, wie man sein Hirn benutzt: Am Tatort trampelt er auf Beweisen herum, verwischt mögliche Fingerabdrücke. Batman hat sich schon mal geschickter angestellt. Doch auf Erde eins ist er nicht nur ein Neuling, er ist auch ein Greenhorn, dessen Lehrjahre mit dem Anlegen der Maske und dem Bestehen der ersten Feuerprobe noch längst nicht beendet sind. Während er sich von James Gordon sagen lassen muss, mal seinen Verstand einzuschalten, meint Alfred, er solle mal lieber ein scumbag oder lowlife vom Dach werfen, um ein Zeichen zu setzen.

Im zweiten Teil der Earth One-Saga, einer alternativen Welt, muss Batman Muskeln und Hirn einsetzen, um gegen zwei klassiche Schurken zu bestehen: Killer Croc und Riddler. Letzterer terrorisiert die Bürger Gothams mit Rätselspielchen, die darauf hinauslaufen, dass Menschen sterben – aber er selbst bleibt das größte Rätsel. Man hört nur seine Stimme, man sieht ihn nicht und weiß nicht, was er mit dem Terror vorhat. Schließlich fällt der Verdacht auf Bruce Wayne zurück, Alfred kommt in den Knast – und Batman rackert sich ziemlich ab, um nicht nur sich selbst zu behaupten, sondern auch seine Beziehung zu Jessica Dent, der neuen Bürgermeisterin und Zwillingsschwester von Bezirksstaatsanwalt Harvey Dent, aufzubauen. Der Bruder hat allerdings seine Vorbehalte.

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Spielkamerad ohne Regeln

The Dark Knight

Titel: The Dark Knight

Regie/Drehbuch: Christopher Nolan/Jonathan Nolan, Christopher Nolan

Erschienen: 2008


„I believe whatever doesn’t kill you, simply makes you … stranger.“ (Joker)

In keiner Filmszene hat man Batman je verzweifelter gesehen, als in diesem Verhörzimmer. Er schlägt den Joker, schreit ihn an, er foltert ihn, er droht ihm sogar, seine einzige Regel zu brechen, um herauszubekommen, wohin der Joker Harvey Dent und Rachel Dawes bringen ließ – aber es nützt nichts. „You have nothing, nothing to threaten me with!“, sagt der Joker belustigt. „Nothing to do with all your strength!“ Schließlich verrät der Gegenspieler Batman die Adressen, als Akt der Gnade. Es ist gerade noch rechtzeitig – jedenfalls für eine der Figuren.

„You complete me“

Die Handlung von The Dark Knight ist ein perfides Spiel. Vielleicht das perfideste, das der Joker je gespielt hat. Denn es gibt keine Regeln, es gibt keinen Plan, der Joker hat so viele Steine ins Rollen gebracht, dass Batman gar nicht hinterherkommt, jedem einzelnen nachzujagen, ja sogar unter der Lawine unterzugehen droht. Das Problem daran ist, dass die Schuld auf Batman ruht. Er wird verantwortlich gemacht, dass der Joker Menschen tötet, dass es einen Joker überhaupt gibt. Der Schurke setzt sich selbst als Gegenstück zum Helden, sie bedingen sich gegenseitig: „I don’t, I don’t want to kill you!“, beteuert der Joker. „What would I do without you? Go back to ripping off mob dealers? No, no, NO! No. You… you… complete me.“ Später bekräftigt er das, indem er sich und Batman als Spielkameraden darstellt: „I won’t kill you because you’re just too much fun. I think you and I are destined to do this forever.“

Dennoch geht es bei diesem Spiel um mehr als bloß Spaß. Dem Joker will einen Kontrapunkt setzen, indem er das System aus Moral und Gesetz einerseits und Geld und Korruption andererseits in Frage stellt. „It’s not about money … its about sending a message.“ Der Joker verbrennt einen Berg voller Geld, er geht mit gutem Beispiel voran, er nimmt die Rolle eines Lehrers ein. Nicht von ungefähr stellt er sich – wie in einem Klassenzimmer – an den Kopf des Tisches bei der Gangster-Versammlung, nicht von ungefähr flieht er zwei Mal in einem Schulbus. Seine Lehre:

„You see, their morals, their code, it’s a bad joke. Dropped at the first sign of trouble. They’re only as good as the world allows them to be. I’ll show you. When the chips are down, these … these civilized people, they’ll eat each other. See, I’m not a monster. I’m just ahead of the curve.“

Der Joker ist seiner Zeit voraus, er ist die Kehrseite der Gesellschaft, die Fratze der Anarchie. In Bezug auf Harvey Dent, den er als Instrument des Wahnsinns missbraucht, macht er deutlich, wie einfach diese Seite in anderen hervorzubringen ist: „You see, madness, as you know, is like gravity. All it takes is a little push!“ Der Joker macht nur wenig, er lässt machen. Er nimmt sich die Schwachen, die Armen und die Verrückten vor, um sie zu Mördern oder Mittätern zu instrumentalisieren. Er vertauscht die Rollen von Opfern und Tätern, Polizisten und Schurken. Damit zeigt er Batman, wie leicht die Welt zugrunde gehen kann, die dieser sich zu retten bemüht.

Joker als Niemand

Von daher ist es auch egal, wer der Joker wirklich ist und wie er zu dem geworden ist, der er ist. Es ist vielleicht eine der besten Ideen dieses Films, ihn zu einem Mysterium, einem unergründlichen Phänomen zu machen. Seine Geschichten über seine Narben sind ebenso beliebig wie wahrscheinlich erlogen. Er ist die perfekte Verkörperung des Nihilisten – ein buchstäblicher Niemand. Nur aus einer solchen Position heraus kann er so handeln, wie er es tut. Wer nichts hat – auch keine Identität – kann nichts verlieren. Und das macht ihn so angsteinflößend. Gegen so jemanden kommt niemand an, nicht mal der Outlaw Batman. Dieser kämpft, weil er sehr viel zu verlieren hat, weil er nicht noch mehr verlieren möchte. Er will, dass sein Kampf aufhört und er überflüssig wird, weil die Bewohner Gothams selbst Zivilcourage zeigen. Batman soll nur mit gutem Beispiel vorangehen. Der Joker korrumpiert das Vorhaben. Nicht als einfacher Gangster – sondern als unberechenbare Instanz.

Mit der Inszenierung des Joker geht Christopher Nolan zurück zu den Ursprüngen der Figur. Schon in der ersten Story von 1940 verbreitet der Joker vor allem Angst, indem er Morde ankündigt und sie dann auf eine Weise ausführt, mit der niemand gerechnet hat. Schon damals war der Joker seinen Verfolgern einen Schritt voraus. Sein immerwährendes, falsches Grinsen bildet die Häme ab, mit der er seine Gegner vorführt. Und Nolan profitiert von der Erkenntnis aus Grant Morrisons Arkham Asylum, dass der Joker nicht verrückt ist. Nein, Nolans Joker wirkt zwar irre – in Wirklichkeit hat er aber den größten Durchblick in dieser Geschichte.

Hans Zimmers Main Theme („Why so serious?“), eine verstörende Anti-Musik, die aus einer verzerrten und ins Unterträgliche gesteigerte Note besteht, ist für den Charakter ebenso wichtig wie Heath Ledgers Darstellung und die bewusst schlampige Maske, die auch ein Zerrbild aller früheren (Film-)Joker ist. Zusammen mit einer atemlosen Handlungsabfolge und reichlich bildgewaltiger Action im IMAX-Format hat Christopher Nolan seinem grandiosen Batman Begins noch einen draufgesetzt. Von da an konnte es leider nur noch bergab gehen …

>> Batman-Filme und -Serien


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