Spielkamerad ohne Regeln

The Dark Knight

Titel: The Dark Knight

Regie/Drehbuch: Christopher Nolan/Jonathan Nolan, Christopher Nolan

Erschienen: 2008


„I believe whatever doesn’t kill you, simply makes you … stranger.“ (Joker)

In keiner Filmszene hat man Batman je verzweifelter gesehen, als in diesem Verhörzimmer. Er schlägt den Joker, schreit ihn an, er foltert ihn, er droht ihm sogar, seine einzige Regel zu brechen, um herauszubekommen, wohin der Joker Harvey Dent und Rachel Dawes bringen ließ – aber es nützt nichts. „You have nothing, nothing to threaten me with!“, sagt der Joker belustigt. „Nothing to do with all your strength!“ Schließlich verrät der Gegenspieler Batman die Adressen, als Akt der Gnade. Es ist gerade noch rechtzeitig – jedenfalls für eine der Figuren.

Die Handlung von The Dark Knight ist ein perfides Spiel. Vielleicht das perfideste, das der Joker je gespielt hat. Denn es gibt keine Regeln, es gibt keinen Plan, der Joker hat so viele Steine ins Rollen gebracht, dass Batman gar nicht hinterherkommt, jedem einzelnen nachzujagen, ja sogar unter der Lawine unterzugehen droht. Das Problem daran ist, dass die Schuld auf Batman ruht. Er wird verantwortlich gemacht, dass der Joker Menschen tötet, dass es einen Joker überhaupt gibt. Der Schurke setzt sich selbst als Gegenstück zum Helden, sie bedingen sich gegenseitig: „I don’t, I don’t want to kill you!“, beteuert der Joker. „What would I do without you? Go back to ripping off mob dealers? No, no, NO! No. You… you… complete me.“ Später bekräftigt er das, indem er sich und Batman als Spielkameraden darstellt: „I won’t kill you because you’re just too much fun. I think you and I are destined to do this forever.“

Dennoch geht es bei diesem Spiel um mehr als bloß Spaß. Dem Joker will einen Kontrapunkt setzen, indem er das System aus Moral und Gesetz einerseits und Geld und Korruption andererseits in Frage stellt. „It’s not about money … its about sending a message.“ Der Joker verbrennt einen Berg voller Geld, er geht mit gutem Beispiel voran, er nimmt die Rolle eines Lehrers ein. Nicht von ungefähr stellt er sich – wie in einem Klassenzimmer – an den Kopf des Tisches bei der Gangster-Versammlung, nicht von ungefähr flieht er zwei Mal in einem Schulbus. Seine Lehre:

„You see, their morals, their code, it’s a bad joke. Dropped at the first sign of trouble. They’re only as good as the world allows them to be. I’ll show you. When the chips are down, these … these civilized people, they’ll eat each other. See, I’m not a monster. I’m just ahead of the curve.“

Der Joker ist seiner Zeit voraus, er ist die Kehrseite der Gesellschaft, die Fratze der Anarchie. In Bezug auf Harvey Dent, den er als Instrument des Wahnsinns missbraucht, macht er deutlich, wie einfach diese Seite in anderen hervorzubringen ist: „You see, madness, as you know, is like gravity. All it takes is a little push!“ Der Joker macht nur wenig, er lässt machen. Er nimmt sich die Schwachen, die Armen und die Verrückten vor, um sie zu Mördern oder Mittätern zu instrumentalisieren. Er vertauscht die Rollen von Opfern und Tätern, Polizisten und Schurken. Damit zeigt er Batman, wie leicht die Welt zugrunde gehen kann, die dieser sich zu retten bemüht.

Von daher ist es auch egal, wer der Joker wirklich ist und wie er zu dem geworden ist, der er ist. Es ist vielleicht eine der besten Ideen dieses Films, ihn zu einem Mysterium, einem unergründlichen Phänomen zu machen. Seine Geschichten über seine Narben sind ebenso beliebig wie wahrscheinlich erlogen. Er ist die perfekte Verkörperung des Nihilisten – ein buchstäblicher Niemand. Nur aus einer solchen Position heraus kann er so handeln, wie er es tut. Wer nichts hat – auch keine Identität – kann nichts verlieren. Und das macht ihn so angsteinflößend. Gegen so jemanden kommt niemand an, nicht mal der Outlaw Batman. Dieser kämpft, weil er sehr viel zu verlieren hat, weil er nicht noch mehr verlieren möchte. Er will, dass sein Kampf aufhört und er überflüssig wird, weil die Bewohner Gothams selbst Zivilcourage zeigen. Batman soll nur mit gutem Beispiel vorangehen. Der Joker korrumpiert das Vorhaben. Nicht als einfacher Gangster – sondern als unberechenbare Instanz.

Mit der Inszenierung des Joker geht Christopher Nolan zurück zu den Ursprüngen der Figur. Schon in der ersten Story von 1940 verbreitet der Joker vor allem Angst, indem er Morde ankündigt und sie dann auf eine Weise ausführt, mit der niemand gerechnet hat. Schon damals war der Joker seinen Verfolgern einen Schritt voraus. Sein immerwährendes, falsches Grinsen bildet die Häme ab, mit der er seine Gegner vorführt. Und Nolan profitiert von der Erkenntnis aus Grant Morrisons Arkham Asylum, dass der Joker nicht verrückt ist. Nein, Nolans Joker wirkt zwar irre – in Wirklichkeit hat er aber den größten Durchblick in dieser Geschichte.

Hans Zimmers Main Theme („Why so serious?“), eine verstörende Anti-Musik, die aus einer verzerrten und ins Unterträgliche gesteigerte Note besteht, ist für den Charakter ebenso wichtig wie Heath Ledgers Darstellung und die bewusst schlampige Maske, die auch ein Zerrbild aller früheren (Film-)Joker ist. Zusammen mit einer atemlosen Handlungsabfolge und reichlich bildgewaltiger Action im IMAX-Format hat Christopher Nolan seinem grandiosen Batman Begins noch einen draufgesetzt. Von da an konnte es leider nur noch bergab gehen …

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