80 Jahre Batman: Eine Bestandsaufnahme

Der Autor Timur Vermes hat Ende August bei Spiegel Online Batman zum 80-jährigen Jubiläum ein Armutszeugnis ausgestellt: „Batman ist 80 und hat ein Problem: In seinem Universum läuft ihm der Joker den Rang ab – denn der Dunkle Ritter schmort heute viel zu oft im eigenen Saft“, heißt es da. Batman – ein „Wegducker“, denn er er befasse sich „nicht mit der Welt, nur mit sich selbst.“ Vermes wünscht sich mehr Realismus, wie zu Zeiten von Neal Adams in den 70er Jahren. Batman soll heute lieber gegen Pharmahersteller, Terroristen und rassistische Präsidenten kämpfen. „Kurz: Batmans eigentliche Baustelle.“ Aber ist das wirklich so?

Als Belege führt Vermes einige aktuelle Bände wie Batman Metal, Der Weiße Ritter, Joker-Riddler-Krieg und Batman vs. Deathstroke an, aber auch die Storyline Niemandsland, die allerdings aus dem Jahren 1999 und 2000 stammt. Eine 20 Jahre Geschichte dient nicht gerade als Maßstab für den heutigen Batman, das allein macht Vermes‘ Analyse fragwürdig, aber auch die restliche Auswahl wirkt eher willkürlich und nicht beispielhaft für den aktuellen Batman.

Aber gehen wir es mal durch: Zugegeben, weder der Joker-Riddler-Krieg noch Batman vs. Deathstroke sind Meisterwerke. Und Metal ist tatsächlich so voraussetzungsreich, dass man selbst als Hardcore-Fan und Allesleser leicht den Überblick verliert. Das ist schon lange ein Problem dieser Mega-Events. Es geht um alles mit allem und jedem – und das ist meist zu viel.  Steht es für den alltäglichen Batman? Nein. Der kosmische Weltretter Batman war schon immer eine Ausnahme-Erscheinung. Es gibt immer noch die kurzen Geschichten, die man ohne viele Vorraussetzungen lesen kann.

Der Weiße Ritter findet bei Vermes Gnade, er nennt ihn (zusammen mit dem Joker-Riddler-Krieg) „recht unterhaltsam“, aber findet das Problem, dass der Joker die „stärkere Marke“ bilde. Das allein ist keine originelle Beobachtung, sondern ein Gemeinplatz: Der Held ist immer nur so gut wie sein Gegner. Der Schurke macht erst die Story. Auch Luke Skywalker und Harry Potter haben nur eine Daseinsberechtigung, weil sie gegen Darth Vader und Voldemort kämpfen.

Allerdings hinkt der Vergleich, denn Batman ist als düsterer Antiheld immer noch interessanter als diese blassen Abziehbilder von Helden. Der Joker bringt natürlich erst die Würze: Das war schon im Film mit Michael Keaton so und auch in The Dark Knight mit Christian Bale und Heath Ledger. Das ist keineswegs eine Fehlentwicklung. Was passiert, wenn man Batman so irre macht, wie seine Gegner, kann man an Frank Millers All-Star Batman and Robin, the Boy-Wonder sehen.

Bleibt also die Frage: Sollte Batman lieber gegen Schurken aus der echten Welt kämpfen? Allein die Frage zeugt schon von Unkenntnis und einem Fehlverständnis der Figur. Zum einen kämpfte Batman schon immer gegen Kriminelle – kleine wie große – und tut es immer noch. Gegen eine kriminellen US-Präsidenten wie Lex Luthor ging er zusammen mit Superman vor, als Donald Trump noch Demokrat war. Er setzt sich für die Armen und Schwachen, für Migranten und Flüchtlinge ein. Im Niemandsland (vor allem in der Vorgeschichte) ist Bruce Wayne sogar politisch tätig, damit Gotham nicht von der Außenwelt abgeschnitten wird. Aber auch in Storys der vergangenen Jahre ging es immer wieder um soziale Themen aus dem wahren Leben.

Batman: The Dark Knight

DC Comics

Um ein mutiges Beispiel zu nennen: In Voiceless/Angel of Darkness (Batman: The Dark Knight #26-27, 2014) wird eine Migrantengeschichte erzählt – und zwar ohne Worte. Bruce Wayne wird zum Philanthropen, um einer Familie ein besseres Leben zu ermöglichen. Ein Comic wie White Knight ist sogar sehr politisch, ohne dass es ein direkter Kommentar zu Trump sein muss – den haben dafür Frank Miller und Brian Azzarello in Dark Knight III gebracht.

Allerdings: Batmans Kerngeschäft besteht nicht im humanitären Einsatz oder darin, korrupte Politiker und kriminelle Unternehmer zu jagen. Er trägt ein Fledermauskostüm, um sich vor allem Gegnern zu stellen, die ihm ähneln und ihm gewachsen sind. Wir lesen Batman, damit er gegen Verrückte Kostümträger mit bestimmten Ticks wie Joker, Two-Face, Catwoman und Riddler kämpft, oder Freaks wie Clayface und Man-Bat. Dazu gehören auch Vertreter des organisierten Verbrechens wie Pinguin oder Black Mask.

In welcher Form auch immer: Batman bekämpft das Verbrechen – aber in der Regel in einer Form, wie es einer Figur seines Formats entspricht. Er ist kein Polizist, sondern ein Vigilant, ein Typ für die härtesten Fälle. Ein Freak für die Freaks. Batman funktioniert seit 80 Jahren in unzähligen Inkarnationen, weil seine Mission eine universelle ist: Gerechtigkeit. Am Ende ist es nicht wichtig, wie realistisch seine Gegner sind oder wie viel seiner Probleme mit der Nachrichtenlage zu tun haben. Batman ist nicht dafür zuständig, unsere wahre Welt zu retten, er kann nicht mal sein Gotham vom Verbrechen befreien. Er ist ein moderner Sisyphus, der lediglich versucht, es besser zu machen. Er steht für einen unermüdlichen Einsatz für das Gute – aber eben in seinem fiktiven Universum. Wer mehr Realität will, der sollte die Nachrichten lesen. Wer mehr Realismus fordert, sollte The Wire schauen.

Ist Batman auserzählt?

Trotzdem ist die Frage berechtigt, ob der heutige Batman etwas taugt. Dann aber sollte man ihn an der Qualität der Geschichten beurteilen: Unterhalten sie? Fesseln sie? Werden sie dem Charakter gerecht? Leider ist das Meiste – wie üblich bei dieser Masse – Durchschnitt. Meistens sehr hochwertig gezeichnet, aber selten inspiriert erzählt.

Batmans Hauptproblem ist das Zuviel. Und das zeigt sich in drei Aspekten. Erstens: In vielen Comics wird zu viel geredet. Die Panels ersticken in Sprechblasen. Die Autoren ergehen sich in langen Ausführungen und Dialogen. Es sind fast schon Essays über Batman. Dabei wäre weniger wie immer mehr. Batman ist ein wortkarger Charakter. Autoren wie Scott Snyder und Tom King lassen aber gerne lange schwadronieren und schreiben unendliche Dialoge schreiben. Man kann argumentieren, dass auch The Dark Knight Returns voller Text ist, aber da sitzt jeder Satz – und kein Wort ist zu viel.

Zweitens: Viele Geschichten wollen zu viel: Zu viele Charaktere, zu viele Wendungen, immer wieder geht es um das große Ganze, bei dem ganz Gotham von Schurken übernommen, eingeäschert oder von einer Plage heimgesucht wird. Dieser Katastrophen-Effekt hat sich seit den 90ern verbraucht.

Drittens: Zu viel Geschichte. Am schwersten leidet Batman unter der Last seiner Tradition. 80 Jahre Comics, Filme und TV sind eine ungeheure Menge. Die Autoren bemühen sich, einen Spagat zu schaffen, indem sie einerseits der Tradition gerecht werden, andererseits auch etwas Neues zu bieten. Das Ergebnis ist ein Dauer-Remix: Sie verarbeiten meist bekannte Elemente und liefern mit vielen Anspielungen Fan-Service, aber dadurch steckt Batman leider in einer Wiederholungsschleife fest.

Begonnen hat alles in den 80ern. In dieser Zeit, dem sogenannten Dark Age der Superhelden, wurden mit Watchmen eine Art Schlussstein gesetzt. Superhelden wurden als Anachronismen und moralisch zweifelhafte Machtgestalten dekonstruiert. Ähnlich und fast zeitgleich tat Frank Miller das Gleiche für Batman in The Dark Knight Returns. Diese vierteilige Mini-Serie bildet auch so etwas wie den Abgesang auf Batman. Bruce Wayne hat aufgegeben und steigt als alter Mann noch einmal ins Kostüm, um eine verkommene Welt vor Two-Face, Joker und dem abtrünnigen Superman zu bewahren.

Es hätte das Ende sein können, ein perfektes Ende. Aber es ging weiter. Denn Unendliche Erzählungen müssen immer weitergehen. Wenn für Superhelden etwas zu Ende geht, beginnt es wieder von vorn. Miller erzählte danach Batmans Entstehungsgeschichte. In Year One sehen wir, wie der Dark Knight bereits als junger Mann einen düsteren Todestrieb und Selbstzerstörungstendenzen in sich trägt. Es ist ein Neustart, in dem der Sturz in den seelischen Abgrund und das sisyphoshafte Scheitern bereits vorweggenommen wird.

Noch zwei weitere Comics der 80er setzen diese Dekonstruktionstendenz fort: Moores The Killing Joke und Grant Morrisons Arkham Asylum. Batman wird hinterfragt, ihm werden Grenzen aufgezeigt, er wird zum ohnmächtigen Spielball seiner Schurken, er wird sogar einer von ihnen – er ist auch nicht mehr als ein verkleideter Spinner.

Spätestens hier ist alles über Batman gesagt. Warum? Weil seitdem kaum etwas Neues über ihn gesagt worden ist. Vieles, was danach kam, steht in der Tradition dieser vier Comics. Es blieb düster, wurde zwischendrin wieder optimistischer, aber es stand alles im Schatten der Meilensteine und setzte diese Tendenz fort. Auch Christopher Nolans Batman-Filme stützen sich stark auf diese Geschichten, bedienen sich zudem noch bei den 90ern wie Knightfall.

In den 90er- und Nuller Jahren wurde alles nochmal erzählt, aber zeitgemäßer. Schon The Killing Joke war ein Remake der alten Red Hood-Story, dann erschienen noch The Long Halloween, Batman and the Monster Men und The Man Who Laughs als Klassiker im neuen Gewand.

Dann kam Grant Morrison. 2006 hat er die Batman-Serie übernommen und nicht nur mit Bruce Waynes Sohn Damian (Robin IV) angereichert, sondern auch ein sechs Jahre dauerndes Epos über Tod und Auferstehung, bzw. Verschwinden und Rückkehr von Batman geschrieben. Diese Hyper-Story bedient sich so sehr bei den Comics des Silver Age, dass DC dazu eine eigene Compilation herausbringen musste, The Black Casebook, damit Leser die Anspielungen verstanden.

Scott Snyder setzt diese Tendenz seit 2011 fort. Auch er erzählt Geschichten, die mit Verweisen auf die Geschichte durchsetzt sind. Seine Joker-Story Death of a Family ist nichts anderes als ein Remix der größten Joker-Storys, sein Zero Year ist – erklärtermaßen – ein helleres Year One, das sich auch beim Red Hood-Mythos bedient und Frank Miller zitiert.

Auch andere Autoren wie Tom King und James Tynion IV recyceln die Tradition mit Anspielungen und Neufassungen bekannter Geschichten. Tom King zitiert Knightfall und beim Wiedersehen zwischen Bane und Batman geht es nur darum, wer wem das Rückgrat bricht. Und auch sonst scheint er nicht viel mit ihm anzufangen zu wissen. Statt Handlung liefert er bloß seitenlange Dialoge und Monologe.

Sean Murphy hat mit White Knight eine Story geliefert, die nichts anderes als ein Best of vertrauter Motive aus Vorgängergeschichten ist. Keine Frage: eine der besten Batman-Geschichten der vergangenen Jahre, aber kann man noch von einem „selbstständigen“ Comic sprechen, wenn so viel davon auf Althergebrachtem beruht? Geht es überhaupt noch anders, oder ist das die Falle, in der Batman steckt und stecken muss?

Schließlich lautet die Frage: Ist Batman auserzählt? Nein, das ist er nicht. Kann nicht sein. Darf nicht sein. Batman ist als unendliche Geschichte angelegt. Man könnte genauso argumentieren, es wären grundsätzlich schon alle Geschichten erzählt – aber das ist kein Grund, trotzdem neue zu erzählen. Aber: Es wird immer schwieriger, die Leser zu überraschen und zu begeistern, alte Leser zufriedenzustellen und neue zu gewinnen, ohne sie zu überfordern. Das ist schwierig. Es stehen uns harte Zeiten bevor, Autoren wie Lesern.

Werbeanzeigen

Ein Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s