Das Problem mit Batman

Für jemanden, der mit dem Batman der späten 80er und 90er aufgewachsen ist, ist Batman ein Dunkler Ritter in einer düsteren Stadt. Ein kaputter Typ in kaputter Umwelt: Korruption, Armut, Finsternis, Schmutz. Egal ob bei Frank Miller, Tim Burton, in The Animated Series oder den Comics der 90er – Gotham ist ein Albtraum des Verbrechens, ein Ort des Horrors.

So stellt es Zane Whitener im Video seines YouTube-Kanals In Praise of Shadows dar und zeigt damit auf, was das Problem mit dem Batman der letzten 20 Jahre ist: Er wird diesem Gotham nicht mehr gerecht. Wer keine Lust hat, sich diese eine Stunde Video anzusehen oder der englischen Sprache nicht ganz mächtig ist, dem seien die wichtigsten fünf Kritikpunkte kurz erklärt:

  • Gotham ist zu hell: Der Gothic-Stil ist verloren gegangen, aber auch das Ausmaß des Elends in der Stadt. Seit der Jahrtausendwende ist Gotham zu optimistisch.
  • Batman darf nicht mehr Batman sein: nicht mehr der einsamer Grübler, nicht mehr Detektiv, nicht mehr er selbst – vor allem bei Tom King ist er kaum noch wiederzuerkennen. Vor allem ist er zu pessimistisch.
  • Die Batman-Familie ist zu groß – und wird immer größer, weil ständig neue Nebencharaktere hinzukommen. Batman verkommt zur Soap.
  • Das Potenzial der Schurken wird verschwendet. Die meisten klassischen Schurken spielen keine große Rolle mehr, bekommen kaum noch längere Geschichten, die sie interessant machen und ihnen Tiefe verleihen.
  • Der Joker dominiert alles: Er wird in Filmen und Comics zu oft verwendet. Dadurch stellt sich eine Joker-Müdigkeit ein.

Besonders hart geht der Autor des Videos mit Grant Morrison und Tom King ins Gericht, letzteres kann ich nur unterstützen. King untergrub ständig Erwartungen, aber das war reiner Selbstzweck – ein hohler Leerlauf. Lob gibt es hingegen für die Storys von Scott Snyder und Greg Capullo in The New 52, auch wenn die beiden den Joker ebenfalls zu oft verwendet haben und zum Schluss die Luft raus war.

Die meisten dieser Punkt stellen wirklich ein Problem dar. Es ist enttäuschend zu sehen, wie immer wieder Schurken auf Cameo-Auftritte reduziert werden oder nur kurze Storys bekommen. Meistens spielen Sie keine große Rolle mehr, sondern stehen bloß sinnlos in der Gegend rum. Es gibt viele berühmte Schurken, für die man kaum ein gutes Comic zu nennen weiß.

Doch es gibt Ausnahmen, auf die der Autor zu wenig eingeht. Man kann aber auch sagen: Das Wichtigste findet heutzutage nicht mehr in den regulären Traditionsserien Batman und Detective Comics statt, sondern eben außerhalb der Continuity. Die besten Batman-Comics der letzten zehn Jahre waren Batman: Earth One, Dark Night: A True Batman-Story, und White Knight. Alles Werke ohne den Ballast der großen Storylines.

Trotzdem muss man zur Verteidigung der Autoren sagen: Nach 80 Jahren Batman ist es verdammt schwer, noch etwas Neues zu erzählen. Alles ist schon dagewesen. Man kann nur noch versuchen, die einzelnen Bestandteile neu zu mischen. Besonders gelungen ist das Sean Murphy in White Knight. Das Werk ist traditionsbewusst, aber fühlt sich trotzdem frisch an.

Jeder gibt sein Bestes, seine Vision von Batman zu verwirklichen – und in 80 Jahren Tradition findet jeder den Batman für seinen Geschmack. Man darf nicht vergessen: Batman hat zwar seine Wurzeln als düsterer Einzelgänger, aber das war er nur im ersten Jahr. Von 1940 bis 1969 war er knallbunt, lächelnd, ständig in Begleitung von Robin, und Freund und Helfer der Polizei, seine Geschichten mitunter hanebüchen. Das stehen die ersten drei Jahrzehnte gegen die 35 Jahre seit Frank Miller. Selbst in den 70ern war nicht alles ernst zu nehmen. Es ist also durchaus berechtigt, dass wir ständig neue Versionen von Batman sehen. So ist auch für jeden Geschmack was dabei.

Aber vielleicht ist das gar nicht mal ein echtes „Problem“. Denn am Ende gilt wie immer Sturgeons Gesetz, benannt nach einer Aussage des Science-Fiction-Autors Theordore Sturgeon: „90 Prozent von allem ist Mist.“ Das gilt für alles, nicht nur für Batman. Wie kann bei dem riesigen Output an Comics und Filmmaterial auch alles gut sein? Seien wir ehrlich: Das Meiste ist bestenfalls Durchschnitt, vergessenswert. War es immer schon. Aber darauf kommt es nicht an. Was zählt, ist was in Erinnerung bleibt. Und das zu finden, darum geht es vor allem mir.

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