Grant Morrison

Cape aus Stahl

DC Comics

Titel: The Boy Who Stole Superman’s Cape

Autor/Zeichner: Grant Morrison/Ben Oliver

Erschienen: 2012 (Action Comics #0), Hardcover 2013 (Superman: A Celebration of 75 Years)


Superman am Anfang: Er lässt sich 200 T-Shirts mit S-Symbol bedrucken. Er fängt als Reporter beim Daily Star an. Er zockt mit Jimmy Olsen Games, aber weigert sich zu schießen, weil er Pazifist ist. Im wahren Leben lässt er auf sich schießen. Dabei verliert er sein Cape. Ein Junge klaut es ihm, hält sich damit für unverwundbar. Doch als sein Fuß einmal in einer Eisenbahnschiene stecken bleibt, muss Superman eingreifen. Dann bekommt er auch sein Cape zurück. Wofür steht das S? Superman, sagt Lois.

Eine nette kleine Kurzgeschichte. Sehr stimmungsvoll gezeichnet und koloriert. Kein großer Wurf, sondern leise Heldenverehrung nach dem Motto „jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“.

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Die JLA von Grant Morrison – ein Liebesbekenntnis

Heute möchte ich persönlich werden. Und auch ein bisschen sentimental. Deshalb ist dieser Text keine der üblichen Kritiken, sondern eine Hommage. Die JLA-Serie von Grant Morrison und Howard Porter, die sich von 1997 bis 2000 über 41 Ausgaben erstreckte, gehört für mich zu den prägendsten Lektüre-Erfahrungen meiner Jugend.

Ich entdeckte sie im Jahr 1998, kurz nachdem ich begonnen hatte, Superheldencomics zu lesen. Mein erstes Heft war Batman & Superman Adventures #1 (Dino-Verlag) gewesen. Darin gab es eine Geschichte über die Justice League. Ich war sofort fasziniert von der Idee, dass die größten Helden in einem Team kämpften. Auch rein optisch schien es perfekt: jede Farbe war vertreten. Ich kannte nur Superman und Batman, ich lernte Wonder Woman, Flash, Green Lantern, Aquaman und Martian Manhunter kennen. Doch leider wurde die im ersten Heft angerissene Geschichte vom Dino-Verlag nie fortgesetzt. (Teil 2 habe ich mir dann später als US-Heft besorgt.) Und überhaupt wurde die Serie nach nur acht Ausgaben eingestellt. Aber ich war angefixt. Ich wollte mehr. Und ich sah, dass die Batman & Superman Adventures nur was für Kinder waren. Ich aber war reif für etwas Erwachseneres.

So kam ich zur echten JLA. Ich weiß nicht mehr, was ich zuerst las. Vielleicht war es der JLA Sonderband 1. Mark Waid und Fabian Nicieza erzählen in der dreiteilige Miniserie A Midsummer’s Nightmare die Entstehungsgeschichte der neuen Justice League. Denn bis dahin bestand die JLA nur aus zweit- und drittklassigen Charakteren. Die neuen alten Helden wurden in der Story augenscheinlich ihrer Superkräfte beraubt und kennen nur noch ihre zivilen Identitäten, während normale Menschen Superkräfte entwickeln. Nach und nach erwachen die Helden aus der Illusion und entdecken ihre Kräfte wieder … Die Story steht am Anfang eines größeren Ganzen, das erst noch kommen sollte. Die Stimmung darin ist bedrückend, wie in einem Albtraum, aber einnehmend, besonders für einen neuen Leser wie mich, der diese Welt noch kaum kannte.

Mit JLA #1 ging die Grant Morrison-Saga los. Schon allein die detailreichen und realistischen Zeichnungen von Howard Porter hatten es mir angetan, dazu die knalligen, aufwendigen Farben, die sich so sehr von anderen Superheldenserien wie Superman und Batman unterschieden. In der ersten Geschichte wird alte JLA von B- und C-Helden von der A-Liga abgelöst, während sie zugleich Konkurrenz von außerirdischen Superwesen bekommt. Die Neuen scheinen die Welt ökologisch und sozial zu einem besseren Ort zu machen, sie gehen rigoros gegen Schurken vor – und schließlich auch gegen die alten Superhelden. Es ist Batman, der schlau genug ist herauszufinden, dass die Bösen weiße Marsianer sind und damit anfällig gegen Feuer. Und so besiegt Batman, der Mensch ohne Superkräfte, die Aliens fast im Alleingang. Eine tolle Story.

Spätestens dann war ich süchtig. JLA wurde nicht nur meine Lieblingsserie, jedes Heft wurde zu einem Ereignis. Ich sparte mir die 4,90 D-Mark pro Heft von meinem kleinen Taschengeld ab, kaufte es immer am Erscheinungstag im Comicladen und zelebrierte die Lektüre zu Hause wie eine Heilige Messe. Jedes Heft behandelte ich behutsam, verwahrte jedes in einer Plastikhülle, las es mindestens zweimal kurz hintereinander und wenn die Wartezeit bis zum nächsten Monat mir zu lang wurde, auch ein drittes Mal. 4,90 DM waren damals viel Geld für mich, aber da kein anderes Heft so viele Helden auf einmal bot, war das gut angelegtes Geld, obwohl die andere Hälfte des Heftes (Teen Titans) Mist war. Denn die JLA war immer für eine Überraschung gut. Man wusste nie, was einen erwartete, außer erstklassige Unterhaltung.

In JLA sah ich zum ersten Mal den blau-weißen Elektro-Superman und den Engel Zauriel. Ich fieberte mit, wie Schurken wie Key und Prometheus die JLA auf einmal ausknockten. Ich las mindestens ein Dutzend Mal in JLA Sonderband 4 die geheime Entstehungsgeschichte der JLA und ihre erste Begegnung mit dem unheimlichen Starro. Dann kam Der Stein der Weisen (Rock of Ages, JLA #10-15), eine Story, die ich sofort liebte. Da war einfach alles drin: Die größten Helden und die größten Schurken. Lex Luthor, Joker und viele andere, eine Story voller Twists und unbekannter Welten, ein postapokalyptisches Szenario, in dem der Oberschurke Darkseid die Welt unterjocht und zerstört, Superhelden tötet und eine Schreckensherrschaft ausübt. Wieder ist es Batman, der schlau genug ist, sich durchzuschlagen und – zusammen mit den verbliebenen Helden – das Böse zu besiegen. Lange blieb Der Stein der Weisen das Nonplusultra für mich.

Bis One Million. Das war eine noch viel epischere Odyssee zwischen fernster Zukunft und Gegenwart. Bis heute ist es für mich das Gelungenste und Einfallsreichste Crossover von DC. Und schließlich endete Grant Morrisons Über-Story mit World War III, dem Dritten Weltkrieg, was nicht nur eine Fortsetzung von Stein der Weisen war, sondern auch den Bogen zum ersten Sonderband zurückschlug. Es war nicht nur ein Fest, es war auch eine Belohnung für die treuesten und aufmerksamsten Leser der ersten Stunde, für die jetzt endlich alles (mehr oder weniger) einen übergeordneten Sinn ergab.

Der Dino-Verlag gab die letzte Story als Sonderband heraus, weil er JLA eingestellt hatte – wie bald darauf auch alle anderen Serien. Ich war mittlerweile auch zum Batman- und Superman-Sammler geworden, aber mit JLA konnte sich nichts messen. Und mit dem Ende der Serie (Sommer 2000) ging auch mein Interesse an Superheldencomics verloren. Ich wandte mich anderen Lektüren zu. An die Stelle der Comics traten für mich Superheldenfilme: X-Men, Spider-Man, Batman Begins etc.

Erst zehn Jahre später entdeckte ich das Medium wieder und begann auch wieder, Superhelden zu lesen. Als ich die alten JLA-Hefte von damals hervorkramte, las ich mich mit einer ähnlichen Begeisterung durch die Hefte. Natürlich war der Reiz des Neuen verflogen, dafür war es wie Nachhausekommen. Ich war überrascht, wie gut ich noch alles in Erinnerung hatte – und wie unterhaltsam die Geschichten immer noch waren. Und ich erkannte: Der größte Held für mich war nicht Superman oder Batman, sondern der geniale Grant Morrison gewesen, mit seinem schier unermesslichen Erfindungsreichtum, allerdings fand ich den Zeichner Howard Porter nicht mehr ganz so genial wie früher – nach ihm gab es deutlich versiertere Künstler.

Und trotzdem: Die Hefte der JLA bleiben für mich das Ideal der Superhelden-Team-Comics. Es würde mich freuen, einmal diesen Geist auf der großen Leinwand zu sehen.

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Die Justice League und der Seestern

DC Comics

Titel: Starro the Conqueror (Justice League of America)

Autor/Zeichner: Gardner Fox/Mike Sekowsky

Erschienen: 1960 (The Brave and the Bold #28), Paperback 2016 (Justice League of America: The Silver Age Vol. 1)


Die Geschichte der Justice League (of America) beginnt nicht mit einem Teambuilding, sondern mit einem Riesenseestern namens Starro. Der kommt aus dem All hinab auf die Erde, rekrutiert drei kleine Seesterne, päppelt sie zu Riesen auf und will mit ihnen die Welt erobern. Aquaman, der Seesternexperte, alarmiert sein Team: Wonder Woman, Flash, Green Lantern und J’onn J’onzz – nur Superman und Batman haben gerade Besseres zu tun. (Superman zerkleinert immerhin Meteoriten im All, aber Batman jagt nur Ganoven im Gotham. Erst am Ende tauchen sie wieder kurz im Bild auf.)

Während Green Lantern dabei zusieht, wie ein Aushilfsseestern eine Atombombe zündet und sich an der Energie gütlich tut, müssen Wonder Woman und der Marsianer die besten Wissenschaftler des Landes vor dem Brain Drain durch einen anderen Seestern retten. Und dann gibt es noch Flash. Der gibt sich mit einem ziemlich unsympathischen Jungen namens Snapper ab, der die nervige Angewohnheit hat, nicht nur Stuss zu reden, sondern auch ständig mit den Fingern zu schnippen. Snapper sieht, wie seine Familie zu gedankenkontrollierten Zombies werden, während er selbst – weil offenbar zu dämlich, um von Nutzen zu sein – verschont bleibt. Flash kann auch den dritten Stern besiegen, indem er das tut, was er immer tut, nämlich rennen. So entstehen Wirbelwinde etc.

Am Ende bewirft die Justice League den bösen Oberseestern mit Kalk und die Sache ist erledigt. Snapper sei dank, der unfreiwillig den entscheidenden Impuls dazu gibt. Dafür gibt es eine Ehrenmitgliedschaft in der Liga, samt Medaille. (Okay, Junge, du hattest deine 15 Minuten Ruhm. Und jetzt bitte: lass das dumme Grinsen, verzieh dich – und hör mit dem verdammten Schnippen auf!)

Die Story von Starro wurde 1998 (in JLA: Secret Files and Origins #1) von Grant Morrison und Howard Porter neu erzählt. Der Riesenseestern (der jetzt grün ist statt grau) besetzt ein Gebäude in Blue Valley und lässt viele kleine einäugige Sterne auf die Gesichter von Menschen fliegen (Facehugger, eine freundliche Leihgabe der Alien-Filme) und sie zu Zombies werden, darunter auch Flash. Die Justice League will eingreifen, da taucht The Spectre auf und verbietet es, weil sie sonst ebenso zu Zombies und damit mächtigen Verbündeten des Eroberers werden, um die Menschheit zu versklaven. Die JLA lässt sich also die Kräfte nehmen, um keine Gefahr mehr darzustellen, wird vom bösen Flash ausgeknockt. In der Zwischenzeit dringt Batman in die Zentrale ein und besiegt Flash, indem er die Klimaanlage sabotiert. Denn Kälte verträgt der Seestern nicht so gut (fragt sich nur, wie er es durchs Weltall geschafft hat). Flash wird den Parasiten los, zerstört alles und die JLA kriegt ihre Kräfte zurück.

Doch das war nur die Vorhut. In JLA #22-23 (1998) kommt Starro als der eigentliche Eroberer zur Erde. Diesmal im Traum. Die ganze Menschenheit (bis auf die Einwohner Blue Valleys) ist plötzlich in Tiefschlaf versetzt und gefangen in einer Traumwelt, in der Starro herrscht und es weder Superhelden noch Erinnerungen an sie gibt. Nur ein kleiner Junge erinnert sich noch an sie und leistet Widerstand. Wieder wird die JLA von einem Metawesen aufgesucht, diesmal dem Sandman, und indem sie sich von ihm in die Traumwelt versetzen lässt, verlieren die Helden wieder ihre Kräfte. Bei der Suche nach dem Hoffnungsträger müssen sie sich beeilen, denn nach und nach bekommen alle Seesternfratzen angeheftet und parallel dazu kommen weitere Riesenseesterne zur Erde …

Die Neuauflage des alten Motivs macht aus dem albernen und beliebigen Schurken einen ernstzunehmenden Gegner. Die drei Hefte gehören nicht nur zu den unheimlichsten JLA-Storys, sondern sind auch grafisch beeindruckend von Howard Porter umgesetzt, sodass eine beklemmende postapokalyptische Atmosphäre entsteht. Dieses starre rote Auge auf den Gesichtern der Menschen hat exquisite Horrorqualitäten.

Hinweis: Die neueren JLA-Storys sind in JLA Sonderband 4 und JLA 22-23 (Dino Verlag) auf deutsch erschienen. Starro hatte auch einen Auftritt in der Zeichentrickserie Batman Beyond.

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Grant Morrison kehrt nach Arkham zurück – und nach Themyscira

Batman #666 (DC Comics)

Autor Grant Morrison wird seine Batman-Story Arkham Asylum: A Serious House on Serious Earth fortsetzen. Wie der Autor auf der San Diego Comic-Con angekündigt hat, soll der zweite Teil in der Zukunft spielen, die er einst in Batman #666 (2007, erschienen in Batman and Son) für Damian Wayne entworfen hat. Gezeichnet wird der 120 Seiten-Band von Chris Burnham, der bereits an Batman Incorporated (2010-2013) mit Morrison zusammengearbeitet hat. Ein Erscheinungstermin steht noch nicht fest. Arkham Asylum, 1989 erschienen, ist eines der ungewöhnlichsten und anspruchsvollsten Batman-Comics. Es ist weniger eine Story, als eine kritische Analyse von Batman, verstörend illustriert von Dave McKean.

Außerdem hat Morrison sein nächstes Werk vorgestellt: Den zweiten Teil von Wonder Woman: Earth One, das als Trilogie geplant ist.

Robin, Redbird, Dead Bird

Titel: Batman Incorporated – Demon Star/Gotham’s Most Wanted

Autor/Zeichner: Grant Morrison/Chris Burnham

Erschienen: 2012-2013 (Batman Incorporated #0-13, Special #1), Paperbacks 2013; dt. Panini 2015 (Paperback)


„Gotham. Or Damian. Whichever you choose, the other dies.“ (Talia)

Talia al Ghul will Rache. Dafür dass sie ihren Sohn Damian an Batman verloren hat, hat sie ein Kopfgeld auf Robin ausgesetzt. Eine Schar von Auftragskillern fällt über Gotham her. Batman schart seine erweiterte Familie um sich, die Jungs und Mädels des weltweiten Superheldennetzwerks Batman Incorporated. Aber damit nicht genug: mit ihrer Geheimorganisation Leviathan hat Talia auch Gothams Gesellschaft infiltriert, um die Stadt zu zerstören; Kinder werden zu Zombies. Batman muss sich entscheiden, ob er die Stadt oder seinen Sohn retten will.

SPOILER: Am Ende muss Damian dran glauben. Getötet wird er im Kampf mit dem Schurken Leviathan, einem Handlanger von Talia, der auch noch ein aufgemotzter Damian-Klon ist.

Mit den letzten zwei Bänden von Batman Incorporated beendet Grant Morrison sein Batman-Epos, das er 2006 mit Batman and Son begonnen hat. Für Einsteiger gibt es am Anfang eine Zusammenfassung der bisherigen Ereignisse. Bemerkenswert ist, dass Batman Inc. dort weitermacht, wo es vor dem Reboot von The New 52 (2011) aufgehört hat. Im Laufe der Story wird klar, dass offenbar die Ereignisse in Morrisons Epos (Batman RIP etc.) seit 2006 auch in der neuen Continuity stattgefunden haben.

Dass alles auf Damians Tod hinausläuft, ist nur konsequent: Morrison vernichtet die Figur, die er geschaffen hat. Der Tod verläuft hochdramatisch: dem Kleinen wird so ziemlich jede erdenkliche Wunde zugefügt bevor er stirbt. Inszeniert wird die Szene mit einigen Anleihen in der Comicgeschichte. Und Batman plagen wieder Schuldgefühle – denn er hat seit Jason Todd (A Death in the Family) nichts dazugelernt. Talia ist zwar auch betroffen (warum hat sie es dann zugelassen?), aber zieht ihren Plan weiter durch: sie lässt den Wayne-Tower hochgehen und hetzt die Stadt gegen Batman auf, der mutiert dank Man-Bat-Serum zur Fledermaus und besiegt Leviathan im Kampf. Erledigt wird er jedoch von Talias Schwert. Die Frau hat eindeutig ein Problem, ihr Temperament zu zügeln. Und das war schon immer das Problem mit der Figur: sie ist zu wankelmütig und unberechenbar. Wohl der alten Zeiten wegen küsst Batman sie bevor er sie im Schwertduell bekämpft. Überzeugend ist derlei Zärtlichkeit längst nicht mehr.

Aber was sollte eigentlich dieser Riesen-Aufriss mit Batman Inc.? Welchen Zweck erfüllen die vielen internationalen Batmen, die zuvor so ausführlich eingeführt wurden? Kurz: gar keinen. In dem großen Epos sind sie mehr oder weniger bloß schmückendes Beiwerk. Das enttäuscht. Wohl deshalb gibt es als Zugabe am Ende des zweiten Bandes noch ein paar Anekdoten von den anderen Batmen (z.B. aus Japan). Ein überflüssiger Anhang, der niemanden zu interessieren braucht.

Apropos überflüssig: Wir erfahren auch, wie Talia zur Welt kam und ausgebildet wurde, und wir bekommen wieder eine Vorschau in Damians Zukunft als Batman (wie in Batman and Son), der gegen die Folgen einer Joker-Epidemie kämpft. Damian benennt sich zwischenzeitlich von Robin zu Redbird um und baut sich mit Hund, Katze und Kuh einen Streichelzoo auf. Gipfel der Dämlichkeit ist, wenn die „Bat-Cow“ tatsächlich einmal im Cape auf der Straße steht und damit Verbrecher ausschaltet. Aber es gibt auch ein Wiedersehen mit Matches Malone – die Story hat also durchaus ihre Momente. Nachhaltig im Gedächtnis wird sie aber nicht bleiben.

Batman-Splitter #8: Joker

Joker von Alex Ross

Joker von Alex Ross (DC Comics)

Je besser der Schurke, desto besser der Film, sagte einst Alfred Hitchcock. Das gilt auch für Comics. Man kann sogar so weit gehen zu sagen: Noch besser, wenn der Schurke der Held ist. Deshalb funktioniert Batman so gut, weil er als eine Art Anti-Held irgendwo dazwischen steht. Aber Batman wäre nur halb so gut ohne seinen Erzfeind: den Joker. Und wenn der gut dargestellt wird, stiehlt er Batman sogar die Show. So am besten vorgeführt im Film The Dark Knight (2008). Ganz im Gegenteil zu Suicide Squad (2016), wo man mit Jared Leto einen Charakterdarsteller verpflichtet hat, aber sein Marilyn-Manson-Gangster-Joker im allgemeinen Radau des Stumpfsinns untergeht. Ein Film voller Schurken ist eben nicht genug. Und einen so missratenen Film kann selbst der Joker nicht retten.

Was die Geschichten von Batman ausmacht, ist nicht der Held, sondern seine Gegner. Die Verrückten, die Psychopathen, Serienmörder. Die meisten davon sind Insassen des Arkham Asylum, der Heilanstalt, aus der niemand geheilt hervorgeht, sondern aus der man immer nur fliehen kann. Das Superheldenkonzept verlangt, dass das so bleibt, sonst hätte Batman ja nichts zu tun. Zwar gibt es noch die Typen aus dem Blackgate Gefängnis, die ganz normalen Mörder, Schläger, Räuber und Vergewaltiger, aber wer Batman liest oder schaut, interessiert sich nicht für normale Verbrechen von normalen Verbrechern, sondern immer für das Abseitige, Perverse, besonders Grausame. Batman steht für eine Freakshow, wie sie früher am Rande von Zirkussen zu sehen war: eine Parade von Außenseitern, Entstellten und Verkrüppelten. Der Held selbst ist der Strongman, den man gegen Halbgesichtige, Krokodilmenschen, Pinguinmenschen, Schlamm-Menschen und andere Irre mit ihren Spleens (Rätsel, Pflanzen, Eis, Feuer) antreten lässt.

Joker in Streets of Gotham (Dustin Nguyen)

Joker in Streets of Gotham (Dustin Nguyen, DC Comics)

Der Joker ist die Personifikation dieses Konzepts. Im Batman-Zirkus ist er der Anti-Clown. Der Joker ist alles andere als komisch. Sein Lachen ist falsch, eingefroren, zynisch. Sein Gesicht ist ein Zerrbild. Der Joker trägt klassischerweise keine Maske, keine Schminke. Seine Haut ist durch einen Unfall gebleicht. Später, in Heath Ledgers Interpretation im Film The Dark Knight und Brian Azzarellos Comic Joker, trägt er ein Glasgow-Smile, also vernarbte Wangen von aufgeschlitzten Mundwinkeln. Doch hier wie da gehört das falsche Lachen zum festen Bestandteil des Joker-Gesichts, während Batman seine Maske abnehmen kann. Jokers Vorbild ist die Hauptfigur des Grusel-Stummfilms The Man Who Laughs (1928), doch zugleich ist er ein Hofnarr, der oft die unliebsame Wahrheit spricht. Das mit tödlichen Chemikalien herbeigeführte Lächeln, das er seinen Opfern verleiht, ist zum einen ein Spiegelbild seines Egos, andererseits Signatur eines Mörders, der ein Künstler sein will.

Teil des Gründungsmythos

Der Joker ist einer der ältesten Batman-Schurken. Erstmals erschienen ist er in der ersten Ausgabe der Serie Batman im Jahr 1940 (der Titelheld hatte seinen ersten Auftritt in Detective Comics 27, 1939). In diesem Heft gibt es gleich zwei Abenteuer mit dem Joker. Interessant ist bereits, wie Protagonist und Antagonist eingeführt werden. Auf den ersten zwei Seiten bekommt Batman eine ausführliche Entstehungsgeschichte, vom Mord der Eltern bis zum berühmten Entschluss „I shall become a bat“. Die Seiten sind auf den ersten Blick ähnlich aufgebaut wie die beiden nachfolgenden, die den Joker einführen: Sie beginnen mit einem großen, fast die ganze Seite füllenden Panel, das den Helden, bzw. den Schurken zeigen. Doch während Batmans Porträt im Dreiviertelprofil zu sehen ist, wendet uns Joker den Rücken zu und dreht sich grinsend zu uns um. Wie bei Batman erscheint auch seine Kleidung überwiegend schwarz, nur zum Teil ist das Violett seines Sakkos zu sehen, seine Haare sind – wie Batmans Maske – fast schwarz, nur mit einzelnen grünen Sprenkeln durchsetzt.

Joker in Batman #1 (1940) (DC Comics)

Joker in Batman #1 (1940) (DC Comics)

In der Hand hält er drei Karten: Batman, Robin und in der Mitte ein Joker. (Man könnte es fast als böses Omen für Jason Todd lesen, den zweiten Robin, den der Joker 1989 zu Tode schlägt.) Über dem Bild schwebt ein Batman-Logo, erstmals mit dem Hinweis „with Robin – The Boy Wonder“ versehen, der Wunderknabe hatte erst in der zuvor erschienenen Ausgabe von Detective Comics 38 seinen ersten Auftritt gehabt. Damit ist das klassische Dreigespann mit dieser Geschichte festgelegt. Der Joker wird meistens ein „Fall für zwei“ sein – und zugleich auch eine Gefahr für die Zweisamkeit. Und es ist auch prägend, dass der Joker Batmans Entstehungsgeschichte fortsetzt – er gehört fest zu Batmans (Gründungs-)Mythos dazu.

Conrad Veidt in The Man Who Laughs

Conrad Veidt in The Man Who Laughs

Die Story geht gleich zur Sache: Im Radio kündigt der Joker den Mord an einem Millionär und einen Diamantenraub an. Das allein ist schon ungewöhnlich. Ein normaler Schurke würde drohen, erpressen, stehlen oder rauben. Doch dieser verrät, was passieren wird – jedoch ohne, dass die Polizei das verhindern könnte. Es ist reiner Terror. Auf der darauffolgenden Seite wird klar, wie pervers er die Sache durchzieht: Er bringt sein Opfer zunächst zum Lachen, bevor es mit einem Grinsen zu Tode erstarrt. Wie man erst am Ende erfährt, bringt das der Joker mit einer Droge zustande. Der Joker selbst erscheint zunächst in typischer Superschurkenpose, in einem dunklen Raum auf einem großen Stuhl am Schreibtisch sitzend, erst nachdenklich, dann mit breitem Grinsen. „A man smiles a smile without mirth … rather a smile of death! The awesome, ghastly grin of .. the Joker!!“

Jokers erster Auftritt 1940

Jokers erster Auftritt 1940

Auch wenn er es zunächst auf Juwelen absieht: Der Schurke ist kein einfacher Gangster. Im Gegenteil: Er macht sich auch die Unterwelt zum Feind. Batman und der Polizei ist er immer um einen Schritt voraus. Drei Morde begeht er auf diese hinterhältige Weise, einmal sogar, indem er sich als Polizist verkleidet. Am Ende, nachdem Batman ihn eingebuchtet hat, kündigt der Joker seinen Ausbruch an: „The Joker will yet have the last laugh!“ Gesagt, getan. Und selbst in der zweiten Geschichte hält sich das Grinsen in seinem Gesicht – auch wenn er am Ende, mit dem eigenen Messer in der Brust, am Boden liegt. Aber der Joker stirbt nicht. Noch nicht.

Einer muss sterben

The Dark Knight Returns: Batman & Joker (DC Comics)

The Dark Knight Returns: Batman & Joker (DC Comics)

„Wir werden einander töten, nicht wahr?“, fragt Batman Joker in The Killing Joke (1988). „Ich töte dich oder du tötest mich. Bald vielleicht. Oder auch später … Ich verstehe nicht, warum unsere Beziehung mit dem Tod enden muss, aber ich will dein Blut nicht an meinen Händen …“ Alan Moore schreibt diese Sätze nach The Dark Knight Returns (1986), Frank Millers Schwanengesang auf den Dunklen Ritter, in dem Batmans Prophezeihung bereits eingetroffen ist, wenn auch anders als erwartet. In der Geschichte wird deutlich, dass die beiden Figuren einander bedingen. Es ist eine fast schon homoerotische Beziehung. Erst nach Batmans Rückkehr, löst sich der Joker aus seiner katatonischen Starre und wird wieder zum Massenmörder. Einfach so, aus Spaß an der Sache. Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel. Beim Endkampf bringt Batman nicht den Mut auf, den Joker zu töten. Also dreht der Schurke sich selbst den Hals um – und lässt den Helden als Mörder dastehen.

Joker in Mad Love

Joker in Mad Love

In Mad Love (1994) ist es anders: Darin ist der Joker von der Idee besessen, Batman zu töten. Aber nicht irgendwie. Der Plan dazu darf nichts Geringeres als ein Meisterwerk sein. Joker – der eitle Künstler. Diese Egomanie wird ihm schließlich zum Verhängnis. Er scheitert, natürlich, das muss er, denn sonst hätte er keinen Spielkameraden mehr – und wo wäre dann der Spaß? In The Clown at Midnight (2007) sagt der Joker es so: „You can’t kill me without becoming like me. I can’t kill you without losing the only human being who can keep up with me. Isn’t it ironic?!“

Das Gegenteil von Batman?

Es wäre trivial zu sagen, dass der Joker so gut als Erzfeind Batmans funktioniert, weil er das Gegenteil des Helden repräsentiert: Bunt statt düster, lachend statt grimmig, ein Anarchist und Nihilist statt Gesetzeshüter. Im Grunde nämlich ist das ein Merkmal aller von Batmans Hauptschurken: Two Face ist der von der von der rechten Bahn abgekommene Staatsanwalt, der nun zwischen Licht und Schatten steht, Scarecrow missbraucht seine furchteinflößende Macht, Bane ist ein Zerrbild des Strategen und Athleten, Ra’s al Ghul ist der Vigilant, der über die Menschheit richten will, der Riddler ist als Rätselsteller das Gegenteil des Detektivs und die mutierte Mensch-Fledermaus Man-Bat spricht für sich … usw. Jeder dieser Bösewichter ist entweder von denselben Idealen getrieben oder getrieben gewesen wie Batman oder bedient sich ähnlicher Mittel, jedoch zu anderen Zwecken. Jeder hat eine Macke, eine Masche, ein Symbol, ein Kostüm.

Joker: The Killing Joke

Joker: The Killing Joke

Der Joker stellt das prototypisch dar. Sein Reiz liegt in der Anarchie. Insofern befremdet es, dass The Killing Joke als eines der besten Batman-Comics angesehen wird. Denn eigentlich zerstört es den Mythos des Jokers, indem es ihn mit einer anrührenden Entstehungsgeschichte erklärt: Ein arbeitsloser Chemielaborant, der sich erfolglos als Komiker versucht und aus Verzweiflung bei einem Diebstahl aushilft, um an Geld zu kommen, dabei aber durch einen Unfall in ein verseuchtes Gewässer fällt, daraufhin entstellt und verrückt wird. Immerhin bleibt die Figur anonym. Der Joker hat kein Alter Ego, das er verbirgt. Er ist, was er ist: ein Niemand, ein Nichts.

Heath Ledger als Joker

Heath Ledger als Joker

Den eigentlichen Kern dieser Figur haben Regisseur Christopher Nolan und Darsteller Heath Ledger in The Dark Knight getroffen. Dort kommt dieser Antagonist aus dem Nichts, er hat keine Identität, keine Vorgeschichte, ja er verweigert sich jeglicher kausalen Erklärung. Geld interessiert ihn nicht, er verbrennt seinen Dollarberg. Interessanterweise grenzt Bruce Waynes Butler Alfred diesen Joker von seinen früheren Inkarnationen ab, indem er die Geschichte eines Juwelendiebs erzählt, der letztendlich seine Beute wegwirft: „Manche wollen die Welt bloß brennen sehen.“ Nolans Joker stiftet Chaos und Anarchie und er tut es aus reinem Selbstzweck. Er ist nicht greifbar, ist nicht zu fassen, Polizei und Superheld immer mehrere Schritte voraus – und das ist es, was Batman zur Verzweiflung treibt. Gegen so einen Schurken kommt man nicht an, denn es gibt kein Motiv, kein Interesse, keine Schwäche, an der er zu erwischen wäre. Man kann ihn zu Brei schlagen, foltern, töten – es nützt nichts. Man kann ihn nur töten – aber dann siegt der Joker, weil Batman seine Ideale verraten würde. Darin besteht der eigentliche Schrecken dieser Figur.

Brian Azzarello führt das auch in seinem Band vor, den er einfach nur Joker (2008) genannt hat. Wie bei Nolan trägt der Schurke das Glasgow-Smile aus The Dark Knight, ansonsten ist er brutaler denn je: Er metzelt sich durch Gotham, rächt sich an seinen Feinden, selbst der Unterwelt geht er zu weit. „Für ihn ist der Tod die Pointe“, sagt Two-Face einmal. Der Joker, so die Pointe des Erzählers, ist eine Krankheit, gegen die es keine Heilung gibt – nur einen Batman. Und dessen Sisyphusaufgabe besteht darin, ihn immer wieder aufzuhalten, einzusperren und darauf zu warten, bis er wieder ausbricht.

Nicht verrückt, sondern entschieden böse

Joker in Arkham Asylum (Dave McKean)

Joker in Arkham Asylum (Dave McKean)

Auch wenn er ständig ins Irrenhaus zurückkehrt, ist der Joker kein Verrückter. Allein die Tatsache, dass er mehr Zeit außerhalb verbringt, zeigt, dass er nicht dort hin gehört. Zu dieser Erkenntnis kommt bereits Grant Morrison in seinem Buch Arkham Asylum (1989). Dort nennt ihn eine Ärztin „beyond treatment“: „In fact, we’re not even sure if he can be properly defined as insane. (…) It’s quite possible we may actually be looking at some kind of super-sanity here.“ Sein Geisteszustand entspreche eher einer neuen Wahrnehmungsfähigkeit, die mehr dem städtischen Leben im 20. Jahrhundert angepasst sei. Er scheine keine Kontrolle über seine Sinneseindrücke zu haben; er könne mit diesem chaotischen Einfluss nur umgehen, indem er sich davon treiben lasse. Der Joker habe keine Persönlichkeit, sondern erschaffe sie jeden Tag aufs Neue. In The Clown at Midnight sagt Batman: „he changes every few years. (…) He hast no real personality, remember, only a series of ’superpersonas.“

Joker in Batman RIP

Joker in Batman RIP

Was aber treibt den Joker an? Es ist – so trivial es klingt – das Böse schlechthin. Der Joker ist seine Verkörperung. Er ist ein Nihilist in einem unphilosophischen und ideologiefreien Sinn. Er begeht die Verbrechen um ihrer selbst Willen, weil’s Spaß macht. Der einzige, den der Joker amüsiert und zum Lachen bringt, ist er selbst. Der Reiz der Figur liegt auch in seiner ausgelebten Freiheit, dass sie die Dinge einfach tut. Ohne Bedenken oder Reue. Der Joker ist ebenso souverän und konsequent. Er handelt nicht irrational. Was er tut, tut er bei vollem Bewusstsein und aus Überlegung, seine Pläne sind wohl kalkuliert, obwohl sie im Wesentlichen darin bestehen, zu töten und Chaos zu stiften. Eine Spielernatur, die sich an ihrem Antagonisten abarbeitet – um ihn zum Lachen zu bringen. Aber daran scheitert er, weil Batman in der Regel humorbefreit ist und am wenigsten über die Taten des Jokers lachen kann. (Siehe Batman Beyond: Return of the Joker und Lovers and Madmen.)

Batman Beyond: Joker

Batman Beyond: Return of the Joker

Zwei Seiten einer Medaille

Das zeigt sich auch an Jokers jüngsten Inkarnation. Scott Snyder hat den Charakter im Jahr 2012 für seine Story Death of the Family weiterentwickelt. Der Joker ist nicht das Gegenteil von Batman, er ist Teil von ihm. Zwei Seiten einer Medaille. Snyder greift Morrisons Gedanken auf, dass Batman kein Held ist, der sich von seinen Feinden abhebt, sondern ebenso zu der Freak-Show von Arkham gehört, quasi als König im Hofstaat der Irren. Der Joker inszeniert diese Konstellation, um Batman zu zeigen, wer seine wahre Familie ist. Die Fledermaus ist ein Gleichgesinnter, im Grunde ein potenzieller Joker. Daher wird der Held auch in ein Chemikalien-Bad geworfen, das ihn in seinen Erzfeind verwandeln soll. Harley Quinn, die Handlangerin des Joker, hofft sogar, dass Batman einst ihren veränderten Geliebten ersetzen könnte.

Joker von Greg Capullo

Joker von Greg Capullo

Denn der Joker ist entstellter denn je, nachdem er sich sein Gesicht hat abschneiden lassen, er es sich nach einem Jahr zurückgeholt und sich notdürftig wieder angeheftet hat. Sein Gesicht wird nicht nur zu einer faulenden Fratze, es wird auch zur Maske, die er trägt wie Batman die seine. Für den Joker spielt keine Rolle, was sich darunter verbirgt. Die Masken sind es, die für das Rollenspiel der beiden entscheidend sind. Darunter sehen beide gleich aus, sind Menschen aus Fleisch und Blut. Doch dafür interessiert sich der Joker nicht. Er will Batman auf seine Seite ziehen, daher betont er deren Gemeinsamkeiten, daher wird bei ihm das Gesicht zur Maske und damit zum wahren Gesicht – wie bei Batman. Der Joker will Batman nicht mehr töten, sondern sich mit ihm verbünden. Er will das Spiel nicht beenden, sondern immer weiter, in neue Höhen treiben. Als das nicht gelingt, schlägt er in Endgame mit voller Wucht zurück: er will Batman demütigen und vernichten. Für den Dunklen Ritter geht es mal wieder an die Substanz seiner Existenz.

Batman 37 (DC Comics)

Batman #37 (DC Comics)

Wie kann man diese Figur noch verändern, wie kann man sie noch steigern, wenn sie ziemlich alle Grenzen überschritten hat? DCs neuester Versuch ist, den Joker aufzuspalten. Zuerst wurde angekündigt, Jokers wahre Identität zu enthüllen. Dann wurde Batman jüngst offenbart: der Joker hat drei Namen. Heißt das, dass der Joker nicht eine Person ist, sondern drei? Oder hat er sich bloß drei Persönlichkeiten zugelegt? Oder ist damit gemeint, dass es wegen der zwei großen Reboots des DC-Universums drei verschiedenen Versionen auf Parallelwelten gibt: Golden Age/Pre-Crisis, Post-Crisis und Post-The New 52?

Die Spekulation ist in Gang gesetzt, ebenso wie die Diskussion, ob DC damit nicht ein wichtiges Prinzip bricht, indem sie den Niemand (der bisher in manchmal auch „Jack“ genannt wurde) entmystifiziert. Egal wie das Rätsel gelöst wird: Der Joker wird sich stets eindeutigen Zuschreibungen entziehen. Und genau darin besteht der Reiz. Die Figur ist nicht greifbar – wie das wahre Böse selbst.

P.S.: In diesem Video wird der Joker als Projektionsfläche gesellschaftlicher Ängste dargestellt – ein interessanter Rückblick auf die Comic-Geschichte.

Batman macht Filialen auf

DC Comics

DC Comics

Titel: Batman Incorporated

Autor/Zeichner: Grant Morrison/Chris Burnham, Michel Lacombe, Scott Clark, Cameron Stewart, Dave Beaty

Erschienen: 2010-2012 (Batman Inc. #1-8, Batman Inc. Leviathan Strikes!), Paperback 2012, dt. Panini 2013 (Paperback)


„Batman is everywhere.“ (Bruce Wayne)

Eigentlich ist Batman ein einsamer Kämpfer. Und eigentlich ist er es auch überhaupt nicht. Sehr früh schon wurde er mit Robin zum Teamplayer, bald darauf kam Alfred hinzu, in den 50ern wurde die Bat-Familie erweitert um Batwoman, Batgirl, Bat-Hound und Bat-Mite, später Nightwing, weitere Batgirls, Red Hood, Huntress, Spoiler, Red Robin und andere. Nach Batmans Verschwinden (bzw. „Tod“ in Final Crisis) wurde der Kreis der Familie sogar um einige Reservisten erweitert. Batman ist schon lange kein einsamer Wolf.

Da ist es nur folgerichtig, wenn der Kontrollfreak Batman (nach seiner Rückkehr) sein Netzwerk auf die ganze Welt ausdehnt: Batman Incorporated. Wie Bruce Wayne es bereits als Geschäftsmann längst ist, wird auch Batman zu einem Global Player. Wayne tritt nun öffentlich als Sponsor von Batmans Franchise-Unternehmen auf und lässt Batman-Roboter bauen, während Batman in der Welt herumzieht und Filialen aufmacht: in Japan, Argentinien, Afrika, Australien und sogar in einem Indianer-Reservat. Lokale Helden werden zu Batmen oder wenigstens zu seinen Gefolgsleuten gemacht. Und passend dazu tritt ein neuer Schurke auf, der es auf die Helden abgesehen hat: der mysteriöse Terrorist Leviathan.

Grant Morrison führt mit Batman Incorporated zu Ende, was er mit Batman and Son begonnen hat: eine Mega-Story. Daher ist diese Geschichte nur zu verstehen, wenn man alles seitdem gelesen hat – oder wenigstens den ersten Band (inklusive Black Glove). Denn die Grundidee internationaler Batmen ist bereits im Club of Heroes eingeführt, ebenso wie ein Charakter namens El Gaucho.

Die Geschichte ist aber auch mit dem ganzen Wissen im Hinterkopf typisch Grant Morrison, also voller Charaktere und Nebenhandlungen. Zunächst beginnt es sehr episodenhaft, dann erschließt sich der Zusammenhang, immer wieder aber gibt es irritierende Sprünge, in der mehr hinzugefügt wird, als dem Ganzen gut tut, wie etwa einen Exkurs, in dem die historisch erste Batwoman nachträglich in die Continuity eingefügt wird (als Batmans erste Liebschaft).

Trotz dieses Anspruchs ist Batman Incorporated überwiegend kurzweilig und unterhaltsam zu lesen. Morrison sorgt für reichlich Abwechslung, lässt Bruce Wayne sogar Tango tanzen und nimmt sich in der Indianer-Episode sogar Zeit für reichlich Sozialkritik. Die Story hat einige starke Momente, auch wenn bei dem ganzen Reisen sich beim Lesen manchmal Jetlags einstellen.

Die Zeichenstile variieren stark, sind aber meist solide bis prächtig gelungen. Einzige Ausnahme: Kapitel 8 ist wieder (wie schon die Joker-Story „The Clown at Midnight„) am Computer mit 3D-Technik gezeichnet. Damit soll eine Virtual Reality abgebildet werden, aber die sieht furchtbar leblos und abstoßend aus. Dann schon lieber Arkham Knight auf der PS4 spielen. Comicfiguren müssen handgemacht sein: egal ob gezeichnet oder gemalt, aber auf keinen Fall so.

Ein abschließendes Urteil über Batman Inc. ist nach Band 1 nicht möglich, denn dies ist bloß der Auftakt zu einer größeren Geschichte, die sich noch über zwei weitere Bände erstreckt. Fortsetzung folgt.

Justice League’s Greatest Hits

Wenn die Kinofilme enttäuschen, sollte man sich wieder auf die Geschichten besinnen, auf die es ankommt: die der Comics. DC hat die zehn besten Höhepunkte in der Comic-Geschichte der Justice League/JLA in einem Video zusammengefasst. „Ihr werdet nie glauben, was auf Nummer eins ist …“ Das heißt: vielleicht ja doch. Denn es ist ein Klassiker von Grant Morrison. Von ihm sind übrigens gleich drei Storys in der Liste vertreten. Zu Recht. Denn es sind drei großartige Momente seines legendären JLA-Epos (Ende der 90er erschienen im Dino-Verlag). Da bekommt man gleich Lust, alles wieder von vorn zu lesen.

Daddy’s Home

DC Comics

DC Comics

Titel: Batman & Robin Vol. 3 – Batman & Robin Must Die (dt. Batman und Robin müssen sterben)

Autor/Zeichner: Grant Morrison/Frazer Irving, Cameron Stewart, David Finch

Erschienen: 2010-2011 (Batman & Robin #13-16, Batman: The Return #1), Paperback 2012, dt. Panini 2012 (Paperback)


„I like to think I’m just keeping the costume warm.“ (Dick Grays0n)

„Guess I should have known you wouldn’t just turn up during lunch tomorrow or something normal like that.“ (Dick Grayson)

Das ist er: der Band, in dem Bruce Wayne als Batman zurückkehrt. Endlich. Nach einer langen Interimsphase und einer noch länger anmutenden Rückkehrphase ist Daddy wieder da. Aber nicht so schnell! Zunächst passiert davor noch eine Menge: Nachdem der mysteriöse Detektiv Oberon Sexton sich als Joker geoutet hat, bekommt er zunächst einmal eine Abreibung von Robin verpasst. Mit der Brechstange – als Revanche für Damians Vorgänger, Jason Todd (vgl. Death in the Family). Doch der Joker schafft es, ihn mit seinem Grinsegift zu sedieren und nimmt ihn gefangen.

Inzwischen führt Simon Hurt seinen lang angelegten Plan zum Finale: er lässt in Gotham eine virale Droge von Professor Pyg verbreiten, die Menschen drehen durch. Daraufhin gibt sich Hurt, der gerne Thomas Waynes Fledermauskostüm trägt, vor der Presse als der wiedergekehrten Thomas Wayne aus. Batman und Robin werden gefangengenommen, Batman bekommt eine besondere Kugel in den Kopf geschossen, die ihn erst nach einiger Zeit lähmen wird. Und genau da, im größten Moment der Verzweiflung, kehrt der wahre Batman zurück: Bruce Wayne. Und mit vereinten Kräften … naja, den Rest könnt ihr euch denken. Am Ende verkündet Bruce, dass er große Pläne hat: Batman wird global.

Nicht so raffiniert wie es scheint

Rasant, überladen, chaotisch. Mit diesen drei Worten lässt sich der Abschluss von Grant Morrisons Batman & Robin-Story beschreiben – also wie viele seiner Storys (Batman R.I.P., Final Crisis, The Return of Bruce Wayne). Da mag der ein oder andere gelungene Moment dabei sein, aber ich bin jetzt erstmal froh, endlich mit ihm durch zu sein. Viele halten Morrison für ein Genie, ich finde ihn bloß anstrengend. Man braucht einen langen Atem und sollte nicht zu viel Zeit zwischen den Bänden dieser Mega-Erzählung verstreichen lassen, um hier durchzusteigen. Letztendlich ist das Finale aber nicht annähernd so raffiniert, wie der komplexe Aufbau, der dazu führt.

Bruce Waynes Rückkehr ist natürlich visuell ein Fest, aber etwas atemlos. Es gibt kein Ankommen. Kaum ist er da, muss er nicht nur den Tag retten, sondern verkündet auch seine Pläne für Batman Incorporated und weist jedem Mitglied der Bat-Familie eine Aufgabe zu. Und am Ende, in The Return, wird auch schon der nächste großangelegte Handlungsstrang begonnen: mit Kampfrüstungen, Terroristen im Nahen Osten und Genexperimenten … Keine Zeit zum Durchschnaufen.

Gelungene Zeichnungen

Im dritten Band kann man immerhin das Auge an einigen tollen Zeichnungen erfreuen: allen voran an Frazer Irvings stimmungsvolle Seiten, aber auch Cameron Stewart und David Finch leisten solide Arbeit mit ausdrucksstarken Figuren.

Zur Entspannung gibt es am Schluss noch ein Lied zum Thema Heimkehr: „Daddy’s Home“ von Shep & The Limelites. (Findet ihr nicht auch, dass dieses Blog zu wenig Musik enthält?)

Zurück in die Zukunft

DC Comics

DC Comics

Titel: The Return of Bruce Wayne (dt. Die Rückkehr von Bruce Wayne)

Autor/Zeichner: Grant Morrison/Chris Sprouse, Frazer Irving, Yanick Paquette, Georges Jeanty, Ryan Sook, Pere Pérez, Lee Garbett

Erschienen: 2010 (Mini-Serie #1-6), Paperback 2011; dt. Panini 2011 (Paperback)


„He can survive anywhere. Anytime. Surviving is what he does.“ (Superman)

Was macht eigentlich Bruce Wayne? Erinnern wir uns: Seit dem Angriff auf Darkseid (Final Crisis) ist er verschwunden, Dick Grayson ist der neue Batman, Damian der neue Robin. Batman gilt als tot, aber wissen längst, dass er es nicht ist. Nicht sein kann. Batman ist verschollen, verloren in der Zeit. In der Steinzeit, um genau zu sein. Dorthin hat ihn Darkseid (bzw. Grant Morrison) zurückgeschickt, um von dort aus durch die Zeit zu irren. Das Problem ist: Wenn Bruce Wayne ins 21. Jahrhundert zurückkehrt , zerstört er die Welt, weil Darkseid ihn zu einer Waffe gemacht hat. Die Justice League weiß das, deshalb versuchen, sie Bruce in der Vergangenheit aufzuspüren, aber der entwischt ihnen ständig: Von der Steinzeit geht es zu den Pilgervätern Amerikas, zu Piraten, zu Cowboys im Wilden Osten, zu Gotham in den 1940ern. Bruce Wayne hat sein Gedächtnis verloren (und verliert es immer wieder), aber gewisse Angewohnheiten sind schwer abzuschütteln, etwa sich wie eine Fledermaus zu kleiden und für das Gute zu kämpfen. So wirft er sich einen Umhang aus den Überresten einer Riesenfledermaus über und nimmt es mit Vandal Savage auf, später geht es gegen Hexenjäger und Riesenmonster, Captain Blackbeard und den Kopfgeldjäger Jonah Hex. Kaum ist ein Abenteuer überstanden, springt er wieder um ein paar Jahrzehnte bis Jahrhunderte in die Zukunft.

Es wirkt wie eine Reise durch die Elseworlds-Welten der 90er, in denen bereits Szenarien wie Batman als Pirat oder Batman als Cowboy durchgespielt wurden – mal mehr, mal weniger gelungen. Grant Morrison macht zwar vieles besser als seine Vorgänger, aber er lässt mit seinem erinnerungslosen Bruce Wayne den Helden seltsam blass durch die Zeit irren, ohne dass er Gelegenheit zum Innehalten und Nachdenken bekäme. Das ist das Problem an dieser Story: Batman wird durch die Epochen gejagt, der Ablauf ist stets gleich und damit vorhersehbar. Die jeweiligen Gefahren zwischendrin sind beliebig und spielen für das große Ganze keine Rolle, daher fehlt auch jegliche Spannung.

Der Nebenplot mit Superman und Co. verliert sich zwischendrin, bis er in einem wirren Finale endet, in dem zu viel über Zeitreisemurks gesprochen wird, Batman zum Zeitwächter (Hyper-Adapter) wird und die Titans vermöbelt, bis Bruce Wayne dank Wonder Womans Lasso endlich alle Lasten abwirft und wieder zu sich kommt.

Inszeniert wird das Spektakel mit mal interessanten, mal sehr uninspirierten Zeichnungen, so dass die schwankende Qualität dem Lesevergnügen zusätzlich Abbruch tut. Von Andy Kubert stammen lediglich die Cover.

So quält man sich durch diese einerseits simple und andererseits unnötig verkomplizierte Story, während man versucht, wenigstens den ganzen Hinweisen zu folgen, die der große Morrison darin verstreut hat und die auf sein bisheriges Werk verweisen (The Black Glove, Batman RIP und Time and the Batman). Die einen nennen es anspruchsvolle Superhelden-Story, die anderen selbstgefälliges Nerdtum.