Superman: Working Class Hero

Titel: Superman and the Men of Steel/Bulletproof/At the End of Days

Autor/Zeichner: Grant Morrison/Rags Morales, Brad Walker, Andy Kubert

Erschienen: 2011-2013 (Action Comics #1-18), Paperbacks 2012-2013


Im Jahr 2011 setzte DC mal wieder die Superheldenzeit zurück und auch alle Heftnummern begannen wieder von vorn. Bei Superman durfte Grant Morrison (All-Star Superman, JLA, Batman and Son) alles noch einmal von vorn erzählen. Grant Morrison steigt in die Story ein, als Superman bereits seinen ersten Auftritt gehabt und seinen Namen bekommen hat, aber noch nicht etabliert ist. Bei ihm ist Superman zuerst ein junger Mann mit Superman-T-Shirt, weiten Hosen und Arbeiterstiefeln, der sich als Clark Kent beim Daily Star (Konkurrenzblatt des Daily Planet) und als Blogger für die Rechte der Unterdrückten einsetzt.

Damit wählt Morrison einen Ansatz, bei dem er auch historisch ganz an den Anfang zurückgeht. Superman war bereits in seinen allerersten Geschichten ein Kämpfer für die Arbeiterklasse. Hier ist er ein Angry Young Man, der es mit einem bösen Großunternehmer aufnimmt und ihn mit Drohungen zu einem Geständnis zwingt. Und nebenbei hält er einen entgleisten Zug auf und was Superman sonst noch so macht. Als erstes wird er vom US-Militär gejagt, angeführt von General Lane und beraten von Lex Luthor, der als „bester Wissenschaftler“ der Welt gilt. (Auf welchem Gebiet? Wohl auf allen.) Zu bgeinn wird Superman auf einem elektrischen Stuhl gefoltert und kann sich selbst befreien. Luthor hasst ihn aus dem altbekannten Motiv: Fremdenfeindlichkeit.

Nach diesem Vorspiel bekommt Superman es aber mit Brainiac zu tun, dem Weltensammler. Abgesehen davon, dass Brainiac mehr wie ein riesiger Wurm aussieht als ein Mensch, bleibt die Story nah an den Versionen, die man aus dem Silver Age und der Geoff Johns-Version kennt. Nach Kandor entführt Brainiac das Zentrum von Metropolis, Superman macht das wieder rückgängig. Luthor hatte mit Brainiac paktiert, um ihn hereinzulegen, ist dann aber selbst reingefallen. Nebenbei wird John Corben zu Metallo, allerdings noch ohne diesen Namen anzunehmen. Und andeutet wird, dass Brainiac lediglich die Welten vor einer viel größeren Gefahr bewahren wollte, die noch kommen wird.

Auch als Morrison nach ein paar Ausgaben von Supermans Ursprung erzählt, bleibt er nah am Altbekannten. Kleine Variationen: Krypton ist nicht mehr so steril und lebensfeindlich wie noch bei John Byrnes Man of Steel und in der Rakete ist nur Platz für das Kind (statt für Lara). Superman wird von Jonathan und Martha Kent gefunden, die Rakete aber vom Militär konfisziert. Das Paar hinterlässt ein deformiertes totes Kalb, um die Wissenschaftler in die Irre zu führen. (Möglichen DNA-Analysen zum Trotz geht selbst Luthor später davon aus, dass es ein Alien ist …) Später sehen wir wieder die alte Anekdote, als der junge Clark einen Stier einfängt und auf die Legion of the Superheroes trifft – das gab es bereits früher schon, auch in Superman: Secret Origin.

Supermans Kostümwahl wird nicht erklärt. Die Farbe von Supermans T-Shirts schwankt, mal blau, mal weiß, mal rot. Sein Logo stammt von dem roten unzerstörbaren Stoff, der bei ihm in der Rakete lag, und nun als Cape dient. Seinen Ganzkörperanzug bekommt er erst in Brainiacs Schiff; es handelt sich um einen kryptonischen Anzug, eine Art Rüstung, die nach Belieben das Aussehen ändern kann. Kaum ist Superman drin, wird die Kleidung blau. Trotzdem kehrt Superman danach immer noch zum T-Shirt zurück, es braucht eine Weile, bis er nur noch den Anzug trägt. (Dieser Anzug mit seinem Kragen und seinen vielen unnötigen Linien hat für viel Kritik gesorgt. Er nimmt der Figur viel von seiner einstigen Schlichtheit, die ihn seit den 40ern fast unverändert – mit kurzen Ausnahmen – wiedererkennbar machte.)

Gegenüber der Justice League ist Superman das soziale Gewissen, das lieber den Hunger in Somalia bekämpfen würde, statt nur auf den nächsten Alien-Gegner zu warten. Aber was das Storytelling angeht, ist Grant Morrison leider nicht halb so ambitioniert. Ihm fehlt die zündende Idee seiner Geschichten, bei der man den Eindruck bekommen könnte, hier wird Superman neu erfunden. Sprunghaft handelt er die altbekannten Elemente und Figuren ab (z.B. den Superhund Krypto), darunter auch die Schurken (Luthor, Brainiac, Metallo, Kryptonite-Man), fügt neue hinzu, aber ohne dass sie ein großes Problem darstellen oder im Gedächtnis bleiben.

Erst im dritten Teil (Action Comics #13-18) entspinnt Morrison eine Handlung, die sich mehr Zeit lässt, allerdings auch so vollgepackt ist mit Figuren und Zeitsprüngen (Stichwort: Legion of Superheroes), das man leicht den Überblick verlieren kann. Lord Vyndktvx, ein böses Wesen aus der fünften Dimension, greift Superman an verschiedenen Punkten in der Zeit an, dabei tötet er auch Jonathan und Martha Kent. Superman kämpft gegen einen Super-Doomsday und trifft erstmals auf Mr. Mxyzptlk. Die Story nervt genauso wie die meisten anderen Fünfte-Dimension-Geschichten.

Leider gibt sich Morrison aber auch keine Mühe, seiner Hauptfigur viel Tiefe zu verleihen. Ein kurzes Praktikum als Feuerwehrmann bekommt Clark Kent, dazu ein paar gute Ratschläge seines Ziehvaters, aber das war’s auch schon an Selbstfindung. Auch wenn er zu Beginn noch nicht fliegen, sondern nur springen kann (auch das eine Reminiszenz an das Golden Age): Superman erscheint als der Übermensch schlechthin. Und das ist der Inbegriff des Spannungskillers. Er kann sogar die Daten auf einem USB-Stick lesen und sich in fünf Minuten alles medizinische Wissen aneignen, um eine perfekte OP an Lois durchzuführen. Dabei täte es einem, der ohnehin so ziemlich alle Kräfte in sich vereint, gut, etwas weniger von allem zu können, um noch irgendetwas als Herausforderung zu empfinden.

Die ersten dieser neuen Ausgaben von Action Comics lesen sich wie eine Pflichtübung, bei der man voraussetzt, dass die Leser alles bereits kennen und wissen. Und für die, die es nicht kennen, wird alles im Schnellverfahren abgehandelt. Nichts daran rechtfertigt den Neustart, den Superman hier hinlegt, außer die 1 auf dem Cover, die neue Leser anlockt. Das Prinzip funktioniert immer wieder: Der Verkauf von Action Comics legte 2011 und 2012 stark zu.

Morrisons Superman-Reboot zeigt das Dilemma, in dem der moderne Mythos steckt: Einerseits gilt es, ständig neue Leser zu gewinnen, andererseits will man die alten Leser behalten. Um diesen Spagat zu schaffen, braucht man zum Einen eine konservative Linie, die eine gewisse Wiedererkennbarkeit garantiert, zum Anderen braucht man auch Innovation, um alte wie neue Leser bei Laune zu halten. Bei einer Figur wie Superman, die mittlerweile eine 80-jährige Geschichte vorzuweisen hat, bedeutet das, eine sehr große Last der Tradition mit sich herumzutragen und immer wieder frisch halten zu müssen.

Daher ist die Serie Action Comics am Anfang von The New 52 nicht viel mehr als ein „Was-bisher-geschah“, eine kurze Zusammenfassung wichtiger Meilensteine, um neue Leser auf den Stand zu bringen, aber auch eine Variation von alldem, um den alten Lesern etwas Neues zu bieten. Mit den ganzen Verweisen auf die Tradition bis hin zu ihrem Anfang ergibt das Ganze einen Remix bekannter Motive. Das ist kein Problem von Superman allein, das ist ein Phänomen so ziemlich jedes Superhelden-Comics und -Films. Da (fast) alles schon einmal dagewesen ist, bleibt den Autoren nichts übrig, als alles neu zu mischen.

Diesen Fluch der ewigen Wiederkehr zu bewälitgen, ist eine Herkulesaufgabe. Und sie wird von Jahr zu Jahr schwieriger. Sollte es in 20 Jahren immer noch einen Superman geben (davon ist auszugehen), wird man einige hundert Ausgaben von Action Comics mehr zu beachten haben, dazu nochmal so viele Ausgaben von Superman und unzählige Sonderhefte. Die unendliche Geschichte wird immer umfangreicher und komplexer, sodass sowohl Autoren als auch Leser fast schon Superkräfte entwickeln müssen, um das alles bewältigen zu können. Am wichtigsten wird aber immer noch bleiben, eine packende Story zu erzählen. Und dabei hilft oft das bewährte Rezept: Weniger ist mehr.

>> Liste der Superman-Comics

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