80 Jahre Joker: Mord als Pointe

DC Comics

Titel: The Joker 80th Anniversary 100-Page Super Spectacular #1

Autor/Zeichner: Scott Snyder, James Tynion IV u.a/Jock, Tony S. Daniel u.a.

Erschienen: 2020 (One-shot)


Was wäre Batman nur ohne den Joker? Was wäre der Joker nur ohne Batman? „You complete me!“, hat einst Heath Ledger gesagt. Der eine kann nicht ohne den anderen. Zwar stellt jeder Schurke auf seine Weise das Gegenteil des Helden dar, aber der Joker ist auf dem Spektrum der Antipoden am äußersten Ende: Hier der ernste, rationale Dunkle Ritter, besessen von seiner Mission, Verbrechen zu bekämpfen. Dort der unberechenbare, amoralische Clown, der zum Spaß über Leichen geht und Batman immer neu herausfordert.

Der Joker war von Anfang an kein Spaßvogel: Er war ein zynischer Terrorist, sein starres Grinsen blanker Hohn. Der alberne Clown, dem es nur um Schabernack oder gar Reichtümer ging, kam erst etwas später, bis es schier unerträglich dämlich wurde. Seit den 70ern ist er immer mehr ein Psychopath, ein Massenmörder, mal das Böse schlechthin, mal ein Nihilist, dem es um nichts geht, als sich an Batman abzuarbeiten, um ihm etwas zu beweisen. Ihr Kampf ist reiner Selbstzweck: nichts als ein krankes Spiel mit vielen Opfern.

Das wahre Problem daran: Ohne den Joker scheint es kaum noch zu gehen. Sowohl in den Comics als auch in den Filmen dominiert stets er. Gerade in letzter Zeit häufen sich die Joker-Comics, auch angefeuert durchs Kino. Aber ist nicht mittlerweile alles erzählt und gesagt? Jedenfalls wird es immer schwieriger, noch etwas Neues zu sagen, je mehr Joker-Storys es gibt. Die Figur läuft Gefahr, sich zu verbrauchen.

Jokers Schwäche und Angst

Im 100-Seiten-Special zum 80. Jahrestag versuchen es die Autoren und Zeichner trotzdem. Und das gelingt meistens sogar. Scott Snyder hat in The Black Mirror, Death of the Family und Endgame die Figur schon tief ergründet. In „Scars“ zeigt er (zusammen mit Jock) wieder die Opferperspektive: Ein Psychiater versucht einem Mann zu helfen, der vom Joker entstellt wurde – einer von vielen. Er macht ihm klar, dass die Macht des Jokers darin besteht, seine Opfer denken zu lassen, er sei mehr als nur ein Mann, sondern Ausdruck ihrer jeweils größten Angst. – Eine kluge Analyse mit einer furchterregenden Wendung.

Dass den Joker selbst eine Angst plagt, zeigt sich „The Last Smile“ (Paul Dini/Riley Rossmo). Hier träumt er immer wieder davon, dass er hingerichtet wird und dabei Batman zuletzt lacht. Und in „Kill the Batman“ (Gary Whitta/Greg Miller/Dan Mora) wird die Frage, was der Joker ohne Batman tun würde, mit einer spitzen Pointe beantwortet.

Die zwei stärksten Geschichten zeigen den Joker von ungewohnten und unerwarteten Seiten: In „Birthday Bugs“ (Tom Taylor/Eduardo Risso) zeigt der Clown eine Schwäche für Kinder, indem er einem unbeliebten Jungen Gäste zum Geburtstag beschert. In „No Heroes“ (Eduardo Medeiros/Rafael Albuquerque) hinterfragt der Joker das Heldentum eines Bankangestellten während eines Banküberfalls. Hier wird es nicht nur gesellschaftskritisch, das Ende regt auch zum Nachdenken an.

Joker als Jack Nicholson

Auf kommende Ereignisse weist Autor James Tynion IV voraus. Er führt Harley Quinns Nachfolgerin an der Seite des Jokers ein: Punchline. Sie wird im Batman-Event Joker War (Batman #95-100) eine Rolle spielen. Aber für sich genommen ist die Geschichte eine der schwächeren (wenn auch stark von Mikel Janin gezeichnet).

Und natürlich gibt es auch hier die obligatorische Meta-Story: Das Dream-Team Brian Azzarello und Lee Bermejo (Joker, 2008) vereint in „Two Fell Into the Hornet’s Nest“ Arkham Asylum mit der Anstalt aus dem Filmklassiker Einer flog über das Kuckucksnest (1975). Die Geschichte ergibt an sich wenig Sinn, aber ist vor dem Hintergrund des Films eine interessante wie skurrile Adaption, vor allem wenn man bedenkt, dass Hauptdarsteller Jack Nicholson 14 Jahre später selbst den Joker gespielt hat.

Man soll ja nicht schlecht über (jüngst) Verstorbene reden, aber die mit Abstand schwächste Geschichte erzählt leider Autorenlegende Dennis O’Neil: In „Introducing the Dove Corps“ schließt sich der Joker pazifistischen Soldaten an, die im Bürgerkrieg von Guatemala für Frieden sorgen sollen. Abgesehen davon, dass hier eine Art (unnötige) Vorgeschichte zu The Killing Joke erzählt wird, fällt die Pointe platt aus: Töten macht dem Joker am meisten Spaß. Das ist selbst gemessen an den Standards des schwärzesten Humors nicht lustig. Das ist einfach nur mies.

Revue der schönsten Joker-Momente

Aber oft enden auch andere Geschichten in diesem Heft mit Mord als Pointe. Liest man das alles am Stück, kann einem bei all dem Gemetzel schon mal mulmig werden. Nein, Anlass zum Lachen bietet der Joker immer noch eher selten. Der Joker von heute verstört vor allem durch seine Skrupellosigkeit.

Wie schon beim Catwoman-Special wird hier auch viel fürs Auge geboten: Neben einer Auswahl der ikonischsten Joker-Cover zeigt eine Reihe neuer Pin-ups von Künstlern wie Tim Sale, Kelley Jones, Ivan Reis und John Romita Jr. den Clown aus moderner Sicht. Dazu inszenieren Peter J. Tomasi und Simone Bianci in „The War Within“ den immerwährenden Kampf der Kontrahenten bildgewaltig als große Revue-Show, mit großen Momenten von The Laughing Fish, The Killing Joke bis hin zu Tim Burtons Batman-Film. Damit dürften auch altgediente Fans und Nostalgiker mit diesem Comic glücklich werden.

Hinweis: Im Oktober werden die bisher erschienen 80-Jahre-Specials in einem Paperback erscheinen: Batman: 80 Years of the Bat Family.

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