Grant Morrison

Der Joker im Wandel der Zeit

Joker von Alex Ross

Joker von Alex Ross (DC Comics)

Je besser der Schurke, desto besser der Film, sagte einst Alfred Hitchcock. Das gilt auch für Comics. Man kann sogar so weit gehen zu sagen: Noch besser, wenn der Schurke der Held ist. Deshalb funktioniert Batman so gut, weil er als eine Art Anti-Held irgendwo dazwischen steht. Aber Batman wäre nur halb so gut ohne seinen Erzfeind: den Joker. Und wenn der gut dargestellt wird, stiehlt er Batman sogar die Show. So am besten vorgeführt im Film The Dark Knight (2008). Ganz im Gegenteil zu Suicide Squad (2016), wo man mit Jared Leto einen Charakterdarsteller verpflichtet hat, aber sein Marilyn-Manson-Gangster-Joker im allgemeinen Radau des Stumpfsinns untergeht. Ein Film voller Schurken ist eben nicht genug. Und einen so missratenen Film kann selbst der Joker nicht retten.

Was die Geschichten von Batman ausmacht, ist nicht der Held, sondern seine Gegner. Die Verrückten, die Psychopathen, Serienmörder. Die meisten davon sind Insassen des Arkham Asylum, der Heilanstalt, aus der niemand geheilt hervorgeht, sondern aus der man immer nur fliehen kann. Das Superheldenkonzept verlangt, dass das so bleibt, sonst hätte Batman ja nichts zu tun. Zwar gibt es noch die Typen aus dem Blackgate Gefängnis, die ganz normalen Mörder, Schläger, Räuber und Vergewaltiger, aber wer Batman liest oder schaut, interessiert sich nicht für normale Verbrechen von normalen Verbrechern, sondern immer für das Abseitige, Perverse, besonders Grausame. Batman steht für eine Freakshow, wie sie früher am Rande von Zirkussen zu sehen war: eine Parade von Außenseitern, Entstellten und Verkrüppelten. Der Held selbst ist der Strongman, den man gegen Halbgesichtige, Krokodilmenschen, Pinguinmenschen, Schlamm-Menschen und andere Irre mit ihren Spleens (Rätsel, Pflanzen, Eis, Feuer) antreten lässt.

Joker in Streets of Gotham (Dustin Nguyen)

Joker in Streets of Gotham (Dustin Nguyen, DC Comics)

Der Joker ist die Personifikation dieses Konzepts. Im Batman-Zirkus ist er der Anti-Clown. Der Joker ist alles andere als komisch. Sein Lachen ist falsch, eingefroren, zynisch. Sein Gesicht ist ein Zerrbild. Der Joker trägt klassischerweise keine Maske, keine Schminke. Seine Haut ist durch einen Unfall gebleicht. Später, in Heath Ledgers Interpretation im Film The Dark Knight und Brian Azzarellos Comic Joker, trägt er ein Glasgow-Smile, also vernarbte Wangen von aufgeschlitzten Mundwinkeln. Doch hier wie da gehört das falsche Lachen zum festen Bestandteil des Joker-Gesichts, während Batman seine Maske abnehmen kann. Jokers Vorbild ist die Hauptfigur des Grusel-Stummfilms The Man Who Laughs (1928), doch zugleich ist er ein Hofnarr, der oft die unliebsame Wahrheit spricht. Das mit tödlichen Chemikalien herbeigeführte Lächeln, das er seinen Opfern verleiht, ist zum einen ein Spiegelbild seines Egos, andererseits Signatur eines Mörders, der ein Künstler sein will.

Teil des Gründungsmythos

Der Joker ist einer der ältesten Batman-Schurken. Erstmals erschienen ist er in der ersten Ausgabe der Serie Batman im Jahr 1940 (der Titelheld hatte seinen ersten Auftritt in Detective Comics 27, 1939). In diesem Heft gibt es gleich zwei Abenteuer mit dem Joker. Interessant ist bereits, wie Protagonist und Antagonist eingeführt werden. Auf den ersten zwei Seiten bekommt Batman eine ausführliche Entstehungsgeschichte, vom Mord der Eltern bis zum berühmten Entschluss „I shall become a bat“. Die Seiten sind auf den ersten Blick ähnlich aufgebaut wie die beiden nachfolgenden, die den Joker einführen: Sie beginnen mit einem großen, fast die ganze Seite füllenden Panel, das den Helden, bzw. den Schurken zeigen. Doch während Batmans Porträt im Dreiviertelprofil zu sehen ist, wendet uns Joker den Rücken zu und dreht sich grinsend zu uns um. Wie bei Batman erscheint auch seine Kleidung überwiegend schwarz, nur zum Teil ist das Violett seines Sakkos zu sehen, seine Haare sind – wie Batmans Maske – fast schwarz, nur mit einzelnen grünen Sprenkeln durchsetzt.

Joker in Batman #1 (1940) (DC Comics)

Joker in Batman #1 (1940) (DC Comics)

In der Hand hält er drei Karten: Batman, Robin und in der Mitte ein Joker. (Man könnte es fast als böses Omen für Jason Todd lesen, den zweiten Robin, den der Joker 1989 zu Tode schlägt.) Über dem Bild schwebt ein Batman-Logo, erstmals mit dem Hinweis „with Robin – The Boy Wonder“ versehen, der Wunderknabe hatte erst in der zuvor erschienenen Ausgabe von Detective Comics 38 seinen ersten Auftritt gehabt. Damit ist das klassische Dreigespann mit dieser Geschichte festgelegt. Der Joker wird meistens ein „Fall für zwei“ sein – und zugleich auch eine Gefahr für die Zweisamkeit. Und es ist auch prägend, dass der Joker Batmans Entstehungsgeschichte fortsetzt – er gehört fest zu Batmans (Gründungs-)Mythos dazu.

Conrad Veidt in The Man Who Laughs

Conrad Veidt in The Man Who Laughs

Die Story geht gleich zur Sache: Im Radio kündigt der Joker den Mord an einem Millionär und einen Diamantenraub an. Das allein ist schon ungewöhnlich. Ein normaler Schurke würde drohen, erpressen, stehlen oder rauben. Doch dieser verrät, was passieren wird – jedoch ohne, dass die Polizei das verhindern könnte. Es ist reiner Terror. Auf der darauffolgenden Seite wird klar, wie pervers er die Sache durchzieht: Er bringt sein Opfer zunächst zum Lachen, bevor es mit einem Grinsen zu Tode erstarrt. Wie man erst am Ende erfährt, bringt das der Joker mit einer Droge zustande. Der Joker selbst erscheint zunächst in typischer Superschurkenpose, in einem dunklen Raum auf einem großen Stuhl am Schreibtisch sitzend, erst nachdenklich, dann mit breitem Grinsen. „A man smiles a smile without mirth … rather a smile of death! The awesome, ghastly grin of .. the Joker!!“

Jokers erster Auftritt 1940

Jokers erster Auftritt 1940

Auch wenn er es zunächst auf Juwelen absieht: Der Schurke ist kein einfacher Gangster. Im Gegenteil: Er macht sich auch die Unterwelt zum Feind. Batman und der Polizei ist er immer um einen Schritt voraus. Drei Morde begeht er auf diese hinterhältige Weise, einmal sogar, indem er sich als Polizist verkleidet. Am Ende, nachdem Batman ihn eingebuchtet hat, kündigt der Joker seinen Ausbruch an: „The Joker will yet have the last laugh!“ Gesagt, getan. Und selbst in der zweiten Geschichte hält sich das Grinsen in seinem Gesicht – auch wenn er am Ende, mit dem eigenen Messer in der Brust, am Boden liegt. Aber der Joker stirbt nicht. Noch nicht.

Einer muss sterben

The Dark Knight Returns: Batman & Joker (DC Comics)

The Dark Knight Returns: Batman & Joker (DC Comics)

„Wir werden einander töten, nicht wahr?“, fragt Batman Joker in The Killing Joke (1988). „Ich töte dich oder du tötest mich. Bald vielleicht. Oder auch später … Ich verstehe nicht, warum unsere Beziehung mit dem Tod enden muss, aber ich will dein Blut nicht an meinen Händen …“ Alan Moore schreibt diese Sätze nach The Dark Knight Returns (1986), Frank Millers Schwanengesang auf den Dunklen Ritter, in dem Batmans Prophezeihung bereits eingetroffen ist, wenn auch anders als erwartet. In der Geschichte wird deutlich, dass die beiden Figuren einander bedingen. Es ist eine fast schon homoerotische Beziehung. Erst nach Batmans Rückkehr, löst sich der Joker aus seiner katatonischen Starre und wird wieder zum Massenmörder. Einfach so, aus Spaß an der Sache. Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel. Beim Endkampf bringt Batman nicht den Mut auf, den Joker zu töten. Also dreht der Schurke sich selbst den Hals um – und lässt den Helden als Mörder dastehen.

Joker in Mad Love

Joker in Mad Love

In Mad Love (1994) ist es anders: Darin ist der Joker von der Idee besessen, Batman zu töten. Aber nicht irgendwie. Der Plan dazu darf nichts Geringeres als ein Meisterwerk sein. Joker – der eitle Künstler. Diese Egomanie wird ihm schließlich zum Verhängnis. Er scheitert, natürlich, das muss er, denn sonst hätte er keinen Spielkameraden mehr – und wo wäre dann der Spaß? In The Clown at Midnight (2007) sagt der Joker es so: „You can’t kill me without becoming like me. I can’t kill you without losing the only human being who can keep up with me. Isn’t it ironic?!“

Das Gegenteil von Batman?

Es wäre trivial zu sagen, dass der Joker so gut als Erzfeind Batmans funktioniert, weil er das Gegenteil des Helden repräsentiert: Bunt statt düster, lachend statt grimmig, ein Anarchist und Nihilist statt Gesetzeshüter. Im Grunde nämlich ist das ein Merkmal aller von Batmans Hauptschurken: Two Face ist der von der von der rechten Bahn abgekommene Staatsanwalt, der nun zwischen Licht und Schatten steht, Scarecrow missbraucht seine furchteinflößende Macht, Bane ist ein Zerrbild des Strategen und Athleten, Ra’s al Ghul ist der Vigilant, der über die Menschheit richten will, der Riddler ist als Rätselsteller das Gegenteil des Detektivs und die mutierte Mensch-Fledermaus Man-Bat spricht für sich … usw. Jeder dieser Bösewichter ist entweder von denselben Idealen getrieben oder getrieben gewesen wie Batman oder bedient sich ähnlicher Mittel, jedoch zu anderen Zwecken. Jeder hat eine Macke, eine Masche, ein Symbol, ein Kostüm.

Joker: The Killing Joke

Joker: The Killing Joke

Der Joker stellt das prototypisch dar. Sein Reiz liegt in der Anarchie. Insofern befremdet es, dass The Killing Joke als eines der besten Batman-Comics angesehen wird. Denn eigentlich zerstört es den Mythos des Jokers, indem es ihn mit einer anrührenden Entstehungsgeschichte erklärt: Ein arbeitsloser Chemielaborant, der sich erfolglos als Komiker versucht und aus Verzweiflung bei einem Diebstahl aushilft, um an Geld zu kommen, dabei aber durch einen Unfall in ein verseuchtes Gewässer fällt, daraufhin entstellt und verrückt wird. Immerhin bleibt die Figur anonym. Der Joker hat kein Alter Ego, das er verbirgt. Er ist, was er ist: ein Niemand, ein Nichts.

Heath Ledger als Joker

Heath Ledger als Joker

Den eigentlichen Kern dieser Figur haben Regisseur Christopher Nolan und Darsteller Heath Ledger in The Dark Knight getroffen. Dort kommt dieser Antagonist aus dem Nichts, er hat keine Identität, keine Vorgeschichte, ja er verweigert sich jeglicher kausalen Erklärung. Geld interessiert ihn nicht, er verbrennt seinen Dollarberg. Interessanterweise grenzt Bruce Waynes Butler Alfred diesen Joker von seinen früheren Inkarnationen ab, indem er die Geschichte eines Juwelendiebs erzählt, der letztendlich seine Beute wegwirft: „Manche wollen die Welt bloß brennen sehen.“ Nolans Joker stiftet Chaos und Anarchie und er tut es aus reinem Selbstzweck. Er ist nicht greifbar, ist nicht zu fassen, Polizei und Superheld immer mehrere Schritte voraus – und das ist es, was Batman zur Verzweiflung treibt. Gegen so einen Schurken kommt man nicht an, denn es gibt kein Motiv, kein Interesse, keine Schwäche, an der er zu erwischen wäre. Man kann ihn zu Brei schlagen, foltern, töten – es nützt nichts. Man kann ihn nur töten – aber dann siegt der Joker, weil Batman seine Ideale verraten würde. Darin besteht der eigentliche Schrecken dieser Figur.

Brian Azzarello führt das auch in seinem Band vor, den er einfach nur Joker (2008) genannt hat. Wie bei Nolan trägt der Schurke das Glasgow-Smile aus The Dark Knight, ansonsten ist er brutaler denn je: Er metzelt sich durch Gotham, rächt sich an seinen Feinden, selbst der Unterwelt geht er zu weit. „Für ihn ist der Tod die Pointe“, sagt Two-Face einmal. Der Joker, so die Pointe des Erzählers, ist eine Krankheit, gegen die es keine Heilung gibt – nur einen Batman. Und dessen Sisyphusaufgabe besteht darin, ihn immer wieder aufzuhalten, einzusperren und darauf zu warten, bis er wieder ausbricht.

Nicht verrückt, sondern entschieden böse

Joker in Arkham Asylum (Dave McKean)

Joker in Arkham Asylum (Dave McKean)

Auch wenn er ständig ins Irrenhaus zurückkehrt, ist der Joker kein Verrückter. Allein die Tatsache, dass er mehr Zeit außerhalb verbringt, zeigt, dass er nicht dort hin gehört. Zu dieser Erkenntnis kommt bereits Grant Morrison in seinem Buch Arkham Asylum (1989). Dort nennt ihn eine Ärztin „beyond treatment“: „In fact, we’re not even sure if he can be properly defined as insane. (…) It’s quite possible we may actually be looking at some kind of super-sanity here.“ Sein Geisteszustand entspreche eher einer neuen Wahrnehmungsfähigkeit, die mehr dem städtischen Leben im 20. Jahrhundert angepasst sei. Er scheine keine Kontrolle über seine Sinneseindrücke zu haben; er könne mit diesem chaotischen Einfluss nur umgehen, indem er sich davon treiben lasse. Der Joker habe keine Persönlichkeit, sondern erschaffe sie jeden Tag aufs Neue. In The Clown at Midnight sagt Batman: „he changes every few years. (…) He hast no real personality, remember, only a series of ’superpersonas.“

Joker in Batman RIP

Joker in Batman RIP

Was aber treibt den Joker an? Es ist – so trivial es klingt – das Böse schlechthin. Der Joker ist seine Verkörperung. Er ist ein Nihilist in einem unphilosophischen und ideologiefreien Sinn. Er begeht die Verbrechen um ihrer selbst Willen, weil’s Spaß macht. Der einzige, den der Joker amüsiert und zum Lachen bringt, ist er selbst. Der Reiz der Figur liegt auch in seiner ausgelebten Freiheit, dass sie die Dinge einfach tut. Ohne Bedenken oder Reue. Der Joker ist ebenso souverän und konsequent. Er handelt nicht irrational. Was er tut, tut er bei vollem Bewusstsein und aus Überlegung, seine Pläne sind wohl kalkuliert, obwohl sie im Wesentlichen darin bestehen, zu töten und Chaos zu stiften. Eine Spielernatur, die sich an ihrem Antagonisten abarbeitet – um ihn zum Lachen zu bringen. Aber daran scheitert er, weil Batman in der Regel humorbefreit ist und am wenigsten über die Taten des Jokers lachen kann. (Siehe Batman Beyond: Return of the Joker und Lovers and Madmen.)

Batman Beyond: Joker

Batman Beyond: Return of the Joker

Zwei Seiten einer Medaille

Das zeigt sich auch an Jokers jüngsten Inkarnation. Scott Snyder hat den Charakter im Jahr 2012 für seine Story Death of the Family weiterentwickelt. Der Joker ist nicht das Gegenteil von Batman, er ist Teil von ihm. Zwei Seiten einer Medaille. Snyder greift Morrisons Gedanken auf, dass Batman kein Held ist, der sich von seinen Feinden abhebt, sondern ebenso zu der Freak-Show von Arkham gehört, quasi als König im Hofstaat der Irren. Der Joker inszeniert diese Konstellation, um Batman zu zeigen, wer seine wahre Familie ist. Die Fledermaus ist ein Gleichgesinnter, im Grunde ein potenzieller Joker. Daher wird der Held auch in ein Chemikalien-Bad geworfen, das ihn in seinen Erzfeind verwandeln soll. Harley Quinn, die Handlangerin des Joker, hofft sogar, dass Batman einst ihren veränderten Geliebten ersetzen könnte.

Joker von Greg Capullo

Joker von Greg Capullo (DC Comics)

Denn der Joker ist entstellter denn je, nachdem er sich sein Gesicht hat abschneiden lassen, er es sich nach einem Jahr zurückgeholt und sich notdürftig wieder angeheftet hat. Sein Gesicht wird nicht nur zu einer faulenden Fratze, es wird auch zur Maske, die er trägt wie Batman die seine. Für den Joker spielt keine Rolle, was sich darunter verbirgt. Die Masken sind es, die für das Rollenspiel der beiden entscheidend sind. Darunter sehen beide gleich aus, sind Menschen aus Fleisch und Blut. Doch dafür interessiert sich der Joker nicht. Er will Batman auf seine Seite ziehen, daher betont er deren Gemeinsamkeiten, daher wird bei ihm das Gesicht zur Maske und damit zum wahren Gesicht – wie bei Batman. Der Joker will Batman nicht mehr töten, sondern sich mit ihm verbünden. Er will das Spiel nicht beenden, sondern immer weiter, in neue Höhen treiben. Als das nicht gelingt, schlägt er in Endgame mit voller Wucht zurück: er will Batman demütigen und vernichten. Für den Dunklen Ritter geht es mal wieder an die Substanz seiner Existenz.

Batman 37 (DC Comics)

Batman #37 (DC Comics)

Wie kann man diese Figur noch verändern, wie kann man sie noch steigern, wenn sie ziemlich alle Grenzen überschritten hat? DCs neuester Versuch ist, den Joker aufzuspalten. Zuerst wurde angekündigt, Jokers wahre Identität zu enthüllen. Dann wurde Batman jüngst offenbart: der Joker hat drei Namen. Heißt das, dass der Joker nicht eine Person ist, sondern drei? Oder hat er sich bloß drei Persönlichkeiten zugelegt? Oder ist damit gemeint, dass es wegen der zwei großen Reboots des DC-Universums drei verschiedenen Versionen auf Parallelwelten gibt: Golden Age/Pre-Crisis, Post-Crisis und Post-The New 52?

Die Spekulation ist in Gang gesetzt, ebenso wie die Diskussion, ob DC damit nicht ein wichtiges Prinzip bricht, indem sie den Niemand (der bisher in manchmal auch „Jack“ genannt wurde) entmystifiziert. Egal wie das Rätsel gelöst wird: Der Joker wird sich stets eindeutigen Zuschreibungen entziehen. Und genau darin besteht der Reiz. Die Figur ist nicht greifbar – wie das wahre Böse selbst.

P.S.: In diesem Video wird der Joker als Projektionsfläche gesellschaftlicher Ängste dargestellt – ein interessanter Rückblick auf die Comic-Geschichte.

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Batman macht Filialen auf

DC Comics

DC Comics

Titel: Batman Incorporated

Autor/Zeichner: Grant Morrison/Chris Burnham, Michel Lacombe, Scott Clark, Cameron Stewart, Dave Beaty

Erschienen: 2010-2012 (Batman Inc. #1-8, Batman Inc. Leviathan Strikes!), Paperback 2012, dt. Panini 2013 (Paperback)


„Batman is everywhere.“ (Bruce Wayne)

Eigentlich ist Batman ein einsamer Kämpfer. Und eigentlich ist er es auch überhaupt nicht. Sehr früh schon wurde er mit Robin zum Teamplayer, bald darauf kam Alfred hinzu, in den 50ern wurde die Bat-Familie erweitert um Batwoman, Batgirl, Bat-Hound und Bat-Mite, später Nightwing, weitere Batgirls, Red Hood, Huntress, Spoiler, Red Robin und andere. Nach Batmans Verschwinden (bzw. „Tod“ in Final Crisis) wurde der Kreis der Familie sogar um einige Reservisten erweitert. Batman ist schon lange kein einsamer Wolf.

Da ist es nur folgerichtig, wenn der Kontrollfreak Batman (nach seiner Rückkehr) sein Netzwerk auf die ganze Welt ausdehnt: Batman Incorporated. Wie Bruce Wayne es bereits als Geschäftsmann längst ist, wird auch Batman zu einem Global Player. Wayne tritt nun öffentlich als Sponsor von Batmans Franchise-Unternehmen auf und lässt Batman-Roboter bauen, während Batman in der Welt herumzieht und Filialen aufmacht: in Japan, Argentinien, Afrika, Australien und sogar in einem Indianer-Reservat. Lokale Helden werden zu Batmen oder wenigstens zu seinen Gefolgsleuten gemacht. Und passend dazu tritt ein neuer Schurke auf, der es auf die Helden abgesehen hat: der mysteriöse Terrorist Leviathan.

Grant Morrison führt mit Batman Incorporated zu Ende, was er mit Batman and Son begonnen hat: eine Mega-Story. Daher ist diese Geschichte nur zu verstehen, wenn man alles seitdem gelesen hat – oder wenigstens den ersten Band (inklusive Black Glove). Denn die Grundidee internationaler Batmen ist bereits im Club of Heroes eingeführt, ebenso wie ein Charakter namens El Gaucho.

Die Geschichte ist aber auch mit dem ganzen Wissen im Hinterkopf typisch Grant Morrison, also voller Charaktere und Nebenhandlungen. Zunächst beginnt es sehr episodenhaft, dann erschließt sich der Zusammenhang, immer wieder aber gibt es irritierende Sprünge, in der mehr hinzugefügt wird, als dem Ganzen gut tut, wie etwa einen Exkurs, in dem die historisch erste Batwoman nachträglich in die Continuity eingefügt wird (als Batmans erste Liebschaft).

Trotz dieses Anspruchs ist Batman Incorporated überwiegend kurzweilig und unterhaltsam zu lesen. Morrison sorgt für reichlich Abwechslung, lässt Bruce Wayne sogar Tango tanzen und nimmt sich in der Indianer-Episode sogar Zeit für reichlich Sozialkritik. Die Story hat einige starke Momente, auch wenn bei dem ganzen Reisen sich beim Lesen manchmal Jetlags einstellen.

Die Zeichenstile variieren stark, sind aber meist solide bis prächtig gelungen. Einzige Ausnahme: Kapitel 8 ist wieder (wie schon die Joker-Story „The Clown at Midnight„) am Computer mit 3D-Technik gezeichnet. Damit soll eine Virtual Reality abgebildet werden, aber die sieht furchtbar leblos und abstoßend aus. Dann schon lieber Arkham Knight auf der PS4 spielen. Comicfiguren müssen handgemacht sein: egal ob gezeichnet oder gemalt, aber auf keinen Fall so.

Ein abschließendes Urteil über Batman Inc. ist nach Band 1 nicht möglich, denn dies ist bloß der Auftakt zu einer größeren Geschichte, die sich noch über zwei weitere Bände erstreckt. Fortsetzung folgt.

>> Batman 2000-2011

Justice League’s Greatest Hits

Wenn die Kinofilme enttäuschen, sollte man sich wieder auf die Geschichten besinnen, auf die es ankommt: die der Comics. DC hat die zehn besten Höhepunkte in der Comic-Geschichte der Justice League/JLA in einem Video zusammengefasst. „Ihr werdet nie glauben, was auf Nummer eins ist …“ Das heißt: vielleicht ja doch. Denn es ist ein Klassiker von Grant Morrison. Von ihm sind übrigens gleich drei Storys in der Liste vertreten. Zu Recht. Denn es sind drei großartige Momente seines legendären JLA-Epos (Ende der 90er erschienen im Dino-Verlag). Da bekommt man gleich Lust, alles wieder von vorn zu lesen.

Daddy’s Home

DC Comics

DC Comics

Titel: Batman & Robin Vol. 3 – Batman & Robin Must Die (dt. Batman und Robin müssen sterben)

Autor/Zeichner: Grant Morrison/Frazer Irving, Cameron Stewart, David Finch

Erschienen: 2010-2011 (Batman & Robin #13-16, Batman: The Return #1), Paperback 2012, dt. Panini 2012 (Paperback)


„I like to think I’m just keeping the costume warm.“ (Dick Grays0n)

„Guess I should have known you wouldn’t just turn up during lunch tomorrow or something normal like that.“ (Dick Grayson)

Das ist er: der Band, in dem Bruce Wayne als Batman zurückkehrt. Endlich. Nach einer langen Interimsphase und einer noch länger anmutenden Rückkehrphase ist Daddy wieder da. Aber nicht so schnell! Zunächst passiert davor noch eine Menge: Nachdem der mysteriöse Detektiv Oberon Sexton sich als Joker geoutet hat, bekommt er zunächst einmal eine Abreibung von Robin verpasst. Mit der Brechstange – als Revanche für Damians Vorgänger, Jason Todd (vgl. Death in the Family). Doch der Joker schafft es, ihn mit seinem Grinsegift zu sedieren und nimmt ihn gefangen.

Inzwischen führt Simon Hurt seinen lang angelegten Plan zum Finale: er lässt in Gotham eine virale Droge von Professor Pyg verbreiten, die Menschen drehen durch. Daraufhin gibt sich Hurt, der gerne Thomas Waynes Fledermauskostüm trägt, vor der Presse als der wiedergekehrten Thomas Wayne aus. Batman und Robin werden gefangengenommen, Batman bekommt eine besondere Kugel in den Kopf geschossen, die ihn erst nach einiger Zeit lähmen wird. Und genau da, im größten Moment der Verzweiflung, kehrt der wahre Batman zurück: Bruce Wayne. Und mit vereinten Kräften … naja, den Rest könnt ihr euch denken. Am Ende verkündet Bruce, dass er große Pläne hat: Batman wird global.

Nicht so raffiniert wie es scheint

Rasant, überladen, chaotisch. Mit diesen drei Worten lässt sich der Abschluss von Grant Morrisons Batman & Robin-Story beschreiben – also wie viele seiner Storys (Batman R.I.P., Final Crisis, The Return of Bruce Wayne). Da mag der ein oder andere gelungene Moment dabei sein, aber ich bin jetzt erstmal froh, endlich mit ihm durch zu sein. Viele halten Morrison für ein Genie, ich finde ihn bloß anstrengend. Man braucht einen langen Atem und sollte nicht zu viel Zeit zwischen den Bänden dieser Mega-Erzählung verstreichen lassen, um hier durchzusteigen. Letztendlich ist das Finale aber nicht annähernd so raffiniert, wie der komplexe Aufbau, der dazu führt.

Bruce Waynes Rückkehr ist natürlich visuell ein Fest, aber etwas atemlos. Es gibt kein Ankommen. Kaum ist er da, muss er nicht nur den Tag retten, sondern verkündet auch seine Pläne für Batman Incorporated und weist jedem Mitglied der Bat-Familie eine Aufgabe zu. Und am Ende, in The Return, wird auch schon der nächste großangelegte Handlungsstrang begonnen: mit Kampfrüstungen, Terroristen im Nahen Osten und Genexperimenten … Keine Zeit zum Durchschnaufen.

Gelungene Zeichnungen

Im dritten Band kann man immerhin das Auge an einigen tollen Zeichnungen erfreuen: allen voran an Frazer Irvings stimmungsvolle Seiten, aber auch Cameron Stewart und David Finch leisten solide Arbeit mit ausdrucksstarken Figuren.

Zur Entspannung gibt es am Schluss noch ein Lied zum Thema Heimkehr: „Daddy’s Home“ von Shep & The Limelites. (Findet ihr nicht auch, dass dieses Blog zu wenig Musik enthält?)

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Zurück in die Zukunft

DC Comics

DC Comics

Titel: The Return of Bruce Wayne (dt. Die Rückkehr von Bruce Wayne)

Autor/Zeichner: Grant Morrison/Chris Sprouse, Frazer Irving, Yanick Paquette, Georges Jeanty, Ryan Sook, Pere Pérez, Lee Garbett

Erschienen: 2010 (Mini-Serie #1-6), Paperback 2011; dt. Panini 2011 (Paperback)


„He can survive anywhere. Anytime. Surviving is what he does.“ (Superman)

Was macht eigentlich Bruce Wayne? Erinnern wir uns: Seit dem Angriff auf Darkseid (Final Crisis) ist er verschwunden, Dick Grayson ist der neue Batman, Damian der neue Robin. Batman gilt als tot, aber wissen längst, dass er es nicht ist. Nicht sein kann. Batman ist verschollen, verloren in der Zeit. In der Steinzeit, um genau zu sein. Dorthin hat ihn Darkseid (bzw. Grant Morrison) zurückgeschickt, um von dort aus durch die Zeit zu irren. Das Problem ist: Wenn Bruce Wayne ins 21. Jahrhundert zurückkehrt , zerstört er die Welt, weil Darkseid ihn zu einer Waffe gemacht hat. Die Justice League weiß das, deshalb versuchen, sie Bruce in der Vergangenheit aufzuspüren, aber der entwischt ihnen ständig: Von der Steinzeit geht es zu den Pilgervätern Amerikas, zu Piraten, zu Cowboys im Wilden Osten, zu Gotham in den 1940ern. Bruce Wayne hat sein Gedächtnis verloren (und verliert es immer wieder), aber gewisse Angewohnheiten sind schwer abzuschütteln, etwa sich wie eine Fledermaus zu kleiden und für das Gute zu kämpfen. So wirft er sich einen Umhang aus den Überresten einer Riesenfledermaus über und nimmt es mit Vandal Savage auf, später geht es gegen Hexenjäger und Riesenmonster, Captain Blackbeard und den Kopfgeldjäger Jonah Hex. Kaum ist ein Abenteuer überstanden, springt er wieder um ein paar Jahrzehnte bis Jahrhunderte in die Zukunft.

Es wirkt wie eine Reise durch die Elseworlds-Welten der 90er, in denen bereits Szenarien wie Batman als Pirat oder Batman als Cowboy durchgespielt wurden – mal mehr, mal weniger gelungen. Grant Morrison macht zwar vieles besser als seine Vorgänger, aber er lässt mit seinem erinnerungslosen Bruce Wayne den Helden seltsam blass durch die Zeit irren, ohne dass er Gelegenheit zum Innehalten und Nachdenken bekäme. Das ist das Problem an dieser Story: Batman wird durch die Epochen gejagt, der Ablauf ist stets gleich und damit vorhersehbar. Die jeweiligen Gefahren zwischendrin sind beliebig und spielen für das große Ganze keine Rolle, daher fehlt auch jegliche Spannung.

Der Nebenplot mit Superman und Co. verliert sich zwischendrin, bis er in einem wirren Finale endet, in dem zu viel über Zeitreisemurks gesprochen wird, Batman zum Zeitwächter (Hyper-Adapter) wird und die Titans vermöbelt, bis Bruce Wayne dank Wonder Womans Lasso endlich alle Lasten abwirft und wieder zu sich kommt.

Inszeniert wird das Spektakel mit mal interessanten, mal sehr uninspirierten Zeichnungen, so dass die schwankende Qualität dem Lesevergnügen zusätzlich Abbruch tut. Von Andy Kubert stammen lediglich die Cover.

So quält man sich durch diese einerseits simple und andererseits unnötig verkomplizierte Story, während man versucht, wenigstens den ganzen Hinweisen zu folgen, die der große Morrison darin verstreut hat und die auf sein bisheriges Werk verweisen (The Black Glove, Batman RIP und Time and the Batman). Die einen nennen es anspruchsvolle Superhelden-Story, die anderen selbstgefälliges Nerdtum.

>> Batman 2000-2011

Gefangen in der Zeitschleife

DC Comics

DC Comics

Titel: Time and the Batman (dt. Batman und die Zeit)

Autor/Zeichner: Grant Morrison/Andy Kubert, Frank Quitely, David Finch, Tony Daniel, Scott Kolins

Erschienen: 2010 (Batman #700-703), Paperback 2011; dt. Panini 2012


„Ich hoffe, ich ergebe noch Sinn.“ (Bruce Wayne)

„Alles ergibt eines Tages Sinn.“ (Dick Grayson)

Zugegeben: Als ich Batman und die Zeit zum ersten Mal gelesen habe, konnte ich nichts damit anfangen. Damals kannte ich die Vorgeschichten nicht, hatte keine Ahnung von Grant Morrisons Batman RIP und Final Crisis, also habe ich auch nicht verstanden, was dieser Nachfolgeband sollte. Jetzt bin ich zwar klüger. Aber nach dem zweiten Lesen von Time and the Batman habe ich immer noch meine Schwierigkeiten.

Das Buch erzählt drei Geschichten: Die Titelstory feiert das Jubiläum der 700. Ausgabe der Batman-Serie. Die zweite Geschichte erzählt das „fehlende Kapitel“ (missing chapter) von Batman RIP. Die dritte ist eine einfache Story, in der Batman und Robin den harmlosen Schurken Getaway Genius jagen.

Die erste, Time and the Batman, ist die größte Herausforderung. Denn hier zieht Grant Morrison mal wieder alle Register. Auf engstem Raum vereint der Autor einen Fall auf drei Zeitebenen mit drei Batmen: Bruce Wayne in der Vergangenheit, Dick Grayson in der Gegenwart und Damian Wayne in der Zukunft. Ein Wissenschaftler, der eine „Was-wäre-wenn-Maschine“ erfunden hat, wird tot aufgefunden, möglicherweise ermordet. Batman Grayson kennt ihn noch von einem früheren Fall als Robin, als er mit Bruce Gefangener einiger Schurken war. Die Auflösung des Falls habe ich nicht verstanden (irgendwas mit Zeitschleife) – aber das ist hier nebensächlich. Denn er dient nur als Aufhänger für einen Reigen an Reminiszenzen an den Batman-Mythos. Wir sehen, wie Dick einen Kranz für die Waynes in der Park Row niederlegt, wir sehen ihn Kaffee trinken und mit Robin Mutanten verhauen. Damian darf gegen eine interessante Variation von Two-Face antreten. Zum Schluss taucht sogar Batman Beyond auf – und dann noch ein paar Varianten von Zukunfts-Batmen, einfach so, weil’s so schön ist. Diese Story ist nichts als eine Hommage, die nur eine Aussage hat, dass es immer einen Batman geben wird. Die Legende lebt etc.

Diesen Gedanken setzt das „Missing Chapter“ von Batman RIP fort: Batman als Überlebenskünstler. Die zweiteilige Story erzählt im Grunde nicht viel Neues, sondern schmückt nur Bekanntes aus. Es ist sozusagen ein Bindeglied zwischen RIP und Final Crisis, mit denen es einige Überschneidungen gibt. Der Mehrwert dieses nachgereichten „fehlenden Kapitel“ besteht darin, zu erklären, was bei Darkseids Angriff mit Batman wirklich passiert ist. Batman ist nämlich, wie wir längst wissen, nur augenscheinlich gestorben. Seine Strafe besteht darin, in der Zeit umher zu irren. Damit wird die Mini-Serie The Return of Bruce Wayne (dt. Die Rückkehr von Bruce Wayne) vorbereitet.

Auch in Story drei, The Great Escape, geht es um Zeitschleifen (wenn auch nur in Form von Rückblenden): Erneut wird der Unterschied zwischen Batman Grayson und Robin Damian herausgestellt, nur dass diesmal Dick sich an seine eigene Jugend erinnert fühlt, in der er ebenso ungeduldig und aufbrausend war wie Damian es jetzt ist. Ansonsten gibt auch dieser Lückenbüßer nichts Neues her. Aber um Neues geht es in dem Band ohnehin nicht: Es ist eine einzige Schwelgerei in der Vergangenheit. Aber diese Nostalgie, gepaart mit Legendenverehrung, wird langsam öde.

Auf visueller Ebene dürfte für jeden Comicfan etwas dabei sein: Mit Andy Kubert, Frank Quietly, Tony Daniel, David Finch und Scott Kolins sind einige der besten Künstler am Werk – mit einigen beeindruckenden Seiten. Aber lesen muss man diesen Band trotzdem nicht unbedingt, außer natürlich man will kein Stück der großen Morrison-Story verpassen.

>> Batman 2000-2011

Zombie-Batman greift an

DC Comics

DC Comics

Titel: Batman and Robin Vol. 2: Batman versus Robin

Autor/Zeichner: Grant Morrison/Cameron Stewart, Andy Clarke

Erschienen: 2010 (Batman & Robin #7-12), Paperback 2010; dt. Panini 2011 (Paperback)


„Being Robin is the best thing I’ve ever done, mother.“ (Damian Wayne)

Batman-Stellvertreter Dick Grayson hat die letzte (die allerletzte?) Lazarusgrube in England aufgespürt und versucht, den Leichnam seines Mentors Bruce Wayne wiederzubeleben. Leider geht das schief. Weil Darkseid die Leiche gegen einen seiner missglückten Batman-Klone ausgetauscht hat, taucht ein ziemlich aggressiver Batman-Zombie aus der Grube auf, der aus irgendeinem Grund alles töten will, was ihm in den Weg kommt. Zum Glück ist Batman Grayson nicht allein: mit dabei hat er nicht nur Knight und Squire (Englands Batman und Robin-Abklatsch), sondern auch Batwoman, die zufällig aus einer explodierenden Kiste gesprungen kommt.

Und was ist mit Robin? Der bekommt nach seiner Querschnittslähmung, die ihm der Schurke Flamingo verpasst hat, eine neue, künstliche Wirbelsäule von Mutti Talia verpasst. Obwohl er sich danach schonen muss, kommt es zur Konfrontation mit dem Zombie-Batman, der über Wayne Manor hereinfällt. Mit Batman und Batwoman können sie das Schlimmste abwenden, aber am Ende bleibt die Gewissheit: der wahre Batman ist nicht tot, sondern bloß verschollen in der Zeit.

Fremdgesteuerter Zombie-Robin

Darum geht es im zweiten Teil des Bandes: Batman und Robin untersuchen Wayne Manor nach Hinweisen, die der alte Fuchs Bruce in der Vergangenheit hinterlassen haben könnte. Doch während Dick eine geheime Bathöhle inspiziert, dreht Damian durch und versucht ihn umzubringen. Hier wird klar, dass Talia über die künstliche Wirbelsäule ihren Sohn kontrolliert. Noch schlimmer wird es, als Deathstroke die Fernsteuerung übernimmt. Auf Zombie-Batman folgt also eine Art Zombie-Robin. Und dann kommt auch noch eine Verbrecherbande dazu, die ein Geheimnis in Wayne Manor sucht – im Auftrag des Schurken El Penitente. Ganz zu schweigen von Oberon Sexton, dem vermummten „Gravedigger“, ein mysteriöser Helfer, der sich am Ende als ein Schurke offenbart, mit dem man nicht gerechnet hat.

Mit dem zweiten Band beginnt Batman & Robin Spaß zu machen. Fans bekommen einen Kampf Batman gegen Batman und dann Batman gegen Robin geliefert, Archäologie-Mystery á la Indiana Jones, krachende Action mit Wow-Faktor, auch ein bisschen Familiendrama und noch vieles mehr, wonach man nie gefragt hat. Grant Morrison bleibt sich zwar treu, zu viele Ideen und Figuren in seine Storys zu packen und es seinen Lesern nicht leicht macht, den Überblick zu bewahren, aber wer noch den ersten Band zum Nachschlagen bereit hat, für den ergibt sich langsam das Gesamtbild. Denn obwohl zwei Geschichten erzählt werden, läuft die Rahmenhandlung im Hintergrund immer mit und tritt allmählich in den Vordergrund.

Talia al Ghuls Handeln ist immer noch so unlogisch, wie es Morrison gerade passt: Warum sie sich darüber beklagt, ihren Sohn an Batman verloren zu haben, obwohl sie ihn bei ihm ausgesetzt hat, muss man nicht verstehen. Erst recht nicht, warum sie sich so sehr um Damian bemüht, obwohl sie bereits einen Klon von ihm in der Mache hat. (Damian scheint das nicht zu stören.)

Zeichnerisch überzeugen weder Cameron Stewart noch Andy Clarke vollkommen. Beiden fehlt das gewisse Etwas, aber vor allem Clarkes sauberer Stil lässt bei den Figuren das Leben vermissen.

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Wunderritter und Dunkler Knappe

DC Comics

DC Comics

Titel: Batman & Robin Vol. 1 – Batman Reborn

Autor/Zeichner: Grant Morrison/Frank Quitely, Philip Tan

Erschienen: 2009-2010 (Batman & Robin #1-6), Paperback 2010; dt. Panini 2011 (Paperback)


„Let the punishment fit the crime.“ (Red Hood)

Das neue Dynamische Duo ist das Gegenteil des alten: Ein heiterer Batman und ein grimmiger Robin. Man könnte auch sagen: Wunderritter und Dunkler Knappe. Doch sowohl Dick Grayson als auch Damian Wayne haben eigentlich keine Lust auf den Job. Dick leidet immer noch unter der Bürde seiner Rolle und Damian akzeptiert ihn nicht als Autorität. Dennoch müssen sie als Team miteinander klarkommen und ihre ersten Abenteuer schweißen sie zusammen. In den ersten drei Ausgaben geht es gegen den Psycho-Metzger Professor Pyg, der Drogen und biologische Kampfstoffe herstellt und eine Vorliebe für Chirurgie hat. Im zweiten Teil kehrt (nach seiner Niederlage im Battle for the Cowl) Jason Todd als Red Hood zurück und versucht erneut, das Verbrechen ein für alle mal auszumerzen. Dieses mal unterstützt ihn ein Sidekick: ein entstelltes Mädchen namens Scarlet. Damit haben Batman und Robin ihr Gegenstück gefunden.

Batman und Robin geraten in Gefangenschaft und werden beinahe nackt der Öffentlichkeit präsentiert, aber wie gut, dass Damian so gut mit Knoten umgehen kann, sodass die Dramatik der Situation so schnell verflogen wie sie aufgekommen ist. Wir bekommen eine Reihe neuer Schurken präsentiert: zuerst einen Haufen Zirkusfreaks wie einen Krötenmenschen und siamesische Drillinge, dann den pinken Profikiller Flamingo, der gerne die Gesichter seiner Opfer verspeist. Abgesehen von dem vielen Blut, das bei der Metzelei fließt, geht es sehr bunt und schrill zu, aber auch zuweilen überdreht und überstürzt. Immerhin bleiben ein paar Momente, in denen Dick Grayson ein wenig über sein Dasein als Batman jammern darf und von Alfred wieder aufgemuntert wird. Ein bisschen Witz lockert das Ganze auf.

In diesem Band zeichnen Frank Quitely und Philip Tan jeweils die Hälfte. Quietlys Stil ist mit seinen vielen Runzeln und Falten der speziellere, Philip Tans Stil ist deutlich düsterer und erinnert sehr an Tony Daniel. Auffällig ist, dass die meisten Panels sich über die gesamte Seitenbreite erstrecken und untereinander angeordnet sind (vgl. Darwyn Cookes DC: The New Frontier).

Batman Reborn ist eine kurzweilige Unterhaltung, die keinen tieferen Eindruck hinterlässt. Vielleicht erklärt das den Erfolg: leichte Kost, die schnell geschluckt und schnell verdaut ist.

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Verschollen in der Zukunft, gestrandet in der Gegenwart

DC Comics

DC Comics

Titel: JLA – One Million (dt. Justice League: One Million)

Autor/Zeichner: Grant Morrison u.a./Val Semeiks u.a.

Erschienen: 1999 (Mini-Serie #1-4, Tie-ins, Paperback 1999, 2004, Omnibus 2013), dt. Dino 1999, Panini 2015 (2 Bände)


„Send me your superheroes from past, present or future. I’ll kill all of them.“ (Vandal Savage)

Gäbe es im 853. Jahrhundert noch Comichefte, würde dann wohl die einemillionste Ausgabe von Action Comics erscheinen, jene Serie, mit der Superman im Jahr 1938 gestartet ist. Natürlich gibt es in ferner Zukunft auch innerhalb des DC-Universums noch Superhelden. Sie beschützen nicht mehr nur die Erde, sondern alle Planeten des Sonnensystems, denn alle neun sind besiedelt. Ein Superheld pro Planet (nur Green Lantern fehlt, stattdessen gibt es Starman). Zusammen bilden sie die Justice Legion A. Auch Superman gibt es noch, das Original aus dem 20. Jahrhunderts. Doch der hat sich längst in seinen Ruhestand in die Sonne zurückgezogen. Weil demnächst seine Rückkehr erwartet wird, reist die Justice Legion zurück ins 20. Jahrhundert und bringt die Ur-Helden in die Zukunft, damit sie an den Festivitäten zu ihren Ehren teilnehmen können. In der Zwischenzeit passen die Zukunftshelden auf die alte Erde auf. Doch dabei geht etwas schief: Hourman, der die Zeitreise ermöglicht hat, schleppt ein Nanobot-Virus ein, das die Menschen befällt und aggressiv werden lässt. Verantwortlich dafür ist Solaris, eine intelligente Sonne mit bösen Absichten. Parallel dazu startet Vandal Savage einen atomaren Angriff, bei dem die Stadt Montevideo vernichtet wird.

Der Batman der Zukunft ist natürlich der Hüter von Pluto, einem düsteren Gefägnisplaneten. Er trägt einen ultracoolen High-Tech-Anzug und verfolgt unklare Ziele, als er den Batman der Gegenwart betäubt und gegen seinen Willen mit den anderen Helden in die Zukunft schickt. Mit Nightwing durchstreift Batman das in Trümmern liegende Gotham, während das Original in der Zukunft auf eine Roboter-Version von Robin und auf Catwoman trifft. Selbstverständlich haben auch alle klassischen Schurken ein schräges Äquivalent …

In diesem Crossover-Event ist eine Menge los, aber nicht so viel, dass man den Überblick verliert. Vielmehr erzählt Grant Morrison (Arkham Asylum, Batman and Son, Final Crisis) eine so überbordende wie stimmige, in sich runde Story voller unerhörter Wendungen. Die Zukunftsversionen der Helden wurden als gottgleiche weiterentwickelt,  die aber immer noch allzumenschlich daherkommen. Wie üblich treten die Durchhänger in den Tie-ins auf, von denen sind einige aber unverzichtbar für die Haupthandlung. Wie schon einst der Dino-Verlag bringt auch Panini alles raus, was man lesen muss, allerdings gebündelt in zwei dicken Bänden. Wer es ganz ausführlich braucht, dem sei der One Million Omnibus von DC empfohlen, darin ist jede 1.000.000-Ausgabe aller Serien enthalten.

Tod durch Überforderung

DC Comics

DC Comics

Titel: Final Crisis

Autor/Zeichner: Grant Morrison/J.G. Jones, Doug Mahnke u.a.

Erschienen: 2008 (Mini-Serie #1-7, Superman Beyond #1-2, Batman 682-683, DC Universe 0, Submit #1, Paperback 2009/2012), dt. Panini 2010


„I’m inside a self-assembling hyper-story!“ (Superman)

„This isn’t just some superhero war, some crisis.“ (Black Lightning)

Zugegeben: Großen Superhelden-Events stehe ich zwiespältig gegenüber. Einerseits hat mich das Konzept, dass alle Helden zusammenkommen, schon immer gereizt. Andererseits hat mich die Fülle an Figuren und Plots zuletzt ziemlich überfordert, genervt und gelangweilt. Trotzdem habe ich mich durchgekämpft. Durch die Crisis on Infinite Earths und auch durch die (viel leichter verdauliche) Infinite Crisis. So glaubte ich mich gut vorbereitet auf Grant Morrisons Final Crisis, die ich eigentlich nur noch lesen wollte, weil ich wusste, dass Batman darin stirbt (oder es zumindest so scheint). Aber falsch geglaubt. Denn Morrison zieht mal wieder alle Register. Alle. Und das macht Final Crisis unlesbar, wenn man nicht jeden Winkel des DC Universums kennt. „Of course, that’s the way it’s always been with DC Universe comic books: you don’t always know everything about everyone, and sometimes you miss stuff, and sometimes you only suss out later what something was really all about“, schreibt DC-Redakteur Jay Babcock in seinem Vorwort und rechtfertigt das damit, dass es in der realen Welt genau so sei. Aber selbst der Meister Morrison gesteht in seinen Memoiren, dass die Handlung „holprig, bedeutungslos und chaotisch“ sei und er „mitunter die Nerven wegschmiss“. So ging es mir beim Lesen auch.

Totale Überforderung

Wer hier durchsteigen will, sollte (bis auf die zuvor genannten Krisen) die Mega-Events 52 und Countdown to Final Crisis lesen, sowie die fünf Ergänzungsbände zur Hauptserie. Da ich dazu keine Lust hatte, habe ich auch nur die Hälfte verstanden – bestenfalls. Worum es im Kern geht: Darkseid und seine Apokolips-Schergen haben die „guten“ New Gods besiegt und sich als Menschen getarnt auf der Erde eingenistet. Von innen heraus vollziehen sie eine Invasion, überrumpeln die Superhelden oder schalten sie aus, und unterjochen die Menschheit. Parallel dazu gibt es noch eine Handlung um das Multiversum und die Monitor-Typen, einem bösen Vampir-Monitor und irgendeine Weltvernichtungsmaschine – hier habe ich den Faden völlig verloren.

Ansonsten gibt es ein Komplott im Green Lantern Corps und drei Flashs laufen einer rückwärts durch die Zeit schießenden Kugel hinterher. Darüber hinaus sieht man Steinzeitmenschen, japanische Möchtegernhelden, Tigermenschen, die auf Riesenkampfhunden reiten, und einen Haufen Supermänner aus Parallelwelten, darunter einen (vermeintlichen) Nazi-Superman sowie ein Superschwein, einen Superpudel und einen Superhasen (wtf?).

Wie Batman stirbt

Batmans „Tod“ verläuft zwar folgerichtig, indem er eine Waffe auf Darkseid abfeuert (Tod folgt auf Prinzipienbruch), aber dafür enttäuschend unspektakulär. Darkseid feuert seine Omega-Strahlen auf ihn ab und ein paar Seiten später sieht man Superman Batmans Überreste tragen (was übrigens die gelungenste Seite des Bandes ist). Naja, das hätte ich mir emotionaler gewünscht. (Die Todessequenz erinnert an Morrisons Story Stein der Äonen/Rock of Ages in JLA #14, 1998, dt. Dino Verlag.) Aber schon am Ende wird angedeutet, dass Batman nicht wirklich tot ist, sondern bloß (warum auch immer) in der Steinzeit gelandet ist. (Abgesehen davon ist mir nicht klar geworden, wie Batman aus seiner Gefangenschaft entkommen konnte, aber egal, er ist halt Batman.) Zwei Tie-ins zeigen, wie er in Darkseids Gefangenschaft sein Leben noch einmal durchlebt, weil seine Erinnerungen gestohlen und ihm neue eingesetzt werden.

Diese Binnen-Story ist auch in Batman R.I.P. enthalten. Wegen der paar wenigen Seiten, in denen Batman in Action gezeigt wird, lohnt die Lektüre von Final Crisis jedenfalls nicht. Und auch sonst hat es Morrison mit seiner Überbietungspraxis ziemlich übertrieben: zu viele Figuren und zu viel Handlung auf zu wenig Raum, zu sprunghaft erzählt. Comics sollten Spaß machen und keine Qual sein, aber bis auf die Zeichnungen von J.G. Jones und Dough Mahnke hatte ich kaum Freude an diesem Ungetüm von einem Buch. Für mich jedenfalls sind Crossover erstmal erledigt.

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