Filmkritik: „The Batman“

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„No More Lies“: Batman-Werbung in Berlin. (Foto: LG)

HINWEIS vorab: Diese Kritik setzt voraus, dass man den Film „The Batman“ gesehen hat, und verrät einige Details zur Handlung. Die betreffenden Absätze sind mit einer Spoiler-Warnung versehen. Wer nur wissen will, worum es grob geht und ob sich das Schauen lohnt, sollte nur Anfang und Ende des Textes lesen.

Ein Film, der sich „The Batman“ nennt, macht bereits zwei Aussagen. Erstens: Zurück zum Ursprung, denn der Dunkle Ritter hatte anfangs noch den bestimmten Artikel (und sogar noch einen Bindestrich). Zweitens: Das ist der wahre Batman.

Zurück zum Ursprung bedeutet hier kein Origin, denn Matt Reeves verschont sein Publikum dankenswerterweise mit der Entstehungsgeschichte, sondern zurück zum düsteren Rächer, der irgendwo zwischen Verbrechen und Gesetz steht. Aber ist „The Batman“ auch wirklich „THE Batman“?

Die Messlatte, die Christopher Nolan mit seiner Dark-Knight-Trilogie gelegt hat, ist hoch. Auch wenn der dritte Teil deutlich schwächer war als die ersten beiden, hat Nolan es geschafft, einen Realismus und eine Bodenständigkeit und Glaubwürdigkeit in den Mythos zu bringen. Zack Snyders Batman war mit seinem hohen Alter und in seiner Brachialität eher eine Liga für sich, um es mit Superwesen aufzunehmen.

Matt Reeves greift auf, was Nolan begonnen hat, und steigert es. Sein Gotham ist zutiefst korrupt. Auch nach zwei Jahren im Einsatz konnte Batman nichts dagegen ausrichten – es ist alles nur schlimmer geworden: Die Verbrechensrate steigt. Batman hat sich zwar seinen Ruf erarbeitet, aber bei der Polizei vertraut man ihm noch nicht, nur in James Gordon hat er einen Fürsprecher, auch wenn dieser sein Batsignal lieber nicht auf dem Polizeigebäude aufstellt.

An Halloween wird der Bürgermeister brutal ermordet, am Tatort bleibt eine rätselhafte Nachricht an Batman zurück. Der Riddler hat zugeschlagen. „No more lies“ ist sein Motto und er hat es auf die abgesehen, die in Gotham das Sagen haben. Es beginnt eine Schnitzeljagd, die Batman in Gothams Unterwelt führt, zum Pinguin und zu Selina Kyle, die beide für Kingpin Carmine Falcone arbeiten. Selina hilft ihm als (inoffizielle) Catwoman, die persönlich mit Falcone verbunden ist. Doch dann führt die Spur auch zur Familiengeschichte der Waynes …

ACHTUNG SPOILER!

Was zunächst auffällt: Die Story erinnert stark an The Dark Knight. Auch wenn der Joker nur Chaos stiften wollte, entlarvte er ebenfalls die Korruption der Stadt. Der Riddler ist ebenfalls stets einen Schritt voraus und am Ende lässt er sich sogar fangen, nur um dabei zuzusehen, wie seine Nachahmer sein Werk vollenden. Leider ist damit die Luft raus, was den Riddler als Gegner angeht, dafür ist sein Vorbildcharakter für sich radikalisierende Internettrolle ein Kommentar zur heutigen Zeit, in der aufgehetzte Rechtsradikale Hassverbrechen begehen oder Orte der Demokratie stürmen. Batman wird zum Korrektiv dieses Irrsinns, zu dem er selbst inspiriert.

Batman mit Wingsuit

Robert Pattinson spielt einen Bruce Wayne, der besessen ist von seiner Batman-Rolle und jegliches zivile Leben vernachlässigt. Sein Familienunternehmen ist ihm egal, unterm Wayne Tower liegt seine Batcave. Sein Kostüm, sein Batmobil, seine Gadgets wirken selbstgemacht, und es läuft längst nicht alles perfekt. Wenn er auf der Flucht vor der Polizei vom Dach springen will, zögert er und bläst sich dann einen Wingsuit auf. Das grenzt an Lächerlichkeit, lässt mehr an Flughörnchen als an Fledermaus denken, endet dann aber mit einem schmerzhaften Aufprall und hat dann doch etwas Sympathisches. Dieser Batman muss sich noch finden.

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Poster zu „The Batman“ (Ausschnitt) (Warner Bros.)

Es tut dem Film gut, dass er uns auch seine Schurken nicht als fertige Produkte präsentiert, sondern als Work-in-Progress. Der Riddler wirkt mit seinen Basteleien wie ein Do-it-yourself-Freund, der Pinguin ist einfach nur ein schmieriger Gangster mit Hakennase, der nur gefesselt zum Watscheln gebracht wird, und wie auch schon bei Nolan wird die „Catwoman“ nur angedeutet, auch wenn ihre Katzenliebe Pfeiffer’sche Züge annimmt und ihre Krallen etwas übertrieben lang sind. Zwar hat Zoe Kravitz das nötige Charisma, doch mit ihrer kleinen und zierlichen Statur nicht die physische Präsenz, um je bedrohlich zu wirken. Dafür sind Andy Serkis als Alfred und Jeffrey Wright als Gordon die eigentliche Traumbesetzung dieses Films.

Detektivstory mit Comiczitaten

The Batman erzählt zum ersten Mal eine richtige Detektiv-Geschichte für den Helden auf der Leinwand. Er bedient sich bei The Long Halloween und noch stärker bei Batman Earth One Vol. 2. Der Riddler kommt dank Paul Dano zum ersten Mal zu einem würdigen, unheimlichen Kino-Auftritt, der Jim Carrey vergessen lässt. Zwar ist Batman ziemlich fit im Rätselknacken, aber leider hat das überhaupt keinen Effekt auf die Handlung – alles vom Riddler geplante passiert trotzdem, meist ohne dass Batman die Möglichkeit hat es zu verhindern. Die Auflösung am Ende muss ihm dann doch auf dem Präsentierteller gereicht werden. Batman wird nur im physischen Kampf relevant.

Filmisch weist The Batman Parallelen zu David Finchers Sieben und Zodiac auf, damit trifft er einen düsteren Neo-Noir-Stil und pessimistischen Ton, der hervorragend zu Batman passt. Leider bleibt dabei der Humor meist auf der Strecke. Auch mit Action wird gespart, was nicht verkehrt ist angesichts heutiger Effektorgien. Doch die wenigen Actionsequenzen, wie etwa eine Autoverfolgungsjagd, sind selten einfallsreich oder spannend. Die schönste Szene ist vielleicht die, in der Batman bei völliger Dunkelheit bewaffnete Gegner ausschaltet und nur für kurze Momente das Licht der Maschinenpistolen aufflackert.

In seinen ruhigen Momenten wirkt der Film manchmal etwas zu behäbig. Bis ein Umschlag endlich geöffnet wird, kann es quälend lang dauern; hier hätte man ohne Verluste straffen können. Auch am Ende braucht es keine drei Epiloge und einer langen Abschiedsfahrt über den Friedhof.

Skurril wirkt auch ein musikalischer Moment: So beeindruckend und eindringlich die minimalistische Main Theme von Michael Giacchino auch ist: Wenn er im finalen Kampf plötzlich Neal Heftis Batman-Theme von 1966 zitiert, sorgt das für Irritation. Statt mitzufiebern, fühlt man sich an Adam Wests lächerliche Kampfszenen erinnert. Hier wird die Spannung einer leeren Hommage geopfert.

ACHTUNG SPOILER!

The Batman vollbringt das Kunststück, mit dem Riddler- und dem Selina-Plot zwei Geschichten zu erzählen, die miteinander verknüpft sind und sich nicht in die Quere kommen. Trotzdem fühlt es sich an, als hätte der Film – wie The Dark Knight – zwei Enden: Nach dem emotionalen Höhepunkt mit Carmine Falcone und Catwoman geht er weiter, um die Riddler-Handlung abzuschließen. Riddler landet (seltsamerweise sofort) in Arkham, dann wird Gotham sogar zum Katastrophengebiet, das ansatzweise an Niemandsland bzw. Zero Year erinnert, aber keinen tieferen Mehrwert als einen symbolischen hat: Gotham wird durch die (Sint)Flut reingewaschen für einen Neuanfang. Batman wird zum Katastrophenhelfer.

Andere Plot Points wirken forciert, etwa wenn sich Figuren etwas dumm anstellen: James Gordon steckt zum Beispiel einen USB-Stick des Riddlers in seinen Laptop, als hätte er noch nie etwas von Malware gehört und was natürlich Folgen hat. Als Batman später weiß, dass in Sekunden eine Bombe hochgehen wird, bleibt er in der Nähe statt Deckung zu suchen (und wird dann nur weggeschleudert und bewusstlos). Ähnlich naiv stellt sich später Alfred an, als er einen Umschlag öffnet, der offensichtlich vom Riddler an Bruce Wayne ist und ebenfalls tödlichen Inhalts ist. Hier hätte man sich ein smarteres Skript gewünscht.

Fazit

The Batman hinterlässt einen gemischten Eindruck: Einerseits ist er ein Film, der vieles richtig macht, was den Stil, Stimmung und Besetzung angeht. Vor allem wird er den besten Comics gerecht. Trotz seiner vielen Figuren wirkt der Film nie überfrachtet und hält mit seiner stolzen Laufzeit von drei Stunden meist gut bei Laune. Damit ist er sicher der beste Batman-Film seit The Dark Knight – was angesichts von The Dark Knight Rises und Zack Snyders Rohrkrepierern nicht zu schwer ist.

Andererseits kränkelt The Batman an einem Mangel an frischen Ideen und Szenen, die in Erinnerung bleiben werden. Der Film ist leider nicht so intelligent und spannend, wie er es gern wäre.

Ist es eine Superhelden- oder gar Batman-Müdigkeit, die sich einstellt? Hat man schon zu viel gesehen und lässt sich nicht mehr so leicht beeindrucken? Oder werden einfach zu viele Filme dieses Kalibers gedreht? Vielleicht alles zusammen.

Um fair zu sein: Dieser Batman-Film ist keine Sensation, aber er ist okay. Mehr kann man wohl nicht erwarten.

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12 Kommentare

  1. Oh, ich hätte hier mit einer wohlwollenderen Kritik gerechnet! Vielleicht hast Du zuviel Batman Wissen angesammelt um das richtig genießen zu können?

    Klar, gibt es Script Schwächen, aber die gab es auch im Dark Knight.
    Gibt es die nicht immer?

    Ich hoffe, dass dies der erste Film von mehreren wird, dieser Batman großes Entwicklungspotential…. Und das man irgendwann sagt, dass dies der schwächste Teil der Reihe war.

    Gefällt mir

  2. Aktuelles und sehr spannendes Thema !!!
    Ich muss sagen der Film ist besser, als ich im Vorfeld erwartet hatte. Nach Bekanntgabe des Regisseurs und der Sichtung der ersten bewegten Aufnahmen war ich sehr skeptisch. Was bei mir aber nicht weiter verwunderlich ist, da ich zuallererst ein Fan der Comics vom Dunklen Ritter bin, die Filme sind maximal eine tolle Zugabe, da mich bisher noch kein einziger Batman Film wirklich vollends überzeugt hat.
    Jetzt habe ich „The Batman“ zum zweiten Mal gesehen, aufgrund terminlicher Schwierigkeiten allerdings beide Male mit deutscher Tonspur. Ich muss sagen Lukas, Harald, ich finde mich mit meiner Meinung irgendwo zwischen euch beiden.
    Wie zu erwarten war, ist das Rad in „The Batman“ nicht neu erfunden worden. Pattinson ist genial in seiner Darstellung und auch mit dem neuen Alfred kann ich gut leben bis auf die Tatsache, dass dieser definitiv zu wenig screentime hatte. Logisch, die Figuren wirken hier und da fahrig und naiv, teilweise sogar ein wenig unbeholfen. Aber das ist Teil des Plans bei Matt Reeves „Year two“, das ist volle Absicht: Batman als Flughörnchen (einfach grauenhaft und zugleich urkomisch, dieser Anblick), ein blauäugiger Alfred, der eine Briefbombe erst erkennt, als sie ihn schon in den Hintern beißt…Bruce am Anfang seiner Karriere, der aus Riddlers Puzzles nicht schlau wird, bis es letztlich zu spät ist, das sind allesamt menschliche Schwächen und nachvollziehbare Fehltritte. Thomas und Martha Wayne werden hier im Film erstmals auch nicht als heilige, unfehlbare Gutmanschen beschrieben, sondern als…Menschen. Martha kommt auch nicht aus dem Hause „Kane“, wie in den Comics, sondern ist eine geborene „Arkham“; auch eine interessante Einzelheit, die in zukünftigen Fortsetzungen noch für einige Überraschungen sorgen könnte.
    Colin Farrel ist einer meiner Lieblings Schauspieler; ich habe übrigens meinen Sohn nach ihm benannt, weil ich den Namen „Colin“ einfach nur genial finde und naja…den Darsteller mag *lol*
    Hätte ich nicht gewusst, dass er das ist unter all der Maskerade, ich hätte ihn definitiv nicht erkannt. Trotz gewohnt ausgezeichnet charismatischen Spiels…ich mag diesen Pinguin!
    Der Riddler hingegen war meiner Meinung nach daneben. Genialer Darsteller, genialer Schurke, aber eben nicht der Riddler. Vielleicht liegt es aber auch einfach nur an der dämlichen Maske, mit der werde ich einfach nicht warm.
    Den Joker hätte man sich ebenso sparen können, frühe Version hin, oder her. Der gehört hier und jetzt noch nicht dahin, Punkt. Lady Kravitz hat keine wirkliche Mimik, für eine eiskalte Catwoman reicht es aber zum Glück. Einer der Höhepunkte des Films war für mich John Turturro, a.k.a. Carmine Falcone. Dieser Darsteller überrascht mich in seiner darstellerischen Bandbreite immer wieder, jede Rolle, die dieser Mann spielt, füllt er aus egal ob Comedy, Drama oder Action. Respekt!
    Der Anzug: Ein Reizthema bei mir…in wirklich allen, allen, allen Filmen. Mein ultimate Costume ist ja noch immer der suit aus „Batman: Dead End“, also quasi der Adam West Anzug in „cool“ 😉 Mir ist natürlich bewusst, dass man das in einem feature film nicht 1:1 umsetzen kann. Aber muss man Batman deswegen gleich zu „Robocop“ machen? Ich meine…ehe man ihn im Film das erste Mal sieht, stapft er daher megalaut daher wie Alex Murphy und ist auch ebenso kugelsicher, selbst wenn man aus nächster Nähe mit ’ner automatischen Maschinenpistole auf ihn ballert. Witzig, dass wieder einmal niemand auf die Idee, kommt, auf seinen Kopf zu zielen. Das Cape ist auch gefühlt 10-15cm zu kurz (es kommt sehr wohl auf die Länge an!), ansonsten kann ich aber gut mit dem Outfit leben. Für year two jedenfalls.
    Last but not least: The Batmobile! Die Inkarnation davor aus den Snyder Filmen war bei mir ja schon bei den ersten Promo-Bildern unten durch, wegen des Geschützes auf der Motor-Haube des „Baller“-Batman“ Ben Affleck. Schrecklich! Was habe ich gejubelt, als die Karre gegen Ende von „Justice League“ endlich das Zeitliche gesegnet hat. „Punisher Batman Car“ R.I.P. *sigh*
    Das neue, „erste“ Batmobil ist ein rollender Alptraum für eine jedwede arme Seele, auf die es ihr Fahrer abgesehen hat: Ein schwarzer, rasender, metallgewordener Alptraum mit donnerndem Motor und imposantem Flammenspiel. Ein wahrer Höhepunkt dieses Filmes für mich, der ich ironischerweise mit Autos so gar nichts am Hut habe, das einzige Auto, das mich wirklich interessiert, war, ist und bleibt Batman’s ride. Blöd nur, dass die „Garage“ unterhalb des Wayne Towers liegt und nicht unter dem altehrwürdigen „Wayne Manor“ (existiert das in dieser Version von Batman überhaupt?)
    Naja bei dem „doppelten Finale“ (Falcone/ Riddler) und dem überflüssigen und in die Länge gezogenen Gegurke über den Friedhof am Ende kann ich Lukas nur beipflichten.
    Alles in allem kann mich der Film mehr überzeigen wie „Batman & Robin“ und „The Dark Knight Rises“. Ich werde mir den Streifen definitiv für’s Heimkino holen und bin gespannt, was Matt Reeves & Co. für die Fortsetzung bereit halten 🙂

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