Das Vorbild für den Joker: „The Man Who Laughs“

DC Comics/Universal Pictures

Der Joker mag als Figur eine rätselhafte Gestalt mit unbekannten Ursprüngen sein, doch aus dem Nichts kommt sie nicht. Und wer auch immer sie sich ausgedacht hat – Bob Kane, Bill Finger oder Jerry Robinson – die Inspiration stammt aus dem Film The Man Who Laughs (1928, dt. Der Mann, der lacht). Darin spielt der deutsche Schauspieler Conrad Veidt die dauergrinsende Hauptfigur Gwynplaine.

Die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Victor Hugo (bzw. dt. „Der lachende Mann“, 1869) spielt 1690. Ein Edelmann namens Clancharlie beleidigt König James II. und wird zum Tode durch die Eiserne Jungfrau verurteilt. Außerdem lässt der König den Mund des Kindes Gwynplaine zu einem Grinsen umoperieren, um dadurch ein Leben lang den toten Vater zu verspotten.

Gwynplaine wird von Ursus aufgenommen, der eine Wanderbühne betreibt. Als Erwachsener tritt Gwynplaine als „The Man Who Laughs“ in Stücken auf, wobei er vor allem als Attraktion im Sinne Freakshow vorgeführt wird und die Menschen allein über sein Gesicht lachen. Gwynplaine leidet darunter, nur ein Clown zu sein, und hat Komplexe. Die blinde Dea, mit der er aufgewachsen ist, will ihn heiraten, doch er hält sich wegen seiner Entstellung für unwürdig. Später soll er in die Heirat mit einer Herzogin gedrängt werden, die sich von ihm angezogen fühlt – darum dreht sich dann die zweite Hälfte des Films. (ACHTUNG SPOILER!) Gwynplaine entscheidet sich am Ende dagegen und flieht mit seiner geliebten Dea auf einem Schiff.

Gwynplaine bringt die Menschen zum Lachen.

Auch wenn der expressionistische Film von Paul Leni einige beeindruckende Einstellungen und moderne Kamerafahrten enthält, ist er für heutige Verhältnisse nur etwas für Stummfilmliebhaber: ein zähes Vergnügen mit Tendenz zur Sentimentalität.

Interessant ist aber die Parallele zu Batmans Joker und zugleich der Unterschied: Gwynplaine ist ebenfalls ein Clown, der in einer Art Zirkus heimisch ist, auch er malt sich dafür das Gesicht weiß an. In einer der bewegendsten Szenen formuliert es sein Kollege so: Gwynplaine habe es gut, er müsse sich das Lachen nicht aus dem Gesicht wischen. Gwynplaines Gesichtsausdruck sagt in dieser Szene alles. Conrad Veidt erweist sich als großartiger Schauspieler, es dürfte nicht leicht sein, Traurigkeit mit einem Dauergrinsen im Gesicht darzustellen.

Vorbild Hofnarr

Gerade am Anfang sah der Joker mit seinem zurückgekämmten Haar sehr wie Veidt aus. Anders als der Joker ist Gwynplaine ein gutmütiger Mensch, der niemandem schaden will. Der mörderische Joker pervertiert also sein Vorbild, das ein tragisches Opfer der Umstände ist. Vielmehr ähnelt er dem bösen Hofnarr Barkilphedro aus dem FIlm. Dieser deutet an Anfang mit einer sadistischen Lust das Schicksal des jungen Gwynplaine an, indem er mit den Fingern eine Grimasse zieht. In gewisser Weise ist der Joker also eine Kreuzung zwischen Gwynplaine und Barkilphedro.

Falsches Grinsen: Hofnarr Barkilphedro in „The Man Who Laughs“.

Der Zirkus, der Rummelplatz, das Clowntum – all das werden wiederkehrende Motive in Joker-Storys. 2005 erscheint dann mit The Man Who Laughs eine Neuerzählung von Batman #1, dessen Titel den Film zitiert.

DC Comics

Das chirurgisch beigebrachte Grinsen wurde immer wieder wieder aufgegriffen: In den Comics wie Gotham Noir von Ed Brubaker und Sean Phillips sowie in Joker von Brian Azzarello und Lee Bermejo, aber auch im Film The Dark Knight (2008) mit Heath Ledgers Joker-Version, auch wenn in diesen Fällen die Narben das „Glasgow-Smile“ bildeten.

Wenn man bei The Man Who Laughs genau hinschaut, findet man noch andere Echos des Stummfilms, wie etwa eine Clownsmaske im Hintergrund, die stark an die Maske erinnert, die der Heath Ledger am Anfang beim Bankraub trägt.

Zufall? Die Clownsmaske im Hintergrund erinnert an die Joker-Maske aus „The Dark Knight“.

Und einer der Clowns aus The Man Who Laughs trägt ein ähnliches Make-up wie Joaquin Phoenix am Ende des Films Joker.

Der Clown links erinnert an Joaquin Phoenix in „Joker“.

Wahrscheinlich sind das nur Zufälle. Mit Absicht ist jedoch der jüngste Film-Joker an Gwynplaine angelehnt. Im Film The Batman hat der Proto-Joker von Barry Keoghan ein Gesicht, das laut Regisseur Matt Reeves von Geburt an durch eine Krankheit entstellt ist. Damit wird der Joker weiter Richtung Freakshow gerückt – und zurück zu seinem geistigen Ursprung aus The Man Who Laughs.

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2 Kommentare

  1. „Außerdem lässt der König den Mund des Kindes Gwynplaine zu einem Grinsen umoperieren, um dadurch ein Leben lang den toten Vater zu verspotten…“

    Wow, das hat ja schon richtig Horrorqualität. Echt gruselig!
    Den heutigen gnadenlos gefährlichen Psychopathen-Joker könnte man dann wohl dementsprechend auch als Mischung aus diesem König und dem lachenden Mann interpretieren. Täter und Opfer in einer Person … Wobei ich jetzt nicht wirklich glaube, dass Finger und Kane sich damals schon den Joker als einen solchen Super-Psychopathen zu Ende gedacht hatten. Er wird sich wohl eher erst, sehr viel später, Schritt für Schritt in diese Richtung entwickelt haben. Aber ich kenne diese ganz alten Detective Comics, aus den Anfangstagen, praktisch auch überhaupt nicht. (Man muss dazu wohl auch eher eine sehr spezielle Passion haben, um selbst heute noch am Golden Age Gefallen finden zu können – ähnlich wie ja auch an der Stummfilmära.)

    Der Film klingt auf jeden Fall super interessant. Aber ja, mit so einem alten Stummfilm-Schinken würde ich mich heute wohl extrem schwer tun. Also ich schaue ja durchaus gerne Klassiker, aber bei den ganz alten Sachen können mich heute allenfalls noch die ganz großen Meisterwerke begeistern (etwa „Der General“ von Buster Keaton).
    Aber das Buch werde ich auf jeden Fall mal auf meine Liste setzen. Hugo war ohnehin einer der ganz Großen – ein Humanist ohnegleichen, mit einem riesengroßen Herzen für die vom Schicksal Gemarterten. Habe mir auch kürzlich erst seinen „Glöckner von Notre-Dame“ zugelegt. 🙂

    Ach ja, fast vergessen: Ein wirklich toller und interessanter Artikel!

    Gefällt 1 Person

  2. Vielen Dank für diesen informativen und lehrreichen Artikel! Ich wusste bisher gar nichts über diesen Film, hatte nur in Verweisen immer wieder davon gelesen.
    „Joker“ mit Joaquin Phoenix mochte ich nicht, hab ihn nur wegen der tollen Charakterdarsteller angeschaut, aber die geplante Fortsetzung werde ich mir definitiv nicht mhr geben. Auf die Entwicklung des neuen Joker in Matt Reeves Batman hingegen bin ich schon sehr gespannt!

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