Dunkler Ritter im Ruhestand

Warner Bros.

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Titel: The Dark Knight Rises

Regie/Drehbuch: Christopher Nolan/Christopher Nolan, Jonathan Nolan

Erschienen: 2012


 „A hero can be anyone. Even a man doing something as simple and reassuring as putting a coat around a young boy’s shoulders to let him know that the world hadn’t ended.“ (Batman)

Keine  Frage: Man muss Christopher Nolan dankbar sein. Mit seiner Batman-Trilogie hat er das Superhelden-Genre mit neuerfunden. Durch ihn wurde der maskierte Rächer endlich glaubwürdig: Seine Motivation, sein Kostüm, seine Hilfsmittel – alles ist so plausibel gemacht, wie es eben möglich ist. War der erste Teil ein gelungener Auftakt mit kleineren Schwächen, wurden im zweiten Teil alle Register gezogen. Vor allem die Figur des Jokers beherrschte den Film. Es war klar, dass dieser Film schwer zu überbieten sein würde.

Das wäre für den Abschluss der Serie auch zu viel verlangt gewesen. Gereicht hätte ein schlüssiges Ende. Und zunächst scheint es auch so zu sein: The Dark Knight Rises knüpft an den zweiten Teil an und schlägt den Bogen zurück zum Anfang. Noch immer wird Harvey Dent als Held gefeiert, Batman hat sich zurückgezogen, die Gesellschaft der Schatten kehrt zurück, um ihr Werk an Gotham City zu vollenden. Es gibt sogar Gastauftritte von Ra’s al Ghul und Scarecrow, dazu ein paar neue Charaktere wie Catwoman und eben den Schurken Bane.

Mann mit Maske, aber ohne Gesicht

Verglichen mit dem Joker ist Bane ein ganz anderes Kaliber. Beide wollen zwar Anarchie und Zerstörung, doch sind sie grundverschieden. Während der Joker ein Niemand aus dem Nichts ist, ein ungreifbares Etwas, das auf nichts Konkretes hinaus will, ist Bane der unerbittliche Fels in der Brandung, der aber doch, so zeigt die Vorgeschichte, einen weichen Kern hat. War der Joker die identitätslose geschminkte Fratze, ist Bane der Mann mit der Maske, aber ohne Gesicht.

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Es stellt kein Problem dar, dass der Film sich nur lose an die Comics hält und Bane Batman nicht das Rückgrat bricht, sondern nur einen Rückenwirbel ausrenkt. Das ist der Zeitökonomie des Films geschuldet. Ein Problem ist aber, dass Banes Charakter zu oberflächlich bleibt. Seine Motivation bleibt schwammig bis unlogisch. Warum stürzt er Gotham in die Anarchie, warum lässt er über die Reichen richten, wenn er ohnehin die Stadt in die Luft jagen will? Warum werden die Verbrecher aus dem Gefängnis gelassen, wenn doch zuvor für sie keine Gnade galt? Warum werden die Verbrecher ebenso wie Unschuldige getötet? Warum ist die Zerstörung der Stadt überhaupt noch notwendig, wenn doch das organisierte Verbrechen so gut wie eliminiert ist? Warum diese sozialrevolutionäre Programmatik, wenn die Gesellschaft der Schatten doch nur das Böse bekämpfen will? (Unschlüssig bleibt auch Bruce Waynes Partnerwahl: Zunächst scheint er sich in Miranda Tate zu verlieben, am Ende ist er mit Selina Kyle (Catwoman) zusammen, was völlig aus dem Nichts kommt.)

Der Film will zuviel

All diese Fragen bleiben offen. Auch Batmans Auseinandersetzung mit Bane bleibt oberflächlich: Eine Prügelei in der Mitte, eine am Ende, und den Kampf entscheidet Catwoman als deus ex machina. Ein schwacher Abgang des Schurken, ein schwacher Triumph des Helden – und das ganze auch noch bei Tageslicht, wo doch die Dunkelheit der Nacht bisher Batmans Element gewesen ist, aber selbst die darf Bane zuvor für nichtig erklären. Vielleicht kommt die Oberflächlichkeit daher, dass der Film zu viel erzählen will: Zu viel Story, zu viele Charaktere,  darunter zu viele neue, worunter wiederum jeder einzelne Charakter leidet, weil er zu kurz kommt. Vor allem Batman.

Nolan ist mit seinem Helden sehr rabiat umgegangen: Kaum, dass er im ersten Teil seine Karriere begonnen hatte, wurde sein Haus zerstört. Schon im zweiten Teil wurde Batman, gerade einmal ein Jahr im Amt, mit dem Joker zur Verzweiflung gebracht. Batman verlor seine große Jugendliebe und stürzte in der öffentlichen Wahrnehmung vom Helden zum Schurken ab. Im dritten Teil sind acht Jahre vergangen, Batman ist, da überflüssig geworden, in Vorruhestand gegangen und Bruce Wayne vegetiert als gehbehinderter Einsiedler vor sich hin. Und kaum, dass er wegen des neu aufkeimenden Verbrechens zurückkehrt, wird er (erneut!) zum Krüppel gemacht und in die Verbannung geschickt, wo er zunächst zu sich selbst finden muss und dabei bei Null anfängt. Schließlich kehrt er zurück, nur um seine letzte Mission zu erfüllen und sich wieder überflüssig zu machen. Kaum dass er wieder da ist, stirbt er offiziell und zieht sich aus dem öffentlichen Leben zurück.

Batman kommt bei Nolan zu kurz

Von Batman bleibt nicht viel: Zwar hat er drei Filme mit über sieben Stunden Erzählzeit, aber nur eine sehr kurze erzählten Zeit, in der Batman immer weniger eine Rolle spielt. Einerseits tut Charaktertiefe der Figur Bruce Wayne gut, andererseits ist es schade für einen Film, dass sich der Held so rar macht, wenn es doch immerhin um ihn geht. Batman kommt bei Nolan zu kurz. Er ist nicht der smarte Detektiv der Comics, selten muss er seinen Verstand einsetzen, meistens sind es Muskeln, Waffen – und die vielbeschworene Theatralik und Täuschung. Batman soll ein Symbol sein, doch für die Begründung seines Mythos tut er zu wenig. Das Bestreben, ihn von Anfang an glaubwürdig zu machen und in der Realität zu verankern, ist so stark, dass es ihn zu klein erscheinen lässt.

Am Ende werden Batman und Wayne, Held und Person, Mythos und Mensch, voneinander getrennt: Batman stirbt für die Öffentlichkeit, wird  zur Legende und dem Symbol, das er werden sollte, der Mensch aber fängt ein neues Leben in der Ferne an. Was wie der perfekte Kompromiss erscheint, ist eigentlich inkonsequent: Nolan traut sich nicht, seinen Helden sich wirklich für sein Ideal opfern zu lassen. Und mit der Figur des Blake, der als „Robin“ das Erbe von Batman antritt, ist die Hintertür für eine Nachfolge und eine Fortsetzung geöffnet, was wiederum ein Eingeständnis ist, dass Batman doch nicht überflüssig geworden ist, sondern wieder nötig werden könnte. Ist ja auch klar: Das Verbrechen lässt sich nicht besiegen, aber warum Batman dann überhaupt in Ruhestand geht, ist dadurch fraglich.

Aufstieg aus dem Abgrund der Angst

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The Dark Knight Rises will zwar viel, bietet aber von allem zu wenig: Zu wenig neue Ideen, zu wenig Tiefe, zu wenig Dunkelheit, zu wenig Humor. Das Drama ist überladen mit zu vielen Schicksalsschlägen wie dem Verlust Alfreds und der Anarchie in Gotham, wobei davon kaum etwas zu sehen ist. Die Action ist reine Routine, echte Spannung nach dem Motto „Wie will er das jetzt schaffen?“ kommt kaum auf. Zu einfach vollzieht sich der Showdown. Gemessen an seinen Vorgängern ist der dritte Teil nur Durchschnittsware, durchaus immer noch auf hohem handwerklichen Niveau, aber ohne die gleiche Kreativität. Allein der Aufstieg aus dem tunnelartigen Gefängnis ist als Symbol gelungen – weil er eine Analogie zum Sturz in den Brunnen aus Batman Begins bildet und damit das alte Thema Angst und ihre Überwindung wieder aufgreift (wobei dahingestellt sei, ob es von Furcht oder Furchtlosigkeit zeugt, ob man zum Klettern ein Seil zum Klettern benutzt). Das Innovativste an diesem Film ist allerdings ein Detail an Catwomans Kostüm: Wenn sie ihre Brille hochklappt, deuten sich damit Katzenohren an – eleganter hätte man das nicht lösen können.

In der Gesamtschau bleibt von der Trilogie ein Gefühl des Unbefriedigten zurück. Die Brechung des Helden ist zu weit getrieben worden. Zu oft ist er gedemütigt, an seine Grenzen getrieben und besiegt worden, zu sehr hat er in Selbstmitleid baden müssen, zu viel ist ihm genommen worden: Neben seinen Eltern auch sein Haus, seine Jugendliebe, seine Prinzipien, der Schutz der Dunkelheit, sein Vaterersatz, seine Furcht wie seine Furchtlosigkeit. Was bleibt von diesem Batman übrig? Ein Trümmerfeld.

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