Batman-Splitter #7: Harley Quinn

Harley Quinn 1992

Harley Quinns erster Auftritt in Batman TAS (1992) (Warner Bros.)

Die junge Blondine trägt eine Polizei-Uniform. Aber zusammen mit dem Joker hat sie gerade eine Bombe bei einer Polizeiveranstaltung gelegt. Als Batman sie stellt, hat er leichtes Spiel mit ihr: „Ich weiß, was Sie denken“, sagt sie. „So ein Jammer. Wie konnte so ein junges unschuldiges Ding wie Sie nur in so schlechte Gesellschaft geraten?“ Kurz darauf greift sie zu einem Messer, doch da packt Batman auch schon ihre Hand und sie lässt das Messer fallen. Als sie dann allein in Handschellen dasitzt sagt sie zu sich: „Oje! Hätte vielleicht doch lieber auf die Kosmetikschule gehen sollen.“

Harley Quinn 1992

Beruf verfehlt: Harley Quinn 1992 (Warner Bros.)

So verläuft die erste Begegnung zwischen Batman und Harley Quinn, der Freundin und dem Sidekick des Jokers. Das war 1992 in der The Animated Series-Episode „Joker’s Favor“ (S01E22). Harley wird nicht erklärt, sie ist einfach da: In ihrem schwarz-roten Narrenkostüm, ihrem Herren loyal ergeben, lacht sie über seine schlechten Witze. Eine Szene hat sie in dieser Gestalt, eine andere als falsche Polizistin. Doch sie soll noch einige Auftritte in der Serie bekommen. Wer sie wirklich ist, erfährt man erst zwei Jahre später.

Nachdem sie 1993 auch in der Comic-Serie Batman Adventures eingeführt wurde, bekommt Harley Quinn im Jahr 1994 eine Vorgeschichte: Mad Love. Darin ist Harleen Frances Quinzel zunächst eine Psychiaterin, die sich ihren Weg nach oben geschlafen hat, bis sie in Arkham Asylum auf den Joker trifft. Sie fällt auf seinen Charme und seine Lügengeschichten über seine schlimme Kindheit herein (dieses Multiple-Choice-Prinzip wurde im Film The Dark Knight aufgegriffen) und verbündet sich mit ihm, indem sie sich ein Clownskostüm und sich die neue Persönlichkeit, Harley Quinn, zulegt. Die Psychiaterin verfällt dem Psycho.

Aber dieses Comic ist mehr als nur ein Origin. Denn interessant wird es erst, als ein Dritter die Beziehung auf die Probe stellt: Batman. Mad Love beschreibt eine gestörte Dreiecksbeziehung. Harley gibt sich Joker bedingungslos hin, in masochistischer Selbstaufgabe, aber der Joker interessiert sich nur dafür, wie er Batman möglichst spektakulär und witzig inszeniert umbringen kann. Das wiederum macht Harley eifersüchtig und sie beschließt, Batman zu beseitigen, um ihren Mr. J. wieder ganz für sich zu haben. Aber dabei unterschätzt sie die Eitelkeit ihres Geliebten – und seinen Wahnsinn.

Die Story ist von Paul Dini und Bruce Timm so mustergültig erzählt (in Wort und Bild), so witzig, einfallsreich und dynamisch, dass sie bis heute als eine der besten Batman- und Joker-Storys gilt. Nicht von ungefähr wurde sie mit dem Eisner- und Harvey-Award ausgezeichnet. Ein unerreichter Klassiker. Im Jahr 1999 wurde der Comic sehr werkgetreu, wenn auch leicht entschärft, für eine Episode der New Batman Adventures adaptiert (S01E21).

Batman: Harley Quinn #1 (1999, DC Comics))

Batman: Harley Quinn #1 (1999, DC Comics))

Harley Quinn war so beliebt, dass DC im gleichen Jahr die Figur auch in die Haupt-Continuity der Batman-Comics aufnahm, während Gotham gerade im No Man’s Land (dt. Niemandsland) in Trümmern lag. Die Figur bekam einen neuen Origin – der im Wesentlichen der alte blieb. Mit dem Unterschied, dass sie von Poison Ivy Superkräfte bekam. Die Story, die in Batman: Harley Quinn #1 von ihrem Erfinder Paul Dini erzählt wird, hat nicht annähernd den Charme und die Qualität von Mad Love. Man kann nicht einmal sagen, es wäre das Gleiche, nur ein wenig anders. Die Geschichte ist lieblos wie eine Pflichtarbeit runtererzählt, als wäre sie für ein Publikum, das die Figur bereits kennt, und nicht mehr große Erklärungen braucht. Nicht nur die Charaktere beeindrucken, auch der Plot drumherum bleibt kaum im Gedächtnis. Ganz zu schweigen von der uninspirierten visuellen Inszenierung. Allein das Cover von Alex Ross verdient es, eingerahmt zu werden.

Trotzdem setzte Harley Quinn ihre Erfolgsgeschichte fort – und emanzipierte sich vom Joker: Von 2001 bis 2003 bekam sie ihre eigene Serie. Nach dem DC-Reboot von The New 52 im Jahr 2011 wurde die Figur radikal überarbeitet: Das Harlekin-Kostüm wurde eingetauscht gegen einen wilden Punk-Look. Schwarz-rot gefärbte Haare, ein Kragen, ein Korsett, knappes Höschen, Kniestrümpfe, ein Riesenhammer als Waffe. „I’m more like a collage now“, sagt sie in Detective Comics #23.2 (2013). „A mosaic.“ So wird sie Teil der Suicide Squad, einer staatlich gelenkten Eingreiftruppe von Mördern, die gezwungen werden, dem Wohl der Menschheit zu dienen. Aus der Superschurkin ist eine Antiheldin geworden.

Detective Comics #23.2 (DC Comics)

Detective Comics #23.2 (DC Comics)

Die neue Entstehungsgeschichte „Harley Lives„, die in Detective Comics #23.2 erzählt wird, fügt Harleen eine schwierige Jugend hinzu. Harleen muss sich als Kind von ihrer wenig aufmunternden, chaotischen Familie absetzen. Deshalb strebt sie umso mehr eine akademische Karriere an. Zunächst klappt es mit dem geordneten Leben, doch es reicht ihr nicht: sie will über das Normale hinausgehen. Als sie den Joker trifft, lässt sie wieder das Chaos ins Leben. Um die Irren zu verstehen, wird sie selbst zu einer von ihnen. Die entscheidende Änderung: um sie zu seinesgleichen zu machen, wirft der Joker sie in den Chemietank, der ihn einst selbst schuf. So bekommt sie einen dauerhaft blassen Teint.

Allerdings erklärt es nicht ihre Mordlust. Denn die ist besonders ausgeprägt. Nur um an bestimmte Kleidungsstücke heranzukommen, schlägt sie willkürlich irgendwelche Leute tot. Schließlich jagt sie Kinder in ganz Gotham mit getürkten Spielkonsolen in die Luft. Einfach so. Es scheint ihr nicht einmal Spaß zu machen. Aus der Masochistin ist nicht nur eine Sadistin geworden, sondern auch eine Nihilistin, die ihr Mentor und Vorbild Joker längst ist. Mittlerweile gilt sie, laut New York Times, sogar als feministische Ikone, die sich als Misshandlungsopfer von ihrem Peiniger losgesagt hat. Gelobt wird ihre Komplexität und ihre subversive Sexualität, was bedeutet, dass sie eine lesbische Beziehung zu Poison Ivy pflegt. Das hat sogar DC bestätigt:

DC merkte nach einer Weile, dass sich die Suicide Squad-Hefte mit Harley auf dem Cover besser verkauften als die ohne. Die Konsequenz: 2014 bekam sie ihre zweite Solo-Serie. Und die gehört zu den größten Bestsellern des Verlages, zum Teil verkaufte sie sich besser als die traditionelle Batman-Serie Detective Comics. Im gleichen Jahr folgte ein Animationsfilm über die Suicide Squad (allerdings unter dem Titel Batman: Assault on Arkham), in dem Quinn die Hauptrolle – und sogar eine kleine Sex-Szene mit Deadshot bekam (aber die ist nicht weiter der Rede wert).

Es kamen weitere Miniserien dazu, in denen die Antiheldin mit anderen zusammenarbeitete: Harley Quinn and Power Girl (2015-2016) sowie Harley’s Little Black Book (2016). Jüngst hat sie, nach dem Neustart von DC Rebirth, ihre dritte Comicserie begonnen. Daneben ist sie noch für die Suicide Squad tätig – wie man neuerdings auch im Kino sehen kann. Die Darstellerin Margot Robbie trägt im Film auch nicht das alte Harlekin-Kostüm, sondern eine Variante von Punk-Harley, allerdings mit blonden Haaren, die sie übrigens auch in den neusten Comics hat. Auch Robbies Harley nimmt ein Bad in Chemie – allerdings springt sie freiwillig in den Tank, um wie der Joker zu sein.

Harley Quinn #1 (2016, DC Comics)

Harley Quinn #1 (2016, DC Comics)

Demnächst soll Harley Quinn sogar ihren eigenen Spielfilm bekommen. Ob der realisiert wird, hängt allerdings vom Kino-Erfolg des Suicide Squad-Films ab. Die Kritiken sind verheerend, aber immerhin Robbies Darstellung wird gelobt. Und auch ein neuer Animationsfilm mit dem Titel Batman and Harley Quinn ist angekündigt. Die Figur ist längst nicht am Ende.

Aber ehrlich gesagt, wenn ich mir die persönliche Bemerkung erlauben darf: mir geht Harley Quinn auf die Nerven. Schon allein ihre quäkende Stimme in der Animationsserie war schwer zu ertragen, ganz zu schweigen von ihrer bemühten Art. Harley Quinn ist einfach nicht witzig. Den Transfer von der gebildeten Psychiaterin zur naiv-unterwürfigen Mörderin habe ich nie nachvollziehen können. Und auch ihr neueres, görenhaftes Auftreten macht sie mir nicht sympathischer. Was sie trotzdem so erfolgreich macht? Keine Ahnung. Aber es wird wohl nicht nur am Aussehen liegen können …

Lektüretipps für Einsteiger:

(Beide Bände enthalten nicht Mad Love. Davon ist mittlerweile auch eine deutsche Neuauflage bei Panini erschienen.)

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