Paul Dini

Sicherheit über alles

Lock-up in Batman TAS.

Titel: Lock-Up (dt. Hinter Schloss und Riegel)

Story/Drehbuch: Paul Dini/Marty Isenberg, Robert N. Skir

Erschienen: 1994 (Batman: The Animated Series S02E17)


Lyle Bolton ist ein berüchtigter Sicherheitsbeamter im Arkham Asylum: Die Insassen haben Angst vor ihm. Selbst als sie aussagen sollen, traut sich zunächst niemand, etwas gegen ihn hervorzubringen. Schließlich ringen sie sich doch durch – Bolton rastet aus und wird gefeuert. Sechs Monate später ist er als Vigilant Lock-Up (dt. der Schließer) unterwegs, um eine neue Gesellschaftsordnung aufzustellen. Dazu entführt er den Bürgermeister, den Arkham-Chef, Commissioner Gordon und die Reporterin Summer Gleeson.

Lock-Up ist die Verkörperung des reaktionären Amerika, wie man es an der heutigen Regierung sehen kann. Seine Hardliner-Rhetorik geht über Law-and-Order hinaus, sie zeugt von einem faschistischen Weltbild, das kein Mitleid, keine Nachsicht und auch keinen Widerspruch duldet. „Wenn Sie nicht Teil der Lösung sind, dann sind Sie ein Teil des Problems“, sagt er zu Batman, der sich ihm nicht anschließen will. Wenn er über die Arkham-Insassen spricht, wird seine Menschenverachtung deutlich: „Ihr seid der letzte Dreck! Man sollte euch totschlagen, ihr nichtswürdigen Kreaturen!“

Vor diesem Schließer haben alle Angst.

Die Insassen seien aber nur die Symptome für die Stadt, die wie eine offene Wunde sei, die unbedingt genäht werden müsse. Bolton schimpft über Bürokraten, die lasche Polizei, verhätschelnde Ärzte, liberale Medien. Sie alle sollten in einen Käfig ohne Schlüssel gesperrt werden. Und Bolton lässt auf Worte sogleich Taten folgen – er nimmt das Gesetz in die eigene Hand, um die Welt nach seiner Vorstellung zu gestalten. Ohne Rücksicht auf Verluste.

Damit ist Lock-up eine extreme Karikatur von Batman: Auch dieser setzt sich über Grenzen hinweg – allerdings um das System zu stützen. Und damit macht sich Batman auch mitverantwortlich, dass Arkham nur eine Drehtür für gefährliche Kriminelle ist. In diesem Punkt hat Bolton recht. Aber auch nur in diesem.

Lock-up ist ein so interessanter Schurke, dass er es später auch in die Comics geschafft hat (Detective Comics #697-699, 1996).

Bolton hält nichts von den liberalen Medien.

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Götter als Alltagshelden

Titel: The World’s Greatest Super-Heroes (dt. DC Helden)

Autor/Zeichner: Paul Dini/Alex Ross

Erschienen: 1999-2004 (One-shots: Superman: Peace on Earth, Batman: War on Crime, Captain Marvel: Power of Hope, Wonder Woman: Spirit of Truth, JLA: Secret Origins, JLA: Liberty and Justice) Paperback 2005, Hardcover 2017 (Absolute Justice League); dt. Panini 2007 (DC Premium 50)


„I now see that taking on this responsibility was too ambitious for one man, even a Superman.“

Alex Ross ist der Michelangelo unter den Superhelden-Malern. In den 90ern hat er zuerst mit Marvels die Marvel-Helden zu Göttern gemacht, dann – mit Kingdom Come – die DC-Helden, wenn auch in einem Elseworlds-Szenario. Ende der 90er begann er zusammen mit Autor Paul Dini damit, den größten Charakteren einzelne Denkmäler zu setzen: Superman, Batman, Captain Marvel, Wonder Woman und der Justice League. Entstanden sind sechs Bände, in denen einerseits die Helden mit bildgewaltigen Auftritten zu Göttern stilisiert, anderersits ihre menschlichen Seiten gezeigt werden.

Die Helden kämpfen nicht gegen Superschurken, sondern gegen die realen Probleme der Welt: Superman versucht, den Welthunger zu besiegen – und scheitert an der Gier und der Borniertheit der Menschen. Batman (der sich fragt, wie sein Leben ohne Reichtum verlaufen wäre) versucht, das Verbrechen an der Wurzel anzugehen, um Menschen in Gotham ein besseres Leben zu ermöglichen, und erzielt immerhin Teilerfolge. Es ist interessant in der Gegenüberstellung, wie der Übermensch versagt und der Mensch gewinnt, aber in ihrer Grundhaltung sind beide Geschichten positiv.

So auch Captain Marvel (Shazam) und Wonder Woman: Während der eine behinderten Kindern Hoffnung gibt, indem er Zeit mit ihnen verbringt, beschützt die andere Unschuldige (Frauen) weltweit vor ihren Unterdrückern. Captain Marvel kann zwar auch den Vater eines Jungen davon abhalten, seinen Sohn zu misshandeln, aber Wonder Woman scheitert mit ihrer Naivität, als sie sich halbnackt in ihrem Kostüm unter vollverschleierte Muslima begibt – dafür fliegen Steine.

Jeweils über zwei Seiten werden die jeweiligen Entstehungsgeschichten der Helden nacherzählt, so auch die von Flash, Green Lantern, Aquaman, Martian Manhunter und anderen. Die umfangreichste Story ist der Justice League gewidmet. Das Team muss einen außerirdischen Virus in Zentralafrika bekämpfen, der zur Bedrohung für die Welt wird. Während die Helden versuchen, das Schlimmste zu verhindern, bricht weltweit Panik aus, die Helden müssen intervenieren und machen sich damit unbeliebt. Das Vertrauen wird erschüttert – und muss anschließend mühsam wieder aufgebaut werden.

Trotz der allzu weltlichen Probleme ist der Blick stets nach innen gekehrt, der Ton der Geschichten nachdenklich. Sprechblasen gibt es nicht (außer bei der JLA), die Captions sind aufgelöst in reine Textfelder, um der Kunst mehr Raum zu geben. Wichtiger als die äußere Handlung sind die inneren Vorgänge und Motivationen der Helden. So bekommen die Charaktere eine größere Tiefe als in den meisten Comics. Und manches Unerhörte offenbart neue Abgründe, wie z.B. dieser Gedanke von Batman:

„In my darkest moments, I’m taunted by the suspicion that my parent’s murder was the best thing that ever happened to me. Cynically, I tell myself it has given my life a destiny and the means to fulfill it.“

Die Superhelden zweifeln an sich, weil sie mit ihren scheinbar unendlichen Kräften an die Grenzen des Machbaren stoßen. Ganz alltägliche Probleme scheinen unüberwindbarer als eine Alien-Invasion. Man sieht, warum auch Superhelden nicht alles können – es sei denn, sie werden zu Tyrannen, was sie natürlich nicht wollen. Ihren größten Nutzen haben die Übermenschen, wenn sie sich bemühen, einfach nur gute Menschen zu sein. So besteht auch ihr Zweck für die reale Welt darin, anderen Menschen Hoffnung zu verleihen.

Alex Ross inszeniert die Protagonisten nicht nur überaus realistisch, sondern auch feinfühlig, mit einem treffenden Gespür für Ausdrücke und Nuancen schafft er es, jeden noch so geringen Statisten mit Leben zu füllen. Mit ungewöhnlichen Perspektiven und einer Vielzahl an romantisierenden Lichtstimmungen versetzt er auf jeder Seite seine Leser in Staunen. The World’s Greatest Super-Heroes wird seinem Titel mehr als gerecht, es ist ein Meisterwerk.

Jahrelang war das Buch vergriffen, jetzt hat DC es in einer prächtigen Absolute-Edition herausgebracht (UVP: 75 US-Dollar). Für jeden DC- und Alex Ross-Fan dürfte es das perfekte Weihnachtsgeschenk sein.

Mehr zur Justice League:

Der tragische Mister Freeze

DC Comics

Titel: Batman – Mr. Freeze

Autor/Zeichner: Paul Dini/Mark Buckingham

Erschienen: 1997 (One-shot), Paperback 2017 (Batman Arkham: Mister Freeze)


„I have done nothing to deserve this punishment. I’m an innocent man. One of the few true innocents in this city.“ (Mister Freeze)

Mister Freeze läuft Amok in Gotham: Mit seiner Frostkanone schießt er wild um sich, um das Böse aus der Stadt auszumerzen, die er für die Hölle hält. Selbst Robin wird vereist. Dass Batman dagegen vorgeht und dabei gegen Eisbären und einen Seeleoparden kämpft, ist nur die Rahmenhandlung. Der Kern der Story sind die Rückblenden, die Mister Freeze eine tragische Vorgeschichte geben, die von der Version in The Animated Series inspiriert ist.

Victor Fries hat schon als Kind gerne Tiere in Eiswürfel eingefroren, um ihre Schönheit zu bewahren. Seine Eltern fanden das gar nicht lustig und steckten ihn in ein Heim. Der Junge wurde ein Leben lang gemobbt, bis er an der Uni die Liebe seines Lebens fand: Nora. Die beiden verliebten sich, heirateten, eine Weile war alles gut, bis Nora unheilbar krank wurde. Victor suchte sich einen neuen Job bei Gothcorp, um die Rechnungen fürs Krankenhaus bezahlen zu können. Als die Lage verzweifelt schien, legte er sie auf Eis – in einen Kryo-Schlaf. Doch weil das Projekt gestrichen wurde, gab es Ärger, als Victor sich wehrte, wurde er mit der Flüssigkeit kontaminiert, die ihn so wärmeempfindlich machte.

Im Kälteanzug wurde Fries zu Freeze und beging Rache mit der Frostkanone. Nachdem Batman ihn aufhielt, schwor er, sich auch an ihm zu rächen: „I will find whatever you treasure most … and destroy it in front of your eyes …“ Das Opfer wurde schließlich Robin.

Eine ähnliche Prämisse hat auch die BTAS-Folge Cold Comfort (ebenfalls von 1997), in der ein verbitterter Mister Freeze Amok läuft, um den Menschen wegzunehmen, woran ihr Herz am meisten hängt. Hier sieht sich der Schurke sogar wegen seiner Opferrolle als Unschuldiger, der im Recht ist, über andere zu richten. Eine interessante Entwicklung. Zum ersten Mal kann man den Charakter auch in der Haupt-Continuity der Comics ernst nehmen. Ein Umstand, der jedoch von der Darstellung von Mister Freeze im Film Batman & Robin (1997) wieder zunichte gemacht wurde.

(Bemerkenswert, dass dieses Comic (neben One-shots zu Bane, Batgirl und Poison Ivy) den Film mitbewerben sollte. Die Enttäuschung dürfte nach dieser Lektüre groß gewesen sein, wie sehr Comic und Film sich unterschieden.)

>> Liste der Mister Freeze-Comics

Lektüre für Minuten

DC Comics

Titel: Private Casebook

Autor/Zeichner: Paul Dini/Dustin Nguyen

Erschienen: 2007-2008 (Detective Comics #840-845, DC Infinite Halloween Special #1), Paperback 2008


Paul Dini gehört zu den Legenden unter den Batman-Autoren: Miterfinder von The Animated Series, Autor von Mad Love, zuletzt schrieb er den autobiografischen Comic Dark Night: A True Batman Story. Doch schon in den Nuller Jahren durfte er lange Comics schreiben, wie The Resurrection of Ra’s al Ghul, Heart of Hush und Streets of Gotham. Daneben schrieb er auch eine Reihe von Kurzgeschichten; Private Casebook ist eine Sammlung davon.

Der Auftakt ist ein Epilog zu The Resurrection of Ra’s al Ghul, der eigentlich im dazugehörigen Paperback besser aufgehoben wäre. Der auferstandene Schurke versucht wieder, in Gotham Fuß zu fassen. Aber Batman prügelt ihn nach Arkham. Aber das ist auch schon die stärkste Erzählung des Bandes.

Was sonst noch passiert?

In „The Wonderland Gang“ versammelt der Mad Hatter eine Gruppe von Handlangern, die wie er von Alice im Wunderland inspiriert sind. „The Suit of Sorrows“ macht eigenartigerweise einen Sprung zurück zu The Resurrection of Ra’s al Ghul, wo Batman eine historische Rüstung getragen hat. Hier geht er dem Geheimnis der Rüstung nach. Aber interessieren muss uns das nicht.

Zu einem Team-up mit der Zauberin Zatanna kommt es im Zweiteiler „Opening Night/Curtains“. Zusammen nehmen sie es mit einem neuen Bauchredner auf, einer Frau, die offenbar von Scarface besessen ist. Wir lernen die Frau mit sehr viel Vorgeschichte näher kennen, bevor wir uns wieder schnell von ihr verabschieden. Schließlich trifft Batman in „The Riddle Unanswered“ auf Catwoman, aber das ist eigentlich nicht nennenswert, ebenso wie die Halloweengeschichte am Ende.

Kurz gesagt: Man muss Private Casebook nicht lesen. Außer man braucht eine Klolektüre für Minuten oder belanglose Gutenachtgeschichten zum Einschlafen.

Spekulationen in Schwarz-weiß

DC Comics

DC Comics

Titel: Batman Black and White Vol. 2 (Case Study)

Autor/Zeichner: Paul Dini/Alex Ross (u.a.)

Erschienen: 2000-2001 (Gotham Knights #1-16), Paperback 2008


„What if the Joker is not insane?“

Was, wenn der Joker nicht verrückt wäre, sondern die Fassade des Verrückten bloß für einen persönlichen Rachefeldzug nutzte? Diese Frage stellt sich ein Arzt in Arkham in der Kurzgeschichte „Case Study“. Autor Paul Dini (Mad Love) spielt die Entstehung des Jokers in einer Variante durch: früher soll der Schurke bloß ein gewiefter Gangster gewesen sein, der sich ständig neue Namen gab und sich neue Handlanger suchte. Polizeiverhören entging er dank eines guten Anwalts. Zum Red Hood wurde er, um seine Anonymität zu wahren: mit dem roten Helm konnte er nicht fotografiert werden. Der Rest ist bekannt: die Monarch Spielkartenfabrik, Batman, der Sturz in den Chemikalientank etc. Schlussfolgerung: der Gangster wurde zum Joker, weil er mit seinem entstellten Gesicht nicht mehr unerkannt sein Imperium weiterführen konnte. Also wurde seine neue Mission die Rache für diesen Verlust …

Diese „Fallstudie“ wäre wesentlich unspektakulärer, wenn nicht Alex Ross (Kingdom Come) ihr mit seinen fotorealistischen Collagen eine Aura von höchster Kunst verliehe. So wird die Kurzgeschichte nicht nur zu einer psychologischen Spekulation, sondern auch zu einer Feier des Mythos Joker. In Schwarz-Weiß.

„Case Study“ bildet einen starken Auftakt für den zweiten Band der Anthologie Batman Black and White, in der achtseitige Kurzgeschichten gesammelt werden. Im Gegensatz zum ersten Band stammen sie nicht aus einer dafür geschaffenen Mini-Serie, sondern aus der Serie Gotham Knights, aber das sei nur am Rande erwähnt. Autoren und Künstler wie Brian Azzarello, John Byrne, Howard Chaykin, Alan Grant und Paul Pope feiern ihre Versionen des Dunklen Ritters mit kleinen aber feinen Geschichten. Oft düster, mal heiter und manchmal sogar ziemlich albern.

Black and White lebt, wie jede Anthologie, von der Variation. Unter den sehr verschiedenen Zeichenstilen, die von der Karikatur bis zur anspruchsvollsten Kunst reichen, ist für jeden Geschmack etwas dabei. Leider fehlen aber die herausragenden Storys, die sich so einprägen wie die Höhepunkte des ersten Bandes.

Wir sehen Batman mit Catwoman gegen Nazis kämpfen und mit Green Lantern (Alan Scott) gegen ganz gewöhnliche Gangster; als Bruce Wayne muss er sich in der Rolle des Babysitters mit Zwillingen rumschlagen. Meist schwankt die Qualität zwischen bemüht und belanglos. Nur weniges ist erwähnenswert: die Storys von Eduardo Risso, Jim Lee und Tim Sale (The Long Halloween, Dark Victory, Haunted Knight), sowie eine Riddler-und eine Scarecrow-Geschichte. Als Lektüre für Eilige und Batman-Connaisseure erfüllt aber auch der zweite Black and White-Band seinen Zweck.

Weiße Weihnacht dank Mister Freeze

DC Comics

DC Comics

Titel: The Batman Adventures Holiday Special

Autor/Zeichner: Paul Dini/Bruce Timm u.a.

Erschienen: 1995 (One-shot), Paperback 2016 (The Batman Adventures Vol. 4)


„One of these years I’m going to beat him to the check.“ (James Gordon)

Batgirl gegen Clayface im Kaufhaus, Harley Quinn und Poison Ivy auf Shoppingtour mit Bruce Wayne, Silvester mit dem Joker. Das Batman Adventures Holiday Special versammelt fünf humorvolle Episoden rund um Weihnachten und Silvester. Abgesehen von den herausragenden Zeichnungen von Bruce Timm (Mad Love) leben sie von lauter schönen Einfällen: Bullock als Undercover-Weihnachtsmann, Montoya als sein Elf und am Ende treffen sich Batman und James Gordon an Neujahr zu einer Tasse Kaffee – eine Tradition, die im Rahmen einer größeren steht: Batman kippt den Kaffee eilig runter, zahlt und verschwindet wieder, während Gordon mal kurz wegguckt.

Neujahrstradition: Batman und Gordon in Holiday Knights

Neujahrstradition: Batman und Gordon in Holiday Knights

Das Special wurde 1997 unter dem Titel „Holiday Knights“ für The New Batman Adventures verfilmt. Auch wenn die Serienfolge sehr nah an der Vorlage ist, fehlt die Episode, auf die das Heftcover verweist: In „White Christmas“ bricht Mr. Freeze am Weihnachtsabend aus Arkham aus und hinterlässt eine kalte Spur bis zum Friedhof, nur um seiner toten Frau Nora ein weißes Weihnachten zu bescheren. Sentimental, aber wohl etwas zu traurig für den sonst launigen Ton der übrigen Storys.

>> Mehr Batman-Weihnachtsgeschichten

Jokers Spritztour mit Robin

DC Comics

DC Comics

Titel: Slayride

Autor/Zeichner: Paul Dini/Don Kramer

Erschienen: 2007 (Detective Comics #826), Paperback 2014 (The Joker: A Celebration of 75 Years)


„… I couldn’t have planned this.“ (Joker)

Man soll nicht zu Fremden ins Auto steigen. Nicht mal, wenn sie Hilfe in der Not anbieten. Nicht mal, wenn man Erwachsen ist. Nicht mal, wenn man Robin ist. Diese Erfahrung muss Tim Drake machen. Während eines Einsatzes tut er nämlich genau das und bereut es sofort, denn im Auto sitzt der Joker. Der betäubt und fesselt ihn an den Beifahrersitz und fährt mit ihm planlos durch die Gegend.

Es geht zu wie bei GTA: Joker überfährt ein paar Fußgänger, erschießt den Manager eines Fast-Food-Ladens. Robin versucht, sich mit einem Spielzeugauto zu befreien. Der Joker nimmt es ihm zwar weg, aber er kommt doch frei (irgendwie, ist auch egal), vermöbelt ihn und die Fahrt endet mit einem Unfall.

Ach ja, eines noch: der Joker trägt eine Weihnachtsmann-Mütze, es ist Vorweihnachtszeit, aber das spielt eigentlich keine Rolle. Und es beschert der ziemlich willkürlichen Story auch nicht unbedingt mehr Sinn. Immerhin is sie ganz ansehnlich gezeichnet. Aber ansonsten: geschenkt.

>> Mehr Joker-Comics

>> Mehr über den Joker

Im Dezember kommt das DC Rebirth Holiday Special

DC Comics

DC Comics

DC Comics hat für den 14. Dezember ein Weihnachtscomic angekündigt: das DC Rebirth Holiday Special. Auf 96 Seiten gibt es unter anderem eine Chanukkah-Krise für Huntress, eine Familienweihnachtsfeier mit Flash und Wonder Woman trifft auf Constantine. Paul Dini trägt eine Harley Quinn-Story bei, mit der alle Einzelgeschichten verknüpft werden sollen („in the weirdest way possible“). Die anderen Geschichten stammen von James Tynion IV, Steve Orlando, Vita Ayala, Cullen Bunn, Tim Seeley , James Asmus, Heath Corson, Gustavo Duarte, Dustin Nguyen und anderen.

Was der One-shot kosten soll, ist bislang nicht bekannt.

Batman-Splitter #7: Harley Quinn

Harley Quinn 1992

Harley Quinns erster Auftritt in Batman TAS (1992) (Warner Bros.)

Die junge Blondine trägt eine Polizei-Uniform. Aber zusammen mit dem Joker hat sie gerade eine Bombe bei einer Polizeiveranstaltung gelegt. Als Batman sie stellt, hat er leichtes Spiel mit ihr: „Ich weiß, was Sie denken“, sagt sie. „So ein Jammer. Wie konnte so ein junges unschuldiges Ding wie Sie nur in so schlechte Gesellschaft geraten?“ Kurz darauf greift sie zu einem Messer, doch da packt Batman auch schon ihre Hand und sie lässt das Messer fallen. Als sie dann allein in Handschellen dasitzt sagt sie zu sich: „Oje! Hätte vielleicht doch lieber auf die Kosmetikschule gehen sollen.“

Harley Quinn 1992

Beruf verfehlt: Harley Quinn 1992 (Warner Bros.)

So verläuft die erste Begegnung zwischen Batman und Harley Quinn, der Freundin und dem Sidekick des Jokers. Das war 1992 in der The Animated Series-Episode „Joker’s Favor“ (S01E22). Harley wird nicht erklärt, sie ist einfach da: In ihrem schwarz-roten Narrenkostüm, ihrem Herren loyal ergeben, lacht sie über seine schlechten Witze. Eine Szene hat sie in dieser Gestalt, eine andere als falsche Polizistin. Doch sie soll noch einige Auftritte in der Serie bekommen. Wer sie wirklich ist, erfährt man erst zwei Jahre später.

Nachdem sie 1993 auch in der Comic-Serie Batman Adventures eingeführt wurde, bekommt Harley Quinn im Jahr 1994 eine Vorgeschichte: Mad Love. Darin ist Harleen Frances Quinzel zunächst eine Psychiaterin, die sich ihren Weg nach oben geschlafen hat, bis sie in Arkham Asylum auf den Joker trifft. Sie fällt auf seinen Charme und seine Lügengeschichten über seine schlimme Kindheit herein (dieses Multiple-Choice-Prinzip wurde im Film The Dark Knight aufgegriffen) und verbündet sich mit ihm, indem sie sich ein Clownskostüm und sich die neue Persönlichkeit, Harley Quinn, zulegt. Die Psychiaterin verfällt dem Psycho.

Aber dieses Comic ist mehr als nur ein Origin. Denn interessant wird es erst, als ein Dritter die Beziehung auf die Probe stellt: Batman. Mad Love beschreibt eine gestörte Dreiecksbeziehung. Harley gibt sich Joker bedingungslos hin, in masochistischer Selbstaufgabe, aber der Joker interessiert sich nur dafür, wie er Batman möglichst spektakulär und witzig inszeniert umbringen kann. Das wiederum macht Harley eifersüchtig und sie beschließt, Batman zu beseitigen, um ihren Mr. J. wieder ganz für sich zu haben. Aber dabei unterschätzt sie die Eitelkeit ihres Geliebten – und seinen Wahnsinn.

Die Story ist von Paul Dini und Bruce Timm so mustergültig erzählt (in Wort und Bild), so witzig, einfallsreich und dynamisch, dass sie bis heute als eine der besten Batman- und Joker-Storys gilt. Nicht von ungefähr wurde sie mit dem Eisner- und Harvey-Award ausgezeichnet. Ein unerreichter Klassiker. Im Jahr 1999 wurde der Comic sehr werkgetreu, wenn auch leicht entschärft, für eine Episode der New Batman Adventures adaptiert (S01E21).

Batman: Harley Quinn #1 (1999, DC Comics))

Batman: Harley Quinn #1 (1999, DC Comics))

Harley Quinn war so beliebt, dass DC im gleichen Jahr die Figur auch in die Haupt-Continuity der Batman-Comics aufnahm, während Gotham gerade im No Man’s Land (dt. Niemandsland) in Trümmern lag. Die Figur bekam einen neuen Origin – der im Wesentlichen der alte blieb. Mit dem Unterschied, dass sie von Poison Ivy Superkräfte bekam. Die Story, die in Batman: Harley Quinn #1 von ihrem Erfinder Paul Dini erzählt wird, hat nicht annähernd den Charme und die Qualität von Mad Love. Man kann nicht einmal sagen, es wäre das Gleiche, nur ein wenig anders. Die Geschichte ist lieblos wie eine Pflichtarbeit runtererzählt, als wäre sie für ein Publikum, das die Figur bereits kennt, und nicht mehr große Erklärungen braucht. Nicht nur die Charaktere beeindrucken, auch der Plot drumherum bleibt kaum im Gedächtnis. Ganz zu schweigen von der uninspirierten visuellen Inszenierung. Allein das Cover von Alex Ross verdient es, eingerahmt zu werden.

Trotzdem setzte Harley Quinn ihre Erfolgsgeschichte fort – und emanzipierte sich vom Joker: Von 2001 bis 2003 bekam sie ihre eigene Serie. Nach dem DC-Reboot von The New 52 im Jahr 2011 wurde die Figur radikal überarbeitet: Das Harlekin-Kostüm wurde eingetauscht gegen einen wilden Punk-Look. Schwarz-rot gefärbte Haare, ein Kragen, ein Korsett, knappes Höschen, Kniestrümpfe, ein Riesenhammer als Waffe. „I’m more like a collage now“, sagt sie in Detective Comics #23.2 (2013). „A mosaic.“ So wird sie Teil der Suicide Squad, einer staatlich gelenkten Eingreiftruppe von Mördern, die gezwungen werden, dem Wohl der Menschheit zu dienen. Aus der Superschurkin ist eine Antiheldin geworden.

Detective Comics #23.2 (DC Comics)

Detective Comics #23.2 (DC Comics)

Die neue Entstehungsgeschichte „Harley Lives„, die in Detective Comics #23.2 erzählt wird, fügt Harleen eine schwierige Jugend hinzu. Harleen muss sich als Kind von ihrer wenig aufmunternden, chaotischen Familie absetzen. Deshalb strebt sie umso mehr eine akademische Karriere an. Zunächst klappt es mit dem geordneten Leben, doch es reicht ihr nicht: sie will über das Normale hinausgehen. Als sie den Joker trifft, lässt sie wieder das Chaos ins Leben. Um die Irren zu verstehen, wird sie selbst zu einer von ihnen. Die entscheidende Änderung: um sie zu seinesgleichen zu machen, wirft der Joker sie in den Chemietank, der ihn einst selbst schuf. So bekommt sie einen dauerhaft blassen Teint.

Allerdings erklärt es nicht ihre Mordlust. Denn die ist besonders ausgeprägt. Nur um an bestimmte Kleidungsstücke heranzukommen, schlägt sie willkürlich irgendwelche Leute tot. Schließlich jagt sie Kinder in ganz Gotham mit getürkten Spielkonsolen in die Luft. Einfach so. Es scheint ihr nicht einmal Spaß zu machen. Aus der Masochistin ist nicht nur eine Sadistin geworden, sondern auch eine Nihilistin, die ihr Mentor und Vorbild Joker längst ist. Mittlerweile gilt sie, laut New York Times, sogar als feministische Ikone, die sich als Misshandlungsopfer von ihrem Peiniger losgesagt hat. Gelobt wird ihre Komplexität und ihre subversive Sexualität, was bedeutet, dass sie eine lesbische Beziehung zu Poison Ivy pflegt. Das hat sogar DC bestätigt:

DC merkte nach einer Weile, dass sich die Suicide Squad-Hefte mit Harley auf dem Cover besser verkauften als die ohne. Die Konsequenz: 2014 bekam sie ihre zweite Solo-Serie. Und die gehört zu den größten Bestsellern des Verlages, zum Teil verkaufte sie sich besser als die traditionelle Batman-Serie Detective Comics. Im gleichen Jahr folgte ein Animationsfilm über die Suicide Squad (allerdings unter dem Titel Batman: Assault on Arkham), in dem Quinn die Hauptrolle – und sogar eine kleine Sex-Szene mit Deadshot bekam (aber die ist nicht weiter der Rede wert).

Es kamen weitere Miniserien dazu, in denen die Antiheldin mit anderen zusammenarbeitete: Harley Quinn and Power Girl (2015-2016) sowie Harley’s Little Black Book (2016). Jüngst hat sie, nach dem Neustart von DC Rebirth, ihre dritte Comicserie begonnen. Daneben ist sie noch für die Suicide Squad tätig – wie man neuerdings auch im Kino sehen kann. Die Darstellerin Margot Robbie trägt im Film auch nicht das alte Harlekin-Kostüm, sondern eine Variante von Punk-Harley, allerdings mit blonden Haaren, die sie übrigens auch in den neusten Comics hat. Auch Robbies Harley nimmt ein Bad in Chemie – allerdings springt sie freiwillig in den Tank, um wie der Joker zu sein.

Harley Quinn #1 (2016, DC Comics)

Harley Quinn #1 (2016, DC Comics)

Demnächst soll Harley Quinn sogar ihren eigenen Spielfilm bekommen. Ob der realisiert wird, hängt allerdings vom Kino-Erfolg des Suicide Squad-Films ab. Die Kritiken sind verheerend, aber immerhin Robbies Darstellung wird gelobt. Und auch ein neuer Animationsfilm mit dem Titel Batman and Harley Quinn ist angekündigt. Die Figur ist längst nicht am Ende.

Aber ehrlich gesagt, wenn ich mir die persönliche Bemerkung erlauben darf: mir geht Harley Quinn auf die Nerven. Schon allein ihre quäkende Stimme in der Animationsserie war schwer zu ertragen, ganz zu schweigen von ihrer bemühten Art. Harley Quinn ist einfach nicht witzig. Den Transfer von der gebildeten Psychiaterin zur naiv-unterwürfigen Mörderin habe ich nie nachvollziehen können. Und auch ihr neueres, görenhaftes Auftreten macht sie mir nicht sympathischer. Was sie trotzdem so erfolgreich macht? Keine Ahnung. Aber es wird wohl nicht nur am Aussehen liegen können …

Lektüretipps für Einsteiger:

(Beide Bände enthalten nicht Mad Love. Davon ist mittlerweile auch eine deutsche Neuauflage bei Panini erschienen.)

Verloren in der Rückblende

DC Comics

DC Comics

Titel: Streets of Gotham Vol. 3 – The House of Hush (dt. Familiengeschichten)

Autor/Zeichner: Paul Dini/Dustin Nguyen

Erschienen: 2010-2011 (Streets of Gotham #12-14, 16-21), Paperback 2011; dt. Panini 2011 (Paperback, #14-21)


„You Waynes are hard to kill. I’ll say that much for you.“

Bruce Wayne ist zurück, Batman wird globalisiert – aber Moment mal, da ist noch eine Rechnung offen! Ja, stimmt: Was ist eigentlich mit Hush, der sich während der Streets of Gotham-Storyline als Bruce Wayne ausgegeben hat? Die Angelegenheit wird hier zu Ende gebracht. Aber allzu einfach macht es sich Autor Paul Dini damit nicht. Und deshalb wird der Abschluss seiner Story auch sehr schwerfällig.

Den Auftakt macht noch eine kurzweilige Episode um die Schurken The Carpenter und The Director (in der deutschen Ausgabe ausgespart), die eine Todesfalle für Batman aufbauen, um einen perversen Film damit zu drehen. Leichtes Spiel für Bats. Dann kommt der Hush-Teil. Aber statt einfach zu erzählen, wie der echte Bruce Wayne den falschen überführt oder ihn ausschaltet, greift Dini erstmal in tief in die Kiste der Vergangenheit, d.h. er macht ausgiebig vom Retcon-Trick Gebrauch, indem er die (überstrapazierte) Familiengeschichte von Thomas Elliot und Bruce Wayne ausschmückt. So wird den Eltern der beiden eine Affäre mit italienischen Mafiosi angedichtet, neue Nebenfiguren werden eingeführt werden, außerdem hat der Joker einen Gastauftritt. Das Problem daran: Es gibt so viele Rückblenden, dass die eigentliche Story daran erstickt. Man muss sagen: Die eigentliche Story spielt in ferner Vergangenheit. (Damit wird der deutsche Titel sehr passend: es geht um Familiengeschichten.)

Wanzen im Bett

Dadurch verliert sich jede Spannung, die für die Gegenwart hätte aufkommen können. Hush versucht zunächst, die Killerin Jane Doe aus Arkham freizulassen, die kommt schließlich ganz von selbst frei. Dann versucht ein alter Mafiosi, den falschen Bruce Wayne kaltzumachen, weil er sich an dessen Familie rächen will. (Seltsame Logik: Wenn du nicht mehr die Eltern töten kannst, töte den Sohn.) Nachdem Hush ihn überzeugt hat, dass er den falschen hat, verbünden sich die beiden, um den Wayne Tower zu vergasen. Dabei soll Doctor Death helfen. Doch das Finale endet abrupt: Jane Doe schneidet Hush sein Gesicht ab und als sie ihn töten will, greift Batman ein.

Zwischendurch wird noch eine völlig zusammenhanglose Handlung um einen neuen Schurken eingeführt: Bedbug, der mittels Bettwanzen Menschen zum Diebstahl anstiftet. Ziemlich ekelhaft, aber sinnlos. Die Sache verpufft so schnell und unvermittelt wie sie angefangen hat. Ein offenes Ende bleibt.

Insgesamt ist The House of Hush ein enttäuschender Abschluss einer eigentlich soliden Serie, die den Fokus nicht auf Batman, sondern auf die Schurken und andere Gotham-Bewohner gelegt hat. Das Finale wirkt überzogen lang und ohne klaren Fokus. Altmeister Paul Dini (The Animated Series) hat das schon mal besser hingekriegt. Mit Mad Love, oder zuletzt mit Dark Night – A True Batman Story.

Zum Schluss ein wenig Musik über das Schwelgen in Erinnerungen (man beachte das Label):