Mein erster Superheldencomic: Batman & Superman Adventures #1

Auch wenn Comics Massenmedien sind: Sie sind auch eine persönliche Sache. Jeder hat einen eigenen Bezug zu ihnen, jedes noch so billige Heftchen kann eine tiefere Bedeutung für den Einzelnen haben, einen emotionalen Wert, eine Hintergrundgeschichte, wie man da rankam und unter welchen Umständen man es las. Daher will ich heute mal persönlich werden und erzählen, wie es bei mir begann – mit Batman, mit Superhelden, mit Comics überhaupt.

Es war 1998. Ich war 13 Jahre alt. Ich ging mit ein oder zwei Klassenkameraden nach der Schule in den einzigen Comicladen der Stadt Aachen, mit den klangvollen Namen „Bäng Bäng“ (es gibt ihn immer noch). Keine Ahnung, was genau uns da hingetrieben hat. Einer der Freunde wollte sich, glaube ich, einen Simpsons-Comic kaufen. Ich kam mehr aus Solidarität mit, schaute die Simpsons lieber im Fernsehen, als sie zu lesen.

Die einzigen Comics, die ich kannte, waren Micky Maus und Asterix, aber die hatte ich zuletzt in der Grundschule gelesen. Jetzt interessierte ich mich mehr für „richtige“ Bücher – oder was man mit 13 Jahren so nennt. Doch dann sah ich dieses Cover im Drehregal. Es zeigte einen bunten Haufen Leute, die in einer Gruppe zusammenstanden. Ich kannte nur die drei in der ersten Reihe: Superman, Batman, Wonder Woman. Keine Ahnung, wer die anderen waren, der Typ mit der grünen Maske oder der mit dem grünen Gesicht, im Hintergrund grinste noch der Joker – aber das war’s.

Entdeckung der Justice League of America

Klar war nur: Wo Superman und Co. herkamen, da gab es noch viel mehr. Und auch wenn sie einfach nur dastanden, etwas steif und aneinandergereiht wie eine Hochzeitsgesellschaft bei einem Gruppenfoto, schienen sie mich anzuschauen und mit ihren Blicken herauszufordern. „Batman Adventures & Superman Adventures“, lautete der Titel, „Riesen-Premieren-Ausgabe!“ prangte darüber und als wäre es nicht genug, standen da gleich zwei dicke Einsen. Und noch mehr Ausrufezeichen: „NEU! 64 Seiten nur DM 3,90!“

Drei Mark neunzig war für mich damals viel Geld, aber dieses Heft versprach, so einiges zu bieten: Batman UND Superman, das Beste beider Welten, für alle Unentschlossene wie mich. Natürlich hatte ich schon in der Kindheit alle Filme mit ihnen gesehen, auch einige Fernsehserien, doch noch nie hatte ich ihre Abenteuer gelesen. Und da auf dem Cover noch ein Haufen anderer Superhelden zu sehen war, war die Neugier geweckt: Ich kaufte es.

Gleich auf der ersten Seite: Flash, wie er auf einen Riesengorilla zurennt, der an einer Antenne hochkraxelt, dann der grüngesichtige Martian Manhunter, der sich unsichtbar machen kann und Angst vor Feuer hat, dann Aquaman, Green Lantern und natürlich die großen drei. Sie alle waren aufregend, bildeten die JLA und legten sich mit einer Gruppe von Superschurken an, geleitet von einem geheimen Strippenzieher namens Cipher. Die Story ist simpel: Die Helden finden die Bande, fallen über sie her, kämpfen gegen einen Riesenroboter, doch der Hauptschurke entkommt – bis zum nächsten Treffen …

Superman gegen Roboter, Batman gegen Poison Ivy

Gleich darauf kämpft Superman, in seiner eigenen Geschichte, wieder mit einem Roboter und dann nochmal, diesmal sieht der aus wie Superman selbst, geschaffen vom bösen Lex Luthor. Der Roboter scheint Superman in allem überlegen zu sein, es sieht schlecht aus für den Mann aus Stahl, doch dann schafft er es trotzdem irgendwie, ihn zu besiegen.

DC Comics

Zum Schluss: Batman in „Kreuzfahrt des Grauens“. Poison Ivy auf einem grünen Pflanzendrachen kapert eine Luxusyacht, auf der zufällig Bruce Wayne Spendengelder sammelt. Ivy küsst Batman, ihm wird schwindlig, doch er kann sich zusammenreißen, er verpasst ihr eins mit einem Rettungsring und sie ist erledigt. Leider war das Vergnügen schon nach sechs Seiten vorbei.

Die Zeichnungen von John de Laney  in der ersten Story waren flott, aber etwas drüber, die von Rick Burchett hatten eine gewisse Schlichtheit und Eleganz, aber die von Bruce Timm waren einzigartig: genau aufs Nötigste reduziert, mit starken Schatten und Helldunkelkontrasten, Batman fast nur eine Silhouette – perfekt. Besonders eindrucksvoll: Die Seiten waren schwarz gerahmt.

Süchtig nach Superheldencomics

Damals konnte ich das alles noch nicht so klar analysieren, ich wusste nur: Ich fand es toll. Alles daran wirkte. Und zwar so, dass ich das Heft ein Dutzendmal las, bis ich mir die nächsten kaufen konnte. Jedes weitere Heft bot je eine Superman- und eine Batman-Story, basierend auf den Animated-Series, die parallel auf ProSieben liefen. Auch die schaute ich, nahm mir jede einzelne auf VHS auf, was ebenfalls half, bis zum nächsten Comic durchzuhalten.

Die Superman-Storys stammten (bis auf die erste von Paul Dini) von Scott McCloud (Comics richtig lesen), der die Essenz des Helden in für sich stehenden Kurzgeschichten einfing. Das war für einen Neuling wie mich die optimale Einstiegslektüre. Sympathische Charaktere, sensibel und erzählte Storys mit einer persönlicnen Note und kleinem Twist. Superman gegen Metallo, dann gegen Brainiac und den nervigen Mr. Mxyzptlk, der die Zeit rückwärts laufen ließ, mit der Stromdame Livewire lernte ich etwas über Feminismus.

Superman war damals mein Lieblingsheld, übetrumpft wurde er jedoch vom Batman-Special Mad Love (wieder von Paul Dini und Bruce Timm), das zu meinen Lieblingsheften wurde. Nichts war besser gezeichnet, nichts witziger geschrieben.

Panini Comics

Doch nach einem Zweiteiler, in dem Superman sich von zwei kryptonischen Schurken schrumpfen lässt, war es auch schon vorbei: Der Dino-Verlag stellte Batman & Superman Adventures nach nur acht Ausgaben ein. Das war nicht nur ein Schock, weil ich gerade erst auf den Geschmack gekommen war, sondern auch weil die JLA-Story aus dem ersten Heft immer noch unvollendet blieb. Man hatte mich um die versprochene Fortsetzung betrogen!

Realismus für Erwachsene

Zum Glück hatte mein Comicshop auch US-Hefte, da konnte ich mir Adventures in the DC Universe #12 kaufen, wofür ich nicht nur mein Taschengeld, sondern auch alle meine Englischkenntnisse zusammenkratzen musste. Das Lesen war anstrengend, auch oder gerade weil ich ein Wörterbuch brauchte, aber zum Glück gab es die Bilder, die beim Verständnis halfen. Und auch wenn ich es später noch mal mit einer Ausgabe versuchte, die von einem Rennen zwischen Superboy und Flash erzählte, auch wenn ich sogar die erste Ausgabe der neuen Gotham Adventures kaufte – es konnte nicht den Verlust ersetzen, zumal ich in der deutschen Ausgabe zwei US-Hefte zum Preis von einem bekommen hatte.

DC Comics

Doch es gab immer noch die anderen Superheldencomics. Die „realistisch“ gezeichneten. Für Erwachsene sozusagen. In denen es brutal zur Sache ging. In denen vor Kurzem Superman gestorben und Batman von einem Muskelberg gebrochen worden war. Der Umstieg vom knallbunten und kindgerechten Animated-Stil auf den detailreichen Realismus war ein kleiner Schock, den ich erstmal verdauen musste. Doch schon bald wurde ich von Grant Morrisons JLA eingefangen, die ebenfalls alle meine Helden in einem Heft versammelte – zusammen mit den Teen Titans, für die ich mich nicht interessierte und die ich nur las, um die Zeit rumzukriegen und weil ich dafür auch bezahlt hatte.

Batman: Die Seuche, Superman: Blue

Batman #10 und Superman #50 (Dino-Verlag)

Ich las dann auch die Serien Superman und Batman. Superman verwandelte sich in ein reines Energiepaket in einem blau-weißen Schutzanzug, was ich irgendwie aufregend und ziemlich cool fand (auch wenn es viele Fans bis heute eher negativ sehen), Batman hangelte sich von Katastrophe zu Katastrophe, von der Seuche bis zum Niemandsland. Ich las einfach alles, was ich in die Finger bekam. Der Markt wurde überschwemmt: Da gab es Specials und Sonderhefte, da gab es „Time Warps“, teure Schuber mit fünf Einzelheften, um den Abstand zum US-Markt aufzuholen. Zum Glück konnte ich andere mit der Sucht anstecken, sodass ich mir vieles bei Freunden ausleihen konnte.

Nichts war vor mir sicher, ich verschlang auch die Superheldencomics aus der Stadtbibliothek: Superman- und Batman-Bände von Carlsen, darunter auch Year One und The Dark Knight Returns, was ein weiterer Schock für sich war und einen eigenen Artikel verdient. Auch wenn vieles davon Eskapismus gewesen ist: Comics halfen mir beim Erwachsenwerden. Hier ging es brutaler zu als in meinem Alltag. Und schließlich las ich auch Scott McClouds Comics richtig lesen, was nicht nur mein Lesen, sondern auch mein Schauen und Denken veränderte. Ich verstand, wie Symbole, Bilder und Texte, funktionierten und zusammenwirkten. Vor allem aber befreite es für mich die Comics vom Stigma des Schunds: Comics sind nur ein Medium, wie Literatur, Filme oder Musik – das sagt nichts über Genres, Gattungen oder gar Qualität aus.

Höhepunkt und Ende einer Leidenschaft

Doch das Lesen allein reichte mir nicht, ich fing auch an zu zeichnen. Ich zeichnete Figuren aus meinen Lieblingspanels ab, wurde immer besser, zeichnete auch aus dem Leben, versuchte mich sogar kurz in eigenen Superheldencomics, brachte es aber nie zu nennenswerten Fähigkeiten, um eigenständige Figuren hervorzubringen.

Mit der Pleite des Dino-Verlags 2001 nahm mein Interesse an Superhelden und Comics ab. Ich las nur noch Romane. „Echte Bücher“, „richtige Literatur“ – als hätte ich vergessen, was Scott McCloud mir beigebracht hatte. So blieb es dann, bis ich nach dem Studium die alten Dino-Hefte wiederentdeckte. Doch seltsamerweise fehlten die allerersten acht, die ich mir damals gekauft hatte. Hatte ich sie jemandem ausgeliehen und nie wiederbekommen? Hatte ich sie verschenkt oder verkauft? Hatte ich gedacht, ich hätte dieses kindische Zeug hinter mir und würde niemals dazu zurückkehren? Wer weiß. Jedenfalls war von meinen „Adventures“ nur noch Mad Love übrig, was immer eines meiner Lieblingshefte gewesen war. Paul Dini und Bruce Timm – mit diesem Dreamteam hatte es damals angefangen.

Nach dem Studium fing ich wieder damit an, die alten Klassiker zu lesen, dann auch ein paar neuere Sachen. Und jetzt komme ich schon seit zehn Jahren nicht mehr von Comics los, nicht nur Batman, auch Comics, die nichts mit Superhelden zu tun haben. Mittlerweile habe ich mir die fehlenden Dino-Hefte meiner ersten Sammlung alle nachgekauft. Sie mögen heute nicht viel wert sein, doch sie zählen zu den größten Schätzen meiner Sammlung. Für mich steht fest: Die gebe ich nie mehr her.

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