Mark Waid

Alles nochmal, aber anders

DC Comics

Titel: Birthright

Autor/Zeichner: Mark Waid/Leinil Francis Yu

Erschienen: 2003-2004 (Miniserie #1-12), Paperback 2005; dt. Panini 2005 (Miniserie #1-6), Eaglemoss DC-Collection 2015 (2 Bände)


Fast 20 Jahre lang galt John Byrnes The Man of Steel (1986) als kanonischer Superman-Origin. 2003 erzählte Mark Waid die Geschichte neu. Das Wesentliche bleibt: Es beginnt mit Krypton und dem Kind in der Rakete. Dann sehen wir den jungen Clark Kent bei einem Einsatz in Afrika. Und dann kommt das Übliche: Ankunft in Metropolis, erste Gehversuche als Reporter, erste Einsätze als Superman, Rückblenden nach Smallville. Clark Kent ist in Metropolis ein Außenseiter, der sich damit schwertut, Anschluss zu finden. Er leidet unter seiner doppelten Identität.

Eine wichtige Änderung und gleichzeitig eine Rückkehr zu den Ursprüngen ist die Causa Lex Luthor. Wahrscheinlich beeinflusst von der TV-Serie Smallville haben Clark und Lex wieder eine gemeinsame Vergangenheit in der Jugend. Das war auch schon in den Comics des Silver Age der Fall (Stichwort: Superboy), wurde aber von der Crisis getilgt. Jetzt also doch. Lex ist das missverstandene Wunderkind mit geringer emotionaler Intelligenz, Clark ist der einzige, der Zeit mit ihm verbringt – und man fragt sich, warum eigentlich. Lex weiß alles, kann alles und verliert seine Haare bei einem gescheiterten Experiment. Zehn Jahre später ist er Milliardär und Chef eines Konzerns, der allen weit voraus ist.

Kaum erscheint Superman, versucht der fremdenfeindliche Luthor, ihn zu erledigen und die Menschen gegen ihn aufzuhetzen, indem er sie glauben lassen will, dieser sei die Vorhut einer feindlichen Invasion von Krypton. Plötzlich tapsen Riesenmonster durch Metropolis und böse Soldaten mit S-Symbol unterjochen die Menschen – alles Fake, damit sich Lex selbst als Retter inszenieren kann. Superman will den Schwindel auffliegen lassen, ist aber geschwächt durch Kryptonit …

Auf fast 300 Seiten wird in Birthright breitgetreten, was alle schon gewusst oder geahnt, aber so noch nicht gelesen haben. Nur eben länger, größer und spektakulärer. Fans bekommen alle bekannten Klischees aufgetischt: den über-knallharten Chefredakteur Perry White, den kleinen Loser Jimmy Olsen, der bloß gedemütigt wird und die überaus taffe Reporterin Lois Lane, in die sich Clark sofort verliebt. Sie kennen alle bloß ein Ziel im Leben: die Titelseite (und den Pulitzerpreis). Und dann gibt es natürlich noch lange Erklärungen dafür, warum Superman als Clark Kent niemand erkennt, obwohl er nur eine Brille trägt. Die Brille verändert die Gesichtsform heißt es, Clark lässt die Schultern hängen und spielt einen anderen. Und trotzdem wirkt es forciert (und fast schon selbstironisch), wenn Lois Clark lange ins Gesicht schaut und dennoch nicht drauf kommt, warum er ihr bekannt vorkommt. Ansonsten ist das letzte Drittel reine Action mit vielen Splash-Pages, in denen versucht wird, die großen Momente zu zelebrieren.

Alles schon zigmal gesehen und gelesen. Nur eben nicht so. Und nicht so sperrig gezeichnet wie hier. Vielleicht tragen auch die Zeichnungen dazu bei, dass ich mit Birthright nicht warm geworden bin. Abgesehen von dieser Geschmackssache ist die zwölfteilige Story (die als Paperback ohne Unterbrechung durch Covereinschübe erzählt wird) nur etwas für Neueinsteiger oder richtige Superman-Fans, die nicht genug davon bekommen können, immer wieder dieselbe Geschichte zu lesen.

Sechs Jahre später, nach der Infinite Crisis, als sich das DC-Universum wieder änderte, wurde auch Supermans Vorgeschichte umgeschrieben: in Secret Origin. Doch auch da bleibt der wichtigste Aspekt erhalten: Clark und Lex kennen sich aus Smallville, nur dass Clark schon da als Superboy wirkte.

Mehr zum Thema:

Advertisements

Offenbarung der Superhelden

Exkurs: Superman (Teil 5)

DC Comics

DC Comics

Titel: Kingdom Come

Autor/Zeichner: Mark Waid/Alex Ross

Erschienen: 1996 (Mini-Serie #1-4, Paperback 1996), dt. Carlsen 1997, Panini 2013


„… perhaps humanity’s only chance is for superhumans to swallow each other …“ (Batman)

Superman hat aufgegeben. Andere Helden sind seinem Beispiel gefolgt. Batman lässt nur noch Roboter über sein Gotham wachen – und macht es dadurch zu einem Polizeistaat. In der Zukunft haben andere Metamenschen das Erbe übernommen – aber sie wissen es nicht zu schätzen. Statt den normalen Menschen zu helfen, werden ihre Kämpfe untereinander zur Bedrohung. Schließlich eskaliert ein Konflikt in der atomaren Verwüstung von Kansas. Das bringt den gealterten Einsiedler Superman dazu, seine Festung der Einsamkeit zu verlassen, die Justice League wieder zusammenzubringen und wieder für Ordnung zu sorgen. Sein Ultimatum: Entweder die Metawesen schließen sich ihm an oder sie werden bestraft. Schließlich baut er ein riesiges Gefängnis für alle Querulanten. Doch dadurch wird alles noch schlimmer: Intrigen, Grabenkämpfe, Tote. Es kommt zur ultimativen Schlacht, bei der sich am Ende die Frage stellt, ob es besser wäre, dass die Helden oder die Menschen draufgehen. Superman ist verzweifelt, er weiß nicht, was er tun soll.

Kingdom Come zeigt das Superheldentum in der Krise. Die Helden sind bloß noch selbstverliebte Götter, die den Bezug zur Menschlichkeit verloren haben. Doch selbst Supermans Versuch, die Fehler wiedergutzumachen, scheitert. Es geht um die Grundfrage, ob es legitim ist, für die gute Sache zu töten – und mit seinen Idealen zu brechen. Denn am Ende geht es nicht ohne Opfer. In diesem unlösbaren Dilemma streben böse Mächte auf, die die Menschheit wieder triumphieren sehen wollen, allen voran Lex Luthor. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive des Pfarrers Norman McCay, der vom Spectre das Geschehen offenbart bekommt. Sie sind die unbeteiligten Beobachter der nahenden Apokalypse, die sie aber auch nicht kaltlassen kann. In gewisser Weise ist Kingdom Come für Superman das, was The Dark Knight Returns für Batman ist: die Demontage eines Mythos.

Bei allen Zweifeln ist Kingdom Come aber auch zugleich eine Feier der Superhelden. Ein Blick auf die Seiten von Alex Ross reicht, um ein Gefühl von Erhabenheit zu bekommen. Erst durch seine prächtigen Gemälde bekommt die Story eine epische Würde. Die Helden strotzen vor Kraft und Anmut, die Menschen wirken so menschlich, wie man sie nur darstellen kann. Alex Ross hat ein Gespür für lebensnahe Darstellung und romantische Überhöhung. Beides kombiniert er zu einer Bilderzählung von biblischen Dimensionen. Seine überbordenden Schlachten unzähliger Helden zeigen, dass sie bloß beeindruckend aussehen sollen. Die wahren Konflikte aber werden woanders ausgetragen: im Zwischenmenschlichen oder im Kampf mit sich selbst. Mark Waid hat ein Werk geschaffen, in dem zwar viele Figuren vorkommen, aber in dem nur wenige eine Rolle spielen. Dadurch wirkt sie bei allen Schlachten nie unpersönlich. Der Rest ist schmückendes Beiwerk, aber zu schön, als dass es entbehrlich wäre. In diesem Konzept spiegelt sich das Prinzip von Superhelden überhaupt: knallbunte Action von Überwesen als Fassade für menschliche Dramen und Reflexionen über die Conditio humana. Weil Kingdom Come genau das perfekt auf den Punkt bringt, ist es eine der besten Superman-Storys und wohl die größte Elseworlds-Story überhaupt.

Batman nach Orson Welles

Batman: Citizen Wayne

Titel: Citizen Wayne

Autor/Zeichner: Mark Waid & Brian Augustyn/Joe Staton

Erschienen: 1994 (Legends of the Dark Knight Annual #4; Paperback: Superman/Batman: Alternate Histories, 1996)


„If the city’s freedom is regained by someone outside the law, the freedom is worthless.“ (Bruce Wayne)

Was wäre wenn … Orson Welles Batman verfilmt hätte? Dann hätte Bruce Wayne nur seinen Vater bei dem Überfall verloren, wäre wohl Zeitungsverleger geworden und hätte das organisierte Verbrechen mit den aufklärerischen Mitteln der Pressefreiheit bekämpft. Und es wäre sein bester Freund, der Bezirksstaatsanwalt Harvey Dent, der zu drastischeren Methoden gegriffen hätte.

Das ist die Prämisse der Elseworlds-Story Citizen Wayne, die an Orson Welles‘ Filmklassiker Citizen Kane von 1941 angelehnt ist. Doch hier geht es nicht um die Frage, wer oder was „Rosebud“ ist, sondern darum, was dazu geführt hat, dass Wayne und Dent bei einem gleichzeitigen Sturz vom Dach umgekommen sind. Ähnlich wie bei Welles geht ein Unbekannter der Frage nach, ein zunächst namenloser Assistant District Attorney. Damit gleichen nur das Erzählverfahren und der Stil dem Film. Schwarze Schatten bestimmen die Seiten und die Figuren wirken überaus lebendig, auch wenn die Herren in ihren Anzügen mit ihren überaus breiten Schultern wie Kleiderschränke aussehen.

Citizen Wayne erzählt die Geschichte einer Freundschaft, die beim Kampf gegen das Verbrechen zerrieben wird. Ein Mann verliert seine Existenz und wird zum selbsternannten Rächer jenseits des Gesetzes, der zum Mörder wird, während ein anderer zu seinen Idealen steht. Am Ende kommt es zu einem Duell zwischen Batman und Bruce Wayne in Samurai-Rüstung. Die Autoren verstehen es, die Problematik zwischen Recht und Unrecht auszuloten und dabei das Scheitern der Freundschaft als Tragödie glaubhaft zu machen. Außerdem sieht Batman mit seiner goldenen Maske und dem an Polizei- und Soldaten-Uniformen angelehnten Kostüm ziemlich cool aus. Ein bemerkenswertes Stück alternativer Geschichte – und eine gelungene Hommage an die Filmkunst der 40er.

Gestörte Kommunikation

DC Comics

DC Comics

Titel: Tower of Babel (dt. Turm zu Babel)

Autor/Zeichner: Mark Waid/Howard Porter, Steve Scott

Erschienen: 2000 (JLA #43-46, Paperback 2001), dt. Panini 2001 (JLA #1-2), Sonderband Eaglemoss 2015


 „Kaum zu glauben, dass ich erst jetzt drauf kam.“ (Ra’s al Ghul)

Ra’s al Ghul entführt die Leichen von Bruce Waynes Eltern und schaltet die Mitglieder der JLA nacheinander aus. Dann macht er mit einem Störsignal alle Menschen zu Analphabeten. Schließlich verwirrt er ihre Sprachen, sodass niemand mehr den anderen versteht. Ein bilateraler Konflikt könnte den Weltfrieden gefährden. Und das ist auch der Sinn der Aktion: die Menschheit soll sich selbst ausrotten. Wie konnte es so weit kommen? Weil Batman Pläne erstellt hat, wie man die JLA-Mitglieder besiegen kann und Ra’s sich die Akten besorgt hat …

Am Ende sind alle mehr sauer auf Batman statt auf Ra’s. Verständlich, aber Batman wollte nur vorsorgen für den Ernstfall. Die JLA diskutiert, ob sie den Dunklen Ritter rausschmeißen wollen. Dieser Teil ist der stärkste dieser sonst routinierten Geschichte. Ihr Hauptproblem besteht darin, dass die JLA sich zu schnell wieder fängt und Ra’s Pläne vereitelt, auch den Plan B, sodass das Finale einen ziemlich faden Eindruck macht. Dass in der letzten der vier Ausgaben der bisherige Stammzeichner Howard Porter durch eine Aushilfe ersetzt wird, stört den Lesegenuss zusätzlich – auch wenn der Neue seine Arbeit nicht schlecht macht, aber Uneinheitlichkeit ist, wie diese Geschichte zeigt, der Ursprung allen Übels.

Hinweis: Turm zu Babel ist in der Reihe DC Comics Graphic Novel Collection von Eaglemoss erschienen (Band 4).

Mehr zum Thema: