Bryan Hitch

Abgesang auf Batman

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Titel: The Batman’s Grave (dt. Batmans Grab)

Autor/Zeichner: Warren Ellis/Bryan Hitch

Erschienen: 2019-2020 (The Batman’s Grave #1-12), Hardcover 2021; dt. Panini 2020/2021 (2 Bde.)


„What really worries me, Master Bruce, is that you work in a war zone, and you’re the only one who doesn’t bloody know it.“ (Alfred)

Batman rettet einen Polizisten und seine Familie vor einer Verbrecherbande. Dann findet er eine verweste Leiche ohne Gesicht. Schließlich wird ein korruper Staatsanwalt ermordet aufgefunden – scheinbar Suizid. Und jedes Mal, wenn Batman am Tatort auftaucht, versucht jemand, ihn umbringen. Die Spur führt zu Dr. Karl Helffern (einst bekannt als Dr. Death). Doch das ist nur der Auftakt in einer großen Verschwörung gegen die Polizei und die Justiz von Gotham.

Warren Ellis und Bryan Hitch präsentieren in The Batman’s Grave einen Titelhelden, der einerseits als Detektiv sich in die Opfer, aber nicht die Täter hineinversetzen kann, dann aber muss, weil er mit einem Gegner konfrontiert wird, der ihm sehr ähnlich ist: Täter und Opfer zugleich.

Brutaler, aber verletztlicher Held

Batman geht sehr brutal vor. Wir sehen einige Gliedmaßen brechen. Und er foltert mit Stromschlägen. Darüber hinaus ist er sehr von Technik abhängig, die am Ende aber nutzlos bleibt: Den Großteil der Zeit sitzt er am Computer, er verfügt über ein hochgerüstetes Batmobil, einen ferngesteuerten Panzer, Drohnen (Bat-Hounds) und einen Anzug, der jedes Mal mehr wie eine Rüstung aussieht. Kein Wunder, denn wie Alfred sagt, herrscht Krieg in den Straßen von Gotham und Batman muss erkennen, dass das keine Übertreibung, sondern durchaus wörtlich zu verstehen ist.

Alfred ist hier mehr denn je die Stimme der Vernunft, sondern ein Zyniker, der gerne mal eine Flasche Schnaps am Abend leert und keine Gelegenheit auslässt, hart gegen seinen Arbeitgeber auszuteilen. Batman muss sich Fragen gefallen lassen wie, warum er als reicher Mann arme Menschen zusammenschlägt, warum er der Polizei nicht die Arbeit überlässt, die sie auch selbst tun kann. Gordon wiederum fragt ihn, warum er jedes Mal das Batsignal einschalten muss, anstatt dass er eine Telefonnummer von Batman bekommt, unter der er ihn erreichen kann.

Diese zum Teil sehr witzigen Spitzen und Dialoge bilden das eigentliche Herzstück der Geschichte. Bruce Wayne ist hier nicht nur der Getriebene, sondern auch der Verletztliche, der viel einstecken muss und den die Ereignisse nicht kalt lassen. In einer langen Sequenz sieht man, wie ihn die jüngsten Erinnerungen zusammenbrechen lassen. So etwas sieht man selten in einem Batman-Comic.

Kommentar zu The Dark Knight Returns

Trotz aller Introspektion kommt die Action nicht zu kurz. Auch wenn die üblichen Verdächtigen aus der Schurkenriege fehlen, sorgen überraschende Schockmomente für viel Abwechslung, spektakuläre Kampfszenen können sich auch mal über ein Dutzend Seiten erstrecken. Hier kommen Bryan Hitchs detailreicher und dynamischer Zeichenstil voll zur Geltung. Allerdings fällt ein Ungleichgewicht auf. Nach einer ausführlichen Einleitung hetzt das Geschehen seinem Finale entgegen, das aber abrupt und etwas einfallslos endet. Und der Gegner bleibt bis zum Schluss leider uninteressant.

In gewisser Weise ist The Batman’s Grave auch ein Kommentar zu The Dark Knight Returns. Bis auf den Panzer, der gegen einen Mob eingesetzt wird, finden sich auch indirekte Zitate wie: „Think of me as the surgeon.“ Und Alfred malt sich ein Szenario aus, in dem Batman als alter Mann immer noch Batman aktiv ist und eine Armee von Helfern befehligt. Doch so weit kommt es nicht, denn von Anfang an ist klar, dass es hier um eine Grablegung geht. Damit wird die Geschichte zu einem Abgesang auf Batman. Nicht revolutionär, nicht perfekt, aber viel interessanter und unterhaltsamer als das, was man derzeit in den regulären Serien zu lesen bekommt.

>> Batman 2020


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Flashpoint mal anders

DC Comics

Titel: Tales From the Dark Multiverse: Flashpoint

Autor/Zeichner: Bryan Hitch

Erschienen: 2020 (One-Shot)


Die wohl krasseste Szene aus Flashpoint ist die, in der sich Barry Allen in der veränderten Zeitlinie auf einen elektrischen Stuhl setzt, um sich mittels Blitz und Chemikalien wieder zum Flash zu machen. Schwerverbrannt überlebt er und bekommt seine Kräfte zurück. Glück gehabt. Aber was wäre, wenn er diesen Wahnsinn nicht überlebt hätte? Diese Frage stellt sich Bryan Hitch in der Tales From the Dark Multiverse-Variante der Geschichte.

Barry Allen stirbt – und Eobard Thawne, der böse Reverse Flash, taucht an seiner Stelle auf, der Übeltäter, der dafür verantwortlich ist, dass die Welt vor die Hunde geht: Atlantis und Themyscira, also Aquaman und Wonder Woman führen Krieg gegeneinander, Batman ist Thomas Wayne, der gegen Martha Wayne als Joker kämpft, nachdem ihr Sohn Bruce erschossen wurde, Superman ist in Gefangenschaft usw.

Als Thawne (mit roter Hose) erscheint, übernimmt er die Herrschaft über die USA und verspricht, Frieden zu schaffen. Dazu schaltet er zunächst die Konkurrenz aus und tötet eine Reihe von Superschurken und Helden wie Cyborg. Doch der kluge Cyborg hat ein Backup seines Geistes erstellt und verbündet sich mit Batman, um Thawne auszuschalten, dafür befreien sie ihre Geheimwaffe: Superman!

ACHTUNG SPOILER!!!

Damit tun sie genau das, was auch schon in Flashpoint passiert. Der Unterschied: Batman tötet am Ende Superman, aber nicht den Reverse Flash. Warum? Damit am Ende der Schurke die Vergangenheit erneut in eine andere Richtung lenken kann: Keiner der Waynes stirbt, sondern Joe Chill selbst kriegt die Kugel ab.

Nach einer passablen Variation von Knightfall und einem unnötigen wie bemühtem Neuaufguss von Hush ist mit Flashpoint ein weiterer moderner Klassiker dran, der in einer Elseworlds-Manier neu erzählt wird. Routiniert, mit vielen erklärenden Sprechblasen und wie immer ordentlichen Zeichnungen von Altmeister Bryan Hitch, prächtigen Splash Pages, in denen es vor Action und Gastauftritten nur so wimmelt.

Okay, das Prinzip der Dark Multiverse-Storys hätten wir damit verstanden, aber richtigen Mehrwert bietet es nicht, außer uns die gleiche Geschichte noch mal, aber eben etwas anders zu verkaufen. Mit 52 Seiten dient dieses Heft nur als eine Art Teasing für neue Leser, die wohl Lust bekommen sollen, das Original zu kaufen. Als solches ist es in Ordnung, aber Fans müssen dafür keine 6,99 US-Dollar zahlen – und schon gar keine Lebenszeit dafür investieren.

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Neue Serie: The Batman’s Grave

Batmans Grave

DC Comics

Kurz vor der San Diego Comic-Con 2019 überschlagen sich die Meldungen zu Batman. Nachdem DC ein Joker-Comic von Jeff Lemire und Andrea Sorrentino verkündet hat, ist jetzt eine Maxiserie von Warren Ellis und Bryan Hitch in Arbeit. The Batman’s Grave wird sie heißen, zwölf Teile umfassen und am 9. Oktober 2019 starten.

Batman's Grave #1

DC Comics

Die Story klingt noch etwas vage: Während Alfred Pennyworth jede Woche das Grab der Waynes pflegt, versetzt sich Batman in den Verstand eines Mordopfers, dessen Gesicht zur Hälfte zerstört ist. Batman identifiziert sich auf psychotische Weise mit Mordopfern. Er begibt sich in ihre Leben und wird besessen von jedem Detail ihrer Tode.

Ellis und Hitch haben bereits gemeinsam an The Authority (1999-2000) gearbeitet. Ellis hat auch einige Batman-Storys geschrieben, darunter ein Crossover mit Planetary, „Infected“ (Legends of the Dark Knight #83–84), eine Batman Black and White-Geschichte und zuletzt eine für Detective Comics #1000. Hitch hat Batman zuletzt für seine Justice League gezeichnet.

Batmans Grave

DC Comics

Heilsbringer aus dem All

Titel: Justice League of America – Power and Glory

Autor/Zeichner: Bryan Hitch (u.a)

Erschienen: 2015-2016 (Justice League of America #1-4, 6-10), Hardcover 2017, dt. Panini 2016-2017 (Justice League of America #1-5)


Früher war die Justice League (JLA) für mich das Maß aller Dinge. Die größten Superhelden in einer Geschichte – mehr konnte man für sein Geld nicht bekommen. Aber mit der Zeit ließ die Begeisterung nach. Und als ich mich durch all die Krisen der Mega-Events kämpfte, bei denen es immer um alles ging und jeder mitmischte, verlor ich jegliche Lust daran. Auch die Justice League-Serie von The New 52 konnte mich nicht packen. Und obwohl ich die JL aufgegeben hatte, hat mich die Neugier doch dazu gebracht, die neue JLA-Serie zu lesen. Wegen der guten Kritiken – und wegen des Zeichners Bryan Hitch, den ich spätestens mit seiner Arbeit an Marvels The Ultimates schätzen gelernt habe.

Hitch zeichnet hier nicht nur, er schreibt auch die Geschichte. Die Erde bekommt Besuch von Rao, dem kryptonischen Gott. Er will die Welt von Leid befreien – und macht die Menschheit zu Gläubigen. Superman ist sofort von Rao begeistert und legt ein gutes Wort vor der Menschheit für ihn ein. Natürlich steckt dahinter ein fauler Zauber. Denn Rao ist einfach nur ein Despot, der die Menschheit unterjochen will, indem er sie zu friedfertigen und unterwürfigen Wesen umprogrammiert.

Was folgt, ist der typische Kampf an vielen Fronten: Superman kloppt sich bis zum Tod, Batman und Cyborg kümmern sich um die Kopfarbeit und Technik, Wonder Woman treibt sich im verlassenen Olymp herum, Green Lantern landet auf einem Krypton der frühen Vergangenheit. Es geht also auch um Zeitreisen, um mysteriöse Steine, eine nervige Gruppe von Geheimniskrämern und auch der Parasit hat einen großen Auftritt, dessen Sinn ich aber nicht ganz verstanden habe. Ebenso wenig wie den Prolog …

Naja, am Ende geht jedenfalls alles sehr schnell, sodass nicht einmal für einen anständigen Epilog Zeit ist. Das Schlusskapitel ist das einzige, das von Bryan Hitch weder gezeichnet noch geschrieben ist. Letzteres fällt nicht besonders auf, weil Hitch keinen besonderen Schreibstil hat, aber dass die Zeichnungen nicht von ihm sind, lässt die Qualität und Stimmung schon stark nachlassen. Der Grund dafür ist einfach: der Mann hat sich mit seiner Serie übernommen, kam nicht hinterher, die Erscheinungstermine wurden mehrfach verschoben, selbst eine Lückenbüßer-Ausgabe musste gedruckt werden (#5), die im Sammelband aber nicht aufgenommen wurde.

Ist Power and Glory unterhaltsam? Ja, aber darüber hinaus nicht viel. Das alles ist so vollgepackt mit Figuren und Plot, das nicht viel Raum bleibt für Aspekte, die eine Geschichte wirklich leben lassen, wie etwa Ruhe und Humor. Im Grunde bekommt man, was auf den heillos überladenen Covern zu sehen ist: knallbunte Action ohne Atempause. Bryan Hitch liefert solide Arbeit ab, ein Heilsbringer ist er nicht.