Superboy

Batman beginnt als Batlad – und Henker

DC Comics

Titel: The Forging of Young Batman

Autor/Zeichner: Leo Dorfman/Bob Brown

Erschienen: 1972 (Superboy #182)


„This could be dynamite!“ Nachstellung einer Redaktionskonferenz. (DC Comics)

Eigentlich ist diese Geschichte viel zu krass, um sie zu erzählen. Das will uns zumindest DC Comics (damals National) klarmachen. Die wahre Geschichte, wie Superman und Batman sich erstmals trafen (Superman #76, World’s Finest #94), die wurde noch gar nicht erzählt, die lag angeblich bisher verschollen im Archiv, heißt es bei der Redaktionskonferenz. Ein Redakteur wendet ein: „This could be dynamite! I say, keep it buried!“ Aber der zigarrerauchende Chefredakteur knallt mit der Faust auf den Tisch und sagt: Nein, unsere Leser verdienen die Wahrheit! – Eine Szene, wie man sie eher von einer investigativen Tageszeitung erwartet hätte. Das weckt Neugier.

Als sich Clark Kent und Bruce Wayne zum ersten Mal begegnet sind (Adventure Comics #275), lebten Bruces Eltern noch. Zwölf Jahre sind seitdem vergangen – im Comic nur eins. Die Waynes wurden mittlerweile ermordet, Clark Kent erfährt davon aus der Zeitung. Und kaum liest er die traurige Nachricht, zieht er sich um und fliegt als Superboy nach Gotham City, um seinem alten Freund beizustehen.

Bruce Wayne jagt den Zodiac-Killer

Der kommt aber ganz gut allein zurecht. Einen Einbrecher lässt er in Wayne Manor in eine Falle tappen, die ihm einen Stromschlag verpasst. Bruce ist nicht zimperlich: Er will Rache am Mörder seiner Eltern nehmen – und er ist bereit, über Leichen zu gehen. Dafür pumpt er seine Muskeln auf und bringt sich selbst Karate bei. Und er hört den Polizeifunk ab, um zur rechten Zeit selbst seinen Beitrag zu leisten. Bruce glaubt ans Schicksal: „It’s written in the stars.“ Dazu konsultiert er sogar das Horoskop. (So viel zum Thema „superstitious lot“ …) Passenderweise treibt gerade der Zodiac-Killer sein Unwesen, einen Serienmörder, der am Tatort Symbole von Sternzeichen hinterlässt – unter anderem auch bei den Waynes. Ist der Zodiac-Killer der Mörder von Bruces Eltern?

Zunächst zieht sich Bruce nur einen schwarzen Anzug an, ohne Maske. Superboy, der dank Zukunftsblick weiß, dass Bruce einmal Batman werden soll, sieht sich verpflichtet, seinen Freund in die richtige Bahn zu lenken: „No man should be the judge, prosecutor and jury! You’re blinded by hate! You’re bound to make serious mistakes!“

Bruce wird zu Batlad. (DC Comics)

Nachdem er gesehen hat, dass Bruce in seiner Freizeit auch Fledermäuse erforscht, macht er ihm ein Kostüm, das dem späteren sehr ähnlich sieht – nur ohne Spitzohren. Bruce soll zu Batlad werden. (Robin war er bereits.) Doch als Bruce seine Maske im Spiegel sieht, zieht er einen anderen Schluss: Er sieht aus wie ein Henker – wie passend! Also nennt er sich Executioner und schwört noch einmal Blutrache an allen Kriminellen.

Todesstrafe für einen Unschuldigen

Bruce findet dank seines Hellseher-Computers heraus, dass der Zodiac-Killer als nächstes was mit Fischen plant, also nimmt er an einem Angler-Wettbewerb teil. Da er sich auch damit auskennt (er weiß und kann einfach alles), gewinnt er den ersten Preis, indem er einen riesigen Schwertfisch fängt. Doch dann reißt die Leine, der Fisch bohrt sich ins Schiff und reißt ein Loch in den Rumpf. Superboy rettet alle.

Dabei findet Bruce heraus, dass der Zodiac-Killer der Reporter Higbee ist. Aber der bestreitet das: Er hat sich den Killer nur ausgedacht, um seinen Job zu behalten. Der Zodiac-Killer ist Fake News! Bruce hätte fast den falschen Mann getötet. Das gibt ihm zu denken.

Und jetzt noch einmal zurück zum Anfang: War diese Geschichte wirklich so krass wie angekündigt? Tatsächlich: Bruce Wayne ist hier nicht der liebe Batman, den wir seit vielen Jahren kennen. Er ist ein angry young man auf Abwegen. Er will töten. Bei all dem fantastischen Unsinn, der hier aufgetischt wird, ist das eine Komponente, die diese Geschichte zumindest psychologisch glaubhafter macht. Auch Batman kann sich von seinen Gefühlen in die Irre führen lassen. Umso triumphaler erscheint dagegen seine spätere Laufbahn.

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Superboy und der Fliegende Fuchs

Superboy: "The Origin of the Superman-Batman Team!"

DC Comics

Titel: Superboy: The Origin of the Superman-Batman Team! (dt. Wie Superman und Batman sich erstmals trafen)

Autor/Zeichner: Jerry Coleman/George Papp

Erschienen: 1960 (Adventure Comics #275), dt. Ehapa 1967 (Superman und Batman 2)


Wie war das noch mal mit dem ersten Treffen von Batman und Superman? Historisch gesehen fand die 1952 auf einem Schiff statt (The Mightiest Team on Earth, Superman #76). Sechs Jahre später sah das ganz anders aus (The Origin of the Superman-Batman Team, World’s Finest #94). Und 1960 wurde dann eine dritte Version bekannt, in der sich die beiden noch früher, schon als Jugendliche trafen.

Clark Kent ist damals noch als Superboy in Smallville aktiv. Dank seines „Time-Telescope“ kann er sehen, wie er als Superman zusammen mit Batman gegen das Verbrechen kämpft – und er weiß, dass es Bruce Wayne ist. Ohne Grund ist Bruce Wayne plötzlich Clarks Klassenkamerad. Sein Vater, so heißt es, sei gerade nach Gotham gezogen. (Warum?) Bruce ist natürlich ein Streber, besonders gut in Chemie und in Sport. Lana Lang ist beeindruckt und schwärmt für ihn, auch er steht auf sie, aber weil er ein unsicherer Teenager ist, gibt er es nicht zu und lässt sich lieber die Maskensammlung ihres Vaters zeigen.

Bruce Wayne wird zum Flying Fox

Als plötzlich ein Bandit in Roboter-Rüstung die Mauer einer Bank durchbricht, schreitet Bruce zur Tat, da gibt ihm Lana ein Fuchskostüm mit, das ein Schamane getragen hat. Es heißt, es habe Zauberkräfte. Auch wenn Bruce den Humbug nicht glaubt, zieht er es an, um ihr den Gefallen zu tun. So schwingt sich der Fuchs zur Tat und haut den Roboterbanditen mit einem Tritt um. Sofort ist die Presse zur Stelle und tauft ihn den „Flying Fox“.

Superboy: "The Origin of the Superman-Batman Team!"

Bruce Wayne als Flying Fox (DC Comics)

Lana ist noch mehr beeindruckt. Bruce wittert seine Chance und fragt sie, ob sie mit ihm zum Ball gehen will. Da zeigt Lana einen Sinneswandel: Sie wollte lieber mit Superboy gehen, aber wenn Bruce ihr Superboys Geheimidentität verrät, will sie ihm eine Chance geben. Spätestens hier müsste Bruce ihr den Laufpass geben, aber der junge Heißsporn ist nun mal verliebt, also lässt er sich auf den faulen Deal ein.

Doch Bruce hat auch Geschmack gefunden an der Verbrechensbekämpfung. Als eine Schuhfabrik ausgeraubt wird und Superboy schon zur Stelle ist, kann auch der Flying Fox helfen, den Schaden zu begrenzen. Hinterher gibt Bruce Superboy ein Radio, damit sie miteinander in Kontakt bleiben können. Das sieht ein Gauner und sieht eine Gelegenheit. Denn er hat mit seiner Bande einen großen Kryptonitbrocken gefunden. Damit will er Superboy erledigen.

Bruce Wayne: zu jung für Superboys Geheimnis

Ehapa Verlag

Superboy hat davon gehört und statt Bruce Fahndungsfotos der drei Gauner zu zeigen, formt er drei riesige Gesichter aus Wachs, die er an einen Felsen klebt. Dass er den Verbrechern damit auch ein Denkmal setzt wie den Präsidenten am Mount Rushmore (vgl. Detective Comics #319, Batman #321), scheint ihn nicht zu kümmern. Die Gauner (es sind plötzlich vier) nehmen Bruce gefangen, klauen sein Radio, lassen ihn liegen. Um Superboy zu warnen, macht Bruce als den drei Wachsköpfen Riesenkerzen. Doch mit den Flammen lockt er seinen Kumpel nur ins Verderben, denn da warten bereits die Schurken: Superboy bekommt das Kryptonit zu spüren, aber mit vereinten Kräften können sie das Schlimmste verhindern und die Gauner schnappen.

Am Ende hat Bruce mit einer Stimmenanalyse herausgefunden, dass Clark Superboy ist. Aber weil er sich in einem Anfall falscher Demut als „zu jung“ empfindet, um die Bürde dieses Geheimnisses zu tragen, lässt er sich von Superboy hypnotisieren, sodass er das vergisst. Ach ja, Lana wird natürlich nichts verraten – „bros before hos“ und so …

Dann entdeckt Clark in einem Buch, dass eine bestimmt Fledermaus als „flying fox“ bezeichnet wird. Aber das will er Bruce ein anderes Mal erzählen.

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Supermans Anfänge im Wandel der Zeit

Ausschnitt aus dem Cover von Action Comics #5 (2012, DC Comics)

Wir kennen die Geschichte in- und auswendig. Wie oft hat man es schon gesehen? Wie oft hat das Baby schon den explodierenden Planeten in einer Rakete verlassen und ist auf der Erde gelandet? Wie oft wurde sie schon erzählt, die Entstehungsgeschichte von Superman? Im Comic, im Film, im Fernsehen.  Unzählige Male wurde sie in 80 Jahren erzählt und immer wieder neu interpretiert. Und jedes Mal hat sie sich wenigstens ein wenig verändert, wurde ausgeschmückt und erweitert oder auch wieder reduziert. Aber in ihrer Grundstruktur ist sie gleichgeblieben: Ein Kind wird von einem sterbenden Planeten zur Erde geschickt, wo es Superkräfte entwickelt und zum Helden wird.

Die bekanntesten und populärsten Superhelden-Geschichten sind die über ihre Entstehung. Es sind Geschichten einer Entwicklung, sie handeln vom Erwachsenwerden. Egal welche Unterschiede es gibt, sie verlaufen im Prinzip immer gleich: from zero to hero. Von normal (oder gar defizitär) zu außerordentlich. Es sind Variationen der Heldenreise, der Ur-Geschichte schlechthin. Deshalb sind Ursprungsmythen die wirkmächtigsten Erzählungen unserer Kultur. Wer das nicht glaubt, sollte mal in den Kalender schauen und sich fragen, warum die Woche sieben Tage hat. Weil es so am Anfang der Bibel steht. Jeder kennt diese Mythen, wenn auch nur rudimentär, weil ihre Wirkung bis heute allgegenwärtig ist. Wir wollen wissen, wie alles begann, weil wir der Welt einen Sinn geben wollen. Und so ist die Bibel – genauso wie alle anderen Mythologien – voller Ätiologien, die alle möglichen Phänomene erklären. Und sei es, warum man am Sonntag frei hat. Solche Geschichten sind anschaulicher als Theorien über den Urknall aus dem Nichts, deshalb funktionieren sie immer noch so gut.

Mit dem „Wo kommen wir her?“ ist auch eng die Frage nach dem Ursprung des Schlechten in der Welt (Mühsal, Leid, Krankheit, Tod) bzw. dem Bösen (Lüge, Raub, Mord) verbunden. Nicht ohne Grund handeln die wirksamsten Schöpfungsmythen unserer Kultur auch vom Sündenfall. Was bei Adam und Eva die Frucht vom Baum der Erkenntnis ist, ist in der griechischen Mythologie die Büchse des Pandora. Der Ursprung allen Übels ist aber nicht die Frau, sondern die Neugier, man kann auch sagen der Urtrieb aller Wissenschaft. Und was daraus entsteht, ist besagte Erkenntnis.

Nicht von ungefähr sind Superhelden oft Wissenschaftler (oder stammen – wie Superman – von solchen ab) und Superschurken Mad Scientists, wahnsinnige und böse Wissenschaftler, die mit ihren Erkenntnissen Leid schaffen und an ihrer Hybris zugrunde gehen. Und auch nicht zufällig sind Superhelden-Origins auch oft mit der Entstehung von Superschurken verknüpft. Besonders in Filmen, wo die Erzählökonomie es verlangt, erfahren wir meistens parallel zur Heldengeschichte, wie die Bösen böse wurden – oft in bester Absicht. Aber auch in Comics haben Schurken häufig einen gemeinsamen Ursprung mit den Helden. Lex Luthor ist mit Clark Kent aufgewachsen, General Zod stammt von Krypton, Brainiac hat die kryptonische Stadt Kandor entführt usw.

Und die Bösen sind meist nichts als die Kehrseite der Guten. Man braucht sie als Gegengewicht, nicht nur dramaturgisch, sondern weil zu einer Schöpfungsgeschichte beide Seiten gehören: Gott und die Schlange. Erst dann ist die Welt im Gleichgewicht. Pandora setzt nicht nur Elend und Tod frei, sondern auch die Hoffnung. Der kleine Kal-El in der Rakete ist so ein Hoffnungsträger inmitten von Zerstörung und Tod. Er wird für die Erde zum Heilsbringer, ein Findelkind wie Moses oder eher wie Jesus, der als Sohn eines Übervaters geschickt wurde.

Action Comics #1 (1938)

Bei den Origins der Superhelden geht es zunächst darum, zu erklären, wie sie „super“ geworden sind. Besonders am Anfang, als Superman der Welt vorgestellt wurde, war es wichtig, eine schier unglaubliche Figur glaubwürdig zu machen. Seine Schöpfer, Jerry Siegel und Joe Shuster, hatten jahrelang Schwierigkeiten, eine so fantastische, so abgehobene Figur in Druck zu bekommen. Und als sie dann endlich ihre Chance bekamen, in Action Comics #1 (1938), wurde die erste Seite der Figur zunächst der Entstehung und Erklärung gewidmet, woher dieser blau-rot gekleidete Mann seine Kräfte hatte. Und als wäre die Story nicht genug, wird noch eine (pseudo-)wissenschaftliche Erklärung hinterhergeschoben.

Supermans noch namenloser Planet

In Action Comics #1 ist am Anfang nur die Rede von einem „distant planet“, der wegen seines Alters vernichtet wurde. Wir erfahren keinen Namen und auch sonst nichts über diesen Planeten. Angedeutet sehen wir nur die Illustration: einstürzende Wolkenkratzer und Rauchwolken. Und eine kleine rote Rakete, die aus dem Rauch aufsteigt. Ein Wissenschaftler, heißt es weiter, habe seinen Sohn in ein eilig zusammengebautes Raumschiff gesteckt und Richtung Erde geschossen. Wir sehen den Mann nicht und auch keine Frau. Der ganzen dramatischen Ur-Szene, die Rettung eines Kindes, der Bewahrung von neuem Leben inmitten einer sterbenden Zivilisation, wird nur ein Panel gewidmet – aber damit wird diese neue Serie ihrem Namen durchaus gerecht. Die Geschichte nimmt sich nicht einmal richtig Zeit, den Namen Clark Kent einzuführen, das passiert ganz nebenbei.

Baby mit Sessel

Nächstes Panel: Das Kind wird von einem Autofahrer gefunden und in ein Waisenhaus gebracht. Auch hier sehen wir keine Personen, nur zwei Scheinwerfer, die die Rakete beleuchten. Wir wissen nicht einmal, wo in etwa das Raumschiff gelandet ist. Egal, weiter: Im dritten Panel sehen wir endlich das Kind, das nur eine Windel trägt – und einen roten Sessel. Zwei Menschen sehen zu, einem Mann fällt vor Erstaunen der Zwicker von der Nase.

Clark Kents Kräfte

Im nächsten Panel stecken gleich drei Bilder, die nicht nur einen Zeitsprung machen, sondern auch zeigen, was der mittlerweile zum Mann gewordene Junge kann: Gebäude überspringen, große Gewichte (wie Stahlträger) heben und schneller laufen als ein Expresszug, ein Caption erwähnt noch die Unverwundbarkeit. Dann wird erklärt, dass Clark (der Name fällt erst jetzt) sich entschied, seine Kräfte zum Wohle der Menschheit einzusetzen. Ein Panel später sehen wir endlich Superman in voller Montur: blauer Anzug, rotes Cape, gelbes Wappen auf der Brust. Darunter steht seine Gesinnung: „Champion of the Oppressed“, Held der Unterdrückten, wird er genannt. Damit wird auch klar, dass er nicht einfach nur „den Menschen“ hilft oder einer Elite, sondern denen, die seine Hilfe wirklich brauchen. Edlere Motive kann man sich nicht vorstellen.

Die Erklärung für Supermans Kräfte

Warum er so auffällig herumläuft – kein Wort darüber. Stattdessen werden die zwei letzten Panels dafür aufgewendet, um die Kräfte „wissenschaftlich“ zu erklären: Kent (der Nachname fällt erst jetzt) kommt von einem Planeten, dessen Einwohner einen um Millionen Jahre weiter fortgeschrittenen Körperbau hatten als die Menschen. Interessanterweise werden zum Beleg der Überlegenheit zwei (scheinbar) unterlegene Spezies der Erde gezeigt: Insekten, die das Hundertfache ihres Gewichts tragen und Heuschrecken, die weit springen können.

Die erste Seite von Action Comics lässt uns eine Reise vom Großen ins Kleinste machen: Von einem weit entfernten (und zerstörten) Planeten zur Landung auf der Erde, die Überwindung der Beschränkungen der Erde durch Clark bis hin zum Mikrokosmos der Insekten. Diese Verschiebung des Blickwinkels, die Erstaunen auslösen soll, weckt Verständnis für die Figur, die das für Menschen Unmögliche vollbringt. Und während wir beim Umblättern noch den Grashüpfer springen sehen, springt im nächsten Bild schon Superman mitten in die Handlung hinein. Wir wissen nicht viel, vor allem nicht, wie aus einem Waisenkind ein junger Mann mit hehren Idealen werden konnte, aber wir wissen genug, um den komisch gekleideten Typen, der auf dem Cover ein Auto anhebt, zu akzeptieren.

Superman #1 (1939)

Rakete von Krypton

Ein Jahr später bekommt Superman eine eigene, nach ihm benannte Comicserie. Die erste Ausgabe wäre nicht der Rede wert, weil sie eigentlich nur die ersten vier Hefte von Action Comics wiedergibt, aber ganz am Anfang gibt es sechs neue Seiten. Der einseitige Origin wurde durch einen neuen, zweiseitigen ersetzt. Schon hier gibt es einige Abweichungen zur ersten Fassung: Die Rakete (blau-rot statt rot) ist nicht mehr notdürftig zusammengebaut, sondern wird als „experimental rocket-ship“ bezeichnet. Der Planet bekommt den Namen Krypton, aber wir sehen ihn nur noch in der Ferne explodieren.

Der kleine Clark mit Schrank

Auf der Erde findet nicht ein anonymer Fremder das Kind, sondern das ältere Ehepaar Kent. Sie bringen es in ein Waisenhaus und adoptieren es kurz darauf. Im Waisenhaus trägt der Junge einen kleinen Schrank statt eines Sessels, neben ihm liegt ein zerbrochener Balken. Die Geschichte bekommt Humor, denn der Heimleiter ist froh, dass er den Jungen loswird, bevor er noch die Einrichtung zerlegt.

Lektionen fürs Leben von den Eltern

Die Kents bringen den Jungen im nächsten Panel zwei Lektionen bei: Der Vater schärft ihm ein, seine Kräfte geheimzuhalten, die Mutter widerspricht indirekt, indem sie ihn rät, die Kräfte zum Wohle der Menschheit einzusetzen. Was in Action Comics #1 noch mit bloßem Text gelöst wurde, ist hier nun geerdet in einer Szene, in der die Eltern als Erzieher auf den Jungen einwirken.

„Try again, Doc!“

Die nächste Seite ist den Kräften gewidmet: Clark springt über Wolkenkratzer und Häuserblöcke, hebt ein Auto an (wie schon in Action Comics #1), rennt schneller als ein Zug und ist unverwundbar. Letzteres wird so dargestellt, dass ein Arzt keine Nadel in seine Haut stechen kann. Clark entgegnet lächelnd „Try again, doc!“ und beweist Humor.

Clark am Grab seiner Eltern – und als Superman

Im vorletzten Panel sterben die Kents und Clark fasst den bekannten Entschluss. Letztes Panel: Superman, in der gleichen offensiven Haltung, wird mit dem exakten Wortlaut wie noch vor einem Jahr als „champion of the oppressed“ betitelt.

Zweiter Versuch einer wissenschaftlichen Erklärung für das Unerklärliche

Eine wissenschaftliche Erklärung für die Kräfte fehlt – jedenfalls auf diesen zwei Seiten des Origins. Braucht es auch nicht, denn ein Jahr nach seiner Premiere ist Superman längst etabliert bei den jungen Lesern. Sie wird dennoch an anderer Stelle im Heft nachgereicht, ausgebreitet auf einer ganzen Seite. Wieder lesen wir die gleichen Erklärungen, wieder Ameisen und Grashüpfer, diesmal aber angereichert mit zwei Panels: Eines zeigt eine Stadtkulisse auf Krypton, über die zwei Kryptonier springen, ein anders zeigt den Größenunterschied der Planeten, der die schwächere Gravitation der Erde illustrieren soll. Hier wird ein Widerspruch deutlich. Einerseits wird die körperliche Perfektion der Kryptonier angeführt, andererseits die geringe Erdanziehungskraft. Doch wenn Superman seine Kräfte erst auf der Erde entfalten konnte, warum sehen wir dann Kryptonier über Wolkenkratzer hüpfen?

Superboy (1944)

Superboys erster Auftritt

Zwischen dem kleinen Clark und dem großen Superman gab es in den ersten Jahren eine große Zeitspanne, die nicht erzählt blieb. Da aber das Kind bereits Kräfte hatte und man noch mehr ein junges Publikum ansprechen konnte, wie etwa beim Sidekick Robin, wurde Supermans Karrierebeginn vorverlegt: In seiner Jugend war er schon als Superboy unterwegs.

Leben auf Krypton

Seinen ersten Auftritt hatte der Junge in More Fun Comics #101 (1944, Cover Date 1945). Wieder beginnt die Geschichte ganz am Anfang, diesmal bekommt sie fünf Seiten. Hier erfahren die Leser zum ersten Mal, was sich auf Krypton abgespielt hat. Wir sehen eine hoch entwickelte Zivilisation, wir lernen jetzt auch Supermans leibliche Eltern kennen und erfahren, dass sein Vater Jor-El den Untergang des Planeten kommen sieht, aber niemand ihm glaubt. Erdbeben erschüttern den Planeten, Jor-El will die Kryptonier in Raumschiffen retten, aber Kryptons Politiker wiegeln ab: Erdbeben und Stürme habe es immer gegeben. (Es erinnert ein wenig an die heutigen Leugner des Klimawandels.)

Platz für zwei …

Jor-El ist ein typischer Prophet, der im eigenen Land nicht erhört wird, er ist ein Beinahe-Held der Wissenschaft und Vernunft, der an der Ignoranz scheitert. Dramatische Szenen spielen sich ab: Jor-El will seine Frau mit dem Baby retten, in dem kleinen Raumschiff ist genug Platz für beide, aber Lara will lieber mit ihm sterben. Es stellt sich die Frage, warum eine Mutter freiwillig ihr Kind allein lässt und der Ungewissheit einer Reise durchs Weltall aussetzt. Gerade noch rechtzeitig startet die (gelbe!) Rakete, bevor der Planet explodiert.

Die wissenschaftliche Erklärung für Supermans Kräfte liegt nun in der höheren Gravitationskraft, die auf Krypton wirkt. Und es gibt auch zumindest eine visuelle Andeutung, woher Superman seine Inspiration für sein Kostüm haben könnte: Die männlichen Kryptonier tragen eine Uniform in Primärfarben: Ein blau-rot-geteiltes Oberteil und einen gelben Helm.

Der Fremde und die Kents

Auf der Erde passiert sich eine Mischung der Versionen aus Action Comics #1 und Superman #1: Zwar findet jetzt wieder ein vorbeifahrender Fremder das Kind in der Rakete, wieder sehen wir Clark im Waisenhaus einen roten Sessel heben (mit den zwei erstaunten Zeugen), aber adoptiert wird er dennoch von den Kents. Wir sehen ihn Holzstämme tragen, über eine Scheune springen und schnell laufen. Als ein Mann unter einem Auto eingeklemmt wird, hebt der kleine Clark es hoch (ähnlich wie in Action Comics #1).

Statt Ratschläge von seinen Eltern mitzubekommen, sinniert er selbst, dass er seine Kräfte zwar für gute Zwecke einsetzen, aber diese in seiner zivilen Identität geheimhalten sollte. Clark bekommt sogar ein wenig psychologische Tiefe, seine Superkräfte findet er selbst etwas furchterregend. Daraufhin schneidert er sich selbst ein Kostüm und wird zu Superboy.

The Origin of Superman (1948)

Zehn Jahre nach dem ersten Auftritt (Superman #53, 1948) bekommt die Entstehungsgeschichte noch mehr Raum: Auf zehn Seiten wird noch einmal rekapituliert, wo Superman herkommt und wie er wurde, wer er ist. Die Story beginnt bemerkenswert: Auf dem Cover steht Superman noch lächelnd mit geschwellter Brust da, während hinter ihm seine Rakete durchs Weltall rauscht. Auf Seite eins aber sieht er traurig aus, die Hände über den Kopf geschlagen, während über ihm die Rakete den explodierenden Planeten verlässt. Doch eigenartigerweise sieht man anstelle des Planeten seine leiblichen Eltern lächeln und winken – verkehrte Welt. Denn eigentlich haben Jor-El und Lara keinen Grund zur Freude, auch später in der Geschichte nicht. Und Superman hat keinen Grund zu trauern, denn er bekommt als Kind noch nichts vom Tod seiner Eltern mit.

Auf Seite zwei wird Superman eingeführt, mit all seinen Kräften, also ganz ähnlich wie in den ersten Origins, nur dass hier zuerst die Gegenwart dargestellt wird. „The whole world knows of Superman’s titanic strength!“, heißt es zu Beginn. Was aber Autor Bill Finger nicht davon abhält, dennoch alle Kräfte aufzuzählen. Und es spielt auch keine Rolle, dass Supermans Vorgeschichte bereits erzählt wurde (mindestens dreimal!), er tut einfach so, als ob er die Fragen beantwortet, die Millionen Lesern auf der Seele brennen. Ganz abseitig ist das aber nicht, denn man konnte im Jahr 1948 nicht erwarten, dass die Kinder von damals zehn Jahre alte Superman-Hefte kannten. Hier zeigt sich vielmehr die Notwendigkeit von unendlichen Fortsetzungsgeschichten, hin und wieder den Lesern zu erklären, was bisher geschah – oder in diesem Fall: Wie alles begann.

Wir sehen ähnliche Szenen wie im Superboy-Origin: Es wird gezeigt, wie hoch entwickelt Krypton ist, es gibt die Erklärung mit der Gravitation und die Erdbeben. Allein die Kleidung der Kryptonier ist vielfältiger geworden, trotzdem gibt es wieder Aspekte, die an Superman erinnern: Jeder trägt irgendein Symbol auf der Brust, Jor-El trägt ein gelbes Cape und ein rot-gelbes Ringplaneten-Symbol auf seinen grün-gelben Anzug.

Niemand glaubt Jor-El

Supermans Vater erklärt diesmal ausführlicher, warum Krypton explodieren wird: wegen Uranium im Erdinneren, Krypton ist eine große Atombombe – das versteht im Jahr 1948 jeder Leser. Aber abgesehen davon, dass er ausgelacht wird, will auch schon deswegen keiner zur Erde fliegen, weil die Bewohner so weit mit ihrer Entwicklung zurückliegen. Krypton geht also nicht allein an einer Naturkatastrophe zugrunde, sondern an dem Hochmut seiner Bewohner.

Platz für zwei in der Rakete …

So stirbt eine dekadente Welt: Wie schon in Action Comics #1 und More Fun Comics #101 sehen wir Hochhäuser einstürzen und wie in Superman #1 verlässt die blau-rote Rakete den explodierenden Planeten. Für alle Leser, die sich gefragt haben, was aus der Rakete auf der Erde geworden ist, wird auch eine Erklärung geliefert: sie zerstörte sich selbst.

… Lara bleibt bei ihrem Liebsten.

Der Junge wird von den Kents gefunden, als die Rakete an ihrem Auto vorbeirauscht. Die Kents bekommen Vornamen: John und Mary. Sie bringen das Kind pflichtbewusst ins Waisenhaus gebracht und adoptieren es später.

Die Kents entdecken die Rakete.

Wir sehen aber zunächst, wie das Kind sein Spielzeug zerbricht und sich stattdessen anders vergnügt, indem es einen Arzt anhebt (statt eines Sessels oder Schranks) und sich an eine Deckenlampe hängt. Das zerbrochene Spielzeug kann man durchaus als Symbol lesen: Hier überwindet nicht nur das Kind die (gewöhnliche) Kindheit, die jungen Leser bekommen auch zugleich einen anderen Zeitvertreib vorgeführt. Wer braucht schon Spielzeug, wenn er Supermans aufregende Abenteuer lesen kann?

Clark zerbricht sein Spielzeug und findet neues.

Wir sehen bekannte Episoden aus Supermans Jugend, wie er einen Expresszug überholt und über eine Scheune springt, und eine neue, wie er unter einen Traktor kommt und der Traktor zu Bruch geht und wie er dank Röntgenblick die Brille seiner Mutter findet. Am Ende gibt ihm der Vater auf dem Totenbett die prägenden Ratschläge für sein Leben und Clark beschließt, als beide Eltern tot sind, Reporter zu werden, um mit den Bedürftigen in Kontakt zu bleiben.

Was Superman aber immer noch nicht erfährt, ist, woher er stammt. Auch seine Eltern scheinen kein Wort über die Rakete zu verlieren, die ihn hergebracht hat. Seine kryptonische Herkunft erkennt er ein Jahr später (Superman #61, 1949). Dank einer Zeitreise sieht er endlich selbst, was die Leser längst wissen.

The Story of Superman’s Life (1961)

Superman #146 (DC Comics)

Krypton bleibt ein Thema, das immer wieder ausgeschlachtet wird. Superman kehrt zweimal zu seinem Heimatplaneten zurück. In Superman #146 (1961) wird wieder alles von vorn erzählt, auf dem Cover wird aber (wieder) behauptet, es geschehe zum ersten Mal … Und wenn man es genau nimmt, stimmt das, denn so wurde es natürlich noch nicht erzählt: Jede Version ist anders, auch wenn die typischen Versatzstücke gleich sind.

Schon auf dem Cover wird ein wichtiger Unterschied klar: Kal-El ist kein Baby mehr, als er in die Rakete gesteckt wird. Er kann bereits sprechen. Und er trägt schon ein blaues Oberteil mit roter Unterhose und gelbem Gürtel – was bereits spätere Stilentscheidungen vorwegnimmt. (Was impliziert, dass er im Grunde nur ein Kind im Strampelanzug bleibt.) Auf der ersten Seite sehen wir wieder eine Montage wie schon in Superman #53, nur dass Lara diesmal weint, während sie der startenden Rakete zuwinkt, Jor-El hält sie im Arm. Wieder werden zunächst die Kräfte rekapituliert, von denen angeblich die ganze Welt Bescheid weiß. Und es wird einfallsloserweise sogar genauso inszeniert wie 1948: Superman hebt einen Bus an, eine Atomrakete prallt an ihm ab (vorher war es eine Kanonenkugel), er verhindert ein Verbrechen mit Röntgenblick (und benutzt seinen Hitzeblick), er bekämpft Luthors Roboter und baut Häuser für die Armen.

Alltag auf Krypton

Krypton (diesmal mit roter Sonne) wird weiter ausgeschmückt: Mit einem Wetterkontrollturm, der Smog wegblasen kann, mit exotischen Tieren und Robotern für die Hausarbeit. Jor-El (der immer noch Grün trägt, aber jetzt eine gelbe Sonne auf der Brust) erzählt seinen Wissenschatler-Kollegen von der Atombombe im Planetenkern, wird aber ausgelacht. Die Wissenschaft glaubt an eine kosmische Uhr, die für „endlose Jahre“ Sicherheit vorhersagt. Jor-Els Expertise wird abgetan, er habe zu viele Science-Fiction-Geschichten gelesen, heißt es. (Eine seltsame Selbstreferenzialität: Wie Science-Fiction wohl in einer Welt aussieht, die wahrgewordene Science-Fiction lebt?) Er wird von einem Roboter abgeführt, während er von Weltraum-Archen spricht. (Offenbar hat man auch auf Krypton schon von Noah gehört.) Die technikgläubige Welt geht daran zugrunde, dass sie nicht mehr auf die Vernunft ihrer Einwohner vertraut. Die Zivilisation hat mit ihrer Überheblichkeit ihren Zenit erreicht und muss daher untergehen.

Jor-El wird abgeführt

Der Einzige, der Jor-El glaubt, ist sein Bruder Zor-El, Vater des späteren Supergirl. Jor-El testet seine Rakete zuerst mit dem Hund Krypto. Doch obwohl die Rakete mit dem Hund vom Kurs abdriftet, steckt er seinen Sohn dennoch in eine weitere Rakete. Platz für zwei ist da nicht mehr … Während Krypton explodiert, wird Kryptonit freigesetzt, was für Supermans späteres Leid und Todesgefahr steht.

Kal-El wird aus der Rakete geschleudert, bevor sie explodiert.

Kaum auf der Erde gelandet, wird das Kind aus der Rakete geschleudert, dann explodiert sie. Kal-El bleibt unversehrt, aber Jor-El hat das – anders als zuvor – nicht vorhergesehen. Die Kents (die bereits Jonathan und Martha heißen) legen das Kind vor dem Waisenhaus ab, um es später zu adoptieren. Aber im Waisenhaus fällt seine Stärke noch nicht auf – wieder ein Unterschied zu früher. Dafür darf er bei seinen neuen Eltern sein Potenzial ausschöpfen: Er reißt einen Baumstumpf aus, überlebt den Angriff eines Stiers, bläst ein Feuer aus, macht aus Kohle Diamanten etc. Weil seine Kleidung zerstört wird, machen ihm die Kents neue aus den unzerstörbaren Stoffen, die in der Rakete lagen. Clark assistiert mit Röntgen-Hitzeblick.

Aus dem gleichen Stoff näht Martha das Superboy-Kostüm.  Sechs Seiten werden dem jugendlichen Helden gewidmet. So ziemlich alles wird erklärt, was später eine Rolle spielen wird: Krypto, Krypton und Kryptonit. Die Eltern sterben. Wieder gibt der Vater dem Sohn den letzten Rat – aber der ist überflüssig angesichts all der guten Taten, die Superboy bereits vollbracht hat. Wieder steht Clark am Grab. Smallville nimmt Abschied von Superboy, der zu Superman wird.

The Man of Steel (1986)

DC Comics

Nach der Crisis on Infinite Earths, als das DC-Multiversum zusammenbrach und mehrere Erden zu einer neuen fusionierten, starteten alle Helden von vorn. Batman bekam sein Year One, Superman sein The Man of Steel. John Byrne erzählt in der sechsteiligen Miniserie wieder alles neu. Und diesmal ist sehr vieles anders.

Jor-El mit seinem ungeborenen Sohn

Krypton wird heimgesucht von einer grünen Strahlung aus dem Erdinneren, die Bewohner werden von einer Seuche dahingerafft, die Explosion des Planeten steht bevor. Jor-El ist kein unerhörter Prophet mehr, es gibt keine wissenschaftliche Diskussion, sondern nur noch eine mit seiner Frau Lara, die zuerst skeptisch ist, sich dann aber überzeugen lässt. Krypton ist eine sterile Welt, in der die Bewohner sich nicht mehr sexuell fortpflanzen, sondern künstlich. Jor-El schickt kein Baby durchs All, sondern einen Fötus, der erst auf der Erde geboren wird. Lara ist abgestoßen von der Barbarei der Menschen, aber sieht die Notwendigkeit ein, ihr Kind zu retten. Jor-El sieht Kal-Els Fähigkeiten voraus, die durch die gelbe Sonne hervorgerufen werden.

John Byrne fügt in seinem Sechsteiler vieles zum Origin hinzu. Den Umweg übers Waisenhaus lässt er aber weg. Die Kents tun so, als wäre Clark ihr leibliches Kind. Es gibt wieder die Szene mit dem Stier. Jonathan Kent zeigt dem jugendlichen Clark die Rakete, mit der er gekommen ist. Später erscheinen ihm auch seine leiblichen Eltern als Projektionen, die ihn mit Wissen um die alte Heimat speisen. Wichtig: Ma und Pa Kent werden verjüngt und bleiben dadurch am Leben, als Superman erwachsen ist. Sie sehen, was aus ihm wird – und bleiben emotionale Bezugspunkte in Smallville. Das Konzept von Superboy ist in der Crisis draufgegangen, Clark entwickelt seine Kräfte erst allmählich. Die Jugend von Clark wird in der späteren Miniserie Superman for All Seasons (1998) ausführlich erzählt.

Fast zwei Jahrzehnte lang bleibt The Man of Steel der maßgebliche Superman-Origin.

Neues Jahrtausend, neue Origins

Das 21. Jahrhundert ist voller Superman-Neuanfänge: In den Comics gibt es Birthright (2004), dann Secret Origin (2009), abseits der Continuity erscheinen die Elseworlds-Story Secret Identity (2004) und Earth One (2010). Nach dem Flashpoint-Event wird das DC-Universum wieder auf Null gesetzt. Im Zuge des Reboots von The New 52 (2011) bekommt auch die Traditionsserie Action Comics eine neue Nummer 1 (nur um fünf Jahre später wieder zur alten Zählung zurückzukehren) und Superman einen neuen Origin. Zuletzt widmete sich die Miniserie American Alien erneut den Anfängen.

Und dann gibt es noch Film und Fernsehen: Das neue Jahrtausend begann mit der TV-Serie Smallville, die das Superboy-Thema auf zehn Staffeln streckte (und das noch in die Comics fortgesetzt wurde), bis hin zu dem Film-Reboot Man of Steel (2012). Nach dem Vorbild von Gotham ist im März 2018 eine Fernsehserie namens Krypton gestartet, eine Serie namens Metropolis ist in Arbeit.

Die unendliche Geschichte geht weiter. Immer wieder von vorn.

Mehr zum Thema:

Die beste aller möglichen Welten

DC Comics

DC Comics

Titel: Infinite Crisis

Autor/Zeichner: Geoff Johns/Phil Jimenez

Erschienen: 2005-2006 (Mini-Serie #1-7, Paperback 2006), dt. Panini 2007 (Paperback)


„This corrupted and darkened earth must be forgotten as ours was … so that the right earth can return.“ (Superman von Erde zwei)

„I still can’t tell the heroes from the villains.“ (Superboy Prime)

Der Wachturm der Justice League ist zerstört, Wonder Woman hat den Schurken Maxwell Lord vor laufenden Kameras hingerichtet, Batmans Überwachungssatellit Brother Eye läuft aus dem Ruder, Scharen böser OMAC-Roboter greifen an, Superschurken vereinigen sich und stiften Chaos, im Universum tobt ein Krieg zwischen Rann und Thanagar, bei dem auch das Green Lantern Corps mitmischt. Und dann kommen auch noch fast vergessene Helden zurück: der alte Superman von Erde zwei, Superboy Prime und Alexander Luthor – die drei Relikte der Crisis on Infinite Earths. Sie wollen das Multiversum wiederherstellen, um eine bessere Erde zu erschaffen. Und dafür sind sie bereit, große Opfer zu bringen.

Infinite Crisis ist die Fortsetzung der ersten Crisis und macht genau da weiter, wo die Story 1985 endet. Einerseits. Andererseits ist auch unmittelbar davor viel passiert: Insgesamt ein One-Shot und fünf Mini-Serien muss man lesen, um hier ganz durchzusteigen (Countdown to Infinite Crisis, The OMAC Project, Rann–Thanagar War, Day of Vengeance, Villains United, DC Special: The Return of Donna Troy), ganz zu schweigen von den unzähligen Tie-ins (die Omnibus-Edition umfasst über 1100 Seiten). Wer die Mühe scheut, könnte beim Lesen des Haupt-Events schnell frustriert sein. Man wird als naiver Leser zu sehr ins kalte Wasser geworfen, manche wichtigen Ereignisse aus der ersten Crisis werden nacherzählt, anderes wird nur angedeutet, vieles muss man sich zusammenreimen und auch sonst ist das Problem, wie typisch bei solchen Mega-Events, dass auf den Seiten einfach zu viel los ist. Zu viele Figuren, zu viele Wimmelbilder voller Schlachten, zuweilen versteht man nicht mal, wo sich die Story befindet oder was in den jeweiligen Panels passiert. (Allerdings werden immerhin ein paar Ereignisse aus Under the Hood klarer.)

Aber trotz des typischen Mangels des Zu-viel-gewollt liest sich Infinite Crisis unterhaltsamer als ihr Vorgänger – und das nicht nur, weil die Fortsetzung viel kürzer ist. Abgesehen von dem Quatsch drumherum konzentriert sich die Story auf die drei Superman-Gestalten, Batman und Wonder Woman – und das ist der rote Faden, an dem man sich beim Lesen gut festhalten kann. Der alte Superman will seine Lois vor dem Tod retten, Superboy Prime hat ein Ego-Problem und trägt es mit dem Superboy Conner Kent aus und unser Superman steckt in einer Schaffenskrise: „… let’s face it, ‚Superman'“, sagt Batman am Anfang, „the last time you really inspired anyone was when you were dead.“ Doch auch der Dunkle Ritter hat mit persönlichen Problemen zu kämpfen, weil ihm das Instrument seines Kontrollwahns entgleitet und ihm alles zu viel wird: „I can’t breathe. Can’t do this anymore. God … I wish … I wish I could start over.“

Schließlich ist auch der Grundgedanke interessant, der Alexander Luthor und seine Anhänger umtreibt: dass die neu geschaffene Erde nach der Crisis keine bessere geworden ist. Zu viele Helden und Unschuldige sind seitdem gestorben (z.B. Superman, Sue Dibny, Blue Beetle oder Maxwell Lord). Die Unbeschwertheit des alten DC-Universums ist dahin. Luthor ist besessen davon, aus vielen neuen Erden die beste aller möglichen Welten zu machen (Leibniz hätte seine Freude), dazu täuscht er seine Verbündeten, Helden werden zu Schurken. Das reicht für ein großes, weltbewegendes Epos – und dieser Kern der Story macht auch Spaß. Wer das viele Drumherum ignorieren kann, wird auf seine Kosten kommen.

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