Hardboiled Gordon

James Gordon (Teil 5)

Batman: Gotham Noir

DC Comics

Titel: Gotham Noir

Autor/Zeichner: Ed Brubaker/Sean Phillips

Erschienen: 2001 (One-shot), dt. Panini 2002


„All I had figured out was that things were definitely not going my way, and I had no real idea why. And that’s when the world decided to get even weirder…“ (James Gordon)

Was wäre wenn … James Gordon im Zweiten Weltkrieg gekämpft hätte? Dann wäre er wohl so kaputt, dass er seinen Posten bei der Polizei verloren und zum trinkenden, hartgesottenen Privatdetektiv geworden wäre. Gotham Noir, das im Jahr 1949 spielt, ist genau das, was der Titel verspricht: Ein Comic Noir par excellence. Das Cover gibt den Stil der Schundromane vor. Und Autor Ed Brubaker versteht das Handwerk dieser Tradition. So ist die Geschichte ein klassischer Krimi: Gordon bekommt von seiner alten Flamme Selina den Auftrag, eine junge Frau bei einer Party zu bewachen. Kurz darauf ist die Dame tot, ihr Beschützer wacht neben ihr am Strand auf und weiß nicht nur mehr, wie es dazu gekommen ist. Zudem ist er auch der Hauptverdächtige.

Es beginnt eine Ermittlung zwischen den Fronten: Gangstern und korrupten Politikern, Staatsanwalt Dent und einer mysteriösen Fledermaus, die Gordon aus dem Schatten heraus hilft. Das ist durchaus wörtlich gemeint, denn Batman sieht man das ganze Comic über nur als schwarze Silhouette mit weißen Augen. Natürlich muss es auch eine Art Joker geben (Brubaker hat auch The Man Who Laughs geschrieben), aber der wird relativ subtil eingeführt als Handlanger, der von Gordon als Informant für Dent entlarvt wird, daraufhin ein Glasgow-Smile verpasst kriegt und sich dafür an Gordon rächen will.

Die Zeichnungen von Sean Phillips erfüllen ihren Zweck im Sinne des Genres: Viel Schwarz, starke Kontraste, gedeckte Farben wie bei Year One. Manchmal wirken die Figuren etwas zu steif, aber ansonsten schafft es der Zeichner, die Noir-Stimmung gut wiederzugeben, auch wenn ihm die künstlerische Finesse eines Tim Sale abgeht. Definitiv gehört das Buch zu den besseren Elseworlds-Geschichten, vor allem wegen seiner Charakterstudie.

Wer Spaß an dieser Story hat, sollte auch mal Nine Lives lesen. Darin spielt Dick Grayson einen Privatdetektiv in einem ähnlichen Szenario.

>> Liste der Batman-Elseworlds-Comics

Black Mirror: Böse Brut

DC Comics

DC Comics

Titel: The Black Mirror (dt. Der schwarze Spiegel)

Autor/Zeichner: Scott Snyder/Jock, Francesco Francavilla

Erschienen: 2011 (Detective Comics #871-881, Paperback 2011), dt. Panini 2012 (Sonderband)


 „… evil is humanity’s divine spark.“ (Etienne Guiborg/The Dealer)

Erinnern wir uns an das Ende von Year One, als Bruce Wayne in zivil James Gordons Sohn rettet: Das Baby fällt von der Brücke, Wayne springt hinterher und fängt es. Damit ist die Freundschaft zwischen Gordon und Batman besiegelt. Bald darauf zerbricht die Ehe mit Barbara und die Mutter zieht mit ihrem Sohn zurück nach Chicago (vgl. Turning Points). Doch was passiert mit dem Sohn, James Gordon Junior? Dieser Frage hat sich Scott Snyder angenommen. In Black Mirror, der letzten großen Detective Comics-Storyline vor dem Reboot (The New 52), ist Junior das Gegenteil seines Vaters: ein unempathischer Psychopath, der sich an jedem, der ihm blöd kommt, grausam rächt. Nach Jahren sucht er den Vater in Gotham auf, Gordon befürchtet Schlimmes, zunächst scheint er sich zu irren – doch die Zweifel wird er nie los. Autor Scott Snyder spielt mit den Erwartungen der Leser, indem er sie ständig untergräbt. Das erzeugt eine ungeheure Spannung.

Parallel erzählt er von Batman, also Dick Grayson, der Bruce Wayne in Gotham vertritt. Dieser muss zunächst einen Auktionator (The Dealer) aufhalten, der Schurkengimmicks aus Polizeibeständen an Bonzen verhökert, dann muss er den Ursprung eines toten Orca untersuchen, der plötzlich (mit Frauenleiche im Bauch) im Foyer einer Bank liegt, schließlich bricht noch der Joker aus. Die drei Episoden haben auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun, am Ende erschließt sich wenigstens für zwei der Zusammenhang mit dem Hauptplot um James Junior, der es auf seine eigene Familie abgesehen hat und eine neue Generation nach seinem Bilde formen will. Diese Doppelstruktur ist eine eigenartige Erzählweise, die sich auch in zwei verschiedenen grafischen Stilen wiederspiegelt: Die Hefte, in denen Batman die Hauptrolle spielt, sind von Jock gezeichnet, die Gordon-Hefte von Francesco Francavilla. Während Jock sehr kantige Figuren und karge Hintergründe macht, Batman stets von Fledermäusen umgeben ist und der Horror durch zittrige Striche besonders drastisch bei ihm wirkt, pflegt Francavilla einen ruhigeren Stil, der mehr an David Mazzucchelli erinnert, und er koloriert selbst mit knalligen Komplementärfarben.

Diese Stilbrüche sind gewöhnungsbedürftig, aber sie erfüllen ihren Zweck. Zunächst hat man den Eindruck, zwei verschiedene Geschichten zu lesen, bis sich nach und nach beide zu einer zusammenfügen, am Ende wechseln sich die Zeichner alle paar Seiten ab. Beide sind auf ihre Weise große Künstler, Jock besonders bei den Covern, Francavilla beeindruckt am meisten mit einer Doppelseite, auf der sich Gordon in einer Montage an Juniors Kindheit erinnert. Autor Scott Snyder steht beiden in nichts nach: er erweist sich als meisterhafter Erzähler, indem er allen Figuren an Tiefe gerecht wird und dabei auch noch die Stadt Gotham als Protagonisten einführt, der im Hintergrund das Böse aus den Menschen hervorbringt.

The Black Mirror ist eine zutiefst grausame, beunruhigende Geschichte, die trotz ihres Pessismismus sich die Menschlichkeit bewahrt. Dass einige Fragen offen bleiben, bzw. dass Batman die Grenzen der Glaubwürdigkeit überschreitet, kann man da als kleine Makel verzeihen: Für eine Story von so herausragender Qualität und narrativer Innovation kann man bloß dankbar sein.

>> Batman 2000-2011


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Die Grenzen der Strafverfolgung

DC Comics

DC Comics

Titel: Officer Down

Autor/Zeichner: Ed Brubaker, Chuck Dixon, Greg Rucka u.a./diverse

Erschienen: 2001 (Batman #587, Robin #86, Birds of Prey #27, Catwoman #90, Nightwing #53, Detective Comics #754, Batman: Gotham Knights #13; Paperback 2001)


„… you are not James Gordon’s only friend.“ (Alfred)

Commissioner James Gordon geht gerade von einer Geburtstagsfeier heim, da sieht er in einer Gasse Catwoman, er will sie stellen, schießt auf sie, da erwischen ihn selbst drei Kugeln in den Rücken. Niemand weiß, wer’s war, aber alle suchen erst mal nach Catwoman. Und während die ganze Batman-Familie versucht, die Katze einzufangen, steht das Familienoberhaupt am Krankenbett seines Freundes und macht sich selbst Vorwürfe. Nachdem Catwoman alle überzeugt hat, nichts mit der Sache zu tun zu haben und den Verdacht auf einen Polizisten lenkt, wendet sich die Story der Polizei zu. Die Ermittler stoßen beim Verhör schnell an ihre Grenzen – und müssen feststellen, dass ihre Eitelkeit, Batman nicht zu Hilfe zu rufen, ein Fehler ist. Am Ende geht Gordon in Ruhestand. Und seine Leute üben Selbstjustiz.

Die Story hat einige logische Schwächen. Die größte: Warum geht Catwoman, wenn sie unschuldig ist, nicht gleich zu Batman, übergibt ihm die Tatwaffe und erzählt ihm die Wahrheit? Antwort: Damit die Bat-Familie was zu tun kriegt. Seltsam ist auch, dass Batman so nutzlos ist. Selbst am Ende kann seine Verhörtaktik, ein Geständnis aus jemandem rauszuprügeln, nicht fruchten. Am Ende schmollt er auch noch, weil Gordon seine Entscheidung aufzuhören ohne ihn trifft.

Officer Down wäre eine interessantere, weil ungewöhnliche Geschichte, wenn sie besser gezeichnet wäre. Die meisten Künstler liefern entweder entstellte, starre oder zu stark überzeichnete Figuren ab. Kaum etwas davon trägt dazu bei, das Comic gerne zu lesen. Ein zwiespältiges Vergnügen.

>> Batman 2000-2011

Batman und Gordon: Wendepunkte einer Freundschaft

James Gordon (Teil 2)

DC Comics

DC Comics

Titel: Turning Points

Autor/Zeichner: Ed Brubaker, Chuck Dixon, Greg Rucka/Steve Lieber, Joe Giella, Dick Giordano, Brent Anderson, Paul Pope

Erschienen: 2001 (Mini-Serie #1-5, Paperback 2007)


„Everyone needs a friend.“ (Batman)

Batman und Gordon – die beiden gehören von Anfang an zusammen. Nicht nur historisch. Year One beginnt damit, dass beide gleichzeitig in Gotham ankommen. Im Laufe der Geschichte werden aus Gegnern Verbündete, spätestens als Batman Gordons Sohn rettet. Doch weil der Gesetzeshüter und der Vigilant einen Pakt jenseits der Regeln haben, kommt es immer wieder zu Spannungen zwischen den beiden. Gordons Konflikt ist stets geprägt davon, zerrissen zu sein zwischen Gesetzestreue und Illegalität.

Davon handelt Turning Points. Die Mini-Serie dient als Vorbereitung der Storyline Officer Down. Es werden fünf Episoden aus der gemeinsamen Vergangenheit beleuchtet. Verbunden sind sie bloß durch die Figuren und eine rahmende Handlung in der ersten und in der letzten Story. Die erste spielt kurz nach Year One: Gordon hat mal wieder den Termin bei der Eheberatung versäumt, Barbara ist mit dem Sohn nach Chicago zurückgezogen und hat ihrem Mann nur die Scheidungspapiere dagelassen. Kurz darauf muss sich Gordon um einen Irren kümmern, der in einer Kirche ein zu vermählendes Paar bedroht. Batman greift ein und rettet die Geiseln unblutig. Für ihn ist es eine Bewährungsprobe, weil er, wie er sagt, Gordons Segen haben will. Am Ende sprechen sie über Freundschaft. Gordon regt sich darüber auf, dass diese Freundschaft sehr einseitig sei. Aber Batman versichert ihm, dass sie mehr verbindet, als Gordon denkt.

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James Gordon: Vom Pfadfinder zum Al Capone

James Gordon (Teil 1)

DC Comics

DC Comics

Titel: Gordon of Gotham (Gordon’s Law/GCPD/Gordon of Gotham)

Autor/Zeichner: Chuck Dixon, Dennis O’Neil/Klaus Janson, Jim Aparo, Bill Sienkiewicz, Dick Giordano

Erschienen: 2014 (Paperback), Mini-Serien: 1996, 1997, 1998


„I don’t need a knight. I need a street cop.“ (James Gordon)

„You are the police commissioner, James. You’re not supposed to be carrying a gun, let alone working cases.“ (Sarah Essen)

„I wonder sometimes if there are any good cops left. At least enough good ones to make a difference.“ (James Gordon)

James Gordon ist ein guter Polizist in einer schlechten Stadt. Insofern wirkt es widersprüchlich, dass er gemeinsame Sache mit einem Vigilanten wie Batman macht. Wie man in Year One erfährt, ist diese Beziehung nicht immer von Freundschaft geprägt gewesen – und auch später wurde sie immer wieder auf die Probe gestellt. Gordon ist für Batman so etwas wie sein erster Sidekick. Aber einer auf Augenhöhe. Man hilft sich gegenseitig, weil man das Gleiche will. Doch die Methoden sind andere. Und sie ergänzen sich. Batman und Gordon sind auf einander angewiesen: Während Batman einen Fürsprecher in der Welt des Gesetzes braucht, braucht Gordon einen, der die Regeln für ihn bricht. So kriegen beide, was sie wollen.

Doch Gordon kann auch ohne Batman – was aber nicht heißt, dass sich der Polizist immer an die Regeln hält. Deutlich wird das im Band Gordon of Gotham. Darin werden drei Mini-Serien aus den 90ern versammelt, die den Kampf gegen das Verbrechen in Gotham von der Seite der Polizei her zeigen (später wurde das mit der Serie Gotham Central wiederholt). Zwei der Storys konzentrieren sich auf die Titelfigur, während eine von den Nebenfiguren wie Harvey Bullock und Renee Montoya handelt. Der dunkle Ritter tritt hier bloß als Randfigur auf. Eine Batman-Story so ganz ohne Batman geht nicht.

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Blutsaugen für den guten Zweck

DC Comics

DC Comics

Titel: Justice League: Gods & Monsters – Batman

Autor/Zeichner: J.M. DeMatteis, Bruce Timm/Matthew Don Smith

Erschienen: 2015 (Mini-Serie #1-3, digital)


 „If there’s a monster in this scenario — it’s me.“ (Kirk Langstrom/Batman)

Der neue Animationsfilm Justice League: Gods & Monsters, der am 28. Juli erscheint, verspricht einen neuen, ernsthafteren Ansatz für die drei größten DC-Helden Superman, Batman und Wonder Woman. Und nicht nur, dass er groß umworben wird, DC hat in den Stoff auch viel investiert und ihn gleich crossmedial angelegt: Zunächst wurden drei Kurzfilme zu je einem der Helden online gestellt, danach ein paar Clips aus dem Film, nun erscheint einer Serie digitaler Comics, die die Vorgeschichten der drei Helden näher beleuchten. Jedem sind drei Ausgaben gewidmet, neun Teile dem gesamten Team (also insgesamt 18 Ausgaben).

Nun könnte man meinen, dass diese Comics bloß schmückendes Beiwerk seien, das lediglich kostengünstig für Marketingzwecke verschleudert wird. Aber die drei Batman-Kapitel hinterlassen einen überraschenden Eindruck. Schon das Video machte klar, dass in diesem neuen Universum ein anderer Batman geboten wird: ein Vampir, der vor Mord nicht zurückschreckt. Im Comic wird dieser Eindruck vertieft: es geht äußerst düster und brutal zu, aber auch überaus menschlich.

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Zwischenbilanz: Ein Jahr Batman-Projekt!

Batman von Sachsenhausen

Foto: Lukas Gedziorowski

Seit einem Jahr betreibe ich nun schon dieses Blog, schreibe über meine Lektüren, Sichtungen und Betrachtungen rund um Batman. Reicht es? Nein, es gibt noch so viel zu entdecken. Bin ich es leid? Nein, im Gegenteil: Die Faszination an meinem Lieblingscomichelden ist ungebrochen und es wird sogar immer interessanter, sich mit ihm zu beschäftigen, je mehr ich lese. Ich kann besser vergleichen, werde wählerischer und dringe in Untiefen vor, von denen ich nie geahnt hätte.

Rund 150 Beiträge habe ich gepostet, die meisten davon über Comics, der Rest über Filme, Serien und Neuigkeiten. So soll es mindestens noch ein weiteres Jahr weitergehen. Wie bisher auch soll der Schwerpunkt auf Neuerscheinungen liegen (wie Endgame von Snyder/Capullo im Herbst), aber nach und nach will ich mich auch weiter in der Continuity voranarbeiten. Die großen Storylines der 90er- und Nullerjahre stehen ganz oben auf der Prioritätenliste, besonders freue ich mich auf die Bände von Grant Morrison, die ich noch in diesem Jahr besprechen will. Ferner werde ich immer wieder Geheimtipps vorstellen, wie etwa Elseworlds-Storys und andere Obskuritäten. Mein Ziel ist es, in einem Jahr alle Anderswelten durch zu haben (mit Ausnahme der Crossover, die ein Kapitel für sich sind) – hoffentlich komme ich auch an alles ran.

In der kommenden Woche widme ich mich ausführlich der Figur James Gordon. Es sind sechs Teile geplant, die von seinen Solo-Abenteuern und gemeinsamen Storys mit Batman handeln. Später kommen Storylines wie Murderer/Fugitive, Hush und Unter the Red Hood. Außerdem will ich mir auch endlich Batman Beyond (Batman of the Future) in den Comics ansehen.

Im Januar beginnt meine große Reihe zum Kinofilm Batman v Superman. Vor dem Kinostart stelle ich einige der bisherigen Begegnungen der World’s Finest vor. Geplant ist (mindestens) ein Beitrag pro Woche über ein Comic oder eine Serienepisode. Passend dazu erscheint im November eine Anthologie von DC über die bisherigen Kämpfe zwischen Batman und Superman, die hoffentlich inspirierend sein wird.

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen! Falls ihr irgendwelche Anregungen habt, dann schreibt mir. Ich freue mich auf eure Reaktionen. Jeden Monat werden es mehr Klicks – und von den Lesern habe ich schon das tollste Lob bekommen. Das motiviert mich, weiterzumachen.

Niemandsland: Post-Apokalypse in Gotham

Titel: No Man’s Land (dt. Niemandsland)/Road to No Man’s Land (dt. Weg ins Niemandsland)

Autor/Zeichner: Bob Gale, Greg Rucka u.a./Alex Maleev u.a.

Erschienen: 1999-2000 (alle Serien + Specials), Paperbacks 2011-2016 (2+4 Bände); dt. Dino-Verlag: Batman #47-63, Batman Special #11-14, Batman Präsentiert #5-9, Batman Niemandsland Sonderausgabe, Batman Sonderband #8; Panini 2017-2019 (2+8 Bände)


„Die Regeln haben sich geändert.“ (Nightwing)

„Gotham ist zum Traum eines jeden Anthropologen geworden. Ein gewaltiger Freilandversuch für Darwins Theorien. Nur die Stärksten überleben. Mit Mühe.“ (Batman)

„… egal, wie schlimm die Lage bereits erscheint … es kann immer … immer … noch schlimmert werden.“ (Barbara Gordon)

No Man’s Land ist die bislang größte Batman-Saga: Die vier Sammelbände umfassen insgesamt 2088 Seiten, mit den eng verknüpften Vorgeschichten Cataclysm (dt. Inferno) und Road to No Man’s Land sind es sogar 2840 (zum Vergleich: die drei Bände Knightfall haben insgesamt 1948 Seiten, wobei die Saga nicht mal komplett enthalten ist). Lohnt sich der Aufwand, sich da durch zu lesen?

DC Comics

Nach zwei Seuchen und einem Erdbeben, bei dem ganz Gotham zerstört wurde, wird die Stadt von den USA aufgegeben, evakuiert und isoliert. Auch Bruce Wayne kann daran nichts ändern, als er nach Washington geht und mit pathetischen Reden versucht, den Kongress umzustimmen.

Parallel tut ein aufsteigender Rockstar namens Nicholas Scratch mit seinen Schergen in Teufelsmasken alles dafür, dass die Stadt endgültig vernichtet wird und rekrutiert dazu einige alte Schurken. Der Plan wird zwar vereitelt, aber Gotham wird trotzdem zum Niemandsland erklärt. Nur die Verbrecher und die gesellschaftlichen Außenseiter bleiben da und kämpfen in einem postapokalyptischen Szenario, in dem es am Nötigsten wie Lebensmitteln, Strom, Wasser und einer zivilen Ordnung fehlt, ums Überleben.

Batman macht Urlaub

Nachdem die Arkham-Insassen vom Anstaltsleiter freigelassen worden sind, weil er sie weder in Schach halten noch versorgen konnte, teilen die mächtigsten von ihnen die Stadt unter sich auf. Auch die verbliebenen Polizisten um James Gordon und seine Frau Sarah Essen reklamieren einen Bezirk für sich und versuchen, zu expandieren und wieder Recht und Ordnung herzustellen. Dabei bedienen sich die Cops zweifelhafter Mittel wie Mord zur Abschreckung und das Anzetteln eines Bandenkrieges, bei denen sich zwei konkurrierende Gruppen gegenseitig ausmerzen sollen. Gordon schließt einen Pakt mit Two-Face, den er bald darauf bereuen wird. Schließlich kommt es zu einer Spaltung innerhalb der Gruppe, als einem militanten Cop Gordons Methoden nicht weit genug gehen.

DC Comics

Und Batman? Der macht erst mal drei Monate Urlaub in Monaco, bevor er zurückkehrt. In der Zwischenzeit wird er vertreten von einer neuen Gestalt im Fledermauskostüm: einem neuen Batgirl, dessen Identität Batman sofort durchschaut: Helena Bertinelli, die vor kurzem noch als Huntress unterwegs war. Doch er lässt sie gewähren und übernimmt ihr Graffito, um sein Revier zu markieren. Bevor Batman die Stadt zurückerobert, muss er den Menschen erst einmal wieder klar machen, dass er wieder da ist und dass sie Grund haben, ihn zu fürchten. Weil er aber keine technischen Hilfsmittel hat, muss er sich neu orientieren. Batman bekommt erneut fundamentale Zweifel, ob er den Eid seinen Eltern gegenüber erfüllen kann.

Im Grunde trägt No Man’s Land die Stimmung von Aftershock weiter: Verzweiflung, Elend, Überlebenskampf. Allerdings sind es eher die normalen Menschen, die hier die echten Probleme haben, während Batman meistens souverän wirkt und schnell bekommt, was er will. Allerdings ist Gordon ziemlich schlecht auf ihn zu sprechen. Erst spät kommt es zu einer Aussprache und zum ultimativen Vertrauensbeweis …

Wendepunkt für Batman

Wie schon infolge des Erdbebens werden Batman und seine Mitstreiter öfter mit moralischen Dilematta konfrontiert, wie etwa der Frage, ob man einem Serienmörder wie Zsasz das Leben retten darf oder soll. Salomonische Urteile scheitern – ebenso wie Supermans Einsatz. Der Pinguin macht aus dem Tausch ein großes Geschäft und lässt Gladiatorenkämpfe ausrichten, Clayface nimmt Poison Ivy gefangen und verkauft die von ihr angebauten Früchte an die Hungrigen. Huntress wird schon bald von einem neuen Batgirl abgelöst: Cassandra Cain, Tochter eines Auftragskillers und Lehrmeisters von Bruce Wayne. Da sie nicht sprechen kann, bleibt sie eine blasse Erscheinung.

No Man’s Land ist nicht nur für Batman ein Wendepunkt, sondern auch für DC. Nach der Überleitung von Road to No Man’s Land wechseln die meisten Autoren und Zeichner – und auch wenn die Resultate nicht immer überzeugen, tut die Erneuerung gut. Die Batman-Serien schütteln endlich den Mief der 90er Jahre ab (beinahe ganz), in denen noch in die Jahre gekommenen Veteranen wie Jim Aparo ihre steifen Figuren zeichnen durften. Das Erzählverfahren ist uneinheitlich: mal langsam, mal sprunghaft, mal episodisch und sogar elliptisch, dass man sich zwischendurch fragt, ob man nicht etwas verpasst hat. Besonders zu loben ist der feinfühlig erzählte Auftakt von Bob Gale.

Schwaches Finale

Greg Rucka ist für den Hauptplot zuständig, allerdings macht sich der rote Faden erst gegen Ende der Saga bemerkbar. Bane tritt in Erscheinung, im Auftrag eines Unbekannten, und wütet so brachial, wie man es von dem Muskelberg kennt, sehr spät kommt auch der Joker hinzu und wird von seiner Sidekick-Braut Harley Quinn begleitet (eine Figur aus der Animated-Serie, die erst kurz zuvor im DC Hauptuniversum eingeführt wurde). Leider bereichert die Präsenz dieses Duos die Geschichte nicht, es wirkt eher planlos, wie die beiden ihre Beziehungsprobleme durchstehen. Der Joker hat keinen Bock auf die Alte – und als Leser kann man es nur nachvollziehen. Erst am Ende übernimmt der Schurke eine Schlüsselrolle, als er den Wiederaufbau in Gotham zu sabotieren versucht. Es fließt zwar viel Blut – und ein wichtiger Nebencharakter stirbt.

Dennoch ist das Finale schwach: Das Problem Niemandsland löst sich fast von allein (wenn auch unter zweifelhaftem Vorzeichen) und man bekommt auch nie den Eindruck, dass Gothams Rettung je ernsthaft gefährdet wäre. Schließlich wirkt das Ende inkonsequent und halbherzig, selbst der Joker scheint die Lust an seinem Vorhaben zu verlieren. Aber auch zuvor wurde zu wenig Spannung aufgebaut. Dafür dass die Autoren über Jahre hinweg Figuren und Leser mit zwei Seuchen und einem Erdbeben malträtiert haben, wirkt das Storytelling zu kurzatmig.

No Man’s Land ist eine kurzweilige Unterhaltung für ausdauernde Leser; immerhin besser als die Vorgänger-Storylines, aber ein Muss ist es nicht.

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Ein Beben geht durch Gotham

DC Comics

Titel: Cataclysm (dt. Inferno)/Aftershock (dt. Nachbeben)

Autor/Zeichner: Alan Grant, Doug Moench, Chuck Dixon u.a./Jim Aparo, Klaus Janson u.a.

Erschienen: 1998 (18-teilig in mehreren Serien und One-Shots), dt. Dino 1999-2000 (Batman #40-46, Batman Special #9-11, Batman präsentiert #1-2)


„It’s never easy to find inner strength and peace, even when the outer world is relatively stable…the destruction of physical reality always does spiritual damage.“ (Bruce Wayne)

„… there’s little I can do against disease and natural disasters. A lost cause can become a fool’s errand. I’m still only human. I did what was humanly possible. I hope you don’t think I’ve failed in my promise.“ (Batman)

Nach der Seuche kommt das Erdbeben. Gotham wird zerstört, es herrschen Tod, Chaos und Verbrechen. Ein gewisser Quakemaster bekennt sich, die Katastrophe verursacht zu haben und erpresst die Stadt. Die Frage ist nicht, ob er es wirklich war, denn umgehen müssen Batman und seine Verbündeten so oder so mit einer kaum zu bewältigenden Herausforderung. Batman verzweifelt an dem Verfall seiner Stadt und dem Massentod seiner Bewohner, vor allem aber an der Tatsache, dass er niemandem die Schuld an dem Unglück geben kann. Er kämpft an allen Fronten – aber es gibt keinen Gegner, den man verprügeln und einbuchten könnte. Das mag zwar das alte Batman-Schurken-Schema durchbrechen, indem es dem Helden neue Seiten und Leidenswege eröffnet, aber es funktioniert nur schleppend.

Ein One-shot ist Arkham Asylum gewidmet, einer dem Blackgate-Gefängnis, doch nichts davon ist der Aufmerksamkeit wert. Die Blackgate-Episode ist Mittelmaß, Arkham sogar deutlich darunter. Die Insassen der Irrenanstalt brechen aus und erzählen sich Geschichten – ganz in der Tradition von Boccaccios Dekameron, aber keine davon hat das Zeug zum Klassiker.

DC Comics

Der Erzählzyklus Aftershock ist so etwas wie ein langer Durchhänger – für Batman wie für seine Leser. Es gibt keinen Handlungsbogen, vielmehr eine Reihe von Kurzgeschichten über das Elend in Gotham, Arbeitslose, Obdachlose, Plünderer. Hin und wieder erscheinen ein paar der üblichen Verdächtigen (Mr. Freeze, Clayface, Mad Hatter, Joker) – allerdings nur, um gleich wieder zu verschwinden. Oft tritt die Sache auf der Stelle, es gibt Ausgaben, in denen nur lamentiert wird: wie schlimm alles ist und wie schön es früher war. In Batman #558 sieht man einen verzweifelten Batman, der seinen Butler umarmt und sagt: „Hilf mir, Alfred! Ich brauche Kraft! Ich komme einfach nicht mit dem Tod zurecht, alter Freund. Das kam ich noch nie. Er … zerreißt mich.“ Mehr Emo geht nicht.

Vielleicht muss die Geschichte so sein: Eine ermüdende Durststrecke. Es gibt darunter jedoch einige narrative Lichtblicke. Vor allem die Storys, die Alan Grant für Shadow of the Bat geschrieben hat, stechen in ihrer Qualität heraus. Etwa #76 (Dino: Batman #43), in der erzählt wird, wie eingeschlossene Menschen zu Kannibalen werden, oder #77 (Dino: Batman #44), wo ein Professor eine Klasse voller toter Studenten über Darwinismus unterrichtet und Batman dabei Teil eines Experiments wird. Leider muss Grant am Ende, für alle, die es nicht verstanden haben, die Moral wiederholen: „Vielleicht irrte sich Darwin doch. Nicht der Stärkste überlebt … Auch nicht der mit dem meisten Glück. … Sondern der, der nicht aufgibt!“

Die Geschichten leiten über zum größeren Event, dem No Man’s Land (dt. Niemandsland). Und genauso lesen sie sich auch: Wie Lückenbüßer.

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Viral ist nicht gleich ansteckend

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Titel: Contagion/Legacy (dt. Die Seuche/Der Fluch)

Autor/Zeichner: Chuck Dixon, Alan Grant, Doug Moench u.a.

Erschienen: 1996 (alle Batman-Serien) (dt. 1998, Dino-Verlag, Batman #10-13, #20-23, Batman Special #3, #5)


„Völkermord ist kein Verbrechen, wenn man auf der Seite der Sieger steht, Batman.“ (Bane)

„It’s too big. How can I fight a disease? And if I can’t, Gotham is doomed.“ (Batman)

Es wäre gelogen, wenn ich sagte, ich würde gerne eine Zusammenfassung der Ereignisse in dieser Storyline schreiben. Doch selbst wenn ich wollte: ich kann es nicht. Denn kurz nachdem ich Seuche und Fluch gelesen habe, ist mir bereits entfallen, was da passiert ist. So viel ist klar: Ein Ebola-Virus grassiert in Gotham. Viele sterben einen blutigen Tod. Die Batman-Familie versucht ein Gegenmittel zu finden. Catwoman, Azrael, Robin und Nightwing – sie alle mischen mit. Irgendwas passiert in Grönland. Poison Ivy hat auch etwas damit zu tun. Und als alles erledigt scheint, kommt dann noch ein unnötiger Anhang mit Ra’s al Ghul und Bane, wo es immer noch um die Seuchengefahr geht, was sich noch lahmer liest als der Auftakt. Und manche Dialoge sind so grenzdebil, dass man das Heft am liebsten an die Wand werfen würde.

Muss ich noch mehr sagen? Ich denke nicht. Vielleicht noch eins: die Seuche ist die erste Katastrophe, die Gotham heimsucht. Danach kommt ein vernichtendes Erdbeben, schließlich die Isolation des Niemandslandes. In der zweiten Hälfte der 90er Jahre musste Batman vor allem gegen Gegner kämpfen, gegen die er machtlos war. Batman als Katastrophen-Helfer? Das ist nicht sein Fachbereich, deshalb funktioniert es nur leidlich. Aber beim Versuch, den Helden an seine Grenzen zu treiben, musste dieser Schritt wohl irgendwann unternommen werden. So viel sei vorweggenommen: Man hätte aus all diesen Ideen mehr machen können.

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