Jokers Gesichtsverlust

Detective Comics 1: Faces of Death

Titel: Faces of Death (dt. Gesichter des Todes)

Autor/Zeichner: Tony Daniel

Erschienen: 2011-2012 (Detective Comics #1-7 (The New 52)), Hardcover 2012; dt. Panini 2012-2013 (Batman #1-4), Paperback 2013


Der Neustart der Detective Comics hat es in sich: Gleich zu Beginn lässt sich der Joker von einem Unbekannten sein Gesicht abschneiden – bei lebendigem Leib. Das ist wohl eine der abartigsten Szenen, die die Figur je gehabt hat. Wie gut, dass man mit den Details verschont wird. Dafür gibt es andere Drastik: Nachdem beim ersten Versuch nicht der richtige Mann erscheint, metzelt ihn der Joker dahin. Als er anschließend eine Batman-Drohne neben sich schweben sieht, sagt er nur: „This is a violation of my civil rights! A man should be able to slaughter in peace!“ Ein Punkt für den schwarzen Humor …

Die erste Storyline handelt vom Dollmaker, einem Mörder mit einer Vorliebe für plastische Chirurgie und Masken aus Menschenfleisch, eine Art Frankenstein mit Rasta-Locken. Es wäre ein abgründiges Stück Splatter-Thriller, wenn es nicht etwas abgehetzt und holprig erzählt werden würde. Immer wieder musste ich zurückblättern, weil ich mich fragte, ob ich etwas verpasst hatte, aber nein, da war Autor Tony Daniel nur über einige Plot Holes gesprungen. Am Ende bleibt man etwas ratlos zurück, nicht nur, weil keiner der Schurken gefasst wird, sondern weil viele Fragen offen bleiben. Tony Daniel macht das, was für Serien üblich ist: Er spart sich Erklärungen für später auf. Darunter leidet aber die Glaubwürdigkeit und Spannung seiner Handlung. Im Gegensatz zu seinem Kollegen Scott Snyder, der für die Batman-Serie verantwortlich ist, versteht Daniel nichts von einer subtilen Erzählweise, hier zählen nur Action und Drastik.

Zwischendrin wird man immer wieder an die Sache mit dem Joker erinnert, den Gesichtsverlust und sein Verschwinden. Irgendwelche Anhänger werfen Batman vor, den Joker getötet zu haben. Was das für Leute sind, wird nicht geklärt. Zudem muss Batman sich gegen die Polizei durchsetzen. Daran merkt man, dass Detective Comics vor der Batman-Serie angesiedelt ist, auch wenn es später Überschneidungen mit ihr gibt. Das übliche Chaos der multiplen Serie also.

Lauter B-Schurken

Nach einem kurzen Intermezzo mit Catwoman und Hugo Strange, das vor allem wegen seiner Bilder interessant ist, bietet der erste Band Detective Comics in seinen letzten drei Kapiteln eine Story um den Pinguin und die Eröffnung seines Iceberg Casinos. Der Pinguin verbündet sich mit einigen B-Schurken, während andere B-Schurken versuchen, ihn auszunehmen. Am Ende ist alles ganz anders als gedacht – egal. Auch hier ist das Problem, dass alles zu schnell geht. Tony Daniel setzt auf Action, nicht Erklärungen. Nebenfiguren werden im Eilverfahren eingeführt. Bruce Wayne ist mal wieder in eine Reporterin verliebt (in der alten Serie war es Vicky Vale), nur dass er diesmal schon mit ihr zusammen ist (was der Beziehung die Spannung nimmt). Diese Freundin hat plötzlich eine missratene Schwester, die den Pinguin ausrauben will und sich gerne eine Clownsmaske aufsetzt, bevor sie Gangster umbringt. Wie bitte? Ja, genau, so ist es …

Wie schon bei der Batman-Serie muss man sich fragen, ob der Reboot von Detective Comics dem Ziel gerecht wird, neue Leser anzusprechen. Denn an keiner Stelle hatte ich den Eindruck, dass hier etwas oder jemand eingeführt wird. Alles ist schon da, jeder kennt jeden und hat seine Vorgeschichte. Tony Daniel arbeitet lediglich die üblichen Verdächtigen ab, als gelte es, gleich im ersten Jahr jeden Schurken einmal zu zeigen, um auch die Erwartungen der alten Fans zu befriedigen. Bis auf die Tatsache, dass alles ein bisschen anders aussieht, könnten die Erzählungen im Grunde auch in der alten Kontinuität spielen.

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Fledermaus gegen Eulen

DC Comics

Titel: The Court of Owls/The City of Owls (dt. Der Rat der Eulen/Die Stadt der Eulen)

Autor/Zeichner: Scott Snyder/Greg Capullo (u.a)

Erschienen: 2011-2012 (Batman #1-7, #8-12, Batman Annual #1, Detective Comics #9 (The New 52)), dt. Panini 2012-2013 (Batman #5-12), Paperbacks 2013/2014 (Bd. 1/2)


„How I love killing Waynes.“ (Talon)

Im Jahr 2011 startete DC unter dem Titel The New 52 alle seine Heft-Serien neu. Darunter auch die Batman-Serie, unter der Autorschaft von Scott Snyder. Der erste Erzählbogen ist The Court of Owls, der in das Crossover-Event The Night of Owls mündet und in The City of Owls sein Ende findet (wobei es zwischen Night und City Überschneidungen gibt). Ich konzentriere mich hier nur auf die Batman-Serie, nicht auf die Tie-ins. Es beginnt mit einem großen Aufgebot: Gleich auf der zweiten Seite sieht man eine Horde wildgewordener Schurken sich mit Batman prügeln. Fast zu viel des Guten für den Anfang.

Womit wir beim ersten Problem des Reboots wären: Zwar wollte DC mit dem Projekt von vorn beginnen und neue Leser gewinnen, aber beim Lesen dieser Story wird man das Gefühl nicht los, dass man bereits viele Jahre verpasst hat. Alle Hauptschurken sind schon da und auch die Batman-Familie ist vollständig, in einem Panel sind allein drei Figuren zu sehen, die das Robin-Kostüm tragen oder getragen haben: Dick Grayson (Nightwing), Tim Drake (ehemals Robin III, jetzt Red Robin) und Damian Wayne (Robin IV). Textkästen erklären dem Leser, wen er da vor sich hat. Bei allem Neuanfang schreckt auch Snyder nicht davor zurück, Frank Millers Initiationsszene aus Year One zu zitieren, in der eine Fledermaus durch die Fensterscheibe gekracht kommt (was ich immer noch für unglaubwürdig halte, es sei denn es ist eine kranke und besonders starke Fledermaus, was wiederum ein übles Omen wäre), sich auf die Büste von Thomas Wayne setzt und Bruce beschließt: „Yes, father, I shall become a bat.“ Selbst visuell ist das Panel Year One nachempfunden. Das ist kein Zitat mehr, das ist ein Plagiat.

Gimmick: Großmaul

Dennoch gibt es Neuerungen. Dieser Batman ist hochtechnisiert: Seine Kontaktlinsen können Lippenlesen und in Schriftsprache übersetzen, eine Laserabtastung im Leichenschauhaus erspart Batman die Anreise und in der Bathöhle hat er eine Art Iron Man-Rüstung, die sehr an die aus The Dark Knight Returns erinnert. Natürlich ist auch Batman selbst schlauer denn je, er kann sogar am Geschmack des Wassers erkennen, im welchen Teil Gothams er sich befindet und aus welcher Art Marmor das Becken besteht. (Das ist so übertrieben wie amüsant.) Das wichtigste neue Gimmick ist, dass Batman in jeder noch so brenzligen Situation den passenden Spruch parat hat. So viel Großmäuligkeit war bisher selten.

Die Story selbst ist ebenso kreativ wie mitreißend: Ein Killer namens Talon treibt sein Unwesen, verkleidet wie eine Eule. Er gehört dem Rat der Eulen an, einem Geheimbund von Maskierten, der die ganze Stadt infiltriert hat und seit Jahren eine Fehde mit der Familie Wayne austrägt. Es gibt ein Attentat auf Bruce Wayne, später muss auch Batman gegen Talon kämpfen – wobei sich herausstellt, dass der Gegner sich auch vom Tod nicht aufhalten lässt. Snyder lässt sich Zeit, was der Story gut tut. Er beginnt seine Kapitel oft mit Reflexionen über Gotham City, so führt er seine Leser in die Atmosphäre, Geschichte und Mythologie der Stadt ein.

Überraschende Einfälle

Das größte Lob gebührt dem Autor, weil er es versteht, mit einer Reihe guter Einfälle zu überraschen. Zu den Höhepunkten gehört Batmans Gefangenschaft in einem unterirdischen Labyrinth. Der Held wird an die Grenzen seiner physischen und geistigen Kräfte gebracht, Horrorvisionen treiben ihn um. Diese zermürbende Episode hinterlässt einen starken Eindruck. Ebenso bemerkenswert, weil sehr spannend, ist der Überfall der Talons auf Wayne Manor, bei dem sich Batman sehr erfindungsreich erweist und auch Alfred eine große Rolle spielt. Bei allen Ideen, die Snyder hier auffährt, bleiben einige Plot-Holes: Schwer nachzuvollziehen ist es, wie Bruce Wayne den Sturz von einem Hochhaus und wie Batman einen Dolch in den Bauch überleben können. Da hat Snyder ein wenig zu oft den Gott aus der Maschine bemüht.

Die Schwächen der Story machen die großartigen Zeichnungen von Greg Capullo wieder wett: dynamisch und expressiv fangen sie perfekt die beklemmende Stimmung ein, die von den Eulen ausgeht. Besonders in den Covern beweist sich Zeichner als wahrer Künstler.

Batman #6 (The New 52)

Batman #6 (The New 52)

Nach Batman #8 fasert die Geschichte in die Nebenschauplätze aus: Nightwing, Robin, Batgirl und Co. prügeln sich mit den Talons durch Gotham (Night of the Owls). Das kann lesen, wer Lust dazu hat – oder es getrost lassen. Es reicht, bei der Hauptreihe zu bleiben. Etwas ärgerlich ist nur, dass eine Episode, nämlich die in Arkham, in Detective Comics #9 spielt. In Batman #9 entsteht dadurch ein offensichtliches Plot-Hole, wenn Batman ankündigt erst nach Arkham, dann zum Bürgermeisterkandidaten zu fahren und plötzlich bei letzterem angekommen ist. Das ist ein klarer Hinweis: Wen’s interessiert, kaufe sich das andere Heft! Aber es lässt im Erzählfluss eine ärgerliche Lücke und zwingt beim Lesen einen unnötigen Sprung zurück zu machen.

Leider wirkt die ohnehin komplexe Story mit ihrem ausführlichen Hintergrund über Gotham und die Familie Wayne etwas überladen. Die Episode, in der Bruce als Kind sein zweites Trauma erlebt, weil er auf der Suche nach dem Rat der Eulen auf einem Dachboden eingesperrt wird, hätte man sich sparen können. Am Ende erinnert die Story das den Schluss des Films Psycho: Es wird erklärt, dann ein bisschen mehr erklärt und dann noch ein bisschen mehr erklärt. Das Problem an diesem Verfahren ist, dass dadurch Mysterien zerstört werden. Ein langes Kapitel ist ausschließlich der Vorgeschichte gewidmet, immerhin ist sie interessant, da von Alfreds Vater erzählt.

Dennoch: Die erste große Batman-Erzählung nach dem Reboot ist ein lohnendes Lesevergnügen für alle mit einem langen Atem – oder einfach für Freunde großer Epen. Die beiden letzten beiden Anhängsel ergänzen die Handlung nur minimal. Während „Ghost in the Machine“ (Batman #12), eine Story um eine junge Elektrikerin, die Batman helfen will, gänzlich überflüssig ist, ist „First Snow“ (Batman Annual #1) vor allem interessant, weil sie eine neue Entstehungsgeschichte von Mr. Freeze  erzählt und ihm dabei einige neue Seiten abgewinnt. So eine Story rechtfertigt den Reboot von The New 52.

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Arkham Asylum: Batmans wahres Zuhause

Arkham Asylum

Titel: Arkham Asylum: A Serious House on Serious Earth (dt. Der Tag der Narren)

Autor/Zeichner: Grant Morrison/Dave McKean

Erschienen: 1989 (One-shot), dt. Carlsen 1990, Panini 2009


„There’s always a place for you here.“ (Joker)

Dieser Klassiker ist ein Albtraum von einer Geschichte: Die Insassen des Arkam Asylum haben die Anstalt in ihre Gewalt gebracht,  Geiseln genommen und fordern jetzt Batman auf, sich in das Irrenhaus zu begeben. Als dieser kommt, will der Joker ihm demonstrieren, dass der Dunkle Ritter genauso verrückt ist wie seine Feinde und eigentlich hierher gehört. Batman lässt sich auf einen Irrgang durch das Spukschloss ein, bei dem er auf verschiedene Schurken trifft und dabei vor allem mit sich selbst konfrontiert wird. Parallel wird die Geschichte von Amadeus Arkham erzählt, dem Gründer der Anstalt, der sein geerbtes Anwesen der Hilfe für die Geisteskranken gewidmet hat und dabei selbst an die Grenzen seiner Nächstenliebe stößt, als er den Mörder seiner Frau und seines Kindes behandelt.

So weit, so linear. Doch die Bilder, die Dave McKean für diese Geschichte findet, wirken wie ein Zerrbild der ohnehin schon verdrehten Welt von Batman. Hier wird nichts geringeres als der Wahnsinn selbst visualisiert. Die meist schmalen, senkrecht angeordneten Panels sind meistens vor einem seitenfüllenden Hintergrund angeordnet und wirken, als würde ein Nebel über allem liegen, oder vielmehr ein Sandsturm über alles hinwegfegen. Die Figuren sind meist nur Skizzen, mehr zu erahnen als zu erkennen. Das mit Abstand schrecklichste Gesicht trägt der Joker, nie ist seine Fratze so extrem dargestellt worden wie hier: Wilde, rotunterlegte Glubschaugen, Haare wie grüne Flammen, ein blutroter Mund mit riesigen Zähnen. Eine einzige Entgleisung. Der Anti-Clown ist der Zeremonienmeister dieses Gruselkabinetts. Nebenbei bekommen wir eine interessante Diagnose: Der Joker ist nicht verrückt, diagnostiziert eine abgebrühte Ärztin, sondern vielmehr in einem überhohen Maße Herr seines Geistes, gar ein Verstand, der für das städtische Leben des 20. Jahrhunderts angepasst sei. Das gibt zu denken.

Definitiv verrückt ist der Ort Arkham Asylum selbst. Der Mad Hatter vergleicht es mit einem Kopf, der vielleicht sogar der von Batman sei. Das Comic wird zum Horrortrip für den Helden, der hier schwach und gebrochen erscheint. Batman selbst wird wieder einmal mit seinen Dämonen konfrontiert. Zunächst mit einem Rorschach-, dann mit einem Wortassozionstest, schließlich, bei einem Blick in den Spiegel, lässt ihn die Erinnerung an sein Trauma in Selbsthass schwelgen, er zerschlägt den Spiegel und bohrt sich selbst eine Scherbe in die Hand. Das sind Eindrücke, die sich einprägen.

Das Buch ist nichts für sensible Gemüter. Aber trotz aller Abgründigkeit enthält es genug Optimismus, um nicht zu deprimieren. Autor Grant Morrison führt den Kurs fort, den einige Jahre vor ihm Frank Miller und Alan Moore mit Batman eingeschlagen haben. Sein Arkham Asylum ist (neben Year One, The Dark Knight Returns und The Killing Joke) das vierte der wichtigsten Batman-Comics der 80er, weil es alles bisher dagewesene, die Muster der Superhelden-Comics zerstört und das Medium von der Popkultur in die höheren Sphären der Kunst erhebt. Nicht von ungefähr ist es das am häufigsten verkaufte Graphic Novel. Doch auch jenseits dieser engstirnigen Zuordnungen kann man sagen: 25 Jahre nach seiner Ersterscheinung ist es ein Werk, das immer noch gleichermaßen verstört, unterhält und fasziniert. Es ist ein Buch, mit dem man nie fertig werden wird.

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Weitere Arkham-Storys:

Joker: Gothams unheilbare Krankheit

Joker

Titel: Joker

Autor/Zeichner: Brian Azzarello/Lee Bermejo

Erschienen: 2008 (One-shot)


„Death, for him — is the punch line.“ (Two-Face)

Eine unerhörte Begebenheit: Der Joker wird aus Arkham entlassen. Warum, ist egal. „I’m not crazy anymore … just mad“, sagt der Joker. Die deutsche Übersetzung „außer mir“ kommt der Doppelbedeutung des Wortes (wütend, wild) sehr nahe, lässt aber die Tatsache außer acht, dass mad auch ein Synonym für verrückt ist und dass es um eine Verschiebung von Nuancen geht. Wie dem auch sei: Nun will der Joker seinen Macht in Gotham zurückerlangen, die ihm während seiner Abwesenheit entglitten ist. Und so schart er Verbündete wie Killer Croc um sich, rächt er sich an seinen Statthaltern – und zwar sehr blutig -, es kommt schließlich zum Krieg mit Two-Face. Der Titel ist Programm, Batman hat erst am Ende einen Kurzauftritt.

Erzählt wird das alles aus der Perspektives eines unbedeutenden Handlangers, Jonny, der den Joker durch die Gegend fährt und dabei ein doppeltes Spiel spielt. Seinen Gedanken folgen wir als Leser, seine inneren Monologe sind etwas wie ein Versuch über das Unfassbare. Er kommt zu der Erkenntnis, dass der Joker nicht krank, sondern selbst eine Krankheit ist: „He was a disease that somehow, with the help of god or the devil — pick your poison — had convinced his doctors he wasn’t diseased anymore.“ Selbst Two-Face wählt diese Methapher, wenn er sagt, die Stadt könne sich diese Krankheit nicht mehr leisten. Und tatsächlich sehen wir den skrupellosesten, brutalsten Joker aller Zeiten: Er häutet einen Menschen bei lebendigem Leibe, in der Nacht überrascht er ein altes Ehepaar im Bett, das er grundlos niedermetzelt, anschließend legt er sich entspannt zu den Leichen.

Doch zugleich erscheint diese Ausgeburt des Teufels auch plötzlich menschlich. Wie das Cover bereits darstellt, ist auch die Geschichte eine Nahaufnahme des Jokers. Anders als in üblichen Batman-Comics sieht man ihn im Alltag seinen Spaß und seinen Ärger haben, man sieht ihn Pillen nehmen und einmal sogar auf den Knien vor Harley Quinn weinen. Trotzdem kommt man ihm nicht näher, diesem unnahbaren Phänomen, auch Jonny verzweifelt schließlich daran, einem Mann nachzueifern, der alles hasst und für den der Tod selbst die Pointe ist. Er ist, denkt sich der Erzähler am Ende, eine Krankheit, für die es keine Heilung gibt – sondern nur einen Batman.

Das Buch kam im selben Jahr heraus, in dem Christopher Nolan in The Dark Knight Heath Ledger als Joker verewigte. Die einzige Verbindung zu dem Film besteht in dem Glasgow-Smile, also den Wangennarben, die der Joker hier wie da trägt. Ansonsten erzählt Autor Brian Azzarello (100 Bullets) eine völlig andere, sehr eigenwillige Geschichte. Der Zeichner, Lee Bermejo, ein wahrer Künstler in der Tradition von Alex Ross, setzt sie kongenial um: Seine Bilder von einem schmutzigen Gotham sind atmosphärisch dicht augefladen und seine Figuren lebensnah gezeichnet. Altbekannte wie Killer Croc, der Riddler und Pinguin erhalten ein neues Aussehen, besonders Batmans Kostüm ist sehr gelungen (mehr davon sieht man in Noel). Schade ist, dass die Zeichnungen nicht durchgängig im typischen Bermejo-Stil gehalten sind (wie bei Noel), sondern häufig mit einem zu kantigem Tuschestrich verschandelt. Aber das ist nur ein Wermutstropfen bei diesem verstörenden Meisterwerk der Erzählkunst.

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Lecken kann tödlich sein

Joker: Devil's Advocate

Titel: The Joker: Devil’s Advocate (dt. Batman – Joker: Des Teufels Advokat)

Autor/Zeichner: Chuck Dixon/Graham Nolan

Erschienen: 1996 (One-shot), dt. Panini 2010


Eigentlich ist es ein Unding, dass es so etwas noch gibt: nicht-selbstklebende Briefmarken. Das führt zu der Unart, dass man sich dazu genötigt fühlt, die kleinen Bildchen abzulecken und mit seiner Spucke in die Welt zu schicken. – Eine Barbarei, verglichen mit anderen zivilisatorischen Errungenschaften. Ein gutes Argument gegen das große Schlecken gibt uns The Devil’s Advocate. Hier endet der Einsatz der Zunge für mehrere Postkunden mit einem tödlichen Grinsen. Nicht nur Der Name der Rose lässt grüßen, die Sache lässt selbstverständlich zunächst an den Joker denken. Doch der hat derweil andere Probleme: Er erstürmt die Post, weil er auf der Briefmarken-Sonderedition mit den berühmten Komikern nicht berücksichtigt wurde. Denn dafür muss man leider tot sein. Nun könnte dieser Zustand für den Joker schneller eintreten, als er hofft, denn für die tödlichen Briefmarken wird er nicht wie sonst üblich nach Arkham gebracht, sondern verklagt und zum Tode verurteilt! Doch der Joker, der sonst gerne mit seinen Taten prahlt, gibt sich entrüstet und beteuert seine Unschuld …

Wie jede Joker-Story lebt auch diese vor allem von seinem Titelhelden. Seine Bekenntnisse bringen den schwarzen Humor in die Geschichte, seine dreisten Psycho-Tricks sorgen für Action. Batman und Robin dienen bloß dazu, die Handlung voranzutreiben, die vor allem Batmans Idealismus geschuldet ist. Den Joker im Gerichtssaal und im Knast sitzen zu sehen, gewinnt der Figur ein paar neue Seiten ab. Sein Wunsch, seine Hinrichtung als Fernsehübertragung zu verkaufen, zeigt wie schon Mad Love, dass es diesem Irren nur um sein Ego geht. Auch wenn die Lösung des Falls arg übertrieben ist, lohnt das Buch die Lektüre – schon allein wegen seiner Pointe am Ende.

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Mad Love: Ein Trio von Besessenen

Mad Love

DC Comics

Titel: The Batman Adventures: Mad Love (dt. Mad Love)

Autor/Zeichner: Paul Dini/Bruce Timm

Erschienen: 1994 (One-shot)


Das ist wohl die Batman-Story, die ich am häufigsten gelesen habe – und jedes Mal mit großem Genuss. Denn Mad Love hat alles, was ein gutes Batman-Comic braucht: Eine mitreißende Story, ausdrucksstarke Bilder und – das ist selten bei Batman – viel Humor! Und dieser ist rabenschwarz, jokerhaft eben und noch gesteigert durch die treudoofe und doch raffinierte Harley Quinn, die eigentliche Hauptfigur von Mad Love. Die ehemalige Psychiaterin ist durch ihre fanatische Liebe zum Joker verrückt geworden und hat sich ihm als Handlangerin angeschlossen. Doch die Hingabe ist nur einseitig, denn der Joker interessiert nur für sich und seinem Rachefeldzug gegen Batman. Das macht Harley wiederum eifersüchtig. Der Joker bekommt den Charakter eines fanatischen Künstlers, für den der Batmans Tod nichts Geringeres ein Meisterwerk sein muss. Dabei stört so eine humoristisch unbegabte Person wie Harley nur. Aber sie ist es, die Batman austrickst und beinahe auf perfekte Weise umbringt – dumm nur, dass sie dem Joker den Witz erklären muss … So entsteht eine interessante, spannungsreiche Dreiecksbeziehung von Besessenen, in der sich alle gegenseitig hassen wie sie einander brauchen.

Mad Love (1. Auflage) (DC Comics)

Mad Love (1. Auflage) (DC Comics)

Nicht von ungefähr hat Mad Love den Eisner Award bekommen. Auch lag es nahe, dass das Comic, das auf der Zeichentrickserie beruht, im Jahr 1999 zu einer Episode adaptiert wurde. Diese ist gut, keine Frage, auch weil sie das Comic als Storyboard verwendet, aber was die Eleganz der Erzählweise und die Dynamik der Bilder von Bruce Timm angeht, kommt sie nicht an dieses grandiose Heft heran, ganz zu schweigen davon, dass die Story fürs Kinderfernsehen entschärft wurde. Für IGN gehört es – völlig zurecht – zu den besten 25 Batman-Comics. Für mich ist es vollendet.

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Das Rotkehlchen und die Brechstange

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Titel: A Death in the Family (dt. Ein Tod in der Familie/Ein Todesfall in der Familie)

Autor/Zeichner: Jim Starlin/Jim Aparo

Erschienen: Batman #426-429 (1988-1989), Paperback 2011 (enthält auch A Lonely Place of Dying), dt. Panini 2010/2019


Diese Geschichte ist so berühmt, dass man nicht über sie sprechen kann, ohne den Spoiler vorwegzunehmen. Bereits das Cover zeigt es: Robin II, alias Jason Todd, stirbt – vom Joker mit einer Brechstange totgeschlagen. Eine unerhörte Begebenheit, vor allem weil sie auf unorthodoxe Weise zustande kam. Denn die Mörder waren die Leser. Sie durften in einer Telefonumfrage abstimmen, ob Jason die Prügel mit der Brechstange und eine anschließende Explosion überleben würde oder nicht. Die Figur galt als unbeliebt, doch das Ergebnis war knapp: Etwas mehr als die Hälfte der rund 10.000 Teilnehmer verhängte das Todesurteil. (Was die Autoren nicht davon abhielt, Jason später wiederzubeleben. Ich frage mich nur, welchen Sinn der Titel gehabt hätte, falls Robin überlebt hätte.)

Doch das Buch zu lesen, macht keinen Spaß – es sei denn, man macht sich darüber lustig. Anlass genug gibt es. Jim Starlin erzählt eine hanebüchene Geschichte, in der einerseits Jason Todd seine echte Mutter sucht und andererseits der Joker versucht, eine Atomrakete an arabische Terroristen zu verkaufen. Das sind schon mal zwei Plots, die wenig miteinander zu tun haben. Dennoch: Zufällig führen beide Wege in den Libanon. Doch damit nicht genug der Zufälle: Eine der potenziellen Mütter ist CIA-Agentin, eine andere eine Schurkin, die dritte dreht krumme Dinger als Entwicklungshelferin in Äthiopien und ist Handelspartnerin vom Joker.

Den Gipfel der Dummheit erreicht die Story, als der Iran den Joker – einen weltbekannten Massenmörder – zu seinem Diplomaten ernennt und der Joker die Gelegenheit nutzt, um alle Vertreter der Vereinten Missionen zu töten. Das Ganze ist pathetisch, arg konstruiert, unglaubwürdig und lächerlich. (Besonders peinlich, wenn der Joker seinen iranischen Mitstreiter einen Araber nennt.) Dieser Todesfall in der Familie ist keine Träne wert. Der einzige Grund, weshalb diese Story als eine der wichtigsten gehandelt wird, liegt in seiner Bedeutung für die Batman-Historie und den Kanon. Ansonsten ist sie entbehrlich.

(Warum IGN diesen Schmarrn in seine Top 25 aufgenommen hat, ist mir schleierhaft.)

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The Killing Joke: Wie der Joker das Lachen lernte

The Killing Joke

Titel: The Killing Joke (dt. Lächeln, bitte!)

Autor/Zeichner: Alan Moore/Brian Bolland

Erschienen: 1988 (One-shot), dt. Carlsen 1990, Panini 2008


„All it takes is one bad day to reduce the sanest man alive to lunacy. That’s how far the world is from where I am. Just one bad day.“

Manchmal wird man verrückt, nur weil man mal einen schlechten Tag hatte. Auf diese Formel bringt der Joker seine Botschaft in dieser klassischen und einflussreichen Story. Er will das demonstrieren, indem er versucht, James Gordon in den Wahnsinn zu treiben: Zunächst schießt er dessen Tochter Barbara an (Batgirl), dann entführt er den Commissioner und beschert ihm eine Höllenfahrt durch eine Geisterbahn. Nebenbei erfaren wir in Rückblenden, wie aus einem arbeitslosen Chemielaboranten und erfolglosen Komiker der Joker wurde – inklusive Red Hood und Säurebad.

The Killing Joke wurde viel gerühmt und gilt als eine der besten Batman-Storys. Ich frage mich, warum. Zugegeben: Alan Moore (Watchmen, V wie Vendetta) weiß, wie man eine Geschichte erzählt, und er macht das ohne Frage sehr einfühlsam und abgründig. Die detailreichen Zeichnungen von Brian Bolland, von klarem Strich und ausdrucksstark, tragen dazu bei. Doch aus heutiger Sicht ist die Psychologisierung des Jokers und die Erzählung seiner Vorgeschichte nicht mehr zeitgemäß. Denn für die Personifikation der Anarchie ist es am besten, wenn sie ebenso aus dem Nichts kommt wie ihre Motive. Christopher Nolan hat das verstanden und perfekt in seinem Film The Dark Knight realisiert.

Für Batman beginnt die Geschichte mit der Erkennis, dass sein Verhältnis zum Joker nur mit dem Tod eines der beiden enden kann. Unter Fans ist daher umstritten, ob Batman den Joker zum Schluss tötet. Batman ergreift ihn und lacht über dessen Witz. Dass er ihn erwürgt, sieht man nicht. Aber da die Story in der Continuity angesiedelt ist, ist es unwahrscheinlich, dass Batman seine oberste Regel bricht – vor allem, weil der Joker danach bekanntlich weiterlebt.

(Hinweis: Der Artikel wurde aktualisiert und überarbeitet.)

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Joker – Das erste Mal

The man who laughs

Titel: The Man Who Laughs

Autor/Zeichner: Ed Brubaker/Doug Mahnke

Erschienen: 2005 (One-shot)


The Man Who Laughs weist in vier Richtungen: Zum einen stammt der Titel vom gleichnamigen Stummfilm, dem der Joker sein Aussehen zu verdanken hat. Zum zweiten wird hier die erste Joker-Story aus Batman #1 (1940) neu erzählt. Zum dritten knüpft die Geschichte stilistisch wie inhaltich an Year One an. Schließlich gibt es noch eine Anspielung auf die Red Hood-Episode aus The Killing Joke. Es handelt sich um Batmans erste Begegnung mit dem Killer-Clown. Und wie schon bei Frank Miller beginnen wir, den Schauplatz durch die Augen von James Gordon zu sehen. Die Polizei hat ein Lager für Leichen mit furchtbar verzerrten Gesichtszügen entdeckt. „What the hell is happening to my city?“, fragt sich ein fassungsloser Gordon. Ein bis dahin noch Unbekannter hat Versuche an Menschen durchgeführt. Kurz darauf kündigt der Joker im Fernsehen seinen ersten Mord an. Anders als in der Ur-Fassung hat es der Schurke nicht auf Juwelen, sondern auf reinen Terror abgesehen. Während das ‚Lachgas‘ an seinem Opfer wirkt, entlässt der Joker ein paar Verrückte aus Arkham, damit sie Chaos auf den Straßen verbreiten. Zum Schluss will der Joker – auch das eine Änderung zugunsten der Story – Bruce Wayne an den Kragen, während er plant, die ganze Stadt zu vergasen …

Wer die Vorlage gelesen hat und nicht viel damit anfangen konnte, wird hier mit Genuss entschädigt: Es ist ein Gefühl, als hätte diese alte Geschichte heute genau so und nicht anders erzählt werden müssen: Mit dem nötigen Spannungsaufbau und einigen Überraschungen, krachender Action und beklemmenden Szenerien. Zwar ist sie eine typische Joker-Story, wie sie schon aus Burtons erstem Batman-Film und der Zeichentrickserie der 90er bekannt ist, doch ist sie – visuell und so gut erzählt und mit neuen Ideen angereichert, dass es ein Vergnügen ist, die Seiten umzublättern. Vor allem aber ist The Man Who Laughs ein wichtiger Lückenschluss der Joker-Mythologie.

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Frank Millers Batman-Klassiker

Titel: The Dark Knight Returns/Batman: Year One (dt. Die Rückkehr des dunklen Ritters/Das erste Jahr)

Autor/Zeichner: Frank Miller/Frank Miller, David Mazzucchelli

Erschienen: 1986/1987 (The Dark Knight Returns #1-4/Batman #404-407)


Wenn es um die maßgeblichsten Batman-Comics geht, werden immer wieder diese beiden genannt: Frank Millers Year One und The Dark Knight Returns. Und das zu recht – obwohl das keineswegs selbstverständlich ist. Zwar handelt es sich gewisserweise um Zwillinge – beide sind vom selben Autor und sind in kurzer Abfolge erschienen und sie erzählen von Batmans Anfang und Ende. Doch ist es seltsam, dass gerade sie das Wesen der Figur auf so essenzielle Weise einfangen, denn  bei allen Gemeinsamkeiten sind sie sehr unterschiedlich.

Batman: Year One

Die Fledermaus bricht durchs Fenster: Year One. (DC Comics)

Zum einen ist da Year One. Häufig wird der Vierteiler als Entstehungsgeschichte bezeichnet. Und tatsächlich sehen wir einen jungen Bruce Wayne, 25 Jahre alt, der nach 13 Jahren in seine Heimatstadt Gotham zurückkehrt, um das Verbrechen zu bekämpfen. Wir erfahren nicht, was in den vergangenen Jahren passiert ist, nur so viel ist klar: Seine Eltern wurden ermordet, daraufhin ist er offenbar in der Welt herumgereist und hat für seinen Rachefeldzug trainiert. Also unternimmt er erste Versuche in der Unterwelt, zunächst noch inkognito ohne Kostüm, doch weil sich niemand vor ihm fürchtet, bekommt er Ärger mit einigen Prostituierten, wird verletzt und gezwungen, seine Strategie zu überdenken. Dann die legendäre Szene, wie sie bereits 1939 erzählt wurde: Eine Fledermaus fliegt zum Fenster rein und bringt ihm die Erkenntnis „I shall become a bat!“ Verkleidet als Batman hat er mehr Erfolg, auch wenn er zunächst mit der Polizei in Schwierigkeiten gerät …

Womit wir beim eigentlichen Thema wären: Denn Millers Story ist eben nur zu einem Teil die Geschichte von Bruce Wayne, zum anderen geht es um den Polizisten James Gordon – und eigentlich ist Year One seine Geschichte. Die Geschichte beginnt und endet mit Gordon, man erfährt mehr über seine Motive als die von Batman. Durch seine Figur betrachten wir den Superhelden von außen, wir bekommen Gelegenheit, ihn mit fremden Augen zu sehen, uns zu wundern, an ihm zu zweifeln und uns schließlich mit ihm anzufreunden.

Zu Beginn kommen Gordon wie Wayne von außerhalb, der eine per Bahn, obwohl er lieber geflogen wäre, der andere per Flugzeug, obwohl er lieber näher am Feind wäre. Gordon muss sich gegen korrupte Kollegen durchsetzen, die ihn gerne mal überfallen, um sich seine Loyalität mit Schlägen zu verdienen. Außerdem erfahren wir, dass er eine schwangere Frau hat (Barbara), aber mit ihr offenbar nicht glücklich ist; er fängt eine Affäre mit einer Kollegin (Sarah Essen) an. In dieser schwierigen Phase kommt ihm ein Vigilant wie Batman gerade recht. Auch wenn Gordon den Maskierten jagt und nach dessen Identität fahndet – dabei rückt er sogar Bruce Wayne auf die Pelle –, schließlich erkennt er Batman als Verbündeten an. Denn beide kämpfen gegen dieselben Feinde.

Batman: Year One

„Ladies, Gentlemen. You have eaten well.“ Batmans Kriegserklärung. (DC Comics)

Durch die parallele Erzählweise und die Engführung beider Charaktere werden Wayne und Gordon als Seelenverwandte dargestellt, als zwei Seiten einer Münze, die dasselbe wollen, aber unterschiedliche Wege gehen. Beide bekommen bei Miller etwas Abgründiges. Beide sind Zweifler und Selbstkritiker, beiden passieren schwere Fehler, beide überschreiten Grenzen des Moralischen. Wayne befindet, dass er nicht verdiene, zu leben. Gordon gesteht sich ein, dass er zwar im Beruf, aber nicht im Privaten seinem Herzen folgt. Beide führen ein Doppelleben.

Interessanterweise werden nebenbei noch zwei weitere Figuren des Universums eingeführt: Der Staatsanwalt Harvey Dent (später Two Face), der aus unerklärten Gründen mit Batman kooperiert (in einer Szene sieht man Dent Batman unterm Schreibtisch verstecken), und Selina Kyle, eine Prostituierte/Domina, die sich als Catwoman verkleidet. Und schließlich, am Ende kommt der Verweis auf den Joker. (Christopher Nolan hat sich in Batman Begins stark an Year One orientiert.)

Die Erzählung lebt von Leerstellen. Die Zeit schreitet schnell voran; nur wenige Tage des ersten Jahres werden ausführlich dargestellt. Dennoch schafft es Miller, genauso viel zu erzählen, wie nötig ist, um in die Figur einzuführen. Mit Year One muss er nämlich zwei Sorten von Lesern bedienen: Einerseits alte Leser, die wissen, worum es geht, andererseits sollten mit dem Reboot neue Leser gewonnen werden.

Bat: The Dark Knight Returns

Die Fledermaus und das Fenster: Panel aus The Dark Knight Returns. (DC Comics)

Anders hingegen kommt The Dark Knight Returns daher: Voraussetzungsreich, ausführlich, dicht. Viele winzige Panels drängen sich auf den Seiten. Im Gegensatz zum klaren, schlichen Stil von David Mazzuchelli, der Year One gezeichnet hat, ist hier Frank Miller selbst mit krakeligem, unruhigem Stift am Werk . Er unterstreicht die verstörende Wirkung der Story. (Unterstützt wird er von dem Tuscher Klaus Janson, der diesen Effekt noch verstärkt.) Es handelt sich um eine nicht-kanonische Was-wäre-wenn-Geschichte, einige Jahre später soll DC dafür das Label „Elseworlds“ finden. The Dark Knight Returns handelt von einem gealterten Bruce Wayne in der Zukunft, der sich vor Jahren zur Ruhe gesetzt hat und nun, auf dem Gipfel des Verbrechens in Gotham, das Batman-Kostüm wieder anzieht.

In vier Teilen kommt es zu vier großen finalen Kämpfen: Gegen einen nach seiner Rehabilitation rückfällig gewordenen Two-Face, gegen den Anführer der Mutanten-Jugendbande, gegen den Joker und schließlich gegen Superman, der als Handlanger der Regierung Batman ausschalten soll. Batman ist ein Hardliner, der skrupellos agiert: Er foltert und gerät sogar mehrfach in Versuchung zum Mord. (In einer Sequenz benutzt er sogar ein Maschinengewehr – was sonst ein Tabu ist – und es bleibt zunächst offen, ob er sein Opfer nur anschießt oder erschießt; später klärt er das auf, indem er sagt, dass er seine einzige Regel bisher nicht gebrochen habe.)

Batman & Joker in The Dark Knight Returns

Tödliches Ende einer Romanze im Liebestunnel: Batman und Joker.

Frank Miller zeichnet seinen Batman klobig, in seinem grauen Anzug erscheint er wie ein Fels, während aus seinen inneren Monologen klar wird, dass er ein ambiger Charakter ist. Wieder erleben wir einen gebrochenen Helden, der an sich zweifelt und sich sein Glück, mit dem er immer wieder durchkommt, nicht gönnt („Lucky old man.“). Wir sehen, dass er getrieben ist von einem Todeswunsch (‚This would be a fine death“), aber am Ende dennoch nicht sterben will, denn das bedeutete ja aufgeben. Und so wird das Drahtseil, auf dem Batman in einer Szene balanciert, zum Sinnbild seiner Situation: Immer an der Grenze zum Tod schwankt er zwischen Gesetz und Verbrechen. Miller zeigt, dass er zum Teil auch selbst für dieses Verbrechen verantwortlich ist: Zum einen, als die Mutanten-Anhänger nachdem ihr Anführer besiegt ist, in Batmans Namen Greueltaten im Namen der Selbstjustiz begehen. Zum anderen, weil der Joker erst nach Batmans Rückkehr wieder aktiv wird und Massenmord begeht. Batman wird als Gegenspieler stets zum Mittäter.

Miller beschreibt das Verhältnis zwischen den Antagonisten nicht nur als eines der gegenseitigen Bedingung, sondern auch der gegenseitigen Anziehung. Homo-erotisch wird es, wenn der Joker, als er Batman wiedersieht, erstmals spricht und dabei „Darling“ sagt. Kurz bevor der Joker bei einer Talkshow alle Gäste im Studio ermordet, spricht sein Psychiater davon, dass Batmans Verhalten aus einer „unterdrückten Sexualität“ rühre. Nicht zufällig findet das große Finale auf dem Rummelplatz im Liebestunnel statt. Als letzte ‚Streicheleinheit‘ kommt es zum Nahkampf. Der Joker dreht sich am Ende selbst seinen Hals um, damit es so aussieht, als hätte Batman ihn getötet. Als Batman die Leiche verbrennt und er sieht, wie noch das Skelett zu grinsen scheint, sagt er: „Stop laughing.“ Der Joker ist es, der zuletzt lacht. Er hat Batman im Selbstmord besiegt und lässt ihn als Mörder dastehen. Aber Batman war selbst kurz davor, den Kampf ein für alle Mal zu beenden. Doch auch dann hätte der Joker triumphiert.

Es geht also zur Sache. Drastisch führt Miller seine Figuren vor, kongenial erzählt er in Bildern und Text, die gleichberechtigt nebeneinander stehen. Überhaupt ist ein großer Anteil der Handlung nicht im Bild zu sehen, sondern wird von anderen, vor allem Nachrichtensprechern, nacherzählt. So bleibt dem Leser das Schlimmste meist erspart. Dem gegenüber stehen eindrucksvolle Splash-Pages und minutiöse Zeitlupen-Sequenzen, in denen das Trauma des Elternmordes so intensiv dargestellt wie selten zuvor. Hinzu kommt, dass sowohl The Dark Knight Returns als auch Year One – anders als damals in Superheldencomics üblich – in gedeckten Farben gehalten sind. Dieser Stil sollte sich in den Heftserien erst Jahre später durchsetzen.

Miller hat mit seinen Zwillingen den Mythos nicht nur auf seine Wurzeln zurückgeführt, sondern ihm auch zu neuen verholfen. Er setzte Maßstäbe, nach denen sich alle weiteren Batman-Stories messen lassen mussten, er legte den Rahmen fest, der noch zu füllen war. Die Nachwirkung kann man bis in die Gegenwart sehen: Christopher Nolan bediente sich bei beiden Vorlagen und selbst in der Batman-Zeichentrickserie setzte man Miller ein Denkmal (Episode „Legends of the Dark Knight“). Leider ging der Autor selbst mit seinem Status nicht pfleglich um: Die Fortsetzung The Dark Knight Strikes Again (2001) ist ein übles Machwerk, das formal wie inhaltlich kaum etwas mit seinem Vorgänger zu tun hat. Und auch All Star Batman & Robin, the Boywonder (2005-2008) kam bei den Lesern nicht gut an. Aber dazu ein anderes mal mehr.

(Anmerkung: In einer früheren Fassung wurde Batman als Mörder des Jokers beschrieben. Das trifft nicht zu. Tatsächlich tötet Batman niemanden in „The Dark Knight Returns“.)

>> Batman 1980-1989


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