Daredevil, Batman, Ronin, Sin City, 300 – Frank Miller ist eine Comic-Legende, der dem Medium einige Meisterwerke beschert hat. Doch der alte Mann hat leider schon lange nichts mehr von Wert produziert. Seine Batman-Comics des 21. Jahrhunderts konnten nicht an den Erfolg seiner ikonischen Werke aus den 80ern anknüpfen. Seine Film-Adaption The Spirit war ein Reinfall. Auf seine Sin-City-Fortsetzung wartet man seit vier Jahren und man darf nicht zu viel erwarten. Nun hat Miller mit 69 Jahren seine Memoiren herausgebracht: Push the Wall. Der 200-Seiten-Band enthält nur wenige Bilder und gewährt leider keinerlei Einblicke in sein Skizzenbuch, aber ist dafür das erste lesenswerte Werk von ihm seit fast drei Jahrzehnten.
Miller erzählt von seiner Entwicklung als Künstler, von einer lebenslangen Passion für Comics, von seinen schwierigen Anfängen als armer Zeichner in New York City und von seinem harten Lehrmeister wie Neal Adams. Als der junge Miller dem Vorbild seine Werke gezeigt hat, soll Adams gesagt haben, Miller solle lieber zurück nach Vermont gehen und Benzin zapfen. „You’re no good and you never will be.“ Miller schluckte hart und fragte: „Can I fix it and show you again?“ Adams grummelte: „Yeah. I’ll see you tomorrow.“
Miller beschreibt sich selbst als hart arbeitenden Handwerker, der stets sich selbst herausgefordert hat und sich Prinzipien auferlegt hat, wie etwa „Keep pushing the wall“ und „Defy the Code“, was so viel heißt wie: Verschieb die Grenzen, bekämpfe die Regeln, stelle eigene auf. (In seinem Fall war es der Comics Code.) Miller hat immer wieder die Grenzen verschoben, seine eigenen, aber auch die des Mediums und der Genres. Er hat dem totgeglaubten Daredevil zu ungeahnter Höhe verholfen, indem er Elektra erschuf und bald darauf von Bullseye töten ließ. Er hat mit Ronin japanische und europäische Einflüsse vereint. Er hat mit Sin City ein so radikales wie minimalistisches Meisterwerk im Noir-Stil geschaffen und dabei Maßstäbe fürs Storytelling in Bildern und Worten gesetzt.
Batman als Vaterfigur
Und er hat auch Batman gerettet. Nach seinem erfolgreichen Daredevil-Run und seinem experimentellen Ronin sollte Miller Batman für DC neu erfinden. Der Dunkle Ritter steckte in den 80ern mal wieder in der Krise: Er galt als angestaubt und langweilig. Die Verkaufszahlen waren im Keller. Es war das Marvel Age, Serie wie X-Men schafften es besser, ein erwachseneres Publikum zu erreichen.
Miller war schon immer ein Batman-Fan gewesen. Nun sollte er dem Charakter neues Leben einhauchen. Doch zunächst schien dieser dazu zu groß zu sein. Eine zu sehr verehrte Ikone, ein Symbol mit zu viel Bedeutung, ein Superstar mit zu viel Ballast. Miller entschied sich, am Mythos zu kratzen. „You’ve got to catch your audience off guard“, schreibt Miller. „It’s part of your job.“
Also stellte Miller Batman auf den Kopf und zeigte ihn zugleich so, wie er war: als gealterte Legende, im Ruhestand, körperlich geschwächt, aber immer noch Idealist. Batman war wieder eine Vaterfigur. In The Dark Knight Returns kehrt er zurück, weil er keine Wahl hat: Die Umstände zwingen ihn dazu. Außerdem: Robin sollte ein Mädchen werden – eine Idee von John Byrne (Man of Steel). Und das blöde gelbe Oval auf der Brust, das noch nie viel Sinn ergeben hat, musste weg.
Frank Miller genoss viele Freiheiten. Redakteur und Mentor Dick Giordano begrüßte die neuen Ideen. Ein alter Batman? Toll! Das Batmobil ein Panzer? Super! Robin ein Mädchen? Großartig, wurde auch Zeit! Doch das gelbe Oval? „No, Frank. No way!“ Miller musste darum kämpfen und fand schließlich einen Kompromiss als Ausweg: Batman trägt das gelbe Oval zuerst, bis sein Kostüm im Kampf mit dem Mutantenanführer zerstört wird und er wieder sein altes mit der schwarzen Fledermaus auf der Brust anziehen muss. Problem gelöst, alle sind glücklich.
Mit The Dark Knight Returns sei er erwachsen geworden, schreibt Miller. Er habe das Werk als „epic novel“ gesehen. Weil er viel Story auf wenig Raum unterbringen musste, sei es der dichteste Comic geworden, den er je gemacht habe. Vielstimmig, aber auch vielschichtig. Robin Carrie Kelley sei der Schlüssel zu The Dark Knight Returns. Das erste Mal, wenn sie das Robin-Kostüm trägt, rette Batman ihr das Leben. Im letzten Panel hat sie seine Seele gerettet. Carrie gebe Batman einen Grund zu leben. Sie zu beschützen gebe ihm einen Sinn jenseits von Rache.
Miller vermeidet die Heldenverehrung. Deshalb habe er versucht, Batman nicht als Statue zu inszenieren, sondern als lebendige Figur. Das zweite Cover von TDKR zeigt es am deutlichsten: Batman ist zerknautscht und zerknittert, sein Gedicht lädiert, das Logo auf seiner Brust zerfetzt wie sein Anzug. Es geht Miller nicht um Rebellion, sondern um die Aufgabe des Künstlers: nicht zu imitieren, sondern mit dem Bestehenden zu spielen. Daher ärgert der Autor sich darüber, dass die Popkultur seinen Batman in eine Statue verwandelt habe. „I don’t want him to be preserved in amber. I want others to poke and prod and reinvent and rewrite and knock him over. Smash all the expectations.“
Leider sind Batman-Comics der vergangenen Jahre voller Anspielungen und Hommagen an Millers TDKR (etwa bei Chip Zdarsky). Der Comic, der einst gegen die Tradition rebellierte, ist selbst zum Fluch geworden, den der Batman-Mythos nicht mehr loszuwerden scheint.
Warum (Super-)Helden bleiben werden
Miller geht auch auf die mythischen Ursprünge von Heldenerzählungen ein, etwa auf die der griechischen, hebräischen oder christlichen Mythologie. Diese universellen Archetypen seien mächtige Turbinen, die Erzählungen voranbringen. Nicht von ungefähr ist sein Batman ein „Dark Knight“, der auf einem Pferd reitet und auf dem vierten Cover sogar ein Schwert trägt. Batman sei ein Archetyp, weil er einen Sinn von Kontinuität und Fair Play wiederherstelle. „The world only makes sense, when you force it to.“
Auch wenn Miller kritisiert, dass sein erster liebster Superheld, nämlich Superman, zu mächtig geworden ist, ist er überzeugt davon, dass Helden weiterhin wichtig bleiben: „That’s what a hero is: someone oder something we aspire to. (…) Heroes, als they struggle to overcome the stacked odds, reflect back our innermost feelings – self-doubt, confusion, desire, loneliness, love, and hate.“ Deshalb werden auch Superhelden nicht verschwinden, weil sie ihren Reiz für die Menschen nicht verlieren werden: „Superheroes will not disappear. The basic myth of the hero is open to infinite expansion because it’s irresistible to us.“
Frank Millers Memoiren sind keine umfassende Autobiographie, eher eine schlaglichtartige Erzählung mit Anekdoten und Exkursen zu Themen, die ihn interessieren. Über sein Privatleben erfährt man – abgesehen von seiner Jugend – nichts. Er schwärmt lieber von Weggefährten wie Regisseur Robert Rodriguez, mit dem er die beiden Sin-City-Filme gedreht hat, und widmet lieber ein Kapitel Norman Rockwell, den er als „Cartoonist“ ehrt.
Viel mehr vermisst man allerdings, dass er auch kaum auf sein Spätwerk, also alles seit der Jahrtausendwende, eingeht. Weder All-Star Batman noch Dark Knight III und seine beiden Ableger sind ihm eine Zeile wert, Superman: Year One wird nicht mal in der Liste seiner Werke aufgeführt. Der Autor äußert sich allerdings selbstkritisch über Werke wie das vielgescholtene Holy Terror und auch The Dark Knight Strikes Back, die er als Propaganda als Reaktion auf 9/11 abtut.
Trotzdem ist das Buch lesenswert für Miller-Fans und alle, die sich generell für die Geschichte und Techniken des Comics interessieren. Ganz besonders ermutigt es angehende Künstler und Storyteller aller Art mit einigen nützlichen Ratschlägen. Hier eine kurze Zusammenfassung dieser Tipps:
- Bereite dich gut vor. Kenne dein Ende, bevor du anfängst. Alles weitere der Story wird sich dorthin fügen.
- Schreibe Hintergrundgeschichten für alle deine Charaktere.
- Steig so spät wie möglich in die Handlung ein.
- Halte deine Geschichten schlicht.
- Lasse Leerstellen, die die Leser mit ihrer Vorstellungskraft selbst ausfüllen und so am Werk mitwirken.
- Versuche nicht, es allen recht zu machen. Untergrabe Erwartungen.
- Sei furchtlos, sei rücksichtslos, mach keine Kompromisse.
- Fehler sind deine Freunde. Lerne aus ihnen.
- Sei offen für Veränderungen deines Plans. Halte die Dinge in Fluss. Lass dich überraschen.
- Sei neugierig und begeisterungsfähig, offen für neue Ideen und Einflüsse.
- Genieße das Schaffen: Es kommt auf den Prozess an, nicht auf das Ergebnis.
- Wer für die Kunst lebt, dem wird die Kunst im Leben dienen.
- Propaganda ist der Feind der Kunst.
- Comics sind keine Filme auf Papier oder illustrierten Romane, sondern ein eigenes Medium mit eigenen Gesetzen.
>> Frank Miller: Push the Wall. My Life, Writing, Drawing, and the Art of Storytelling“, Saga Press (Simon & Shuster) 2026.

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