Bruce Wayne adoptiert Dick Grayson

Titel: Gotham Knights – Contested

Autor/Zeichner: Devin Grayson/Roger Robinson u.a.

Erschienen: 2001 (Gotham Knights #14-24, 32), Paperback 2021


Darf ich vorstellen: Matatoa. Ein Verfluchter mit Maori-Tattoos, der nicht sterben kann, dafür aber ständig „reine Seelen“ umbringen muss – und darunter leidet. Auf die Idee, sich von seinem Fluch zu erlösen, indem er einfach vom Leben ablässt, kommt er nicht. Er hat eine andere. Weil er jeweils die Eigenschaften der Getöteten übernimmt, bietet er Batman an, ihn zu töten und dafür bis in alle Ewigkeit dessen Mission fortzusetzen. Die Hand am Kinn lässt Batman zumindest so aussehen, als würde er das dämliche Angebot tatsächlich kurz in Erwägung ziehen.

Und dann will Bruce Wayne endlich Dick Grayson adoptieren. Ganz offiziell. Dick (Nightwing) ist zwar schon erwachsen, aber um ihn – im Falle seines Todes – zum Alleinerben zu erklären, ist das wohl die sichere Vorgehensweise. Dann taucht aber ein alter Mann auf, der behauptet, Dicks Großvater zu sein. Das Dumme ist nur: Weder Bruce noch Dick wussten je etwas von ihm.

Die Erklärung ernüchtert: Es stimmt nicht, dahinter steckt Ra’s al Ghul. Aber warum? Das habe ich nicht verstanden. Nicht, weil es so kompliziert ist, sondern so sinnlos bzw. weit hergeholt. Klingt alles sehr nach: Wir überlegen uns eine interessante Prämisse und beenden das Ganze mit einer unerwarteten Wendung, egal wie … Dass anfangs Superman in der Geschichte vorkommt, scheint bloß eine Rechtfertigung für das Cover zu sein, das den Kaufanreiz bieten soll.

Bruce Wayne kauft eine Waffe

Und so ist auch der zweite Band von Gotham Knights eine weitgehend verzichtbare Sammlung von Anekdoten und Anekdötchen von Batman und seiner Familie: Poison Ivy rächt sich an den Reichen, die Spenden zum Erhalt des Regenwaldes sammeln (gähn), der Joker lässt einen Mann aus Kakerlaken sein Unwesen treiben (ein Tie-in zu Last Laugh), dazu noch ein paar Gestalten, die wir nie wiedersehen. Eine Story zeigt einen ganzen Tag im Leben von Bruce Wayne und Batman, doch statt Handlung und Drama sehen wir bloß, wie sich alle Probleme in Wohlgefallen auflösen und Gotham wie bei R. Kelly als „city of justice, love & peace“ erscheint – kann man mal machen, ist aber stinklangweilig.

Doch auch in diesem Band gibt es kleine Perlen: In einer Kurzgeschichte erweisen sich ein paar Ganoven als feige und abergläubisch, indem sie vor einem Phantom davonrennen, das sie für Batman halten. Manches davon ist zwar etwas bemüht und der Gag verbraucht sich schnell, aber als Idee ganz amüsant umgesetzt. In einer anderen Story bekommt Batman mal wieder mit Scarecrows Angstgas zu tun (das Wie ist ziemlich unglaubwürdig), aber dann werden seine Ängste durchgespielt, indem ein und dieselbe Dialog-Sequenz in verschiedenen Varianten gezeigt wird. Das aber bietet nur die Vorlage für die nächste Episode, in der Bruce Wayne eine Waffe kauft, ohne es zu wissen, weil Batman sie für ihn bestellt hat. Warum?, fragt Bruce sein Alter Ego im Selbstgespräch. Damit er seine Angst vor ihnen bekämpft. Auch wenn die Prämisse etwas an Darwyn Cookes Ego erinnert, überzeugt sie vor allem visuell.

Mein persönliches Highlight bildet die Geschichte mit Aquaman. Batman bittet Arthur, den Riesenpenny aus dem Wasser zu holen, der ihm beim Beben aus der Höhle gepurzelt ist – doch in Wahrheit ist Batman nur einsam und braucht ein bisschen Gesellschaft. Eine weitgehend wortlose und sensibel erzählte Story, von denen man sich mehr wünscht.

>> Batman: Gotham Knights


batman-two-face-coin1

Unterstütze das Batman-Projekt

Dieses werbefreie Blog ist für dich kostenlos – doch leider nicht für mich. Wenn du gut findest, was ich hier mache, würde ich mich über eine Hilfe freuen, um die Kosten für diese Seite zu decken. Vielen Dank.

1,00 €

Ein letztes Wort zum Snyder-Cut

Nachdem Zack Snyder’s Justice League endlich in der Welt ist und alle Snyder-Fans sich an der angeblichen Offenbarung laben, scheint dieses Kapitel noch lange nicht geschlossen zu sein. Denn es sind weitere Begehrlichkeiten geweckt. Jetzt heißt es: #RestoreTheSnyderVerse. Zack Snyder soll seine ursprünglichen Pläne in Fortsetzungen wahr machen, also mehr Batfleck und Superman in schwarz, mehr Darkseid und die Auflösung all der Cliffhanger aus dem überlangen Epilog …

Was mich angeht: Ich kann darauf gern verzichten und schaue mir lieber den Honest Trailer zum Snyder Cut an, das heißt, den richtigen, denn es hat schon mal einen gegeben, als der Snyder Cut noch ein Mythos war. Die Bilanz der Screen Junkies: Joss Whedons Justice League mag schlecht gewesen sein, aber Zack Snyders Film ist eben nur Mittelmaß.

Die Kritikpunkte kann man sich denken: Im Wesentlichen ist es dieselbe Geschichte, Superman macht alle anderen überflüssig, es gibt zu viele langatmige Erklärszenen mit Steppenwolf, zu viel Slow Motion und überhaupt ist der Film viel zu lang – sodass der eigentliche Titel lauten könnte Justice League: Longer, Bigger and Uncut. Der Trailer wirft auch interessante Fragen auf, etwa warum Martian Manhunter sich zwar die Mühe macht, als Martha Kent Lois Lane aufzubauen, sichaber nicht in der Schlacht mit den anderen nützlich macht. Aber seht selbst.

Hier noch einmal der Honest Trailer zum Snyder Cut vor der Veröffentlichung:

Punchline – Jokers neues Fangirl

DC Comics

Titel: Center Stage

Autor/Zeichner: James Tynion IV, Sam Johns/Mirka Andolfo

Erschienen: 2020 (Punchline #1)


Die Zeiten, in denen Harley Quinn an der Seite ihres geliebten Joker gemordet hat, sind vorbei. Jedenfalls in der Haupt-Continuity. Wer das noch lesen will, muss zu apokryphen Schriften greifen wie Harleen. Doch 2020 hat der Joker eine neue Gefährtin bekommen: Alexis Kaye alias Punchline. Schwarze Haare, schwarze Stiefel, schwarzes Röckchen und dazu ein zerrissenes violettes Oberteil – also deutlich am Punk Look orientiert.

Im 80-Jahre-Joker-Special sehen wir sie als Chemiestudentin am Snyder College (der Name soll offenbar eine Hommage an Scott Snyder sein, James Tynions Kollegen). Dort provoziert sie zunächst ihre Kommilitoninnen mit einem Joker-T-Shirt, ihr Zimmer ist voller Poster mit Clownsvisage. Als ihr Dekan sich bei ihr beklagt, setzt sie ihn einem selbstgemixtem Lachgas aus. Er sei nicht ihr erstes Opfer, sagt sie, sie habe schon mit Obdachlosen experimentiert.

Alexis Kaye wird zu Punchline.

Während der Dekan lachend im Bett ihrer Mitbewohnerin stirbt, erklärt Alexis ihm ihre Weltanschauung, die jenseits der Normen und Regeln liegt. „I don’t want to live in the slow decay of your world. I want my own world, and I guess I don’t really care if that means hurting lots of people or whatever. This whole world you built is the joke. I’m the Punchline.“ Am Ende steigt der Joker aus dem Schrank und es stellt sich heraus, dass alles nur ein Test war, um zu sehen, ob Alexis es ernst meine.

Botschafterin des Joker

In Punchline #1 erfahren wir die Hintergründe: Alexis war auf einem Schulausflug in einem Nachrichten-TV-Studio, als der Joker gerade einfiel, die Moderatoren umbrachte und dann Alexis dazu zwang, seine Nachricht vor laufender Kamera zu verkünden – doch dann kam Batman dazwischen.

Die eigentliche Handlung spielt nach dem Joker War. Alexis muss sich vor Gericht für ihre Rolle an der Seite des Joker verantworten. Sie plädiert auf nicht-schuldig, bzw. auf „unschuldig“ (innocent). Dr. Leslie Thompkins beurteilt sie als schuldfähig. Beim Gefangenentransport lässt Alexis ein Video von sich aufnehmen und viral gehen, in dem sie sich als Opfer des Joker bezeichnet. „I saw Joker as a symbol of how we needed to tear down the system we had so we could build something new.“

Teil eines größeren Plans

Wir sehen, wie sich exemplarisch für viele ein Geschwisterpaar deswegen uneins ist: Harper Row (auch bekannt als Heldin Bluebird) traut ihr nicht, ihr Bruder Cullen ergreift Partei für Alexis. Sie habe nichts Schlimmes getan, sagt er und hört sich ihren Podcast über den Joker an, in dem sie seine Verbrechen als sozialkritische Kommentare, als Witze auslegt, darunter das vergiftete Trinkwasserreservoir, die vielen Ausbrüche aus Arkham, die Joker-Fische, den Rummeplatz aus The Killing Joke. Selbst den Angriff auf das TV-Studio sieht sie nicht als Zufall an, sie sieht sich als Auserwählte, um seine Botschaft zu verkünden. Alles, was der Joker bisher getan habe, sei nur der Auftakt für eine größere Vision gewesen.

Harley Quinn #1 von Alex Ross und Joker mit Punchline. (DC Comics)

Also mixt sie ihr eigenes Joker-Gas zusammen und vergiftet eine Reihe von Leuten, um die Aufmerksamkeit ihres Vorbilds zu gewinnen. Und als er endlich hinter ihr steht, erinnert das Bild nicht zufällig an Alex Ross‘ Cover zu Harley Quinn #1. Hier bemüht man sich nicht wirklich, Punchline als etwas Neues zu etablieren, sondern sie erscheint nur als eine Widergängerin von Harley. Allerdings ist ihr Anliegen ein anderes: Ihr geht es anscheinend nicht um die Liebe zum Joker, sondern sie ist eine Gläubige.

Ihre Pointe am Ende ist, dass sie ihre Fans zu Joker-Jüngern gemacht hat, die nun sein Werk fortsetzen. Der Joker War sei nur der Anfang gewesen, heißt es. Als sie ins Gerichtsgebäude geführt wird, jubelt ihr eine Menschenmenge zu: „Free Punchline!“ Mittendrin muss Bluebird ihren eigenen Bruder sehen. Damit erscheint der chaotische Joker in einer anderen Form ansteckend als sonst: nicht als Gas, nicht als Virus, sondern als Ideologie. Der Joker macht Schule als Kraft des Subversiven. Er wird zur Identifikationsfigur für alle, die einen Wandel der Gesellschaft wollen. Wie dieser Wandel aussehen soll, das bleibt allerdings noch offen.

Ach ja, und witzig ist Punchline immer noch nicht. Im Gegensatz zu Harley versucht sie es nicht mal.

Mehr zum Thema:


Unterstütze das Batman-Projekt

Seit 2014 bietet dieses Blog Orientierung rund um Batman. Mittlerweile sind über 1300 Beiträge und Seiten mit Übersichtslisten erschienen. Wenn du meine Arbeit unterstützen möchtest, würde ich mich über einen kleinen Beitrag freuen, der mir hilft, die Kosten für diese Seite zu decken. Vielen Dank.

€1,00

Two-Face gründet einen Kult

DC Comics

Titel: Detective Comics Vol. 5: The Joker War

Autor/Zeichner: Peter J. Tomasi/Brad Walker

Erschienen: 2020 (Detective Comics #1020-1026, Annual #3, Batman: Pennyworth R.I.P.), Hardcover 2021


„Seeing the world in black-and-white is a grace note. Life is a simple equation. Fundamental arithmetic is our core religion. And one and one do not make two … one and one make one!“ (Two-Face)

Two-Face ist wieder da. Und er ist nicht allein. Schon immer war er von Dualität besessen, aber diesmal hat er einen Kult mit treuen Jüngern begründet, die für eine zerkratzte Münze und Hostie bereit sind, für ihn in der Stadt entweder Gutes oder Schlechtes zu tun – was in jedem Fall Tod bedeutet, im Zweifel für sie selbst. Mit seiner Sekte will er Gotham lehren, dass man Gut und Böse nur verstehen kann, wenn man beides ganz erlebt. So will er die Sadt in eine stärkere verwandeln.

Als Batman ihm auf die Spur kommt und schon mit dem Batmobil losfährt, um ihn zu stoppen, steht Harvey Dent plötzlich vor der Batcave und bittet Batman um Hilfe. Er ist stärker denn je hin- und hergerissen, er weiß, dass Batman Bruce ist, will das Geheimnis aber von Two-Face fernhalten. Batman fährt mit ihm zum Hauptquartier des Kultes und lässt Harvey gefesselt allein im Wagen, doch da bricht Two-Face durch …

DC Comics

Wie dieser Ausbruch aus dem Batmobil erzählt wird, ergibt nicht wirklich Sinn. Man hätte Batman bessere Sicherheitsmaßnahmen zugetraut. Außerdem: Wer sich per Schleudersitz gegen die Scheibe schießen lässt, der dürfte kaum überleben. Sei’s drum. Später werden noch schwerere Geschütze aufgefahren. Denn die Geschichte dient als „Road to Joker War“ und es stellt sich heraus, dass der Joker mit Schuld ist an Harveys Zustand. Im Waffenlager der Polizei steigt Two-Face in die Batman-Rüstung, die einst James Gordon getragen hat (siehe Superheavy) und kämpft später gemeinsam mit Batman gegen einen Haufen Talons (siehe Court of Owls).

Damit ereilt diese Two-Face-Geschichte das Schicksal vieler anderer: Was ambitioniert beginnt, endet in einer Abfolge brachialer Action-Szenen. Wunderbar inszenierter Action, keine Frage, aber es ist eben das Übliche, ohne besondere eigene Einfälle, bloß eine Reihe von Zitaten, aber immerhin kurzweilig zu lesen.

Die beiden weiteren Detective-Comics-Ausgaben erzählen Tie-ins zum Joker War: Wir erfahren, wie Batwoman und Batman Lucius Fox befreien. Damit wird zwar eine Lücke im Batman-Joker-War-Band geschlossen, aber keine, die einen Erkenntnismehrwert bringt, denn die Mission verläuft ziemlich glatt. Und dann trifft Batman noch auf Killer Croc, der ein paar andere Freak-Freunde in der Kanalisation gefunden hat und nun ganz Gotham zu ihresgleichen machen will. Auch das muss man nicht unbedingt gelesen haben, um das große Ganze zu verstehen. Damit bleibt die Traditionsserie, in der einst Batman begann und von der DC seinen Namen hat, immer noch B-Ware.

Batman begleicht Alfreds offene Rechnung

Ein großer Teil des Bandes ist Alfred gewidmet. Den One-shot Batman: Pennyworth R.I.P. habe ich bereits an anderer Stelle besprochen. Im Annual #3 erzählt Peter J. Tomasi mit Zeichner Sumit Kumar eine Geschichte aus Alfreds Vergangenheit als britischer Geheimagent. Bruce Wayne bekommt unangemeldeten Besuch von Marigold Sinclair, einer ehemaligen Kollegin von Alfred, die ihn um Hilfe bittet. Alfred hat einst bei einer Mission herausgefunden, dass ein alter Freund, Kendall Pierce, für die Sowjets gearbeitet hat. Doch der Landesverräter wurde nie bestraft. Nun bittet Sinclair Bruce um Hilfe, das nachzuholen – was auch immer das heißt, den Bruce fragt nicht.

In der Ukraine kämpft Batman gegen NKVDemon (nicht zu verwechseln mit KGBeast), wird besiegt und zur Zielperson gebracht, nur um festzustellen, dass Marigold Sinclair das Versteck des Feindes ganz von selbst gefunden und eine Pistole mitgebracht hat, um sich zu rächen. Wozu hat es dazu Batman gebraucht? Storytechnisch, nur um zu verhindern, dass jemand getötet wird. Am Ende schafft es Bruce durch den Fall aber, endlich mal in Wayne Manor aufzuräumen. Seit Alfreds Ableben herrschen dort unhaltbare hygienische Zustände. Bruce vernachlässigt sogar die Ernährung seines Sohnes.

Am Ende schwelgen wir noch einmal in Erinnerungen an Batmans erstes Jahr, bzw. an seine erste Woche, nachdem er blutend nach Hause gekommen ist, um zu beschließen, eine Fledermaus zu werden. Tomasi und Zeichner Eduardo Risso (Broken City) erzählen die Woche aus Alfreds Sicht nach. Er entfernt Blutflecken aus dem Teppich und näht das erste Batman-Kostüm.

Mehr zum Thema:


Unterstütze das Batman-Projekt

Seit 2014 bietet dieses Blog Orientierung rund um Batman. Mittlerweile sind über 1300 Beiträge und Seiten mit Übersichtslisten erschienen. Wenn du meine Arbeit unterstützen möchtest, würde ich mich über einen kleinen Beitrag freuen, der mir hilft, die Kosten für diese Seite zu decken. Vielen Dank.

€1,00

The Suicide Squad: Der erste Trailer

Nach dem gescheiterten Film Suicide Squad von David Ayer darf sich jetzt James Gunn an dem Selbstmordkommando versuchen. Eine erste Vorschau auf The Suicide Squad war bereits im vergangenen Jahr zu sehen, der erste offizielle Trailer gibt einen Vorgeschmack auf Stil und Ton des Films. Es dürfte witziger zugehen, mit dem typischen absurden Humor – und auch die Musikauswahl überzeugt schon mal. Denn „Dirty Work“ von Steely Dan, das ist natürlich eine weitere Reminiszenz an die goldenen Siebziger, die James Gunn auch schon in Marvels Guardians of the Galaxy musikalisch abgefeiert hat.

Ansonsten geht es auch brutal zu: King Shark zerfetzt Menschen und verspeist sie. Daher ist dieser Trailer auch erst ab 18 Jahren freigegeben. Und für die Comicfans gibt es eine Überraschung: ein Wiedersehen mit Seestern Starro, dem Eroberer

The Suicide Squad startet am 6. August in den US-Kinos und zeitgleich auf HBO Max – wie auch schon Wonder Woman 1984 und Zack Snyder’s Justice League.

Buchkritik: „Batman – Re-Konstruktion eines Helden“

Christian A. Bachmann Verlag

Was ist Batman? Held? Superheld? Antiheld? Das kommt drauf an, welchen man meint. Denn Batman ist nicht gleich Batman. Christian Bale stellt einen ganz anderen dar als Adam West 1966. Der Comic-Batman von 1950 hat kaum etwas mit dem von 1970 zu tun. Der Batman „von heute“ kennt unzählige Inkarnationen. Nicht einmal der von 1940 ist noch derselbe wie der erste von 1939.

Batman ist „zu einem ultimativen Signifikanten für die reine Idee des Helden geworden, die sich allem anpassen kann“, schreibt der Literaturwissenschaftler Lars Banhold. „Batman ist nicht ein Held, er ist der Held, der alle Ideen und Konzepte des Helden bereits beinhaltet.“ In seinem Buch Batman. Re-Konstruktion eines Helden versucht sich der Autor an einer Beschreibung von Batman als Mem, als einen vieldeutigen Bewusstseinsinhalt, der sich in verschiedenen Medien, Zeichenformen und Kontexten ausbreitet. Die Comicfigur selbst tritt, so Banhold, mittlerweile hinter anderen Erscheinungen zurück. Das merkt man auch daran, dass jeder das Batman-Symbol kennt, auch wenn nicht unbedingt jeder weiß, was dahintersteckt.

Banhold nähert sich dem Phänomen zunächst historisch an, in dem er erzählt, wie sich die Gestalt aus verschiedenen anderen Heldenfiguren zusammensetzt: vom Grafen von Monte Christo, der mit einer Geheimidentität Selbstjustiz übt, über Hardboiled-Detektive, Comichelden wie The Phantom, Filmgestalten wie The Bat, Zorro und Dracula sowie Pulphelden wie The Shadow. Batman erscheint als eine geglückte Synthese all dieser Elemente – was auch seinen anhaltenden Erfolg seit 80 Jahren erklärt.

Batman als „offener Cartoon“

Ein weiterer wichtiger Faktor sei, so Banhhold, dass Batman als „offener Cartoon“ angelegt sei. Wegen seiner abstrakten Darstellung (schwarze Maske, weiße Augenschlitze) sei Batman darauf angelegt, dass sich die Leser leichter mit ihm identifizieren können. Schon Scott McCloud beschreibt das Phänomen in Understanding Comics (dt. Comics richtig lesen): Je abstrakter eine gezeichnete Figur, desto offener ist sie, sich selbst in ihr wiederzuerkennen. Damit folgt Banhold auch der Argumentation von Stephan Packard.

Aber das überzeugt nicht recht, da sich das erstens von den meisten Comicfiguren sagen lässt und damit als Feststellung trivial erscheint, und zweitens weil es auch bei Batman starke Unterschiede gibt. Von den 40ern bis in die 60er-Jahre erscheint der noch cartoonhaft gezeichnete Charakter weitgehend ohne Eigenschaften zu sein, dafür bekommt Bruce Wayne von den 70ern an zunehmend mehr Persönlichkeit und Hintergrundgeschichte, gerade heute ist er oft sogar realistisch und wiedererkennbar gezeichnet, in Spielfilmen leihen ihm auch Schauspieler ihre Gesichter. Der Begriff des offenen Cartoons greift dann nicht mehr.

Viel naheliegender ist es, dass das ikonische Kostüm mit der Maske, dem Cape und dem Anzug eine Projektionsfläche bildet und damit Identifikationspotenzial schafft. Aber es ist auch die Hintergrundgeschichte des Superhelden ‚ohne Superkräfte‘. Banhold selbst bringt es auf den Punkt, wenn er Batman/Bruce Wayne als „Self-made man“ bezeichnet. Die Entstehungsgeschichte zeigt dem Leser: Theoretisch könnte jeder mit genug Selbstdisziplin Batman werden und damit zu einem menschlichen, als Tiermensch sogar zu einem übermenschlichen Ideal aufsteigen.

Strafe fürs Abnormale?

Das Verhältnis zwischen Batman und seinen Widersachern wie dem Joker nennt Banhold einen Kampf zwischen Normalität und Anomalien. Da es sich oft um vom Leben gepeinigte und entstellte Schurken handelt, erscheine es so, als würde Batman „Devianz“ (Andersartigkeit) „als Sünde“ bestrafen. So verlockend die Lesart auf den ersten Blick erscheinen mag, so verkürzt ist sie auch, denn sie verkennt, dass Batman selbst als Mann, der in ein Fledermauskostüm steigt, ebenfalls ein solcher Freak (und Außenseiter) mit eigenen Neurosen ist, was etwa in Grant Morrisons Arkham Asylum festgestellt und später oft genug von Figuren wie etwa Harvey Bullock in BTAS ironisiert wird.

Batman bestraft keine „Wahnsinnigen“ fürs Anderssein, sondern für Verbrechen wie Diebstahl, Raub und Mord. Dass das Böse mit physischer Entstellung zusammenhängt, ist ein Kulturphänomen, das weit über Batman hinausreicht. Im Comic ist das einfach zu erklären: Es braucht einen starken visuellen Kontrast zum körperlich idealen Batman. Die bekanntesten Schurken sind die mit dem besten Wiedererkennungswert, der sich von Batman abhebt. Außerdem repräsentieren ihre Ticks und Kostüme auch die Kehrseiten von Batmans eigenen Eigenschaften (Vernunft, Furcht, Logik, Gesetzestreue etc.).

Banhold schreibt allerdings auch, dass der Kampf zwischen Normalität und Anomalien unterlaufen werde, da Schurken oft auch Identifikationsfiguren mit tragischen Hintergrundgeschichten seien. „Ihr Wahnsinn offenbart eigene, tiefere liegende Wahrheiten, die dem ’normalen‘ Blick entgehen.“ In einer karnevalesken Umkehrung der Ordnung können sich Leser mit dem Bösen identifizieren. Der Wahnsinn ermögliche eine andere Sicht auf die Welt und stimuliere „eine Devianz, die wohl jeder fühlt“.

Kluge Analysen

So ist Banholds Buch – abgesehen von einigen diskussionswürdigen Aspekten – eine interessante Lektüre, die viel Wissen und kluge Gedanken zu bieten hat. In seinem historischen Abriss der Figur in Comic, Film und Fernsehen geht der Autor auch auf differenziert auf die Frage nach der queeren Lesart Batmans sowie der Rezeptionsgeschichte in Deutschland ein. Gerade seine Filmanalysen, vor allem die von Christopher Nolans Dark Knight-Trilogie, überzeugen weitgehend und laden zum Weiterdenken ein.

Eine ähnliche Tiefe hätte man sich für mehr Comics gewünscht. Während Banhold Comics wie The Long Halloween und Hush sowie die von Grant Morrison ausführlich abhandelt, kommen leider neuere Comics wie die von Scott Snyder und Tom King etwas zu kurz. Allerdings stellt Banhold zu Recht für sie fest, was allgemein mit dem Begriff des Prismatic Age bezeichnet wird: Batman wandelt sich bereits seit den 90ern von einer Figur zu einem „selbstreferenziellem Zeichen, das auf ein vergangenes Konzept eines sinntiftenden Helden – und seiner Dekonstruktion – verweist“, so Banhold. Oder einfach ausgedrückt: „Der Batman-Mythos verweist verstärkt auf sich selbst und stellt sich selbst aus.“ Daran kränkeln viele heutige Inkarnarnationen: Sie erscheint zu sehr als Remix von Zitaten.

Fehler und Widersprüche

Leider wird Lektüre des Buches getrübt von einigen Widersprüchen und offensichtlichen Fehlern. So behauptet der Autor, offiziell gelte „noch immer Bob Kane als alleiniger Schöpfer der Figur“, nur um auf der nächsten Seite zu erzählen, dass seit 2015 Bill Finger ein Co-Credit mit Bob Kane zugestanden wird (allerdings nicht nur, wie behauptet, in Film und TV, sondern auch in den Comics). Später heißt es, die BTAS-Episode Perchance to Dream beruhe auf For the Man Who Has Everything, wobei sie offensichtlich die Batman-Story Identity Crisis (Detective Comics #633, 1991) adaptiert.

An manchen Stellen macht es sich Banhold auch zu einfach. Auch wenn er Recht hat mit seiner Kritik an der berüchtigten Martha-Szene in Batman v Superman (und ich der Letzte sein möchte, der diesen Film verteidigt), ist Batman darin eben keine „reine Simulation des Helden“ ohne moralische Parameter. Batmans Handeln ist durchaus moralisch motiviert. Auch wenn der Film sich zitierend bei Comics bedient, ist daran nicht alles leere Pastiche.

Mehr als ein hohles Zeichen

Und damit kann man durchaus Zweifel haben an Banholds Grundthese. Denn wäre Batman wirklich nur ein hohles Zeichen, das auf sich selbst verweist, wäre er nicht so erfolgreich – und damit erfolgreicher als zum Beispiel Superman, über den sich vieles genauso sagen lässt.

Batman ist eben bei aller Variation und universeller Integrierbarkeit auch eine Konstante, die sich in den meisten Spielarten wiederfindet: ein Held, ein Superheld und damit ein Symbol für das Gute und die damit verbundene, immer wieder neu verhandelte Frage, was das überhaupt ist. Nur weil sich Batman in jede Ideologie integrieren lässt, heißt es nicht, dass er „ideologiefrei“ ist, auch nicht „scheinbar“.

In den meisten Comics hat er einen klaren moralischen Code, und sei es etwa die Konstante, dass er seine Gegner nicht tötet. Dass dies zuweilen auch unterlaufen wird, dass dieser Held eben ein „Dunkler Ritter“ ist, dass er Abgründe hat, dass er Risse und Brüche bekommt oder gar ganz hinterfragt oder negiert wird, macht ihn tatsächlich, wie Banhold schreibt, zu einer „Verkörperung von Entwicklung, Dialektik, Affirmation und Subversion“. Interessant wäre es nun, herauszuarbeiten, was trotz all dem an Batman weitgehend konstant bleibt, dass er immer noch so viele Menschen fasziniert. Ich denke, es ist mehr als das Symbol und das Kostüm. Die Frage, die offen bleibt, ist: Für was genau steht eigentlich diese Fledermaus?

>> Lars Banhold: Batman – Re-Konstruktion eines Helden, Christian A. Bachmann Verlag, Berlin 2020, 12 Euro (Aktualisierte Sonderausgabe)


Unterstütze das Batman-Projekt

Seit 2014 bietet dieses Blog Orientierung rund um Batman. Mittlerweile sind über 1300 Beiträge und Seiten mit Übersichtslisten erschienen. Wenn du meine Arbeit unterstützen möchtest, würde ich mich über einen kleinen Beitrag freuen, der mir hilft, die Kosten für diese Seite zu decken. Vielen Dank.

€1,00

Scarecrows neuer Rachefeldzug

DC Comics

Titel: Scarecrow: Dark Wings Fly Away in Fear/Haunted House of the Head

Autor/Zeichner: Doug Moench/Kelley Jones

Erschienen: 1995 (Batman #523-524), Paperback 2016 (Batman Arkham: Scarecrow), Hardcover 2014 (Batman by Doug Moench & Kelley Jones Vol. 1), dt. Dino 1997 (Batman-Special #1)


Was macht Scarecrow eigentlich, wenn er mal wieder aus Arkham ausgebrochen ist, aber noch nicht seinen nächsten ach so genialen Plan in die Tat umsetzt? Ganz einfach: rumhängen. Er zieht sich sein Vogelscheuchenkostüm an und hängt sich an ein Holzgestell, wo er wartet, bis sich ein Rabe zu ihm begibt, um ihn dann nach alter Gewohnheit aufzuschrecken.

Ja ja, so ist er, unser guter alter Jonathan Crane. Er kommt einfach nicht los von der Sache mit der Angst – und auch nicht von seiner Vergangenheit. Also gilt es wieder mal, alte Rechnungen zu begleichen, mit alten Feinden. Es reicht nicht, dass er den armen Footballspieler Bo Briggs aus der Highschool für den Rest seines Lebens in den Rollstuhl befördert hat, jetzt lässt er ihn auch noch vor Schreck sterben. Weitere Opfer sollen folgen, bis am Ende Batman dran glauben muss, damit niemand mehr Scarecrow im Weg steht …

Zurück in die Geisterbahn

Der Zweiteiler von Doug Moench setzt seine Geschichte aus Year One: Scarecrow – Masters of Fear (Batman Annual #19, 1995) fort. Kelley Jones zeichnet in seiner düsteren Schattenwelt Scarecrow noch furchterregender als bisher: als profillose Puppe mit rotglühenden Punktaugen und einem nach unten gezogenen Mund. Batman erscheint hingegen typischerweise als Muskelberg im Bane-Format mit sehr langen Spitzohren und einem noch übertriebenerem Cape – alles ist hier auf den reinen visuellen Effekt und vor allem auf Horror.

Passenderweise lockt Scarecrow Batman auch am Ende in „Dr. Terror’s House of Fear“ auf einem verlassenen Rummelplatz, ähnlich wie bereits in der Moench-Story von 1984 (Detective Comics #540) geht es also durch eine Geisterbahn. Batman steigt durch einen riesigen Teufelskopf ein, um verschlungen zu werden von Angst, doch der ist bestens vorbereitet und umgeht alle Fallen. Brenzlig wird’s nur, als er ein Opfer vor der Guillotine retten muss.

Schließlich wird Scarecrow wieder Opfer seines eigenen Gases, fürchtet sich vor seinem eigenen Schatten und gesteht nach kurzem Gerangel ein: „You’re the king … Just deliver me from this fear I can never master!“ Doch das ist wieder nur ein Trick. Allerdings ist der schnell mit einem Schlag beendet. Als Batman den Schurken hinausträgt, offenbart er seine Furcht: „But remember this — Some of your victims are beyond help … because you killed them. That scares me. It should be enough to stop your heart.“

Wünscht da der Held etwa seinem Gegner den Tod?

Mehr zum Thema:

Neu bei DC Black Label: Batman – Reptilian

DC Comics

DC hat eine neue Miniserie für sein Black Label angekündigt: Batman: Reptilian. Garth Ennis (The Boys, Preacher) und Liam Sharp (The Brave and the Bold: Batman & Wonder Woman) erzählen in einem Sechsteiler die Geschichte über, nein, anscheinend nicht über Killer Croc, sondern über ein unbekanntes Monster, das sich über Schurken hermacht. Mehr an Inhalt ist bislang nicht bekannt. Beginnen soll die Serie am 22. Juni 2021. Jede Ausgabe soll 32 Seiten umfassen und 4,99 US-Dollar kosten.

Für September 2021 ist zudem die Hardcover-Ausgabe der Black-Label-Serie Joker/Harley: Criminal Sanity geplant. Sie wird über 300 Seiten umfassen.

Während andere angekündigte Batman-Black-Label-Comics noch auf sich warten lassen, wie etwa Batman/Joker: Deadly Duo und Sean Murphys Batman: Beyond the White Knight, soll am 1. Juni in der Sparte eine neue Horrorserie von Batman-Autor James Tynion IV starten: The Nice House On The Lake. Tynion macht abseits der Superhelden mit Comicserien wie Something Is Killing The Children und The Department Of Truth auf sich aufmerksam. Dieser neue Zwölfteiler soll nur der Auftakt zu etwas Größerem werden.

>> Batman bei DC Black Label

Snyder-Cut: Hat sich das Warten gelohnt?

Warner Bros.

Zack Snyder hat es geschafft. Nach Man of Steel, Batman v Superman hat er mit Zack Snyder’s Justice League endlich den dritten Teil seiner DC-Filmreihe so unters Volk gebracht, wie er ihn haben wollte. Snyder hatte das Projekt kurz vor Ende wegen des Suizids seiner Tochter verlassen, Joss Whedon (Avengers) hat den Film zum Teil umgeschrieben und eine Kurzfassung daraus gemacht, mit niemand so richtig glücklich war, weder Kritiker noch Fans. Drei Jahre lang haben die Snyder-Fans gefordert: #ReleaseTheSnyderCut – nun ist er da. Ein vierstündiger Film, der längste Superheldenfilm des 21. Jahrhunderts, im Stream auf HBO Max (bei uns auf Sky). Sind die Länge und der Hype gerechtfertigt?

Das Wichtigste vorab: Der Film ist zu lang. Viel zu lang. Und damit kränkelt er wie bereits seine beiden Vorgänger-Filme an dem Snyder-Syndrom. Der Film braucht eine gefühlte Ewigkeit um in die Gänge zu kommen. Das zeigt sich schon am Anfang, der ganze acht Minuten braucht, bis überhaupt etwas passiert. So lange dauert der Vorspann inklusive Rückblende, was bisher geschah, und das Einführen der drei Mutterboxen. Und so wirkt der Großteil des Films wie Fahren mit angezogener Handbremse.

Zu langsam, zu viel

Im Grunde wird die bekannte Geschichte in einer Extra-Lang-Fassung erzählt. Die Szenen aus der Kinofassung sind im Wesentlichen dieselben, nur eben oft ausgedehnt. Das ist nicht immer schlecht, denn es macht sich in der ersten Wonder-Woman-Szene bemerkbar, dass die Auswirkungen der Gewalt gezeigt werden: Wonder Woman tötet die Terroristen. (Das ist moralisch fragwürdig, aber zumindest konsequent dargestellt.) Doch so dynamisch die Szene zum Teil gedreht ist, wird sie ausgebremst durch den überzogenen Einsatz von Zeitlupe – Snyders Lieblingsstilmittel.

Es gibt fast keine Szene ohne Slow Motion, mit der Snyder besondere Momente einzufangen und auszudehnen versucht, wodurch sie fast wirken wie große Panels oder Splash Pages im Comic, aber damit übertreibt er es bis zur unfreiwilligen Selbstpersiflage. Schier unerträglich langgezogen ist etwa die Szene, in der Barry Allen eine Frau bei einem Unfall rettet – und sie bleibt ohne Relevanz, selbst wenn sie bloß als Auftakt für spätere Filme dienen soll.

Die vielen zusätzlichen Filmminuten wirken wie die Extras-Abteilung von DVDs und Blu-rays, in denen man sich durch die geschnittenen und erweiterten Szenen klickt. Meistens bieten sie keinen Mehrwert und so ist es auch hier. Im direkten Vergleich mit der Kinofassung merkt man sofort, warum das Meiste weggelassen wurde, denn man braucht es einfach nicht. Viele Einstellungen und Dialoge lassen die Handlung bloß weiter auf der Stelle treten: Hippolyta redet mit einem Pfeil, Dianas Spurensuche in Griechenland, Lois Lane holt Kaffee – alles narrativer Leerlauf, alles entbehrlich.

Das Positive

Nur drei Ergänzungen aus dem Snyder-Cut bereichern die Kinofassung:

  1. Cyborgs Vorgeschichte verleiht dem Charakter wirklich mehr Tiefe. Ob er dadurch interessanter wird, sei dahingestellt. Er bleibt immer noch der dauerschmollende Miesepeter der Truppe, der in Sachen Negativität sogar Batman den Rang abläuft.
  2. Der Schurke Steppenwolf wird durch den neuen Auftritt von Darkseid aufgewertet. Auch hier entsteht nicht die Charaktertiefe, die Snyder versprochen hat, aber interessanter erscheint der Hintergrund auf jeden Fall, weil deutlicher wird, dass Steppenwolf nur einem größeren Tyrannen dient. Allerdings will Darkseid auch bloß erobern und wirkt dadurch eindimensional. Man sieht Steppenwolf auch mit Desaad sprechen, allerdings fügen die meisten Wortwechsel der Handlung kaum etwas hinzu, sondern es wird gesagt, was die Zuschauer schon wissen, nur in pathetischen Worten und Allgemeinplätzen.
  3. Das Finale wird durch Supermans Auftritt und die stärkere Teamdynamik beim Endkampf aufgewertet, allerdings ist es bis dahin ein viel zu langer Weg mit viel zu vielen Umwegen und man ist am Ende zu erschöpft, um die Action noch genießen zu können.

Unausgewogene Struktur

Zack Synder’s Justice League ist unterteilt in sieben Kapitel. Aber die Gewichtung ist ungleich verteilt: Allein fast zwei Stunden braucht er, um das Team zusammenzubringen – Joss Whedon braucht dafür nur eine. In der nächsten Stunde geht es darum, Superman wieder auferstehen zu lassen und zur Vernunft zu bringen. Davon ist das Meiste bereits bekannt, es wird bloß noch mal ausführlich gezeigt, wie Kal-El sein schwarzes Kostüm wählt und sich von seinen zwei Vätern aus dem Off zur finalen Schlacht schicken lässt. Nur die letzte halbe Stunde ist dem Finale gewidmet.

Diese Asymmetrie ist bereits bei Batman v Superman negativ aufgefallen. Auch hier wird zu viel Zeit mit Exposition verschwendet und die Geduld der Zuschauer überstrapaziert. Das liegt zum einen an DCs übereilter Superhelden-Filmstrategie, dass man nebenbei neue Charaktere einführen muss, die vorher keine eigenen Filme hatten. Zum anderen an Snyders Hang zur epischen Breite ohne narrative Disziplin.

Dieses Defizit zeigt sich auch am Ende, im sogenannten Epilog, der noch einmal ganze 18 Minuten dauert und eine bunte Mischung von zu viel von allem bietet: Cyborgs Abschluss mit seinem Vater, Bruce Waynes Abschluss mit Clark Kent in Smallville, Lex Luthor und Deathstroke, Bruce Wayne und Martian Manhunter sowie die neugedrehte Szene mit dem Joker im post-apokalyptischen Szenario. Letzteres war bereits in Batman v Superman zu sehen, aber auch mitten in Justice League wird eine Szene daraus eingefügt, wo sie wieder mal die Handlung unnötig zerreißt. Zum Schluss aber findet ein überlanger, aber bedeutungsschwanger inszenierter Dialog, in dem der Joker Batman für das Elend verantwortlich macht.

Mit all dem will Snyder den Auftakt zu weiteren Filmen legen, die früher angekündigt waren. Dieses Konzept war für viele #ReleaseTheSnyderCut-Aktivisten wohl auch der Hauptgrund für ihre Kampagne. Aber das ist das Problem an Snyders Filmreihe: Jeder Film scheint bloß die Vorlage für den nächsten zu bieten. Batman v Superman war bloß ein „Dawn of Justice“ und Zack Synder’s Justice League bereitet auf ein oder zwei Sequels oder Spin-offs (wie Flash oder Cyborg) vor. Das Ganze wirkt wie eine Reihe von Expositionen – und ist auch deshalb so ermüdend anzusehen. Denn dabei kann man sich die Frage stellen: Wann kommt denn endlich der eigentliche Film?

Fazit: Ein Kompromiss

Wenn der Snyder-Cut eins gebracht hat, dann die Möglichkeit, in aller Ausführlichkeit zu sehen, wie unterschiedlich Filme gestaltet und verunstaltet werden können. Aus Sicht der Snyder-Fans hat Joss Whedon Frevel begangen, weil er vieles wegließ (und ein paar Szenen neu drehte). Aus meiner Sicht erkennt man Vergleich zwischen Kinofassung und Snyder-Cut, dass der Schnitt erst den Film macht – und das bedeutet vor allem: radikal wegzuschneiden.

Ich denke, die beste Version von Justice League wäre weder Whedon- noch Snyder-Cut, sondern eine Mischung aus beidem. Bei Whedon ist die Kürze zu loben (die meisten seiner Szenen können weg), mit ein paar Ergänzungen des Snyder-Cuts (Cyborg, Darkseid und dem Finale) hätte man einen ordentlichen Film von etwa zwei Stunden und 30 Minuten. Ob es dann ein sehr guter Film wäre, wie etwa vom Format The Avengers und seiner Nachfolger, das ist aber immer noch zu bezweifeln.

>> Batman-Filme und -Serien

Neubeginn für Scarecrow

Year One: Scarecrow

DC Comics

Titel: Year One: Scarecrow – Masters of Fear

Autor/Zeichner: Doug Moench/Bret Blevins

Erschienen: 1995 (Batman Annual #19), Paperback 2016 (Batman Arkham: Scarecrow)


Als im Jahr 1995 die Annuals genutzt wurden, um Riddler, Man-Bat und Poison Ivy eine Year-One-Behandlung zu verpassen, bekam auch Scarecrow eine neue Vorgeschichte. Schluss mit dem noch in den 80ern wiederholten Origin vom Besessenen, der schon als Kind gerne Vögel aufscheuchte und daher prädestiniert zum Schurken war. Schluss mit dem akademischen Außenseiter, der sein Geld in Bücher steckte, sich keine anständige Kleidung leisten konnte und zur Vogelscheuche wurde, um mehr Geld für mehr Bücher zu stehlen (siehe World’s Finest #3, 1941).

Na ja, nicht ganz. Jonathan Crane bleibt auch in dieser Variante der Außenseiter und Büchernerd. Nur diesmal ist er traumatisiert, weil er als junger Mann von anderen Jungs gemobbt wird. So entsteht immerhin ein glaubwürdiges, wenn auch küchenpsychologisches Motiv. Crane zieht sich zurück und nimmt sich ein Vorbild an Ichabod Crane, dem Helden aus der Geschichte Sleepy Hollow von Washington Irving, er wird zum wilden Tänzer und entwickelt darüber einen eigenen Kampfstil: „the Crane style of kung fu“, wie es heißt. (Damit soll wohl erklärt werden, warum er sich später Duelle mit Batman leisten kann.) Nachdem ihn seine große Liebe demütigt, nimmt er an ihr und ihrem Freund Rache, indem er sich als Vogelscheuche verkleidet, auf ihr fahrendes Auto springt und sie zu Tode erschreckt, sodass sie verunglücken.

Aufstieg dank Angstgas

Später, an der Uni, braut Crane ein Angstgas zusammen, um sich seines Professoren zu entledigen und selbst den Posten zu übernehmen. Im Unterricht spricht er von nichts anderem als Angst, bis er vor Studenten eine Blumenvase zerschießt und entlassen wird (das Motiv gab es auch bereits 1941). Dann rächt er sich, indem er fünf andere Professoren mit Gas vor Angst sterben lässt. Als Markenzeichen hinterlegt er einen Strohhalm.

Batman ermittelt in dem Fall, kriegt in Cranes Wohnung zum ersten Mal das Angstgas zu spüren und wird fast in die Luft gesprengt. Schließlich spürt er Scarecrow auf und es kommt zum Finale im Kornfeld. Diesmal hat Batman Filter in der Nase, sodass er nur noch gegen Cranes wildes Kung-Fu ankommen muss, aber das meistert er souverän und beendet alles mit einem schönen Spruch: „I’m the Batman, Crane … Fear me — or fall!“

Scarecrow landet direkt in Arkham Asylum, zusammen mit Joker und Two-Face. Und damit wird die Anstalt allmählich zu einem Ort, der selbst Batman – der selbsternannten personifizierten Angst – Furcht einjagt.

Mehr zum Thema: