Jeff Lemire

Die abgründige Schönheit des Lächelns

DC Comics

Titel: Joker: Killer Smile

Autor/Zeichner: Jeff Lemire/Andrea Sorrentino

Erschienen: 2019-2020 (Joker: Killer-Smile #1-3, Batman: The Smile Killer #1), Hardcover 2020


„Laughter … That is true beauty.“ (Joker)

Wir haben ein Joker-Problem. Es gibt zu viel von ihm. Nicht nur in der regulären Serie taucht er ständig auf, auch in Specials und Miniserien. Und das liegt nicht nur am 80-jährigen Jubiläum in diesem Jahr. Keiner der Batman-Titel, die DC unter seinem Black Label herausgebracht hat, kommt ohne den Joker aus (z. B. Damned, Harleen, White Knight). Gleich drei Miniserien tragen seinen Namen, eine weitere ist angekündigt.

Eine davon ist der Dreiteiler Joker: Killer Smile. Eigentlich müsste man das mit einem Seufzen zur Ketnnis nehmen, wären da nicht die Macher: Jeff Lemire und Andrea Sorrentino sind so etwas wie ein Traumpaar der Comicbranche, gemeinsam haben sie nicht nur Green Arrow und Old Man Logan, sondern auch die Horrorserie Gideon Falls geschaffen. Und jede dieser Serien ist dank Sorrentinos Meisterschaft ein Genuss für sich. Der Zeichner versteht es nicht nur, eine beklemmende Atmosphäre zu schaffen, sondern reizt das Medium auch jedes Mal auf überraschende Weise aus, indem er mit Layouts experimentiert, Anordnungen fragmentiert und durcheinander wirft. Seine Seiten sind wahre Kunstwerke.

Der böse Clown Mr. Smiles

Und so wird auch in Killer Smile die Erwartung gebrochen: Statt den Joker mal wieder gegen Batman antreten und seine schwierige Beziehung zu ihm auszuloten (gähn!), wird eine kleine, fast schon intime Geschichte erzählt. Der Joker wird in Arkham von Dr. Ben Arnell behandelt. Während der Therapie gesteht der Joker ihm, dass er immer nur im Sinn gehabt habe, Schönheit in die Welt zu bringen – der Schurke verkannter als Künstler oder vielmehr Unterhalter, wie er sich selbst nennt. Der Psychiater ist ebenfalls ein Idealist, der sich einen Durchbruch erhofft, der nicht nur den Joker von seiner Psychose heilt, sondern auch Erkenntnisse bringt, die anderen helfen können. Doch die Geduld seiner Vorgesetzten ist am Ende: Er bekommt nur noch zwei Wochen Zeit.

Das eigentliche Problem jedoch: Arnell nimmt die Arbeit mit nach Hause. Der Joker verfolgt ihn in Gedanken, er kann nachts nicht schlafen, hat Albträume, im Wachzustand sieht er Morde, wo keine sind. Und dann ist da noch ein unheimliches Kinderbuch von dem bösen Clown Mr. Smiles, das er seinem Sohn vorlesen soll und von dem er sich fragt, wo es eigentlich herkommt.

DC Comics

Was ist hier los? Und wer behandelt hier eigentlich wen? Das sind die Fragen, die die Spannung erzeugen und am Ende auf eine furchterregende Eskalation hinauslaufen. So gruselig das Ganze inszeniert ist, so bildgewaltig und mitreißend ist es auch. Sorrentino erweist sich erneut als Virtuose des Visuellen und Lemire lässt ihm mit seiner aufs Nötigste reduzierten Geschichte viel Spielraum, sich zu entfalten. Da gibt es Panels in Form von Zähnen und Fischen, Seiten aus einem Kinderbuch, die wie von einem anderen Künstler geschaffen zu sein scheinen.

Der Joker wird hier mystifiziert als eine Urgewalt, als eine Art Krankheit, die jeden infiziert und korrupiert, mit der sie zu tun hat. Keine neue Facette (vgl. Azzarellos Joker), aber eine, in der sich die Leser wiederfinden und sich fragen können: Warum eigentlich sind WIR so fasziniert von dieser Figur? Vielleicht weil er so ungreifbar bleibt – und daher der perfekte Schurke ist.

Batman und der Smile Killer

Auch Batman ist davor nicht gefeit. Im One-shot Batman: The Smile Killer lernen wir, dass schon der junge Bruce Wayne Bekanntschaft mit Mr. Smiles gemacht hat – in einer TV-Show für Kinder. Wenn auch einer ziemlich seltsamen Show, in der die Handpuppe Kinder dazu auffordert, mit einer möglichst großen und scharfen Schere zu basteln. Nachdem Bruce Mr. Pouts gezeichnet hat (eine Art Batman), soll er sich ein Auge ausstechen. Seine Mutter kann ihn gerade noch davor bewahren. Allerdings verpasst sie ihm eine Ohrfeige.

Jahre später jagt Batman den Joker und findet sich plötzlich selbst als Patient in Arkham wieder. Batman soll nur eine Illusion sein, sagt ihm sein Mitinsasse, Ben Arnell. Das Motiv ist vertraut: Man kennt es aus The Last Arkham, sowie aus Dreams in Darkness (BTAS S01E28), außerdem bedient sich die Story bei Motiven aus Identity Crisis (Detective Comics #633, 1991) bzw. Perchance to Dream (BTAS S01E30). Hier jedoch wird es zugespitzt: Der kleine Bruce soll, in Clownsschminke, seinen Vater erschossen haben. Seitdem wird er von James Gordon behandelt. Hier wird eine Shutter-Island-Story draus. So scheint es zumindest …

Denn es endet offen, wenn man überhaupt von einem Ende sprechen kann, selbst das bleibt offen. Und so lässt einen dieser Schlussteil mit einem Rätsel zurück. Wird es eine Fortsetzung geben? So verlockend es scheint: Vielleicht wäre es besser, wenn manche Rätsel ungelöst bleiben. So bleibt man als Leser selbst in dieser kafkaesken Situation gefangen. Und damit hätte man immerhin eine weitere Joker-Story mit Mehrwert. Eine, die sich traut, die Grenzen des Erzählbaren weiter auszureizen. Bis hin ins Irrationale.

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Superhelden auf Austauschfahrt

Titel: Black Hammer/Justice League: Hammer of Justice

Autor/Zeichner: Jeff Lemire/Michael Walsh

Erschienen: 2019 (#1-5), Hardcover 2020


Abseits von DC und Marvel ist Black Hammer eines der interessantesten Superhelden-Comics der vergangenen Jahre – überschüttet mit Lob und Preisen. Schöpfer Jeff Lemire die Welt innerhalb kürzester Zeit zu einem eigenen Universum mit immer neuen Spin-offs erweitert (Sherlock Frankenstein, Doctor Star), und das ist erst der Anfang.

Eines dieser Spin-offs ist ein Crossover mit der Justice League: In Hammer of Justice erzählt Lemire, wie die Helden aus Black Hammer, die auf einer Farm gefangen sind, mit Superman, Batman, Wonder Woman, Flash und Cyborg tauschen. Verantwortlich ist ein mysteriöser Mann mit violetter Kleidung. Für die DC-Helden sind plötzlich (wie einst in Black Hammer) zehn Jahre vergangen, während die Black-Hammer-Helden sich vor Aquaman, Martian Manhunter und Hawkgirl verantworten müssen. Und dann trifft Colonel Weird auf Green Lantern (John Stewart).

Ohne tieferen Sinn oder Mehrwert

Keine Frage: Jeff Lemire ist ein überaus fähiger Autor, der dieses Gipfeltreffen kurzweilig und sogar witzig gestaltet. Golden Gail baggert Aquaman und Martian Manhunter an, dann fragt sie sich (wunderbar selbsreferenziell), warum sie in der DC-Welt nicht fluchen darf, aber im Finale lösen sich die Probleme schnell, ohne dass sie je als echte Probleme erschienen waren – da nimmt sich die Geschichte selbst nicht ernst. Zeichner Michael Walsh lässt das alles auch solide aussehen. Aber am Ende bleibt auch die Frage: Was sollte das?

Der Verantwortliche für das Ganze ist vorhersehbar (auch wenn ich gehofft hatte, falsch zu liegen). Ein tieferer Sinn ergibt sich leider nicht, aber auch kein großer Mehrwert: Die Haupthelden beider Welten treffen nämlich durch den Austausch nicht aufeinander, haben meistens nichts miteinander zu tun. Der Kampf mit den drei DC-Helden wirkt bemüht. Konnte Martian Manhunter nicht mal Gedanken lesen? Wäre damit nicht das Missverständnis aus der Welt geschafft?

Vergessenswertes Gipfeltreffen

Stattdessen sehen wir, wie sich die DC-Helden ideal ins Farm-Szenario fügen: Clark Kent ist ohnehin ein Landei und ist damit wie Abraham Slam der Anführer, der sich dort am wohlsten fühlt, Batman ist der Tüftler, der nach einer Lösung sucht, Cyborg lässt sich mit Talky Walky kurzschließen, Flash nimmt die Rolle von Black Hammer ein … Fragt sich: Wozu der Rollentausch, wenn die Rollen ohnehin gleich besetzt werden?

Am treffendsten fasst es Madame Dragonfly am Ende zusammen: „You’ll all forget this ever happened by morning. It will all just be another imaginary story.“ Recht hat sie. Damit dürfte auch die Frage nach dem Sinn geklärt sein. Es geht bei diesem Gipfeltreffen, wie so oft, nur darum, für eine Weile etwas zusammen zu sehen, was nicht zusammen gehört. Insofern: Zweck erfüllt, weiter im Text.

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Lemire und Sorrentino machen „Joker – Killer Smile“

2019 ist das Jahr des Jokers. Zum Kinofilm mit Joaquin Phoenix erscheinen mehrere neue Titel mit dem Schurken (wie etwa Joker/Harley: Criminal Sanity) und eine neue Anthologie. Außerdem warten wir immer noch auf einen Termin für Three Jokers von Geoff Johns und Jason Fabok. Bis dahin kann man sich die Zeit mit einem anderen Dreiteiler vertreiben, der bei DCs Black Label erscheint: Joker: Killer Smile von Jeff Lemire und Andrea Sorrentino. Der erste Band erscheint am 30. Oktober 2019 und die beiden folgenden sollen im Abstand von zwei Monaten herauskommen.

Die Story: Nachdem der Joker jahrelang Gotham terrorisiert hat und gegen Batman angetreten ist, hat er einen neuen Gegner gefunden: einen Arzt, der ihn in Arkham behandelt. Der Joker dringt immer tiefer in den Verstand seines Opfers ein und setzt damit eine Kettenreaktion in Gang, die Gotham City ins Chaos zu stürzen droht.

Lemire und Sorrentino sind ein Dream-Team der Comics. Zusammen haben sie Green Arrow, Old Man Logan und zuletzt die Horror-Serie Gideon Falls gemacht. Sorrentino ist bekannt für seine sehr düsteren, schattenlastigen Zeichnungen und aufwendigen Layouts, mit denen er die Möglichkeiten des Comics immer wieder neu ausreizt. Mit Joker: Killer Smile verspricht er, neue Höhen zu erreichen.

Lemire, von dem auch das Crossover Justice League/Black Hammer stammt, wird außerdem eine The Question-Miniserie fürs Black Label schreiben: The Question: The Deaths of Vic Sage. Für die Zeichnungen sind die Altmeister Denys Cowan und Bill Sienkiewicz zuständig. Die erste Ausgabe des Vierteilers erscheint am 20. November 2019.

Angekündigt ist ein „philosophical mystery“, die an die Question-Comics von Dennis O’Neil und Denys Cowan anknüpfen: Die Geschichte beginnt im Wilden Westen und erstreckt sich in die gesetzlosen 1930er und soll von einem ungelösten Fall handeln, der zum Tod von The Question geführt hat. Nun, da sich die Geschichte zu wiederholen droht, muss der Gesichtslose versuchen, sich aus dieser Falle zu befreien.

Joker Carpenter

DC Comics

UPDATE: Horror-Filmemacher John Carpenter (Halloween, The Thing) wird den One-Shot The Joker: Year of the Villain #1 mit Anthony Burch schreiben. Zeichnungen stammen von Philip Tan und Marc Deering. Das Heft erscheint am 9. Oktober, umfasst 40 Seiten und kostet 4,99 US-Dollar.

Black Hammer trifft Justice League

Dark Horse/DC Comics

Jeff Lemire ist immer wieder für eine Überraschung gut, aber diesmal hat er etwas angekündigt, womit wohl niemand gerechnet hätte: Ein Crossover zwischen Black Hammer (Dark Horse) und der Justice League. Batman, Superman, Wonder Woman, Flash, Green Lantern und Cyborg treffen in diesem Sommer auf die Superhelden aus dem von Lemire geschaffenen Universum. Dazu gibt es ein Wiedersehen mit Starro. Lemire schreibt die fünfteilige Mini-Serie Hammer of Justice, Michael Walsh zeichnet sie. Die erste Ausgabe erscheint am 10. Juli 2019 in den USA. Es wird insgesamt sechs Cover geben, die von Michael Walsh, Andrea Sorrentino, Yanick Paquette, Yuko Shimizu und Jeff Lemire stammen.

Black Hammer hat 2017 zwei Eisner-Awards gewonnen und wird – völlig zurecht – mit Lob überhäuft. Die Serie handelt von Superhelden, die aus einem rätselhaften Grund auf einer Farm gestrandet sind. Das Universum expandiert mittlerweile in mehreren ebenfalls sehr lesenswerten Spin-offs. Neben der Hauptserie (Black Hammer: Age of Doom) gibt es auch Sherlock Frankenstein, Doctor Star, The Quantum Age und Black Hammer ’45. Lemire hat sich innerhalb von wenigen Jahren eine eigene Welt aufgebaut, die noch weiter trägt als seine anderen Serien wie Sweet Tooth und Descender.

Auf Deutsch erscheint Black Hammer im Splitter-Verlag. Einen Erscheinungs-Termin für Hammer of Justice in Deutschland gibt es noch nicht.

Bogen überspannt, ins Schwarze getroffen

Titel: Green Arrow by Jeff Lemire and Andrea Sorrentino (War of the Clans)

Autor/Zeichner: Jeff Lemire/Andrea Sorrentino

Erschienen: 2013-2014 (Green Arrow #17-34, #23.1), Hardcover 2016 (Deluxe Edition), Paperback 2019 (DC Essential Edition); dt. Panini 2014-2015 (Green Arrow Megaband 2-3)


Nach dem DC-Reboot von The New 52 hatte Green Arrow ein paar Startschwierigkeiten. Nach 16 Ausgaben übernahm Jeff Lemire mit Andrea Sorrentino (das Team von Old Man Logan und später Gideon Falls) die Serie und brachen sie zu neuer Blüte – davon war sogar Mark Millar begeistert, dass er sich nicht nur (nach eigenen Angaben) die Hefte kaufte, sondern auch das Vorwort zur Deluxe Edition schrieb.

Das Interessante an dieser Storyline ist, dass Lemire sich alle Freiheiten nimmt, um Green Arrow völlig auf den Kopf zu stellen. Alles, was wir über den Helden wussten, negiert er so sehr und erweitert es um so viele überraschende Wendungen, dass es fast schon zu viel des Guten ist.

Zunächst ist Oliver Queen pleite. Sein Familienunternehmen geht den Bach runter, sein Vertrauter Emerson wird vor seinen Augen ermordet, der Mord wird ihm angelastet, dann wird auf sein eigenes Unternehmen ein Anschlag verübt. Oliver Queen ist auf der Flucht vor der Polizei – und dann auch noch vor dem Attentäter. Dieser heißt Komodo, ist ein böser Schütze und hat schon mit Queens Vater zu tun gehabt. Queen wird von einem mysteriösen Blinden gerettet, dann nimmt er sich zwei neue Helfer und versucht, das Rätsel in Europa zu enthüllen, er trifft auf Count Vertigo und erfährt immer mehr, dass nichts in seinem Leben so ist, wie es scheint. Dann droht zu Hause in Seattle ein neuer Bandenkrieg auszubrechen …

Jeff Lemire gilt als ein Wunderkind der Comic-Branche. Er ist nicht nur Autor und Zeichner, er fällt nicht nur auf durch seinen immensen Output auf, es scheint auch so, als würde alles, was er anfasst, zu Gold. Seine eigenen Graphic Novels und Serien (Sweet Tooth, Descender, Black Hammer) werden gefeiert ebenso wie seine Werke für DC (Animal Man) und für Marvel hat er neben Moon Knight und Thanos ebenfalls schon an einem Bogenschützen (Hawkeye) gearbeitet.

Für Green Arrow reichert er die Entstehungsgeschichte so an, dass er mehr als ein Held, sondern ein uralter Mythos wird. Es gibt einen ganzen Clan des Pfeils, sogar mehrere Clans mit einer langen Tradition, die sich jeweils einer Waffe verschrieben haben. Oliver Queen gerät in einen Krieg der Clans und lernt auch noch Erschütterndes über seine eigene Vergangenheit. Hier aber wird – Achtung: Kalauer – der Bogen überspannt.

ACHTUNG: SPOILER!!!

Oliver Queen erfährt von seinem Vater (der nur scheinbar gestorben ist), dass er von ihm auf die Insel gebracht wurde, um auf den drohenden Kampf vorbereitet zu werden. Der Vater inszenierte also seinen eigenen Tod, ließ seinen Sohn auf einer einsamen Insel stranden und um sein Überleben kämpfen, er ließ ihn foltern und drängte ihn zum Mord, als Teil einer geheimen Ausbildung. Das ist selbst für ein Superhelden-Comic sehr weit hergeholt. Einfacher wäre es gewesen, den Sohn in sein Geheimnis einzuweihen und ihn dann dazu auszubilden. So aber macht sich der Vater gleich mehrerer unverzeihlicher Verbrechen an seinem eigenen Sohn schuldig.

Der Sohn hasst ihn dafür, beschimpft den Vater als Irren, will nichts mit ihm zu tun haben. Aber als dieser dann den Heldentod stirbt, weint Oliver dem Irren dann doch hinterher. Vor widersprüchlichen Gefühlen sind selbst Superhelden nicht gefeit.

[SPOILER-ENDE]

Batman á la Sorrentino (DC Comics

Trotzdem ist Lemires Green Arrow eine spannende, zuweilen auch witzige Lektüre, die im Zusammenspiel mit den liebevoll gestalteten Charakteren und flapsigen Dialogen kurzweilig gehalten wird. Auch die Schurken bekommen viel Raum, um ihren Charakter zu entfalten. (Es gibt sogar einen kleinen Gastauftritt vom Batman aus dem Zero Year.)

Warum man den Band aber vor allem lesen sollte, sind die Bilder von Andrea Sorrentino. Der Italiener hat einen einerseits sehr realistischen, andererseits sehr düsteren Stil. Selbst bei Sonnenschein tränkt er alles in harte Schatten. Doch Sorrentino neigt auch zu einem experimentellen Layout. Kurze Momente wie das Schießen mit Pfeil und Bogen zerlegt er gerne in viele kleine Panels, in größere Panels baut er kleinere ein, die einzelne Teile des Bildes hervorheben oder sogar einen Röntgenblick erlauben.

Count Vertigo zerfällt in Panels (DC Comics)

Mal bröckeln die Bilder auch, als würden Kacheln von ihnen abfallen, mal wird eine Kampfsequenz mit Bildern erzählt, die in die großformative Schrift von Lautwörtern eingefügt werden. Ein Kampf in einer Kathedrale findet in Panels statt, die wie Kirchenfenster aussehen.

Green Arrows Kampf in der Kathedrale (DC Comics)

Manche Doppelseiten sind sogar so überwältigend, dass man sehr lange sehr genau hinsehen muss, um zu begreifen, was da alles los ist.

Green Arrow in vielen kleinen grünen Panels (DC Comics)

Sorrentino treibt Comics als fragmentiertes Medium ins Extrem. Und diese Verspieltheit, ist es, die beim Lesen immer wieder überrascht und in Staunen versetzt. Es sind die atemverschlagenden Bilder, die Lemires atemlose Geschichte zu einem Meisterwerk aufwerten und die Schwächen verzeihen lassen.

Kampf der Interjektionen

Dieser Green Arrow-Band beweist mal wieder, wie auch Superhelden-Comics innotive Comic-Kunst sein können. Um noch einmal das Bild zu bemühen: Der Bogen mag überspannt sein, aber am Ende trifft der Pfeil ins Schwarze.

Mehr über Green Arrow:

Frauentausch nach Gedächtnisverlust

DC Comics

DC Comics

Titel: Batman/Superman Vol. 3: Second Chance (dt. Verlorene Helden)

Autor/Zeichner: Greg Pak, Jeff Lemire/Jae Lee u.a.

Erschienen: 2014 (Batman/Superman #10, 12-15, Paperback 2015) dt. Panini 2015 (Batman/Superman Bd. 4)


„Genau darum bleib ich in Gotham.“ (Batman)

Machen wir’s kurz: Batman und Superman verlieren ihr Gedächtnis. Batman bandelt mit Lois Lane an, Superman mit Catwoman. Bruce Wayne entdeckt die Vorzüge des Reichtums, der High Society und entwickelt Spaß am Imponiergehabe. Zusammen geht man gegen den Schurken Mangubat vor, zwischendrin sorgt auch Scarecrow für Ärger. Die Story lebt mehr von dem Frauentausch und dem Out-of-Character-Aspekt als vom Kampf. Ein Highlight: Lois Lane wird kurz zu Batgirl. Das ergibt zwar keinen Sinn und erfüllt keine Funktion, aber als Fan Service wird der schiere Anblick schon einige Leser erfreuen. Das Gleiche gilt für die wie immer beeindruckend gezeichneten Seiten von Jae Lee.

Batman/Superman Bd. 4 (Panini)

Batman/Superman Bd. 4 (Panini)

Leider stammen nicht alle Seiten dieses Bandes von ihm, auch wenn die übrigen Zeichner . Und leider gibt es da noch mehr an Geschichten: Superman und Atom reisen in Batmans Gehirn, Superman und Batman unternehmen eine folgenlose Reise nach Erde 2, was an ihre erste Begegnung anknüpft (Batman/Superman Vol. 1), aber kaum Mehrwert hat.

Eine weitere entbehrliche Fortsetzung der Serie der Belanglosigkeit.

Keilerei der großen Drei

DC Comics

DC ComicsTitel: Trinity War

Autor/Zeichner: Geoff Johns, Jeff Lemire/Ivan Reis, Doug Mahnke, Mikel Janin

Erschienen: 2013 (Justice League #22–23, Justice League of America #6–7, Justice League Dark #22–23, Constantine #5, Trinity of Sin: Pandora #1–3, Trinity of Sin: The Phantom Stranger #11) Paperback 2014; dt. Justice League #21-23 (2014), Paperbacks 2015 (2 Bände)


 „… nie war die Gefahr größer als jetzt.“ (Phantom Stranger)

Unsere heutige Besprechung ist zur Abwechslung mal im Heinrich-von-Kleist-Stil abgefasst. Freunde der schlichten Syntax bitten wir um Nachsicht.

Billy Batson, der Knabe, der sich dank eines Zaubers in den erwachsenen Superhelden Shazam (einst als Captain Marvel bekannt) verwandeln kann, will, nachdem sein Erzfeind Black Adam im Kampf zu Staub zerfallen ist, um dem Gegner die Letzte Ehre erweisen, dessen sterbliche Überreste in der Wüste des Schurkenstaates Kahndaq verstreuen, wird aber, da sein Auftritt einen bilateralen Konflikt heraufbeschwören könnte, von Superman und der Justice League an seinem Vorhaben gehindert, was wiederum dazu führt, dass die Justice League of America, eine von Amanda Waller rekrutierte Superheldengruppe, die den Zweck hat, die Justice League zu überwachen, ebenfalls in Kahndaq auftritt, um die Helden, die mit ihrer Präsenz den Frieden gefährden, hinauszugeleiten; doch weil Superman plötzlich die Kontrolle über seinen Hitzeblick verliert und dabei Doctor Light tötet, einen Helden, der nur der JLA beigetreten war, damit sie ihn vor dem Fluch erlöst, wegen seiner Kräfte im Dunkeln sitzen zu müssen, beschwört das einen Kampf zwischen den Heldengruppen herauf, nach dessen unentschiedenem Ende sich Superman in Gefangenschaft begibt, um zu erfahren, was ihn entfesselt hat und woran er krankt.

In der Zwischenzeit macht sich Wonder Woman, die nach einer Affäre mit Steve Trevor, dem Entdecker der Amazonen-Insel und Mitglied der Superhelden-Überwachungstruppe Argus, auf die Suche nach Pandora, einer Gestalt aus der griechischen Mythologie, die seit dem Öffnen einer bestimmten Büchse, die das Böse in die Welt entlassen hat, von den Göttern als Bestandteil der Dreifaltigkeit der Sünde verdammt ist, und nun – nachdem sie die Büchse von Argus gestohlen hat – damit durch die Welt zieht, um sich von ihrem Fluch zu befreien … äh, jetzt habe ich den Faden verloren ……. Jetzt hab ich’s wieder: Wonder Woman sucht also nach Pandora, weil diese Superman, wegen seiner gemutmaßten Reinheit, die Büchse hat berühren lassen, jedoch ohne das gewünschte Ziel, die Lösung ihres Fluchs, zu erreichen, und weil sie, Wonder Woman, von Hephaistos, dem Götterschmied, erfährt, dass die Büchse nicht von den Göttern stammt, sondern ihre Magie aus unbekannter Quelle bezieht, sucht sie, Wonder Woman, Hilfe bei der dritten, mystischen Justice League, der Justice League Dark. Es kommt zu Meinungsverschiedenheiten bei der Vorgehensweise.

Allerhand passiert parallel: Phantom Stranger befragt Dr. Lights Leiche – ohne Erfolg, Martian Manhunter befragt Dr. Psycho – ohne Erfolg, daraufhin fliegt das Argus-Hauptquartier in die Luft. Beim Versuch, die Büchse an Lex Luthor zu übergeben, fällt die Büchse in die Hände von Wonder Woman, die daraufhin vom Bösen befallen wird, Shazam nimmt ihr die Bürde ab und wird selbst böse (wodurch er wiederum sehr Black Adam ähnelt), als sich Frankenstein die Büchse krallt, wird er angegriffen von allen anderen, Batman erweist sich dabei als reinste aller Seelen, bis die Zauberin Zatanna in ihren Besitz gerät und von ihrer Macht übermannt wird, und schließlich endet der Kampf, als Constantine, der immun ist gegen die bösen Mächte, sich das Gefäß greift.

Am Ende kommt es in Griechenland, als wäre das Land nicht schon krisengeplagt genug, zum großen Dreifaltigkeitskrieg um die Büchse, bei dem sich Helden als Verräter herausstellen, eine groß angelegte Verschwörung offenbart wird und Superman ein Kulturdenkmal zerstört, indem er eine antike Tempelsäule als Waffe zweckentfremdet, und wie sich herausstellt, dient das alles nur dem narrativen Zweck, eine andere Superschlacht vorzubereiten, jene, die als Forever Evil bekannt ist.

Leser der gepflegten Unterhaltung werden bei diesem Heldenepos jeglichen Tiefgang, ergründete Charaktere und Übersichtlichkeit vermissen. Freunde der bildenden Künste dürften sich über die vielen Splash Pages freuen, allein im Schlusskapitel gibt es drei einfache und vier doppelte davon. Unbedarften Erstlesern in Deutschland dürfte die Rezeption zusätzlich erschwert worden sein, weil in der Justice League-Serie bloß die sechs Hauptteile der Geschichte enthalten, aber die Tie-Ins in Sonderbänden verstreut waren, und der Prolog mit deutlichem Abstand bereits in Justice League #8 erzählt wurde, doch immerhin hat Panini im März 2015 einen ersten Sammelband herausgebracht, der den Makel wiedergutmacht, im Mai soll der zweite erscheinen. Leser, die des Englischen mächtig sind, kommen mit dem einen US-amerikanischen Paperback günstiger weg.

Sollte man Trinity War lesen? Nur, wenn man Forever Evil lesen und auch ganz verstehen möchte.

Fortsetzung folgt.

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