Zwei Grüne suchen Amerika

Titel: Green Lantern – Green Arrow (Hard-Travelling Heroes)

Autor/Zeichner: Dennis O’Neil/Neal Adams

Erschienen: 1970-1974 (Green Lantern #76-87, 89, The Flash #217-219, 226), Paperback 2012, Deluxe Edition 2018; dt. Eaglemoss 2016 (nur #76-81)


„My ward, Speedy, is a junkie!“

Es beginnt alles ganz harmlos: Eigentlich will Green Lantern seinen Kumpel Green Arrow besuchen, da sieht er, wie junge Leute einen älteren Mann auf der Straße angreifen. Der Held hilft dem Opfer, aber wird dann selbst mit Müll beworfen. Warum? Green Arrow taucht auf und zeigt es ihm: Weil das Opfer eigentlich der Täter ist: ein gieriger Vermieter, der ein Wohnhaus herunterkommen lässt und seine Mieter vertreiben will, um dort mehr Profit zu machen.

Ein alter schwarzer Mann stellt Green Lantern zur Rede: Er hätte sich bereits um Blauhäutige, Orangehäutige und Violetthäutige gekümmert, aber warum nie um die Schwarzen auf der Erde? Das soziale Gewissen des Helden ist geweckt. Er versucht, es auch in dem Vermieter zu wecken, aber es ist nichts zu machen. Als GL es mit Gewalt versucht, gibt es eine Rüge von den Wächtern auf Oa. Green Arrow versucht ebenfalls, den Mann einzuschüchtern, doch erst gemeinsam mit GL gelingt ihnen Gerechtigkeit.

Am Ende ruft wieder ein Wächter GL zur Ordnung. Da rechnet Green Arrow mit ihnen ab: Statt sich sinnlos in der Galaxis herumzutreiben, sollte man sich lieber um die Probleme auf der Erde kümmern, vor allem in den USA. „It’s a good country … beautiful … fertile … and terribly sick!“ Kinder sterben, ehrliche Menschen leben in Angst, Martin Luther King und Bobby Kennedy wurden erschossen. „Something is wrong! Something is killing us all…! Some hideous moral cancer is rotting our very souls!“ Also brechen die beiden Helden auf, um Amerika zu finden. In zivil besteigen sie einen Pick-up, ein Wächter schließt sich ihnen an.

1970 begann so eines der wichtigsten Crossover des DC-Universums. Statt Superschurken zu vermöbeln und hanebüchene Abenteuer zu erleben, kümmerten sich die beiden Grünen um ganz konkrete, reale Probleme: die Ausbeutung von Minenarbeitern, die Diskriminierung von Indianern, einen Sektenführer, der seine Mitglieder hypnotisiert. Nebenbei sehen sie großer Umweltverschmutzung zu, als ein brennendes Schiff Giftmüll ins Wasser kippen muss, um Schlimmeres zu verhindern.

Die Rollen sind klar verteilt: Während Green Arrow als linksradikaler Rebell über die Stränge schlägt, ist Green Lantern der Gemäßigte, der auf dem legalen Wege versucht, die Probleme zu lösen. So kommt es immer wieder zu Konflikten zwischen ihnen, wobei sie hinterher nur zusammen Erfolg haben. Erst am Ende tauschen sie die Rollen: Arrow drängt einen Umweltaktivisten zum Kompromiss, während Lantern wütend randaliert.

Dass sich Superhelden um reale Probleme kümmern, ist damals nichts Neues gewesen. Das hat Superman schon in 1938 getan, da war er sich sogar nicht zu schade, gegen häusliche Gewalt vorzugehen. Was O’Neil und Adams 1970 mit den Grünen taten, war also eher eine Rückbesinnung auf die Anfangszeit von Superhelden, bevor sie in den 50ern und 60ern weltfremden Eskapismus betrieben haben.

Ein weiteres Verdienst ist auch die Darstellung der Superhelden: Sie sind nicht bloß Figuren, sondern Charaktere, sie wirken menschlicher und lebensechter, im Vordergrund stehen ihre Überzeugungen und Schwächen. Auch die ausdrucksstarken und detaillierten Zeichnungen von Neal Adams tragen dazu bei, sie wie echte Menschen wirken zu lassen. Außerdem werden Green Lanterns Kräfte gedrosselt.

Allerdings: So real die Probleme scheinen, mit dem Realismus ist es nicht weit her. Dass ein Konflikt zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmern so ausartet, dass es zum regelrechten Krieg kommt, dass dabei sogar Söldner eingesetzt werden, die früher unter Hitler gedient haben und ihren Vorgesetzten immer noch mit „mein Führer“ anreden, das ist ziemlich dick aufgetragen.

Doch der Road Trip á la Easy Rider nimmt nur die ersten viereinhalb Ausgaben ein. Dann werden die Probleme wieder nicht mehr ganz so real und die Helden kehren vorübergehend zu ihrer übernatürlichen Routine zurück: Zuerst bekämpfen sie einen Despoten im All, dann besuchen sie einen hoffnungslos überbevölkerten Planeten. Es tauchen Amazonen, Harpyen und Sinestro auf, ein Kind mit telepathischen Kräften, dann versucht sich der Superschurke Black Hand in Massen-Gehirnwäsche. Die Sozialkritik ist meist bestenfalls noch im Subtext zu finden – aber das ist bei anderen Superheldencomics nichts Ungewöhnliches. Nur bei Black Hand ist noch die Rede von der Manipulierbarkeit der Massen: „People are like cattle. Give them just enough comfort to satisfy them, and anything that threatens them or they think threatens them … they attack!“ Das ist heute noch so aktuell wie damals.

In den Ausgaben #85-86 geht es wieder um die harte Realität: um Drogen. Diese Ausgaben haben Comic-Geschichte geschrieben. Roy Harper, Green Arrows Sidekick Speedy, stellt sich als heroinabhängig heraus. Green Arrows erste Reaktion: ein Schlag ins Gesicht. Roy revanchiert sich am Ende dafür, aber viel schwerer wiegen seine Vorwürfe, die er Green Lantern gegenüber an dessen Generation äußert: „You’ve told us war is fun … skin-colour is important … a man’s worth is the size of his bank account … All crocks! So why believe your drug rap?“ GL ist wieder mal sprachlos.

In den letzten Ausgaben (#87, 89), wenn Aushilfs-Green-Lantern John Stewart eingeführt wird, ist Rassismus in der Politik ein Thema (die Nähe zu Trump erweist sich als erschreckend prophetisch), am Ende provozieren O’Neil und Adams mit einem Umweltaktivisten, der wie Jesus an einem Flugzeug gekreuzigt wird. Oliver Queen fragt sich, was ein Einzelner bewirken kann und beschließt, als Bürgermeister zu kandidieren.

Im Laufe der Abenteuer sterben immer wieder Unschuldige und solche, die tragische Opfer der Umstände sind. Es ist eine raue Welt, die hier dargestellt und zynisch kommentiert wird, am eindrucksvollsten in der Sequenz, in der Oliver Queen einen Pfeil in die Brust geschossen bekommt, ihm niemand auf der Straße hilft, er sich selbst in der Notaufnahme schleppt und kurz vor dem Zusammenbruch sagt: „Isn’t modern civilization wonderful…?“

Der Mut, den DC Anfang der 70er aufgebracht hat, ist bewundernswert. Zu Beginn des Bronze Ages waren Superheldencomics plötzlich erwachsener und glaubwürdiger geworden. Man kann diese Ausgaben heute immer noch lesen, weil die Themen darin überwiegend aktuell geblieben sind. Auch Superman und Batman begannen, ihre Rollen zu hinterfragen und ihre Abenteuer erweckten immer mehr den Eindruck, in unserer Welt zu spielen.

Trotz des neuen Ansatzes oder gerade wegen seiner Radikalität verkaufte sich die Serie nicht gut und wurde eingestellt. Das Team-Up mit Green Arrow setzte sich kurz in zunächst in The Flash fort und ging in der Green Lantern-Serie erst vier Jahre später und mit anderen Zeichnern bis Ausgabe #122 (1979) weiter, bevor Green Lantern wieder solo wurde.

Im Jahr 1996 hat DC das Team-up mit den jungen Versionen der Helden wiederholt: Kyle Rayner als Green Lantern und Connor Queen als Green Arrow. „Hard Traveling Heroes- The Next Generation“ umfasst die Ausgaben Green Lantern #76-77 und Green Arrow #110-111.

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