Andrea Sorrentino

Die abgründige Schönheit des Lächelns

DC Comics

Titel: Joker: Killer Smile

Autor/Zeichner: Jeff Lemire/Andrea Sorrentino

Erschienen: 2019-2020 (Joker: Killer-Smile #1-3, Batman: The Smile Killer #1), Hardcover 2020


„Laughter … That is true beauty.“ (Joker)

Wir haben ein Joker-Problem. Es gibt zu viel von ihm. Nicht nur in der regulären Serie taucht er ständig auf, auch in Specials und Miniserien. Und das liegt nicht nur am 80-jährigen Jubiläum in diesem Jahr. Keiner der Batman-Titel, die DC unter seinem Black Label herausgebracht hat, kommt ohne den Joker aus (z. B. Damned, Harleen, White Knight). Gleich drei Miniserien tragen seinen Namen, eine weitere ist angekündigt.

Eine davon ist der Dreiteiler Joker: Killer Smile. Eigentlich müsste man das mit einem Seufzen zur Ketnnis nehmen, wären da nicht die Macher: Jeff Lemire und Andrea Sorrentino sind so etwas wie ein Traumpaar der Comicbranche, gemeinsam haben sie nicht nur Green Arrow und Old Man Logan, sondern auch die Horrorserie Gideon Falls geschaffen. Und jede dieser Serien ist dank Sorrentinos Meisterschaft ein Genuss für sich. Der Zeichner versteht es nicht nur, eine beklemmende Atmosphäre zu schaffen, sondern reizt das Medium auch jedes Mal auf überraschende Weise aus, indem er mit Layouts experimentiert, Anordnungen fragmentiert und durcheinander wirft. Seine Seiten sind wahre Kunstwerke.

Der böse Clown Mr. Smiles

Und so wird auch in Killer Smile die Erwartung gebrochen: Statt den Joker mal wieder gegen Batman antreten und seine schwierige Beziehung zu ihm auszuloten (gähn!), wird eine kleine, fast schon intime Geschichte erzählt. Der Joker wird in Arkham von Dr. Ben Arnell behandelt. Während der Therapie gesteht der Joker ihm, dass er immer nur im Sinn gehabt habe, Schönheit in die Welt zu bringen – der Schurke verkannter als Künstler oder vielmehr Unterhalter, wie er sich selbst nennt. Der Psychiater ist ebenfalls ein Idealist, der sich einen Durchbruch erhofft, der nicht nur den Joker von seiner Psychose heilt, sondern auch Erkenntnisse bringt, die anderen helfen können. Doch die Geduld seiner Vorgesetzten ist am Ende: Er bekommt nur noch zwei Wochen Zeit.

Das eigentliche Problem jedoch: Arnell nimmt die Arbeit mit nach Hause. Der Joker verfolgt ihn in Gedanken, er kann nachts nicht schlafen, hat Albträume, im Wachzustand sieht er Morde, wo keine sind. Und dann ist da noch ein unheimliches Kinderbuch von dem bösen Clown Mr. Smiles, das er seinem Sohn vorlesen soll und von dem er sich fragt, wo es eigentlich herkommt.

DC Comics

Was ist hier los? Und wer behandelt hier eigentlich wen? Das sind die Fragen, die die Spannung erzeugen und am Ende auf eine furchterregende Eskalation hinauslaufen. So gruselig das Ganze inszeniert ist, so bildgewaltig und mitreißend ist es auch. Sorrentino erweist sich erneut als Virtuose des Visuellen und Lemire lässt ihm mit seiner aufs Nötigste reduzierten Geschichte viel Spielraum, sich zu entfalten. Da gibt es Panels in Form von Zähnen und Fischen, Seiten aus einem Kinderbuch, die wie von einem anderen Künstler geschaffen zu sein scheinen.

Der Joker wird hier mystifiziert als eine Urgewalt, als eine Art Krankheit, die jeden infiziert und korrupiert, mit der sie zu tun hat. Keine neue Facette (vgl. Azzarellos Joker), aber eine, in der sich die Leser wiederfinden und sich fragen können: Warum eigentlich sind WIR so fasziniert von dieser Figur? Vielleicht weil er so ungreifbar bleibt – und daher der perfekte Schurke ist.

Batman und der Smile Killer

Auch Batman ist davor nicht gefeit. Im One-shot Batman: The Smile Killer lernen wir, dass schon der junge Bruce Wayne Bekanntschaft mit Mr. Smiles gemacht hat – in einer TV-Show für Kinder. Wenn auch einer ziemlich seltsamen Show, in der die Handpuppe Kinder dazu auffordert, mit einer möglichst großen und scharfen Schere zu basteln. Nachdem Bruce Mr. Pouts gezeichnet hat (eine Art Batman), soll er sich ein Auge ausstechen. Seine Mutter kann ihn gerade noch davor bewahren. Allerdings verpasst sie ihm eine Ohrfeige.

Jahre später jagt Batman den Joker und findet sich plötzlich selbst als Patient in Arkham wieder. Batman soll nur eine Illusion sein, sagt ihm sein Mitinsasse, Ben Arnell. Das Motiv ist vertraut: Man kennt es aus The Last Arkham, sowie aus Dreams in Darkness (BTAS S01E28), außerdem bedient sich die Story bei Motiven aus Identity Crisis (Detective Comics #633, 1991) bzw. Perchance to Dream (BTAS S01E30). Hier jedoch wird es zugespitzt: Der kleine Bruce soll, in Clownsschminke, seinen Vater erschossen haben. Seitdem wird er von James Gordon behandelt. Hier wird eine Shutter-Island-Story draus. So scheint es zumindest …

Denn es endet offen, wenn man überhaupt von einem Ende sprechen kann, selbst das bleibt offen. Und so lässt einen dieser Schlussteil mit einem Rätsel zurück. Wird es eine Fortsetzung geben? So verlockend es scheint: Vielleicht wäre es besser, wenn manche Rätsel ungelöst bleiben. So bleibt man als Leser selbst in dieser kafkaesken Situation gefangen. Und damit hätte man immerhin eine weitere Joker-Story mit Mehrwert. Eine, die sich traut, die Grenzen des Erzählbaren weiter auszureizen. Bis hin ins Irrationale.

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Lemire und Sorrentino machen „Joker – Killer Smile“

2019 ist das Jahr des Jokers. Zum Kinofilm mit Joaquin Phoenix erscheinen mehrere neue Titel mit dem Schurken (wie etwa Joker/Harley: Criminal Sanity) und eine neue Anthologie. Außerdem warten wir immer noch auf einen Termin für Three Jokers von Geoff Johns und Jason Fabok. Bis dahin kann man sich die Zeit mit einem anderen Dreiteiler vertreiben, der bei DCs Black Label erscheint: Joker: Killer Smile von Jeff Lemire und Andrea Sorrentino. Der erste Band erscheint am 30. Oktober 2019 und die beiden folgenden sollen im Abstand von zwei Monaten herauskommen.

Die Story: Nachdem der Joker jahrelang Gotham terrorisiert hat und gegen Batman angetreten ist, hat er einen neuen Gegner gefunden: einen Arzt, der ihn in Arkham behandelt. Der Joker dringt immer tiefer in den Verstand seines Opfers ein und setzt damit eine Kettenreaktion in Gang, die Gotham City ins Chaos zu stürzen droht.

Lemire und Sorrentino sind ein Dream-Team der Comics. Zusammen haben sie Green Arrow, Old Man Logan und zuletzt die Horror-Serie Gideon Falls gemacht. Sorrentino ist bekannt für seine sehr düsteren, schattenlastigen Zeichnungen und aufwendigen Layouts, mit denen er die Möglichkeiten des Comics immer wieder neu ausreizt. Mit Joker: Killer Smile verspricht er, neue Höhen zu erreichen.

Lemire, von dem auch das Crossover Justice League/Black Hammer stammt, wird außerdem eine The Question-Miniserie fürs Black Label schreiben: The Question: The Deaths of Vic Sage. Für die Zeichnungen sind die Altmeister Denys Cowan und Bill Sienkiewicz zuständig. Die erste Ausgabe des Vierteilers erscheint am 20. November 2019.

Angekündigt ist ein „philosophical mystery“, die an die Question-Comics von Dennis O’Neil und Denys Cowan anknüpfen: Die Geschichte beginnt im Wilden Westen und erstreckt sich in die gesetzlosen 1930er und soll von einem ungelösten Fall handeln, der zum Tod von The Question geführt hat. Nun, da sich die Geschichte zu wiederholen droht, muss der Gesichtslose versuchen, sich aus dieser Falle zu befreien.

Joker Carpenter

DC Comics

UPDATE: Horror-Filmemacher John Carpenter (Halloween, The Thing) wird den One-Shot The Joker: Year of the Villain #1 mit Anthony Burch schreiben. Zeichnungen stammen von Philip Tan und Marc Deering. Das Heft erscheint am 9. Oktober, umfasst 40 Seiten und kostet 4,99 US-Dollar.

Bogen überspannt, ins Schwarze getroffen

Titel: Green Arrow by Jeff Lemire and Andrea Sorrentino (War of the Clans)

Autor/Zeichner: Jeff Lemire/Andrea Sorrentino

Erschienen: 2013-2014 (Green Arrow #17-34, #23.1), Hardcover 2016 (Deluxe Edition), Paperback 2019 (DC Essential Edition); dt. Panini 2014-2015 (Green Arrow Megaband 2-3)


Nach dem DC-Reboot von The New 52 hatte Green Arrow ein paar Startschwierigkeiten. Nach 16 Ausgaben übernahm Jeff Lemire mit Andrea Sorrentino (das Team von Old Man Logan und später Gideon Falls) die Serie und brachen sie zu neuer Blüte – davon war sogar Mark Millar begeistert, dass er sich nicht nur (nach eigenen Angaben) die Hefte kaufte, sondern auch das Vorwort zur Deluxe Edition schrieb.

Das Interessante an dieser Storyline ist, dass Lemire sich alle Freiheiten nimmt, um Green Arrow völlig auf den Kopf zu stellen. Alles, was wir über den Helden wussten, negiert er so sehr und erweitert es um so viele überraschende Wendungen, dass es fast schon zu viel des Guten ist.

Zunächst ist Oliver Queen pleite. Sein Familienunternehmen geht den Bach runter, sein Vertrauter Emerson wird vor seinen Augen ermordet, der Mord wird ihm angelastet, dann wird auf sein eigenes Unternehmen ein Anschlag verübt. Oliver Queen ist auf der Flucht vor der Polizei – und dann auch noch vor dem Attentäter. Dieser heißt Komodo, ist ein böser Schütze und hat schon mit Queens Vater zu tun gehabt. Queen wird von einem mysteriösen Blinden gerettet, dann nimmt er sich zwei neue Helfer und versucht, das Rätsel in Europa zu enthüllen, er trifft auf Count Vertigo und erfährt immer mehr, dass nichts in seinem Leben so ist, wie es scheint. Dann droht zu Hause in Seattle ein neuer Bandenkrieg auszubrechen …

Jeff Lemire gilt als ein Wunderkind der Comic-Branche. Er ist nicht nur Autor und Zeichner, er fällt nicht nur auf durch seinen immensen Output auf, es scheint auch so, als würde alles, was er anfasst, zu Gold. Seine eigenen Graphic Novels und Serien (Sweet Tooth, Descender, Black Hammer) werden gefeiert ebenso wie seine Werke für DC (Animal Man) und für Marvel hat er neben Moon Knight und Thanos ebenfalls schon an einem Bogenschützen (Hawkeye) gearbeitet.

Für Green Arrow reichert er die Entstehungsgeschichte so an, dass er mehr als ein Held, sondern ein uralter Mythos wird. Es gibt einen ganzen Clan des Pfeils, sogar mehrere Clans mit einer langen Tradition, die sich jeweils einer Waffe verschrieben haben. Oliver Queen gerät in einen Krieg der Clans und lernt auch noch Erschütterndes über seine eigene Vergangenheit. Hier aber wird – Achtung: Kalauer – der Bogen überspannt.

ACHTUNG: SPOILER!!!

Oliver Queen erfährt von seinem Vater (der nur scheinbar gestorben ist), dass er von ihm auf die Insel gebracht wurde, um auf den drohenden Kampf vorbereitet zu werden. Der Vater inszenierte also seinen eigenen Tod, ließ seinen Sohn auf einer einsamen Insel stranden und um sein Überleben kämpfen, er ließ ihn foltern und drängte ihn zum Mord, als Teil einer geheimen Ausbildung. Das ist selbst für ein Superhelden-Comic sehr weit hergeholt. Einfacher wäre es gewesen, den Sohn in sein Geheimnis einzuweihen und ihn dann dazu auszubilden. So aber macht sich der Vater gleich mehrerer unverzeihlicher Verbrechen an seinem eigenen Sohn schuldig.

Der Sohn hasst ihn dafür, beschimpft den Vater als Irren, will nichts mit ihm zu tun haben. Aber als dieser dann den Heldentod stirbt, weint Oliver dem Irren dann doch hinterher. Vor widersprüchlichen Gefühlen sind selbst Superhelden nicht gefeit.

[SPOILER-ENDE]

Batman á la Sorrentino (DC Comics

Trotzdem ist Lemires Green Arrow eine spannende, zuweilen auch witzige Lektüre, die im Zusammenspiel mit den liebevoll gestalteten Charakteren und flapsigen Dialogen kurzweilig gehalten wird. Auch die Schurken bekommen viel Raum, um ihren Charakter zu entfalten. (Es gibt sogar einen kleinen Gastauftritt vom Batman aus dem Zero Year.)

Warum man den Band aber vor allem lesen sollte, sind die Bilder von Andrea Sorrentino. Der Italiener hat einen einerseits sehr realistischen, andererseits sehr düsteren Stil. Selbst bei Sonnenschein tränkt er alles in harte Schatten. Doch Sorrentino neigt auch zu einem experimentellen Layout. Kurze Momente wie das Schießen mit Pfeil und Bogen zerlegt er gerne in viele kleine Panels, in größere Panels baut er kleinere ein, die einzelne Teile des Bildes hervorheben oder sogar einen Röntgenblick erlauben.

Count Vertigo zerfällt in Panels (DC Comics)

Mal bröckeln die Bilder auch, als würden Kacheln von ihnen abfallen, mal wird eine Kampfsequenz mit Bildern erzählt, die in die großformative Schrift von Lautwörtern eingefügt werden. Ein Kampf in einer Kathedrale findet in Panels statt, die wie Kirchenfenster aussehen.

Green Arrows Kampf in der Kathedrale (DC Comics)

Manche Doppelseiten sind sogar so überwältigend, dass man sehr lange sehr genau hinsehen muss, um zu begreifen, was da alles los ist.

Green Arrow in vielen kleinen grünen Panels (DC Comics)

Sorrentino treibt Comics als fragmentiertes Medium ins Extrem. Und diese Verspieltheit, ist es, die beim Lesen immer wieder überrascht und in Staunen versetzt. Es sind die atemverschlagenden Bilder, die Lemires atemlose Geschichte zu einem Meisterwerk aufwerten und die Schwächen verzeihen lassen.

Kampf der Interjektionen

Dieser Green Arrow-Band beweist mal wieder, wie auch Superhelden-Comics innotive Comic-Kunst sein können. Um noch einmal das Bild zu bemühen: Der Bogen mag überspannt sein, aber am Ende trifft der Pfeil ins Schwarze.

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