Das Lange Halloween geht in die Verlängerung

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DC Comics

Titel: Batman: The Long Halloween Special („Nightmares“)

Autor/Zeichner: Jeph Loeb/Tim Sale

Erschienen: 2021 (One-shot)


Lange Zeit gehörte Calendar Man (Julian Day) zu den schrägsten Schurken in Batmans Kuriositätenkabinett. Im Laufe der Zeit nahm er verschiedene Formen an, je nach seinem Schema: Jahreszeiten, Wochentage, Feiertage. Als im Klassiker The Long Halloween von Jeph Loeb und Tim Sale der Holiday-Killer ebenfalls an Feiertagen mordet, ist der Calendar Man unschuldig, da er in Arkham einsitzt.

Batman und Gordon suchen ihn auf, um ihnen bei dem Fall zu helfen – ähnlich wie bei Hannibal Lecter. Ähnlich gruselig ist seine neue Erscheinung: ein dicker, kahler Mann in einem langen weißen Kittel, der Boden seiner gläsernen Zelle voller Kalenderblätter. Seine Antworten fallen ähnlich kryptisch aus: Mal spricht er von einer Sie, mal von einem Er als Mörder. Dann zählt er eine Reihe von Feiertagen auf – in Vorausahnung, was noch kommen mag. In der Fortsetzung Dark Victory rächt er sich an Alberto Falcone aus Eitelkeit: „The Calendar Man is being forgotten. And that is unacceptable.“ Dabei wird er dann selbst fast umgebracht.

Calendar Man rekrutiert Two-Face

25 Jahre nach dem Beginn von The Long Halloween haben Loeb und Sale eine weitere Fortsetzung gemacht – und diesmal steht der Calendar Man im Vordergrund. Er hat eine Bande von Jüngern nach seinem Bilde geschaffen, die Einbrüche für ihn begehen. Jeder hat einen anderen Monat auf den Kopf geschrieben. Sie versammeln sich in einer Kirche, wo sie den Kalender verehren. Und sie stehlen Edelsteine – denn jeder steht für einen Monat.

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Kalender-Kult: Calendar Man in seiner Kirche (DC Comics)

Dann entführt der Calendar Man Gilda Dent, Ehefrau von Harvey Dent alias Two-Face. Er will, dass sich Two-Face ihm anschließt und die Doppelrolle von Mai und Juni übernimmt (zwei Handlanger, die er vorher erschossen hat). Tatsächlich ist der Schurke immer noch sauer, dass ihm jemand seine Masche gestohlen hat. Two-Face bittet dann Batman um Hilfe.

Die traurige Geschichte des Julian Day

Nach wenigen Seiten ist dieser Spaß vorbei. Ist das alles unsere Aufmerksamkeit (und unser Geld) wert? Ja und Nein. Fans der Vorgeschichten werden sich am bloßen Wiedererkennungswert erfreuen: Tim Sale erzählt das Ganze in bester Noir-Atmosphäre, als wären nicht zwei Jahrzehnte vergangen. Er ist immer noch ein bildgewaltiger Meister. Als Schauwert sehen wir ein halb zerschlagenes Bat-Signal, das entgegen jeder Physik nur auf einer Seite leuchtet (überpinseln wäre besser gewesen) und als Highlight: Robin und Batgirl gehen zum Trick-or-Treat an Halloween (obwohl es da noch kein Batgirl gibt, aber egal).

Darüber hinaus enttäuscht das allzu schnell und einfach erledigte Finale. Nach der langen Einführung hätte man sich dafür mehr Zeit lassen können. Immerhin bekommt Julian Day ein wenig Hintergrundgeschichte: Er war ein Waisenkind, das ohne Geburtstage oder Feiertage aufwachsen musste – daher der Nachholbedarf. „There were times I didn’t even know what day it was. Until I found crime. Then every day could be a holiday.“

Batmans empathische Antwort darauf: Prügel. Viele Prügel. So viele, dass die Handschuhe vor Blut nur so triefen. Moral: Eine schlimme Kindheit gibt einem nicht das Recht zu morden. Aber gibt es ihm das Recht, einen Mörder so schwer zu misshandeln? Diese Frage stellt leider niemand. Am Ende interessiert sich Batman mehr für die Dents. Er kennt jetzt ihr verstörendes Geheimnis.

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3 Kommentare

  1. Hey Lukas und danke für den Artikel.
    Manchmal, wenn ich deine Zeilen hier so lese, komme ich nicht umhin mich zu wundern, weshalb ich seit gut 30 Jahren eine fiktive Figur verehre, welche jeden Konflikt nur allzu oft mit körperlicher Gewalt löst. Wirklich seltsam dabei ist allerdings, dass mir persönlich das aber nie bewusst ist, wenn ich die Hefte lese, sondern immer nur im Nachhinein, wenn ich deine Rezensionen lese. Und wirklich abschrecken tut mich das dann am Ende auch nicht, sonst müsste ich mich streng genommen als Reaktion darauf eigentlich einer anderen Figur zuwenden. Oder etwa nicht? Und was sagt das eigentlich über mich aus und wie ich mich selbst sehe? Curiouser and curiouser! Lukas, was machst du mit mir??? 😀

    Gefällt 1 Person

    1. Hi Mario, um dich zu beruhigen: Es geht mir ähnlich. 😉 Während meiner Arbeit am Blog habe ich mich immer wieder gefragt, warum das so ist, also woher die Faszination für die Figur kommt, aber auch warum die Figur überhaupt so angelegt ist. Letzteres liegt, glaube ich, einfach in der visuellen Natur des Comics. Wir erwarten, dass in den Panels etwas (Sichtbares) passiert. Deshalb sieht man bei Dialogen oft Kampfszenen. Der Kampf in Worten muss sich in Taten wiederspiegeln, denn nur Dialog wäre im Comic öde (und deshalb sind reine Dialogcomics auch die ödesten, die es gibt). Daher verzeihen wir es Batman, wenn er jedes Mal die Argumentation schlagkräftig beendet. Aber wir lassen es ihm auch durchgehen, weil er eben Batman ist: Seine Maske und sein Kostüm „erlauben“ es ihm, sich nicht wie ein normaler (gesetzestreuer) Bürger zu verhalten. Ich denke, es hat für uns Leser etwas Befriedigendes, mitanzusehen, wie einer (außerhalb der Gesellschaft) einem Verbrecher das antut, was ihm (scheinbar) zusteht, nämlich Gewalt als unmittelbare Strafe. Batman ist damit eine Art verdrehte Form des Messias: Er darf das, was andere nicht dürfen, weil er etwas schafft, was andere nicht schaffen (nämlich das Verbrechen zu bekämpfen). Damit will ich ausdrücklich NICHT Selbstjustiz gutheißen, sondern nur erklären, warum wir Batman akzeptieren. Aber wahrscheinlich akzeptieren wir ihn auch WEIL er eine Fiktion ist. In der Wirklichkeit würden wir wohl auch sagen: Sperrt den Irren ein! 😉

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