Mini-Serie

Rummelplatz des Grauens

Batman: Gotham Nights Vol. 2 #1-4 (DC Comics)

Titel: Batman – Gotham Nights II

Autor/Zeichner: John Ostrander/Mary Mitchell

Erschienen: 1995 (Miniserie #1-4)


Im Vergnügungspark Little Paris, der auf einer künstlichen Insel vor Gotham liegt, entgleist eine Achterbahn und stürzt ins Meer. Zwölf Menschen sterben, zwölf werden schwer verletzt. Batman, der den Fall undercover mit Schlapphut und Trenchcoat (ja, über dem Kostüm!) untersucht, geht von Sabotage aus.

Um den Park weiter betreiben zu können, muss Inhaber Frank Dunker die Stadtverwaltung bestechen, statt das Geld in nötige Reparaturen zu stecken. Er hat ohnehin Geldsorgen, weil der Park immer weniger Menschen anzieht – die Glanzzeit von Little Paris ist längst vorbei. Kurz darauf stürzt eine Gondel vom Riesenrad ab. Will sich da etwa jemand für alte Sünden rächen?

Wie schon in der ersten Gotham Nights-Miniserie stehen auch hier die normalen Menschen im Vordergrund: Vor allem geht es um Familien und ihre Sorgen, in einer Nebenhandlung bandelt eine junge Frau gleichzeitig mit einem Latino und einem schwarzen Künstler an, was zu Eifersüchteleien führt. Auch der Soap-Faktor ist wieder hoch. Doch anders als beim ersten Mal ist der Personenkreis deutlich enger gefasst und auf Menschen beschränkt, die mit dem Park zu tun haben. Außerdem steht hier der Kriminalfall im Zentrum und Batman hält sich zwar im Hintergrund, bleibt aber ständig präsent, um den Fall zu lösen.

Leider löst er sich so gut wie von selbst, indem der Täter sich schon früh selbst zu erkennen gibt und den ganzen Rummelplatz abfackelt. Dadurch tritt im vierten Teil aber wieder das Drama in der Vordergrund: die Familien, die in Gefahr geraten, die Beziehungen. Der Vater rettet die Tochter, der Sohn den Vater – oder sie versuchen es zumindest. Denn das letzte Wort hat auch hier immer Batman.

Damit ist Gotham Nights II leider deutlich schwächer als der erste Teil. Auch die Zeichnungen von Mary Mitchell wirken sperriger und weniger elegant. Viel wird nach dieser Lektüre nicht im Gedächtnis haften bleiben.

>> Batman 1990-1999

Das Leben in Gotham City

Batman: Gotham Nights #1-4 (DC Comics)

Titel: Batman: Gotham Nights

Autor/Zeichner: John Ostrander/Mary Mitchell

Erschienen: 1992 (Miniserie #1-4)


Zwei Jahrzehnte bevor „Gotham Nights“ eine digitale Anthologieserie wurde, gab es eine Miniserie mit dem Titel, die den Menschen von Gotham gewidmet war. Gleich zu Beginn verfolgt Batman zwar einen Verbrecher durch den U-Bahn-Tunnel, aber wir erfahren nichts über den Fall, der offenbar etwas mit Kindesentführung zu tun hat. Stattdessen sehen wir, wie der Zugführer reagiert und dann, was daraufhin einige andere Menschen in der Station bewegt.

Eine Donutverkäuferin verliebt sich in einen attraktiven Stammkunden und malt sich aus, er sei in Wahrheit Batman. Zwei Arbeitskollegen, Mann und Frau, fühlen sich zueinander hingezogen, aber wollen es sich nicht eingestehen. Ein alter Mann erfährt, dass er todkrank ist und zieht in Erwägung, sich das Leben zu nehmen, um sich und seiner Frau Leid zu ersparen. Und dann ist da noch Dio, ein Ex-Sträfling, der auf Bewährung draußen ist und seine Frau verdächtigt, dass ihr Kind von einem anderen stammen könnte. Er droht wieder, straffällig zu werden.

Die eine träumt märchenhaft, der andere wird vom Geist seiner Frau verfolgt, der dritte vergeht vor Eifersucht. – Autor John Ostrander (Suicide Squad, Justice League, Martian Manhunter) zeigt das Leben in Gotham aus der Perspektive verschiedener Altersgruppen, Schichten und Geschlechter. Schurken wie der Riddler, der Pinguin oder der Joker werden nur am Rande erwähnt, Batman taucht immer nur kurz auf, erst am Ende spielt er wieder eine Rolle.

Gotham Nights ist ein Ensemblestück ohne Helden, ein kleines Gesellschaftspanorama in einer Stadt, die hart zu ihren Bewohnern ist. Verbrecher bleiben Verbrecher, weil ihnen nichts anderes übrig bleibt, andere werden zu Verbrechern, weil sie verrückt werden vor Einsamkeit. 1992 ist so ein Ansatz zwar nicht neu, erinnert zuweilen an den Film Noir (Ostrander gibt unter anderem den Soundtrack von Taxi Driver als Inspiration an), Will Eisner hat das Prinzip des Gesellschaftscomics mit A Contract With God und weiteren „Graphic Novels“ bereits seit den 70ern zur Meisterschaft getrieben.

Gotham Nights ist der Versuch, all das nachzuahmen, zuweilen immer noch etwas soapig bis melodramatisch erzählt, und natürlich dürfen Batman und Bruce Wayne am Ende als Deus ex machina die Probleme einfacher Menschen lösen. Aber für ein Batman-Comic ist es ein beachtliches Wagnis, das Mut zum Experiment und zu ernsthaften Themen fast ohne Superhelden-Klischees beweist. (Ähnlich wurde das Konzept später mit Gotham Central weiterentwickelt, die Comic-Serie über die Polizei von Gotham.) Es werden sogar neue Probleme wie die Angst vor AIDS angesprochen. Mit Mary Mitchell haben wir es auch mit einem der seltenen Fälle zu tun, in denen eine Frau Batman zeichnen durfte. Sie tut es sehr ausdrucksstark, am spektakulärsten sind ihre Stadtpanoramen geraten.

Es wäre mal an der Zeit für einen Nachdruck oder zumindest für eine digitale Neuaflage.

Hinweis: 1995 wurde die Serie mit Gotham Nights II fortgesetzt.

>> Batman 1990-1999

Die abgründige Schönheit des Lächelns

DC Comics

Titel: Joker: Killer Smile

Autor/Zeichner: Jeff Lemire/Andrea Sorrentino

Erschienen: 2019-2020 (Joker: Killer-Smile #1-3, Batman: The Smile Killer #1), Hardcover 2020


„Laughter … That is true beauty.“ (Joker)

Wir haben ein Joker-Problem. Es gibt zu viel von ihm. Nicht nur in der regulären Serie taucht er ständig auf, auch in Specials und Miniserien. Und das liegt nicht nur am 80-jährigen Jubiläum in diesem Jahr. Keiner der Batman-Titel, die DC unter seinem Black Label herausgebracht hat, kommt ohne den Joker aus (z. B. Damned, Harleen, White Knight). Gleich drei Miniserien tragen seinen Namen, eine weitere ist angekündigt.

Eine davon ist der Dreiteiler Joker: Killer Smile. Eigentlich müsste man das mit einem Seufzen zur Ketnnis nehmen, wären da nicht die Macher: Jeff Lemire und Andrea Sorrentino sind so etwas wie ein Traumpaar der Comicbranche, gemeinsam haben sie nicht nur Green Arrow und Old Man Logan, sondern auch die Horrorserie Gideon Falls geschaffen. Und jede dieser Serien ist dank Sorrentinos Meisterschaft ein Genuss für sich. Der Zeichner versteht es nicht nur, eine beklemmende Atmosphäre zu schaffen, sondern reizt das Medium auch jedes Mal auf überraschende Weise aus, indem er mit Layouts experimentiert, Anordnungen fragmentiert und durcheinander wirft. Seine Seiten sind wahre Kunstwerke.

Der böse Clown Mr. Smiles

Und so wird auch in Killer Smile die Erwartung gebrochen: Statt den Joker mal wieder gegen Batman antreten und seine schwierige Beziehung zu ihm auszuloten (gähn!), wird eine kleine, fast schon intime Geschichte erzählt. Der Joker wird in Arkham von Dr. Ben Arnell behandelt. Während der Therapie gesteht der Joker ihm, dass er immer nur im Sinn gehabt habe, Schönheit in die Welt zu bringen – der Schurke verkannter als Künstler oder vielmehr Unterhalter, wie er sich selbst nennt. Der Psychiater ist ebenfalls ein Idealist, der sich einen Durchbruch erhofft, der nicht nur den Joker von seiner Psychose heilt, sondern auch Erkenntnisse bringt, die anderen helfen können. Doch die Geduld seiner Vorgesetzten ist am Ende: Er bekommt nur noch zwei Wochen Zeit.

Das eigentliche Problem jedoch: Arnell nimmt die Arbeit mit nach Hause. Der Joker verfolgt ihn in Gedanken, er kann nachts nicht schlafen, hat Albträume, im Wachzustand sieht er Morde, wo keine sind. Und dann ist da noch ein unheimliches Kinderbuch von dem bösen Clown Mr. Smiles, das er seinem Sohn vorlesen soll und von dem er sich fragt, wo es eigentlich herkommt.

DC Comics

Was ist hier los? Und wer behandelt hier eigentlich wen? Das sind die Fragen, die die Spannung erzeugen und am Ende auf eine furchterregende Eskalation hinauslaufen. So gruselig das Ganze inszeniert ist, so bildgewaltig und mitreißend ist es auch. Sorrentino erweist sich erneut als Virtuose des Visuellen und Lemire lässt ihm mit seiner aufs Nötigste reduzierten Geschichte viel Spielraum, sich zu entfalten. Da gibt es Panels in Form von Zähnen und Fischen, Seiten aus einem Kinderbuch, die wie von einem anderen Künstler geschaffen zu sein scheinen.

Der Joker wird hier mystifiziert als eine Urgewalt, als eine Art Krankheit, die jeden infiziert und korrupiert, mit der sie zu tun hat. Keine neue Facette (vgl. Azzarellos Joker), aber eine, in der sich die Leser wiederfinden und sich fragen können: Warum eigentlich sind WIR so fasziniert von dieser Figur? Vielleicht weil er so ungreifbar bleibt – und daher der perfekte Schurke ist.

Batman und der Smile Killer

Auch Batman ist davor nicht gefeit. Im One-shot Batman: The Smile Killer lernen wir, dass schon der junge Bruce Wayne Bekanntschaft mit Mr. Smiles gemacht hat – in einer TV-Show für Kinder. Wenn auch einer ziemlich seltsamen Show, in der die Handpuppe Kinder dazu auffordert, mit einer möglichst großen und scharfen Schere zu basteln. Nachdem Bruce Mr. Pouts gezeichnet hat (eine Art Batman), soll er sich ein Auge ausstechen. Seine Mutter kann ihn gerade noch davor bewahren. Allerdings verpasst sie ihm eine Ohrfeige.

Jahre später jagt Batman den Joker und findet sich plötzlich selbst als Patient in Arkham wieder. Batman soll nur eine Illusion sein, sagt ihm sein Mitinsasse, Ben Arnell. Das Motiv ist vertraut: Man kennt es aus The Last Arkham, sowie aus Dreams in Darkness (BTAS S01E28), außerdem bedient sich die Story bei Motiven aus Identity Crisis (Detective Comics #633, 1991) bzw. Perchance to Dream (BTAS S01E30). Hier jedoch wird es zugespitzt: Der kleine Bruce soll, in Clownsschminke, seinen Vater erschossen haben. Seitdem wird er von James Gordon behandelt. Hier wird eine Shutter-Island-Story draus. So scheint es zumindest …

Denn es endet offen, wenn man überhaupt von einem Ende sprechen kann, selbst das bleibt offen. Und so lässt einen dieser Schlussteil mit einem Rätsel zurück. Wird es eine Fortsetzung geben? So verlockend es scheint: Vielleicht wäre es besser, wenn manche Rätsel ungelöst bleiben. So bleibt man als Leser selbst in dieser kafkaesken Situation gefangen. Und damit hätte man immerhin eine weitere Joker-Story mit Mehrwert. Eine, die sich traut, die Grenzen des Erzählbaren weiter auszureizen. Bis hin ins Irrationale.

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Fluch des Weißen Ritters, Segen für die Leser

Batman: Curse of the White Knight

DC Comics

Titel: Batman: Curse of the White Knight (dt. Der Fluch des Weißen Ritters)

Autor/Zeichner: Sean Murphy

Erschienen: 2019-2020 (#1-8), Hardcover 2020


Neulich habe ich folgendes Zitat von Comic-Autor Garth Ennis (The Boys, Preacher) gefunden: „I find most superhero stories completely meaningless“, sagte er bereits 2012 auf SciFiNow. „You’re never going to see any real growth. The stories can’t end, so they’ll never mean anything.“ So ist es leider auch oft mit Batman: Was sich innerhalb der Continuity abspielt, ist selten von echter Tragweite. Was auch immer geschieht, man kehrt doch immer wieder zum Status quo zurück. Selbst ein „Tod in der Familie“ ist bedeutungslos geworden, weil er früher oder später rückgängig gemacht wird. Das liegt in der Grundstruktur endloser Geschichten: Sie müssen immer weitergehen. Daher wird Personal nicht verheizt.

Anders hingegen ist es bei Storys, die für sich stehen – unabhängig von Continuity. Sean Murphys Miniserie White Knight ist in den vergangenen Jahren das beste Beispiel dafür. Einerseits stark traditionsbewusst, andererseits radikal anders. Die 80-jährige Batman-Geschichte verwendet er nur als Vorlage für einen Remix, um etwas Neues zu schaffen. Dieses Erfolgsrezept hat er mit Curse of the White Knight fortgeschrieben.

Batman trifft Azrael

Der Joker kommt wieder frei und setzt eine Kette von Ereignissen in Gang, um Batman endgültig fertigzumachen. Hinter ihm steht eine ominöse Frau namens Ruth, die im Auftrag von Gothams Elite einen neuen Batman erschafft, der den alten ersetzen soll: Azrael. Hinter der Maske steckt der alte Kriegsveteran Jean-Paul Valley, der nur mitmacht, weil ihm eine bessere Krebstherapie versprochen wird. Doch die Geschichte geht noch viel weiter zurück: Wir erfahren von einem alten Familiengeheimnis der Waynes, die bis zur Gründung von Gotham zurückreicht und auch den Orden von St. Dumas betrifft.

Batgirl, Azrael, Joker by Sean Murphy

Cover zu Curse of the White Knight (DC Comics)

Keine Sorge: Ich werde nicht zu viel verraten. Nur so viel sei gesagt: Es geht zur Sache – und zwar heftig. Wertvolle Dinge werden zerstört und es gibt viele Tote, darunter sehr bekannte Figuren. Batman macht sich in den eigenen Reihen Feinde, steht isoliert da, will wie immer den einsamen, selbstlosen Märtyrer spielen. Mit der Masche übertreibt es Batman aber, dass es mitunter nervt. Wie üblich zweifelt er an seiner Rolle als Batman, will sie aufgeben, aber dass ihn das dunkle Familiengeheimnis nicht mehr ein Wayne sein lassen will, geht dann doch in Sachen Melodrama zu weit.

Fortsetzung mit Harley Quinn

Aber ansonsten ist Curse of the White Knight ein würdiger, weil radikaler Nachfolger. Der Autor verspricht, in seinem Universum konsequent zu bleiben: Wer tot ist, bleibt tot, lautet eine von Sean Murphys Regeln. Und damit schockieren die Ereignisse umso mehr. Und bei der Rasanz seiner Geschichte bleibt kaum Zeit, das alles zu verarbeiten. Als Leser bleibt man mit der Frage zurück: Wie soll das alles noch weitergehen?

Im Oktober geht es zunächst weiter mit dem Sechsteiler Batman: White Knight Presents Harley Quinn. Murphy hat die Figur extrem weiterentwickelt, von der nervigen Psychopatin und Punk-Göre zu einer klugen, nachdenklichen und empathischen Frau, die jetzt sogar Mutter von Zwillingen ist. Außerdem sind Spin-offs zu Nightwing und Batgirl geplant.

Neue Vorgeschichte für Mr. Freeze

In Curse of the White Knight ist bereits der Tie-in Von Freeze enthalten, der Victor Fries‘ Familiengeschichte aus dem Dritten Reich nacherzählt. Auch hier beweist Sean Murphy nicht nur den Mut, altbekannte Charaktere radikal neu zu denken, sondern sie auch in ein ernsthaftes historisches Setting zu versetzen. Eine starke Story, wären da nicht die sperrigen Zeichnungen von Klaus Janson – sorry, bin kein Fan. Vor allem im Vergleich zu Murphys genialem dynamischen Stil kann der Altmeister nicht mithalten.

Damit erweist sich der zweite White-Knight-Band als Segen für die Leser. Er zeigt, wie man Superhelden heute erzählen muss: Als Geschichten, die sich weiterentwickeln, die Konsequenzen haben und darin auch konsequent bleiben. Nur so erhalten sie Bedeutung, nur so kann man mitfiebern, wenn man merkt: Die Risiken, die Helden eingehen, sind erst dann welche, wenn alles auf dem Spiel steht. Solchen Storys gehört die Zukunft, denn sie bleiben in Erinnerung. Damit ist Murphys White-Knight-Saga immer noch das Beste, was man heute an Batman-Comics bekommt.

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Batman und Riddler gegen Gentrifizierung

DC Comics

Titel: Run, Riddler, Run

Autor/Zeichner: Gerard Jones/Mark Badger

Erschienen: 1992 (Miniserie #1-3)


Gotham wird gentrifiziert: Anstelle eines Gettos soll eine Gated Community für Reiche entstehen. Seltsamerweise ist auch Bruce Wayne für die Idee, denn mit dem Projekt kommt auch das Versprechen, ein Quartier ohne Verbrechen zu erbauen. Doch dazu müssen erstmal die Armen verschwinden, die lassen sich aber nicht verdrängen und leisten Widerstand.

Die Verantwortliche heuert für die Räumung einen Trupp von Paramilitärs an, die in Super-Kampfrüstungen stecken und von der Polizei gutgeheißen wird. Leider wird der Trupp geleitet von einem ruchlosen Kerl aus der ehemaligen DDR, der mit seinen Leuten die Unliebsamen hinrichtet. Aber niemand greift ein, weil es niemanden zu kümmern scheint – niemand außer Batman. Er verbündet sich mit dem Riddler, um das Schlimmste zu verhindern.

Der Riddler ist hier auf Bewährung frei und versucht, als Sicherheitsexperte einem ehrlichen Beruf nachzugehen. Zum Beispiel, indem er Todesfallen mit Haifischbecken installiert, die man nur mit dem Lösen von Rätseln umgehen kann. Weil das niemand haben will, wird er gefeuert – und dann muss er später mit Batman diese Rätsel lösen.

DC Comics

Als wäre die Geschichte nicht schon seltsam genug, ist das Ganze auch sperrig gezeichnet, teilweise überzeichnet, der Riddler wirkt wie eine Karikatur. In den 90ern hat DC abseits der regulären Batman-Serien immer wieder Autoren und Zeichner experimentieren lassen. Run, Riddler, Run ist ein typisches Beispiel dafür. Der Dreiteiler ist weder angenehm anzusehen noch schafft es die Story zu fesseln. Der Schurke ist ein austauschbarer Fiesling, für den man sich nicht interessiert, was auch für die Nebenfiguren gilt.

Das größte Problem ist aber der Titelheld: Dafür dass das eine Riddler-Story sein soll, bekommt er viel zu wenig Raum, um sich zu entfalten. Er wird bloß als nerdig-schräger Comic Relief verheizt, der alle mit seinen ewigen Rätseln nervt, ohne aber wirklich witzig zu sein.

Insofern verwundert es nicht, dass die drei Teile bisher nicht als Paperback erschienen sind. Run, Riddler, Run ist wert, vergessen zu werden.

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Batman als Trauerbewältigung

DC Comics

Titel: Batman: Creature of the Night (dt. Kreatur der Nacht)

Autor/Zeichner: Kurt Busiek/John Paul Leon

Erschienen: 2017-2019 (Mini-Serie #1-4), Hardcover 2020; dt. Panini 2020


„The world doesn’t become what we want, just because we want it to.“ (Alfred)

Realismus und Superheldencomics – das ist ein Thema, über das man eine Doktorarbeit schreiben könnte. In ihren ersten drei Jahrzehnten hatten Superheldencomics fast nichts mit der Realität zu tun, und dann immer weniger. Es waren meist eskapistische Kindergeschichten. Was mit Adam Wests Batman zumindest eine Weile Kult war, musste sich später den Vorwurf gefallen lassen, dass Superhelden die Relevanz fehlte, sich mit der Welt auseinander zu setzen.

Spätestens seit dem Bronze Age änderte sich das: Superhelden nahmen sich realer Probleme an. Sozialkritik hielt Einzug in die Comics, aber auch immer wieder der Vorwurf: Wenn Superhelden so mächtig sind, warum erlösen sie dann nicht die Welt? Die Antwort, die man dann lesen konnte, war: Weil die Menschen ihre Probleme selbst lösen müssen. (Zwischen den Panels stand natürlich: Weil es dann nichts mehr für Superhelden zu tun gäbe.)

Kurt Busiek hat sich in den 90ern mit Marvels gefragt: Was wäre, wenn die Marvel-Helden tatsächlich Teil unserer Welt wären? Wie würden die Menschen darauf reagieren? Was würde es mit uns machen? Und dann ging er mit Superman (Secret Identity) noch weiter: Was wäre, wenn in einer Welt, in der Superman nur ein Comic-Held ist, tatsächlich ein Junge Superkräfte bekäme wie er?

Batman-Fanboy wird zum Opfer

Das Resultat war nicht ganz so spannend wie Marvels, wurde aber gemeinhin gefeiert. Und was sich einmal gut verkauft, kann man in der Regel auch ein zweites Mal an die Leser bringen. Also Busiek das Gleiche noch einmal mit Batman gemacht: Creature of the Night.

Der Held der Geschichte ist Bruce Wainwright, ein Junge, der Ende der 60er mit seinen Eltern in Boston lebt – eine ganz normale Mittelstandsfamilie. Bruce ist ein Batman-Fan, liest Comics, verkleidet sich zu Halloween. Dann kommt er seinem Idol sehr nahe, als bei einem Einbruch seine Eltern erschossen werden. Bruce wird aber nicht zum Rächer, sondern zu einem Musterschüler und verwendet sein Erbe, um ein Super-Investor zu werden und (inspiriert von Comics wie Batman #217) Opfern von Verbrechen zu helfen, wie etwa einem Mädchen namens Robin.

DC Comics

Doch in der Stadt taucht auch eine geflügelte schwarze Gestalt auf, die sich aus Fledermäusen zusammensetzt und Verbrecher dahinmetzelt. Allerdings spricht niemand darüber. Für Bruce stellt sich die Frage: Bildet er sich das nur ein? Hat er vielleicht sogar die Kreatur erschaffen? Wird aus Wunschdenken Realität? Nein, sagt sein Vormund, ein Onkel, den Bruce (natürlich) Alfred nennt. Das Leben ist kein Wunschkonzert. Aber was ist, wenn doch?

Bruce und Batman machen später gemeinsame Sache gegen das organisierte Verbrechen, doch merkt Bruce schnell, wie aussichtslos der Kampf ist: Kaum ist ein Boss ausgeschaltet, kommt der nächste nach. Das Leben ist nicht so einfach wie im Comic. Bruce verbittert, radikalisiert sich. Als Bruce ahnt, wer dieser Batman sein könnte, wird er eins mit ihm …

Batman als Schreckgespenst

Creature of the Night lässt sich viel Zeit. Über 50 Seiten pro Ausgabe. Aber das Meiste ist bloß Introspektion und Nacherzählung: mal aus Bruces, mal aus Alfreds, mal aus Robins Sicht. Der Kampf gegen das Verbrechen gerät zur Nebensache. Der einzige Spannungsbogen besteht in der Frage: Was ist mit Bruce los? Die Auflösung will ich nicht verraten, nur so viel: Sie ist ernüchternd.

Damit ist Creature of the Night eine alternative Bruce-Story, die keine Batman-Story sein will, aber dann doch so viel Batman ist, dass man sich fragt, worin der Mehrwert dieser Geschichte besteht. Keine Frage: Unter all den vielen Batman-Comics ist dieses eindeutig etwas Anderes. Die Stimmung, die Zeichner John Paul Leon erschafft, irgendwo zwischen Noir und Horror, erinnert an David Mazzucchelli in Year One oder Michael Lark in Gotham Central. Aber die Prämisse, Batman in der Realität zu verankern, löst sich am Ende als Schreckgespenst auf. Batman wird zum Mechanismus der Trauerbewältigung.

DC Comics

In gewisser Weise erinnert die Idee an Dark Night: A True Batman Story (2016). Darin erzählt Paul Dini, wie Batman ihm als imaginärer Dialogpartner hilft, eine traumatische Erfahrung zu verarbeiten. Batman wird zunächst in Frage gestellt, dann aber als Inspirationsquelle rehabilitiert. Ähnlich ist es bei Creature of the Night, nur dass zuerst die Inspiration kommt, Gutes zu tun und dann die Desillusionierung.

Am Ende läuft es auf eine Erkenntnis hinaus: Batman gibt es wirklich – als Idee. Mehr Realität braucht es nicht.

Aber lohnt sich Creature of the Night? Sagen wir es mal so: Zwischen dem ersten und dem letzten Heft sind zwei Jahre vergangen. Vergleicht man Wartezeit und Ertrag, dann eher nicht.

>> Batman 2011-2019


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Die Geschichte wiederholt sich

DC Comics

Titel: Batman: Two-Face Strikes Twice!

Autor/Zeichner: Mike W. Barr/Joe Staton, Daerick Gross

Erschienen: 1993 (Zweiteiler)


„I guess there really are two sides to every story!“ (Robin)

Anfang der 90er kam eine Two-Face-Story heraus, die es mit dem Doppelten auf die Spitze trieb: Two-Face Strikes Twice erschien nicht nur als Zweiteiler, sondern auch als Doppelausgabe mit Wendecover und jeweils zwei Hälften zweier Geschichten, die aufeinander aufbauen.

Die erste Hälfte (gezeichnet von Joe Staton) ist im Stil des Golden Age gehalten. Harvey Dents Ex-Frau Gilda heiratet wieder: den Unternehmer/Wissenschaftler Paul Janus. Und als wäre der Name nicht schon genug, reibt sie es auch noch ihrem Ex unter die Nase. Klar, dass er aus dem Knast ausbricht und die Hochzeit vereitelt.

Two-Face verkleidet sich als Pfarrer und wirft dem Bräutigam Säure ins Gesicht. Kurz darauf trägt Janus eine Doppelmaske und begeht mit Two-Face Verbrechen. Sehr glaubwürdig ist das nicht, aber auch Batman und Robin haben ihren Verdacht, dass hier irgendwas faul ist. Das Dynamische Duo landet in einer Todesfalle, in der der Schurke eine riesige Münze über sie rollen lassen will. Später tritt Two-Face in Ritterrüstung auf einer Van-Gogh-Ausstellung auf und Robin wird – wie symbolträchtig – von einem Pinsel gerettet.

Fortsetzung mit Zwillingen

Die zweite Story (gemalt von Daerick Gross) erzählt die Fortsetzung in einem (für die 90er) zeitgemäßeren Stil. Familie Janus hat Zwillinge bekommen. Gilda ahnt, dass das wieder nur Ärger bedeutet – und damit liegt sie richtig, denn ihr Ex lässt nicht lange auf sich warten und entführt die beiden Babys. Ein zwielichtiger Wissenschaftler will aus ihnen das Fruchtbarkeitsmittel extrahieren, das Janus entwickelt hat. Allerdings stellt sich heraus, dass die Zwillinge ohne das Mittel entstanden sind. Also erpresst Two-Face Janus. Die Frage ist: Ist Harvey fähig, Kinder zu töten?

Für Batman wiederholt sich die Geschichte: Wieder landet er in einem Graben und soll von einer riesigen rollenden Scheibe zerdrückt werden, mit dem Unterschied, dass er diesmal allein ist und es sich um eine große Linse aus Glas handelt. Dann wird Robin entführt …

Brücke zwischen Continuitys

Interessant an dieser Doppel-Struktur ist, dass Autor Mike W. Barr stets den Epochen treu bleibt: Im ersten Teil kämpft Batman an der Seite von Dick Grayson, im zweiten ist es Tim Drake. Im ersten sitzt Two-Face im Knast, im zweiten in Arkham Asylum. Trotzdem schlägt die Story eine Brücke über die beiden Continuitys vor und nach der Crisis.

Ansonsten handelt es sich um eine wendungsreiche Story, die von viel Nostalgie und Albernheit geprägt ist. Die zweite Hälfte wirkt zwar ernsthafter, aber ist ebenso plakativ gemacht und nicht ernst zu nehmen. Superdämliche Handlanger und eine übertriebene Neigung zur Zahl Zwei heben die Qualität nicht wirklich. Harvey Dent bleibt in der Falle seiner Zweidimensionalität stecken, mehr eine Karikatur seiner selbst. Daran ändert auch die Wendung am Ende nicht viel. In den 90ern war man eigentlich schon weiter, daher wirkt der zweite Teil merkwürdig anachronistisch.

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Harleen: Heilung durch Liebe

DC Comics

Titel: Harleen

Autor/Zeichner: Stjepan Sejic

Erschienen: 2019 (Harleen #1-3), Hardcover 2020


Harley Quinn ist gerade so hoch im Kurs und omnipräsent, dass es nervt: im Kino, als Zeichentrickserie, in den Comics. DC hat 2019 in seinem Black Label gleich zwei Harley-Miniserien parallel gestartet. Eine davon ist Harleen. Erzählt wird in diesem Dreiteiler alles noch einmal, schon wieder und von vorn, wie aus Harleen Quinzel Jokers Geliebte Harley Quinn wurde. Also noch eine Mad-Love-Variation für Erwachsene und breitgewalzt auf 200 Seiten. Aber nein: Denn so vertraut die Story zunächst scheint, ist hier doch alles anders.

Harleen Quinzel ist hier zunächst eine talentierte junge Psychiaterin, die an starken Selbstzweifeln leidet. Anders als in Mad Love hat sie sich nicht hochgeschlafen, sondern ihre Karriere hart erarbeitet. Sie ist eine Idealistin, die herausfinden will, warum psychisch Kranke ihre Empathie verlieren, und fängt dafür Interviews mit Insassen in Arkham Asylum an. Darunter ist auch der Joker.

Harleen hat Angst vor ihm. Sie leidet unter Schlaflosigkeit und Alpträumen. Und sie lässt sich nicht täuschen. Die Erfahrungen ihrer Vorgänger zeigen ihr, dass der Joker ein Manipulator ist, der selbst Profis mit seinen Lügen einwickelt. Trotzdem glaubt sie in den Gesprächen mit ihm, zu seinem wahren Selbst vorzudringen und ihm helfen zu können. Sie überschreitet eine Grenze nach der anderen, um ihm näher zu kommen – und verliert sich selbst.

Joker á la Thomas Hobbes

Der Joker ist hier ein junger attraktiver Mann, dessen Philosophie an Heath Ledgers Interpretation, bzw. an Thomas Hobbes, erinnern:

„We’re all monsters in a civilized cage, it just takes the right kind of pain and fear to break the lock.“

Gotham sei die „city of monsters“, aber mit seinen vielen gewalttätigen Irren immerhin ein ehrlicher Ort. Denn auch die scheinbar guten Menschen sehen sich danach, sich in gewalttätige Tiere zu verwandeln.

„Gotham is full of people like that. Hands twitching while they dream of violence, shivering with barely suppressed rage, brimming with righteous indignation. Smiling politely as they imagine savage things. Every last one of them a bomb that needs but a single spark to set it of.“

Harleen funktioniert aber nicht nur wegen einer starken Joker-Figur so gut, sondern auch weil es keine Harley Quinn-Story ist. Die Figur kommt kaum vor. Stattdessen ist es eine Harleen-Quinzel-Story. Die Geschichte einer scheiternden Psychiaterin, die nur helfen will, aber sich selbst nicht helfen kann, immer tiefer in den Abgrund zu rutschen. Zum anderen gelingt Harleen, weil sich Autor Stjepan Sejic viel Zeit lässt, seine Hauptfigur zu ergründen und glaubwürdig zu erzählen, wie eine intelligente Frau zu einer Psychopathin unter dem Einfluss des Jokers werden kann. Die Antwort: Sie bildet sich ein, ihm helfen zu können, weil er in ihr die Liebe findet, die er braucht. Die Story profitiert davon, dass die tragische Heldin ihre Geschichte in einer zweifelnden Offenheit selbst erzählt.

Warum Batman nicht tötet

Batman spielt hier nur eine kleine Rolle am Rande. In einer Sequenz fragt ihn Harleen, warum er nicht tötet. Er antwortet, dass er hofft, den Tätern helfen zu können:

„I don’t kill because as hard as it sometimes is, it’s still the right choice. I don’t kill because I don’t want to give up on them…or on myself.“

Durch diese Aussage bestärkt er indirekt die Psychiaterin in ihrem Willen, dass man auch den Joker heilen könne.

Harleen ist zu einem großen Teil auch eine Two-Face-Story. In einer intensiven Variation seiner Entstehungsgeschichte wird gezeigt, wie Staatsanwalt Harvey Dent im Kampf für das Gute langsam in den Wahnsinn abrutscht und sich mit den Executioners, einer Bande von Polizisten, verbündet, die davongekommene Verbrecher tötet. Gemeinsam planen sie, die Insassen von Arkham zu befreien, um in der Stadt wieder die Todesstrafe einzuführen. Allein hier könnte man kritisieren, dass es naheliegender wäre, wenn sie die Verbrecher selbst hinrichten würden – so wie sie es auch sonst tun.

Darüber hinaus ist der Comic auch optisch gelungen. Stjepan Sejic zeichnet mit präzisem, feinfühligem Strich ausdrucksstarke Figuren mit nuancierten Mimiken und Körperhaltungen. Schurken wie Two-Face, Poison Ivy und Killer Croc wirken ebenso schrecklich wie anziehend. Auf dem großen Seitenformat kommen die Bilder besonders gut zur Geltung.

Insgesamt ist Harleen unbedingt lesenswert und einer der besten Harley-Quinn-Origins seit Mad Love. Eine echte Bereicherung dürfte es gerade für die sein, die Harley Quinn nicht mögen. Dieses Comic könnte sie endlich mit der Figur versöhnen.

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Watchmen erklären Supermans Welt

Doomsday Clock Vol. 1 Cover

DC Comics

Titel: Doomsday Clock

Autor/Zeichner: Geoff Johns/Gary Frank

Erschienen: 2017-2019 (Doomsday Clock #1-12), Hardcover 2019 (#1-6), Teil 2 folgt 2020


Als 1986 bis 1987 Watchmen herauskam, war es eigentlich ein Schlussstein. Alan Moore und Dave Gibbons hatten mit ihrer Superhelden-Dekonstruktion einen radikalen Abgesang auf das Genre geschrieben. Zusammen mit Frank Millers The Dark Knight Returns war spätestens nach Watchmen alles gesagt. Aber die Superhelden gingen als unendliche Geschichte weiter – nur war danach nichts mehr wie vorher. Der Mainstream von DC und Marvel wurde immer selbsteflexiver, düsterer, pessimistischer, nihilistischer – und im Grunde ist er das bis heute geblieben.

Doch als mit Watchmen Comic-Geschichte geschrieben wurde, dann war es eine Geschichte, die mit dem letzten Teil der zwölf Hefte nicht zu Ende ist. Im Jahr 2012 brachte DC die Prequel-Reihe Before Watchmen heraus. Gegen den Willen von Alan Moore, der auch die Film-Adaption von Zack Snyder ablehnte (wie überhaupt alle Adaptionen seiner Werke). Aber Moore hat dabei kein Mitspracherecht mehr und so konnten Warner/DC auch eine Sequel-Serie bei HBO starten, die derzeit läuft.

Und dann gibt es noch Doomsday Clock. Mit dem weichen Reboot von DC Universe Rebirth wurde 2016 der Grundstein für ein Crossover zwischen den Watchmen– und den DC-Helden gelegt, der in The Button angedeutet wurde. In Kurzfassung: Dem DC-Universum wurden mehrere Jahre gestohlen, Helden wie Wally West (Flash) sind verbannt und vergessen worden. Batman hat den Button des Comedian in der Bathöhle gefunden – und dieser Button hat den Reverse-Flash getötet. Dahinter steckt Dr. Manhattan … (Bevor man Doomsday Clock liest, sollte man all das gelesen haben. Am besten auch Flash Rebirth. Reihenfolge siehe unten.)

Doomsday Clock ist wie das Original eine ebenfalls zwölfteilige Serie von ähnlichem Umfang. Und auch die Struktur ist ähnlich, Autor Geoff Johns hat Alan Moores Erzählstil übernommen, das Neuner-Raster-Layout, die Binnenhandlung (früher der Piratencomic Tales of the Black Freighter, hier der Noir-Krimi The Adjournment) und selbst die dossierartigen Seiten am Ende, die in verschiedenen Medien (Zeitungsartikel, Briefe, Akten) die Hintergründe beleuchten.

Die Story spielt 1992, sieben Jahre nach Watchmen. Arian Veidts (Ozymandias) inszenierte Alien-Invasion in New York ist als Betrug aufgeflogen. Die Welt steht wieder davor, von einem Kalten in einen Heißen Krieg abzudriften, der zur totalen Katastrophe wird. Die Menschen sind aufgebracht und protestieren. Veidt ist auf der Flucht. Ein neuer Rorschach hat sich mit ihm verbündet, befreit die Superschurken  Marionette und Mime aus dem Gefängnis und zusammen mit Ozymandias reisen sie in die Welt der DC-Helden, um Dr. Manhattan zu finden, der dort vermutlich eine bessere Welt sucht.

In der DC-Welt sind die Leute aufgebracht, weil eine Verschwörungstheorie im Umlauf ist, die besagt, dass die Superhelden von der US-Regierung geschaffen und gesteuert sind (The Boys lässt grüßen). Im weiteren Verlauf trifft zuerst Batman auf Rorschach, dann tauchen der Comedian und der Joker auf … Soweit die Handlung im ersten Band, der sechs Hefte vereint.

ACHTUNG SPOILER!

In der zweiten Hälfte kommt es zur einer Eskalation zwischen den Superhelden und auch zwischen den Weltmächten Russland und USA wegen eines Zwischenfalls mit Firestorm in Russland, bei dem viele Menschen sterben. Die Stimmung kippt gegen Superman, die Helden fliegen zum Mars, um gegen Dr. Manhattan zu kämpfen, den sie für die Ursache des Zwischenfalls halten. Schließlich kämpft Superman gegen Dr. Manhattan …

Gesellschaftskritik und Welterklärung

Doomsday Clock will vieles sein. Zunächst eine Hommage an Watchmen. Autor Geoff Johns eifert seinem Vorbild Alan Moore nach wie ein Musterschüler, versucht sich an Gesellschaftskritik und Welterklärung. Und Gary Frank ist ein Zeichner, der Dave Gibbons wahrscheinlich sogar übertrifft. Es gibt einige wunderbare Sequenzen, etwa wenn Batman Rorschach reinlegt oder Alfred Pfannkuchen für Rorschach macht.

Dann soll die Serie aber auch Watchmen mit dem DC-Universum vereinen. Das wirkt etwas bemüht. Denn von den sechs Watchmen-Helden fehlen Nite Owl und Silk Spectre ganz, der Comedian wird ohne große Erklärung und Notwendigkeit von den Toten zurückgeholt und spielt eigentlich auch keine Rolle, für Rorschach muss ein Nacheiferer herhalten, der aber alles falsch verstanden hat.

Bleiben nur Dr. Manhattan und Adrian Veidt, die Antagonisten, die die Handlung vorantreiben. Und weil das etwas dürftig ist, erfindet Geoff Johns zwei neue Charaktere: das Schurkenpaar Marionette und Mime. Auch wenn sie – nach alter Watchmen-Manier – eine ausführliche und dramatische Backstory bekommen, erfüllen sie hier keinen großen Zweck, außer für ein bisschen Action und Gemetzel zuständig zu sein. Man hätte mehr aus ihnen machen können.

Vor allem aber will Doomsday Clock einen ganz pragmatischen Zweck erfüllen: Ordnung ins DC-Universum zu bringen. Die vielen Krisen von Crisis on Infinite Earths, Infinite Crisis, Final Crisis und Flashpoint (ich habe ein paar ausgelassen) haben immer wieder versucht, das Chaos zu begradigen, aber dadurch nur noch mehr Verwirrung gestiftet. Das Multiversum wurde zerstört und wieder aufgebaut, Charaktere wurden getötet oder einfach gestrichen, was natürlich nie gut ankommt und nie von Dauer sein kann, weshalb man sie doch immer wieder zurückholen muss. Mit Wally West ist das bereits passiert. Jetzt werden auch die Golden-Age-Helden der Justice Society (Jay Garrick, Alan Scott usw.) reaktiviert.

Superman als Zentrum des Metaverse

Doomsday Clock erklärt nun das alles, indem es Superman zum Dreh- und Angelpunkt des Metaverse macht. Aus reiner Neugier hat Dr. Manhattan dieses Metaverse manipuliert, um zu sehen, was passiert, und dadurch ständig neue Realitäten geschaffen, die sich um Superman herum anordneten: In einer Version hat Superman seinen ersten Auftritt 1938 (Action Comics #1), in einer anderen 1986 (Man of Steel #1) und so weiter. Das ist der wahrscheinlich interessanteste Aspekt. Denn dadurch wird erklärt, wie 80 Jahre Comic-Geschichte in einem großen Meta-Narrativ zusammenpassen.

Superman ist bereits bei Alan Moore Teil des Watchmen-Universums gewesen: Als Comicheld ist er den Menschen bekannt. Nicht nur der Zeitungsverkäufer Bernie nennt ihn, sondern auch Hollis Mason erwähnt Action Comics, sogar den Verlag DC gibt es in der Welt von Watchmen. In Doomsday Clock wird aus dem fiktiven Comichelden Realität, und zwar eine dynamische Realität, die sich am Auftritt des ersten Superhelden orientiert. Am Ende ist es Superman, der auch Dr. Manhattan eine neue Perspektive aufzeigt. Und ganz nebenbei wird für die Leser die Geschichte des DC-Universums umgeschrieben oder zumindest in einem neuen Kontext erklärt.

Es ist nur schade, dass am Ende der Eindruck zurückbleibt, dass die Fusion von Watchmen und DC-Universum nur als Mittel zu diesem Zweck diente. Denn einen größeren Mehrwert bietet diese überambitionierte Geschichte leider nicht. Die eigentliche Handlung, die Ozymandias anstößt, wirkt wie ein Wiederaufguss von Watchmen, ohne dem Thema neue moralische oder philosophische Aspekte abzugewinnen.

Trotz seiner strukturellen Schwächen bietet Doomsday Clock Unterhaltung auf hohem Niveau: Es ist ein anspruchsvoller Comic, der dem Leser viel Vorwissen (siehe unten) und einige Konzentration abverlangt. Und er verdient es auch, mehrmals gelesen zu werden, denn wie schon in Watchmen stecken hier so viele Details, dass man sie beim ersten Lesen nicht alle erfassen kann. Man sollte weniger ein „Watchmen 2“ erwarten, als eine Hommage. Es ist eher ein Fan-Service-Stück als eine Geschichte, die unbedingt erzählt werden musste. Vielleicht kann man sie als ein Experiment betrachten: Nicht alles daran glückt, aber es ist spannend, es mitanzusehen und dort zu genießen, wo es gelingt.

Lesereihenfolge für Doomsday Clock:


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Darkseid lässt die Zombies los

dceased hardcover

DC Comics

Titel: DCeased

Autor/Zeichner: Tom Taylor/Trevor Hairsine u.a.

Erschienen: 2019 (DCeased #1-6, DCeased: A Good Day to Die #1), Hardcover 2019


Der Zombie-Hype ist eigentlich längst vorbei, dachte ich jedenfalls, als Jim Jarmusch in diesem Jahr The Dead Don’t Die ins Kino brachte und die letzte Ausgabe von Robert Kirkmans The Walking Dead-Comic erschien. Aber aus irgendeinem Grund gibt es mittlerweile zehn TV-Staffeln The Walking Dead und fünf Staffeln Fear the Walking Dead – und es ist kein Ende in Sicht. Zombies sind immer noch quicklebendig.

Nach Marvel Zombies hat auch die Konkurrenz nachgelegt: DCeased, lautet der naheliegende Titel. Die Story stammt von Tom Taylor, der bereits mit Injustice eine action- und wendungsreiche Serie rund um mörderische Superhelden schreiben durfte. Auch DCeased spielt jenseits der regulären Continuity und das bedeutet völlige erzählerische Freiheit.

DC Comics

Die Geschichte ist simpel: Nach einem gescheiterten Eroberungsversuch verseucht Darkseid durch ein Versehen die Erde mit der Anti-Life-Equation, einem bösartigen Killervirus, der sich übers Internet (Social Media) und über Blut verbreitet und alle in mordwütende Monster verwandelt. Zombies? Nein, nicht wirklich, wird mehrmals versichert. Aber ziemlich nah dran …

Ich will nicht zu viel verraten, aber das Prinzip erschließt sich schnell: Natürlich müssen auch die Helden dran glauben. In jedem Kapitel verwandeln sich ein paar und werden zu einer Bedrohung für die Überlebenden. Die Ereignisse überschlagen sich. Immer mehr sterben. Von Heft zu Heft wird es schlimmer und furchtbarer und aussichtsloser. Tom Taylor treibt es mit seiner Radikalität so weit, dass am Ende kaum noch etwas von Hoffnung auf Besserung übrig bleibt.

 

Aber um das Ganze etwas aufzulockern, lässt er Helden wie Green Arrow, Mister Miracle und Constantine witzeln. Die Pointen zünden – aber leider in den unpassendsten Situationen. Die Selbstironie darin nimmt dem Geschehen die Dramatik und es ist schwer, das alles so ernst zu nehmen, wie es eigentlich sein sollte. Aber Taylor rast auch so sehr durch seine Geschichte, für die Protagonisten bleibt zu wenig Zeit zum Nachdenken und zur Trauer, dass 90 Prozent der Weltbevölkerung ausgelöscht werden. Hier ist alles Action und Gemetzel. Die braven Superhelden des DC-Universums müssen sich nicht mehr zurückhalten und können nach Gutdünken alles zerfetzen, was ohnehin nicht mehr richtig lebt.

Und darum geht es wohl am Ende bei Zombie-Storys: eine Gesellschaft ohne Regeln, hemmungsloses Töten, weil die Menschen ihre Menschlichkeit verloren haben. Ach nein, zwischen den Zeilen schwingt immer auch Sozialkritik durch: die Gesellschaft als verblödete, konsumgierige Masse. Das gibt es hier auch. Die Message ist aber ziemlich aufs Auge gedrückt: Das Internet ist böse und schafft Mörder. Also einfach mal wieder abschalten und Comics lesen? Ob DCeased aber ein so viel smarterer Zeitvertreib ist, das darf bezweifelt werden.

Auch visuell überzeugt die Miniserie nicht immer, weil mehrfach – auch innerhalb von Ausgaben – die Zeichner wechseln und darunter leider nicht nur talentierte sind.

Fortsetzung folgt – schon im nächsten Jahr mit DCeased: Unkillables, drei Ausgaben sollen von Februar bis April erscheinen.

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