Superman: The Kryptonite Spectrum

DC Comics

Autor/Zeichner: W. Maxwell Prince/Martín Morazzo

Erschienen: 2025-2026 (Miniserie #1-5), Hardcover 2026


Kryptonit ist nicht gleich Kryptonit. Die meisten kennen die grünen Steine, die Superman verwunden, schwächen und sogar töten können. Ihren Ursprung haben sie ironischerweise von Krypton selbst. Die Relikte von Supermans verlorener Heimat bilden auch buchstäblich sein Trauma und bleiben seine immerwährende Bedrohung.

Seit das Kryptonit jedoch eingeführt wurde (zuerst im Radio Serial 1943, erst 1949 in Superman #61) wurden Varianten in anderen Farben hinzugefügt. Und zwar in so ziemlich jeder Farbe, die man drucken kann. Jede Variante hatte andere Effekte auf Superman: Rot machte ihn wütend, schwarz spaltete seine Persönlichkeit in gut und böse, gold beraubte ihn seiner Kräfte.

Kryptonit in neuen Farben

In der Miniserie The Kryptonite Spectrum findet Superman im All einen Felsen mit vier neuen Varianten: purpur bzw. violett, cobalt, grau gesprenkelt und regenbogenfarben. Um herauszufinden, was es damit auf sich hat, ruft er seinen Kumpel Batman in die Festung der Einsamkeit. Der rät ihm, die Steine zu zerstören, denn er ahnt, dass erfahrungsgemäß von ihnen nichts Gutes kommen kann. Doch Superman tut genau das Gegenteil: Er setzt sich ihnen aus, um herauszufinden, was sie mit ihm anstellen – und das, obwohl sie ihn verletzen oder gar töten könnten. Und es kommt, wie es kommen muss: Das Experiment bringt jede Menge Ärger!

Die Prämisse ist also schon mal sehr dumm und verantwortungslos. Superman lässt sich zunächst sogar mit dem violetten Strahl beschießen (statt einfach nur den Stein zu berühren). Der bringt seine Zeitwahrnehmung durcheinander. Sogar beim Blick auf den Kalender. Dann sehen wir einen Kampf mit Solomon Grundy in falscher Reihenfolge. Und für die Chronologiefetischisten unter uns wird am Ende alles nochmal in „richtiger“ Reihenfolge dargeboten. Es ist zwar eine schöne Meta-Spielerei, wenn Superman zwei Panels in den Händen hält und dann die Handlung richtig ordnet, aber gebraucht hätte es das nicht. Doch der Intelligenz seiner Leser scheint der Autor nicht viel zuzutrauen.

Superman als Kaiju in Metropolis

Deshalb benimmt sich Superman weiterhin wie ein Idiot, indem er sich dem Cobalt Kryptonite aussetzt. Das lässt ihn zum Riesen wachsen. Doch statt dass er darauf wartet, bis Batman in der Festung der Einsamkeit eine Lösung für das Problem findet, fliegt Superman nach Metropolis, löst als Kaiju eine Massenpanik aus und zieht den Zorn von Lex Luthor auf sich, der ihn mit rotem Kryptonit beschießt, böse werden lässt und dann auch noch das radioaktive Monster Chemo auf ihn loslässt. Die Justice League muss den blauen Riesen bändigen und zusehen, dass keine Menschen umkommen.

Superman trifft Shazam

Und dann saugt Superman Chemo einfach aus wie einen Milkshake, mutiert durch das graue Kryptonit zu Superboy und trifft auf Captain Marvel (alias Shazam) alias Billy Batson. Das Gipfeltreffen als Jugendliche hat seinen Charme. Sie spielen im Kinderzimmer mit Actionfiguren und zeichnen ihre Erzählungen mit Buntstiften nach, was optisch sehr gelungen ist. Doch in der Zwischenzeit verbünden sich Doctor Sivana und Toyman gegen ihre Erzfeinde, indem sie eine Falle in Form eines Vergnügungsparks für sie bauen und dorthin locken. Zufällig haben die beiden Helden eh Lust auf Spiel und Spaß und nehmen die just in dem Moment hereinflatternde Einladung an.

Und obwohl der Park leersteht, sich die Schurken zu erkennen geben und eine Horde von Bizarro-Robotern auf sie losschickt, steigen sie trotzdem in die Achterbahn des Todes. Zu befürchten haben sie allerdings nicht viel. Eher von den Strahlenkanonen, die die Schurken auf sie schießen. Man kann fragen: Warum nicht gleich so? Aber dann gäbe es ja die Szene nicht. Wäre für uns aber auch kein großer Verlust gewesen. In diesem Stil geht es weiter. In so einer albernen Story dürfen auch die albernsten Figuren nicht fehlen: die aus der Fünften Dimension …

Nostalgischer Trip

The Kryptonite Spectrum ist mal wieder eine große Verneigung vor dem Golden und Silver Age und steht damit im selben nostalgischen Geist wie Grant Morrisons All-Star Superman. Selbst der Zeichenstil orientiert sich sehr an Frank Quitely und verneigt sich auch mit einer Hommage vor ihm. Doch auch wenn ich kein großer Fan von Quitely bin, ist Martín Morazzo leider nicht annähernd so versiert. Sein Strich ist zu sauber und zu steril, oft wirken seine Figuren steif und die Gesichtsausdrücke daneben. Die flächigen und blassen Farben tun dem an sich bunten Spektakel auch keinen Gefallen. Batman ist ein einziger grauer Klotz ohne Schatten oder starke Präsenz. Das Ganze wirkt fade, obwohl die Erzählung genau das Gegenteil sein will.

Trotzdem gibt es immer wieder einige interessante Einfälle, pfiffige Anspielungen und auch einige witzige Momente, auch wenn die Gags nicht immer zünden und oft abgegriffene Motive bemüht werden, etwa das totzitierte Alice im Wunderland. Besonders wild wird es in Kapitel vier, wenn es in die Fünfte Dimension geht und es viele formale selbstreflexive Meta-Spielereien gibt, von einer Seite im Silver-Age-Stil bis hin zur Prosa im aufgeblähtem Faulkner-Stil. Für ein so voraussetzungsreiches Buch ist es umso ärgerlicher, dass es zu Beginn zum 10.000. Mal Supermans Origin nacherzählt – für alle Säuglinge unter den Lesern, die noch nie von ihm gehört haben. Auch hier ist All-Star Superman überlegen gewesen: vier Panels und acht Worte haben gereicht.

Während Morrison virtuos die Nostalgie bediente und dabei eine schöne Meditation über den Mann aus Stahl schuf, wirkt The Kryptonite Spectrum wie das unbeholfene Spiel zweier Kinder. Während sich bei All-Star Superman der Held auf seinen langsamen Tod vorbereitet, geht es hier um – nichts. Es gibt kein großes übergreifendes Thema, hier steht bis kurz vor Ende nichts auf dem Spiel, Superman bringt sich nur unnötig selbst und andere in Gefahr.

Wer sich aber auf diese Retro-Spielerei einlassen kann, wird seinen Spaß haben. Besonders, wenn man sich gut in der langen Historie der Figur auskennt. Den Verstand sollte man dabei aber ausschalten.

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