Anthologie

Neues aus dem Kriegsgebiet Gotham

DC Comics

Titel: Gotham Nights

Autor/Zeichner: Michael Grey, Mark Russell/Ryan Benjamin, Jim Lee u.a.

Erschienen: 2020 (Gotham Nights #1-6)


Nach den ersten Ausgaben von DCs neuer „Digital First“-Serie Gotham Nights habe ich mal einen Blick hineingewagt. Erzählt werden meist 17-seitige Kurzgeschichten, die jeweils für sich allein stehen.

Die erste Ausgabe beginnt mit zwei kurzen Geschichten, die Militärbezug haben. In „Medal of Honor“ (gezeichnet von Jim Lee) passiert etwas Ungewöhnliches: Wir sehen Batman an der Seite der Polizei gegen eine schwer bewaffnete Clownsbande kämpfen. Aus dem Off erzählt jemand das Geschehen nach. Batman setzt sich dem Kugelhagel aus, Gordon wird verwundet – und Batman rettet ihm das Leben. Am Ende wird klar, dass die Worte aus einer Rede von 2010 stammen, in der US-Präsident Barack Obama den Soldaten Sal Giunta mit der Medal of Honor für seinen Einsatz in Afghanistan ausgezeichnet hat. Damit ist Giunta der erste Soldat seit dem Vietnam-Krieg, der diese Auszeichnung erhielt.

Joker als Anwalt der Unterwelt

Indem Giuntas wahre Geschichte mit der von Batman fusioniert, soll der Soldat geehrt werden. Zugleich aber wird natürlich auch Batman die Ehre zuteil, auch wenn in der Story ihm niemand eine Medaille umhängt. Batman als Soldat auf dem Schlachtfeld von Gotham, der selbstlose Dunkle Ritter. Ein interessantes Experiment. Die folgende Geschichte, die Kate Kane (Batwoman) bei einem Einsatz in Afghanistan zeigt, kann da nicht mehr mithalten.

In den nächsten zwei Ausgaben folgen Geschichten über Clayface und Poison Ivy, wie man sie schon zu Dutzenden gelesen hat: Clayface nimmt die Gestalt eines Schauspielerkollegen an, um einen Studio-Boss zu erschießen, der sich an einer Kollegin vergriffen hat – der Rest ist Selbstmitleid und Kampf. Und Poison Ivy rächt sich für die Rodung des Regenwaldes – gähn … Immerhin solide gezeichnet von Ryan Benjamin.

DC Comics

Doch dann übernimmt ein neuer Autor, Mark Russell, und es wird wieder interessanter: In „The Dragnet“ spioniert Bruce Wayne seine reichen Freunde aus, die das Trinkwasser verseuchen und ihr Geld mit Partydrogen verdienen. Batman bringt sie ins Gefängnis, aber er spielt weiter ein Doppelspiel als Bruce Wayne. Am Ende kommt der Joker ins Spiel – als Anwalt der Unterwelt. Auch hier ist alles schnell vorbei, aber es ist immerhin eine einfallsreiche Geschichte, die man sich auch gerne etwas länger gewünscht hätte.

Ähnlich in Ausgabe fünf: In „Concrete Jungle“ muss Batman einen Zeugen an einem schießwütigen Mob vorbeibringen, um ihn der Polizei auszuliefern. Harley Quinn hat hier einen unbedeutenden Gastauftritt. Und während man sich fragt, wie Batman einen Menschen in einem Sack herumtragen und werfen kann, ohne dass sich das Opfer alle Knochen bricht, gibt es am Ende wieder eine nette überraschende Wendung.

Codewort: Balyushka

Das Beste aber kommt zum Schluss: Nachdem Batman so viele Verbrecher schnappt, dass Gotham ein neues Gefängnis bauen muss, um sie alle unterzubringen, fehlt Geld im Haushalt. Also kürzt man bei der Krankenversicherung. Daraufhin springt der Joker ein. Per Video-Botschaft verkündet er, die jeden Monat die Versicherung für fünf Bürger zu übernehmen, wenn sie ihm ein Video schicken, auf dem sie das Wort „Balyushka“ sagen. Natürlich muss es ein Video nach Jokers verdrehtem Geschmack sein.

Kurz darauf ist die Stadt voller Verzweifelter, die allen möglichen Unfug anstellen, um ihre dringend benötigte medizinische Behandlung bezahlen zu können, und Batman muss einige von ihnen retten, bevor sie sich ernsthaft wehtun.

Mark Russells Story ist nicht nur unterhaltsam und schwungvoll gezeichnet (Viktor Boddanovics Stil erinnert sehr an Greg Capullo), sondern auch verblüffend vielschichtig: Da ist die Kritik an dem menschenverachtenden Gesundheitssystem der USA, Kritik an Batmans rücksichtslosem Feldzug, der einen hohen Preis für die Verbrechensbekämpfung zahlt, aber auch an der Sensationskultur des Internets, in der täglich auch ohne Not Menschen sich zu Idioten machen, um ein paar Minuten Aufmerksamkeit zu bekommen. Selbst das Ende hält noch eine starke Wendung parat.

Insgesamt also ist Gotham Nights bislang einerseits ein solider Einstieg für Neulinge und Gelegenheitsleser, ohne sich in die Vorgeschichten und Continuity vertiefen zu müssen. Andererseits können auch eingeschworene Batman-Fans, die leichte Lektüre für zwischendruch suchen, ein paar kleine Perlen entdecken.

Es wäre zu früh, aus den ersten sechs Ausgaben einen Trend abzuleiten, aber wenn es so weitergeht, dann hat diese Serie noch großes Potenzial, ähnlich wie die Anthologie-Sammlungen Legends of the Dark Knight und auch Batman: Black and White.


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Batman treibt Blüten

DC Comics

DC Comics

Titel: Solo

Autor/Zeichner: diverse

Erschienen: 2004-2006 (Mini-Serie #1-12), Deluxe Edition 2013


„Tell me, Alfred — am I a dinosaur?“ (Batman)

Das Prinzip von Solo ist einfach: zwölf Zeichner, jeder hat ein Heft von 48 Seiten und darf machen, was er will. Und wenn großen Künstlern völlige Freiheit gelassen wird, kommt oft etwas Gutes dabei heraus. (Siehe Batman Black and White.) In Solo steckt viel Gutes: viele erstklassige Geschichten aller Art, von Science-Fiction bis Western, von Noir-Gangster-Krimis bis zum Superhelden-Comic. Für jeden Genretyp und Geschmack ist was dabei – hochtrabend künstlerisch bis cartoonesk-trivial. Und natürlich auch viel Batman.

In „Date Knight“ beginnt Tim Sale (The Long Halloween, Dark Victory, Haunted Knight) gleich mit einem furiosen Katz- und Fledermaus-Spiel zwischen Catwoman und Batman: in gewohnt herrlicher Noir-Manier mit großen Panels, die die intimen Momente feiern.

Darwyn Cooke (Batman: Ego), der seine Anthologie in eine Rahmenhandlung mit Slam Bradley bettet, zelebriert am Ende den Dunklen Ritter, wie es seit dem Vorspann von The Animated Series nicht mehr getan wurde. Der Vergleich kommt nicht von ungefähr: Cooke war Storyboard-Zeichner für die Serie, und seine Geschichte „Deja vu“, die eine 70er-Jahre-Story nacherzählt, handelt wie der Vorspann davon, dass Batman sich ein paar Bankräuber schnappt. Das geht zwar etwas drastischer und dramatischer vonstatten, aber die Handlung ist nur der Aufhänger, um die Essenz von Batman stimmungsvoll einzufangen. Das einzig Überflüssige sind hier die Worte, es ist eine Story, die mustergültig über die Bilder wirkt. Ein mustergültiger Comic. Cooke bekam für seine Ausgabe einen Eisner-Award.

Gleiches gilt für „Teenage Sidekick“ von Paul Pope. Darin rettet Batman Robin aus einer Todesfalle des Jokers. Doch das Spannende spielt sich im Text ab: Der Erzähler zieht einen Vergleich zwischen den dreien, er erklärt plausibel, warum Batman einen Robin braucht, weil er dann nämlich dem Joker zu ähnlich wäre: „dark, isolated, alone … a lonely, hollow man … a bad man who can’t feel …“ Auch dafür gab es den Eisner-Award.

„Poison“ von Jordi Bernet und Brian Azzarello: Poison Ivy bekennt ihren Hass auf Männer und bekommt dafür zweimal eine von Batman gewatscht. Moralisch höchst bedenklich, aber auch sonst eine der eher schwächsten Geschichten des Bandes. Gleiches gilt für die Beiträge von Damion Scott und Brendan McCarthy. Sergio Aragones gelingt eine alberne, aber immerhin witzige Parodie auf Batman.

Michael Allred versucht sich in „Batman A-Go-Go!“ an einer Dekonstruktion des Mythos, anhand der Batman-TV-Serie der 60er Jahre. Buchstäblich, denn es taucht sogar ein Derrida-lesender Möchtegernschurke namens Doctor Deconstruction auf. Aber das nur am Rande. Batman wird grundsätzlich infrage gestellt: Ist er noch zeitgemäß? Lockt er bloß andere Kostümierte an, die sich mit ihm messen wollen? Und es geht auch um die Grundfrage der Kunst: Soll sie das „wahre Leben“ nachahmen? Und wenn ja, ist das „wahre Leben“ das Gute oder das Schlechte? Eine amüsante Reflexion auf einer poppig-bunten und albernen Ebene. Ein interessantes Experiment, wenn auch keine dramaturgisch raffinierte Geschichte.

Ein richtiges Highlight, vielleicht sogar die beste Story der gesamten Anthologie, ist „Batman: 1947“ von Scott Hampton. Ein Batman-Darsteller wird unfreiwillig durch Zufall zum Alltagshelden. Das ist nicht nur eine sympathische Idee, sie wird auch einfühlsam und perfekt inszeniert. Aber auch die übrigen Geschichten von Hampton sind außerordentlich.

Spekulationen in Schwarz-weiß

DC Comics

DC Comics

Titel: Batman Black and White Vol. 2 (Case Study)

Autor/Zeichner: Paul Dini/Alex Ross (u.a.)

Erschienen: 2000-2001 (Gotham Knights #1-16), Paperback 2008


„What if the Joker is not insane?“

Was, wenn der Joker nicht verrückt wäre, sondern die Fassade des Verrückten bloß für einen persönlichen Rachefeldzug nutzte? Diese Frage stellt sich ein Arzt in Arkham in der Kurzgeschichte „Case Study“. Autor Paul Dini (Mad Love) spielt die Entstehung des Jokers in einer Variante durch: früher soll der Schurke bloß ein gewiefter Gangster gewesen sein, der sich ständig neue Namen gab und sich neue Handlanger suchte. Polizeiverhören entging er dank eines guten Anwalts. Zum Red Hood wurde er, um seine Anonymität zu wahren: mit dem roten Helm konnte er nicht fotografiert werden. Der Rest ist bekannt: die Monarch Spielkartenfabrik, Batman, der Sturz in den Chemikalientank etc. Schlussfolgerung: der Gangster wurde zum Joker, weil er mit seinem entstellten Gesicht nicht mehr unerkannt sein Imperium weiterführen konnte. Also wurde seine neue Mission die Rache für diesen Verlust …

Diese „Fallstudie“ wäre wesentlich unspektakulärer, wenn nicht Alex Ross (Kingdom Come) ihr mit seinen fotorealistischen Collagen eine Aura von höchster Kunst verliehe. So wird die Kurzgeschichte nicht nur zu einer psychologischen Spekulation, sondern auch zu einer Feier des Mythos Joker. In Schwarz-Weiß.

„Case Study“ bildet einen starken Auftakt für den zweiten Band der Anthologie Batman Black and White, in der achtseitige Kurzgeschichten gesammelt werden. Im Gegensatz zum ersten Band stammen sie nicht aus einer dafür geschaffenen Mini-Serie, sondern aus der Serie Gotham Knights, aber das sei nur am Rande erwähnt. Autoren und Künstler wie Brian Azzarello, John Byrne, Howard Chaykin, Alan Grant und Paul Pope feiern ihre Versionen des Dunklen Ritters mit kleinen aber feinen Geschichten. Oft düster, mal heiter und manchmal sogar ziemlich albern.

Black and White lebt, wie jede Anthologie, von der Variation. Unter den sehr verschiedenen Zeichenstilen, die von der Karikatur bis zur anspruchsvollsten Kunst reichen, ist für jeden Geschmack etwas dabei. Leider fehlen aber die herausragenden Storys, die sich so einprägen wie die Höhepunkte des ersten Bandes.

Wir sehen Batman mit Catwoman gegen Nazis kämpfen und mit Green Lantern (Alan Scott) gegen ganz gewöhnliche Gangster; als Bruce Wayne muss er sich in der Rolle des Babysitters mit Zwillingen rumschlagen. Meist schwankt die Qualität zwischen bemüht und belanglos. Nur weniges ist erwähnenswert: die Storys von Eduardo Risso, Jim Lee und Tim Sale (The Long Halloween, Dark Victory, Haunted Knight), sowie eine Riddler-und eine Scarecrow-Geschichte. Als Lektüre für Eilige und Batman-Connaisseure erfüllt aber auch der zweite Black and White-Band seinen Zweck.

Welke Blüten

DC Comics

DC Comics

Titel: Legends of the Dark Knight Vol. 5

Autor/Zeichner: Ron Marz, Aaron Lopresti u.a./diverse

Erschienen: 2015


„The tale is in the telling.“ (Edgar)

Anthologie bedeutet ursprünglich Blütensammlung. Doch wie so oft sind es nicht bloß schöne Blüten, die gesammelt werden. Die Qualität schwankt. So ist es auch mit den Legends of the Dark Knight. Leider ist Band fünf besonders schwach geworden. Denn die Fantasie treibt hier keine Blüten: Mäßig inspirierte Autoren steuern sechs Geschichten bei, die von mäßig begabten Zeichnern inszeniert werden.

Es beginnt mit einer Story von Aaron Lopresti um einen verrückten Wissenschaftler, der Batman zu klonen versucht und dabei ein Monster erschafft. Diese Frankenstein-Adaption ist nicht nur allzu platt, die Idee wurde bereits in einer Elseworlds-Geschichte realisiert – und zwar viel interessanter. Bei einem Klassiker der Literatur bedient sich auch Nevermore, eine Adaption der Edgar Allan Poe-Story Das verräterische Herz. Allerdings ist hier Poe selbst der Schurke – oder wenigstens ein Irrer, der sich so inszeniert und seine Handlanger nach Poe-Figuren geformt hat. Das Ganze soll wohl eine Hommage sein, aber es wirkt so uninspiriert, als hätte man bloß ein paar bekannte Motive auf einen Haufen geworfen. (Eine ähnliche Idee wurde ebenfalls bereits verwendet, in der fünfteiligen Elseworlds-Miniserie Nevermore.)

Eine ausführliche Story ist dem Riddler gewidmet, eine andere handelt von neuen Gegnern, einem zündelnden Rächer und einem menschenaussaugenden Monster. Zum Schluss müssen sich Robin (Dick Grayson) und Batgirl nach einem Ausbruch aus Arkham fragen, was Batman tun würde, um Killer Croc, Man-Bat und Clayface wiedereinzufangen. Batman erscheint hier als graue Eminenz im Hintergrund, die für alles einen Plan hat – was natürlich nicht immer so ist.

Nichts davon vermag zu fesseln, nichts davon unterhält besonders. Man nimmt es zur Kenntnis und hat es sofort wieder vergessen. Wahre Legenden sehen anders aus. Diese Blütensammlung enthält bloß welkes Zeug.

>> Batman 2011-2019

Die Leiden des jungen Wayne

DC Comics

DC Comics

Titel: Legends of the Dark Knight Vol. 4

Autor/Zeichner: diverse

Erschienen: 2014 (Legends of the Dark Knight 100-Page Super Spectacular #2-4, Paperback 2015)


„Should have taken that position with that nice Cobblepot family.“ (Alfred Pennyworth)

Es ist ein Running Gag, der eigentlich nicht mehr witzig ist, aber immer noch zum Batman-Mythos dazugehört: Während James Gordon noch spricht, haut Batman einfach ab – einfach so, ohne ein Wort und ohne Spuren. Manchmal sagt Gordon dann: „Wie macht er das bloß?“ oder „I Hate It When He Does That“, so der Titel der ersten Story aus dem vierten Legends-Band. Hier fragt Gordon: „Where did he learn that?“ Und daraufhin erfahren wir die Vorgeschichte. Ein junger Bruce ist mit Alfred in Thailand unterwegs, wo er einer jungen Einheimischen begegnet. Sie wird vom örtlichen Regime verfolgt, weil ihr Vater ein Aufständischer ist. Nachdem er ihr zum ersten Mal begegnet und sie ihn – im Nichts verschwindend – stehen lässt, verliebt er sich in sie und jagt ihr nach. Am Ende verrät sie zwar ihm das Geheimnis, aber leider nicht den Lesern …

Dies ist nicht die einzige Anekdote aus Batmans Jugend im vierten Band der Legends. Es gibt auch eine in der Mitte und am Ende. Die letzte Story – The Echo of Pearls – verfolgt einen ungewöhnlichen Ansatz: Sie erzählt die Entstehung von Batman aus der Sicht der Höhle. Der Sturz des jungen Bruce hinein wird als der erste Einfall von Licht in die Finsternis beschrieben (Achtung: Symbol!), später sucht der Junge in der Höhle Trost nach dem Elternmord, schließlich – nach langer Abwesenheit – schickt ihm die Höhle eines ihrer Kinder nach Bruce aus, nämlich die Fledermaus, die durch sein Fenster kracht und ihn auf die Idee für Batman bringt. Damit dürfte das letzte Rätsel um Batman geklärt sein. Zum Schluss beschreibt die Höhle Batman als ihren Jungen, der bloß spielt und sein Hauptquartier mit Spielzeug vollstellt – eine wunderbare Wendung zwischen Selbstironie und Psychoanalyse.

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Zurück zum Wesentlichen

DC Comics

DC Comics

Titel: Legends of the Dark Knight Vol. 3

Autor/Zeichner: diverse

Erschienen: 2013-2014 (Legends of the Dark Knight #11-13, Legends of the Dark Knight 100-Page Super Spectacular #1)


„If this is the best you can do … m-maybe it’s time you hung up that stupid costume and retired.“

„If there is a god … I think he abandoned Gotham a long time ago.“ (Batman)

„We don’t have choices. We’re slaves to our natures.“ (Two Face)

Da gibt es den schwer gepanzerten Bat-Suit, eher ein Kampfanzug als ein Kostüm, den Bat-Wing-Gleiter mit dem Bat Disruptor-Kraftfeld, das Kugeln ablenkt, die Netze, mit denen Schurken im freien Fall an Wände geheftet werden können, den Bat Tracer zum Aufspüren von Flüchtigen, und die computergesteuerten Bat Discs, die Wurfgeschosse, die ihr Ziel verfolgen – fehlt eigentlich nur noch das Anti-Hai-Spray. Doch als all der technische Schnickschnack bei einem Einsatz gegen Ra’s al Ghul versagt und Batman zudem einsehen muss, dass ihn seine Hilfsmittel ein Vermögen kosten und seine Firma in den Ruin treiben, besinnt er sich auf die guten alten Tugenden der Handarbeit. Doch dabei zeigt sich, dass Batman aus der Form geraten ist …

Davon handelt Return of Batman, die stärkste Geschichte von Legends of the Dark Knight Vol. 3. Sie steht in gewisser Weise der Tendenz der vergangenen Jahre entgegen, dass der Held, der sich einst mit Seilen von Haus zu Haus schwang, immer mehr Iron Man gleicht – und dabei etwas von seinem ursprünglichen Reiz einbüßt. Wir sehen einen dekadent gewordenen Batman, der sich erst wieder an Batarangs und Nahkampf gewöhnen muss und dabei wie ein Anfänger den Arsch versohlt kriegt. Ein Opfer, das er bei der Rettung verletzt, legt ihm sogar nahe, in Rente zu gehen (siehe oben).

Doch auch darüber hinaus ist der dritte Legends-Band deutlich besser als sein direkter Vorgänger, was auch daran liegt, dass zwei Storys besonders lang geraten sind und in ihnen mehr Raum zum Erzählen bleibt. Wie etwa bei Without Sin. Hier kommt Batman mal wieder mit der Kirche in Kontakt – eine seltene Gelegenheit. Ein Pfarrer wird ermordet. Weil die eine Gesichtshälfte der Leiche zerstört ist, ist Two-Face der Hautpverdächtige. Doch der Schurke hat neuerdings zu Gott gefunden und der Kirche Geld gespendet – wie passt das zusammen? Batman geht der Sache nach und die Geschichte liest sich wie eine bessere Tatort-Folge, aber am interessantesten sind die Gespräche zwischen Batman und einem Pfarrer, die von Gott und der Welt und eben von der Frage nach der Schuld handeln. Wir erfahren nebenbei, dass Batman nicht religiös ist, aber seine Bibel kennt. Auch Two-Face bekommt eine neue Facette verliehen.

In drei weiteren Geschichten wird eher mäßiges Amusement geboten: What Happened Was … ist eine Rashomon-Variation um den Calendar Man mit einem allzu vorhersehbarem Verlauf. Unlucky Thirteen ist eine Kurzgeschichte über Glück, Pech und anderen Aberglauben, bei der Batman noch einmal den amerikanischen Urglauben bezeugen darf, dass jeder für sein Schicksal selbst verantwortlich ist. Und in Dr. Quinns Diagnosis darf Harley Quinn Batmans Psychiaterin spielen – allerdings ist das nicht besonders ergiebig, weil Batman nicht sehr auskunftsfreudig ist und außerdem nervt die Frau mit ihrer dämlichen Hampelei wie eh und je.

Grafisch herausragend ist allein die Kurzgeschichte Adaptation von Rafael Albuquerque, der in gewohnter Qualität verstörende, ausdrucksstarke Bilder zeichnet. Ein gealterter Bruce Wayne wird von seinen Dämonen in Alpträumen geplagt, in der Realität fühlt er sich nutzlos. Also beschließt er, einen alten Erzfeind wiederauferstehen zu lassen. Eine drastische Horror-Story, wie sie beinahe in Black and White stehen könnte (abgesehen von zwei Seiten Überlänge und den Farben). Bitte mehr davon.

>> Batman 2011-2019

Roter Zorro stiehlt Batman die Show

DC Comics

DC Comics

Titel: Collected Legends of the Dark Knight (Blades, Legend of the Dark Mite, Hothouse)

Autor/Zeichner: James Robinson, John Francis Moore, Alan Grant/Tim Sale, P. Craig Russell, Kevil O’Neill

Erschienen: 1994 (Paperback, Originalausgaben: 1992-1993, Legends of the Dark Knight #32-34, 38, 42-43)


„I am so sick … and sick and tired … of hunting the bad man.“ (Batman)

„Remember, Batman, the potential for evil is in every man. In every man. Even you.“ (The Cavalier)

Drei frühe Erzählungen aus der Serie LOTDK: eine hervorragende, eine mittelmäßige, eine bescheuerte. Die beste sollte man gelesen haben: Blades von James Robinson handelt von einem Batman am Rande seiner Fähigkeiten. Er jagt einen Serienmörder, der es auf alte Menschen abgesehen hat, aber er findet keine Spur, die zum Täter führt – das treibt ihn zur Verweiflung. In dieser Krise erscheint ein neuer Vigilant in Gotham: der Cavalier. Dieser Held mit roter Maske und Schwert orientiert sich an den Helden der Stummfilmzeit wie Zorro oder Robin Hood (beide dargestellt von Douglas Fairbanks). Für Batman ist das besonders bitter, weil Zorro sein Jugendheld ist – und er sich von ihm die Show stehlen lassen muss. Doch als auch noch ein Juwelendieb auftaucht, wird klar, dass der Cavalier nicht der Strahlemann ist, der er vorgibt zu sein.

Die Story hat alles, was man sich wünschen kann: einen gebrochenen, selbstzweifelnden Helden, einen ambigen Gegner und einen mysteriösen, scheinbar übermächtigen Mörder, der als Phantom den Helden plagt. Vollendet wird das Ganze durch die herrlichen, noiresken Zeichnungen von Tim Sale, der später mit Jeph Loeb die Meisterwerke Haunted Knight, The Long Halloween und Dark Victory geschaffen hat. Schon mit dieser frühen Arbeit erweist sich Sale als wahrer Künstler.

Sind die Maßstäbe erst einmal so hoch, ist es schwierig mitzuhalten. Die Geschichte Hothouse ist solides Mittelmaß. Batman untersucht den Selbstmord eines Mannes und der Weg füht ihn zu Pamela Isley, die ihren ersten Auftritt als Poison Ivy hinter sich hat und nun versucht, eine anständige Bürgerin zu sein, was nicht ganz gelingt. Trotz einiger ambitionierter Ansätze schafft es die Story nicht, eine Zugkraft zu entwickeln.

Die dritte Story des Bandes heißt Legend of the Dark Mite. Genug gesagt.

News of the Weird

DC Comics

DC Comics

Titel: Legends of the Dark Knight Vol. 2 (dt. Megaband 1: Gothams Legenden)

Autor/Zeichner: diverse

Erschienen: 2013 (Legends of the Dark Knight #6-10, Paperback 2014), dt. Panini 2015 (mit Ausnahme von #10, aber zusammen mit den Ausgaben #1-5)


„Gotham … what are you doing this time?“

„… crime and art … they have a meaning.“

„I suscribe to News of the Weird. You’d be surprised how often it leads to clues.“

Seit fünf Jahren sitzt Bruce Wayne im Rollstuhl, der Körper ist zerstört wie der Verstand, er leidet unter Parkinson, Demenz, Amnesie und Wahnvorstellungen. All die Kämpfe als Batman haben ihre Spuren hinterlassen, jetzt träumt er sich nur noch in seine Rolle als Batman hinein, will es nicht wahrhaben, was da passiert – es könnte alles nur eine Illusion von Scarecrow sein.

„Dreaming He Is A Butterfly“ von Christos Cage ist mit Abstand die interessanteste Story im zweiten Band der Anthologie-Serie LOTDK. Im Vergleich zum ersten hat die Qualität sonst nachgelassen. Es beginnt schon mit einem seltsam schwachen Auftakt: „Gotham Spirit“ erzählt auf nur wenigen Seiten, wie Batman ein paar Kleinganoven zur Strecke bringt. Das ist zwar hübsch anzusehen, aber sonst ohne Mehrwert. Es gibt keine Wendung, keine Einsicht, keinen Dialog. Man hat sich nicht mal die Mühe gemacht, diese Allerweltsepisode mit irgendeinem grüblerischen Monolog über das Wesen von Gotham, Batman und das Verbrechen im Allgmeinen zu untermalen. Der Inbegriff der Ideenlosigkeit.

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Schmerzfrei, betäubt, gleichgültig

Warner Home Video

Warner Home Video

Titel: Gotham Knight

Drehbuch: Brian Azzarello, Alan Burnett, Jordan Goldberg, David Goyer, Josh Olson, Greg Rucka

Erschienen: 2008 (Direct-to-Video)


„I’m making it more colorful, yo …“

Wer oder was ist Batman? Eine mannsgroße Fledermaus? Ein lebender Schatten? Oder ein Roboter? Vier Jugendliche erzählen sich die unglaublichsten Geschichten davon, wie sie ihren Helden erlebt oder ihn sich vorgestellt haben – bis er ihnen persönlich begegnet. Kommt uns das bekannt vor? Ja, die Batman-Serien-Episode Legends of the Dark Knight hatte das gleiche Konzept, hier wie da wird Batman als Urban Legend inszeniert, aber während die Serie auf historische Epochen referierte, funktionierte sie als Hommage besser als diese reine Heraufbeschwörung des Mythos.

„Have I Got A Story For You“, heißt die Story, mit der Gotham Knight beginnt, ein Episodenfilm mit sechs Kurzgeschichten, die lose miteinander verknüpft sind und ebenso lose sich auf die Spielfilme Batman Begins und The Dark Knight beziehen. Bekannte Autoren haben ihren Beitrag geleistet – leider mit mäßigem Erfolg. Begegnungen mit klassischen Schurken gibt es wenige: Batman kämpft gegen Killer Croc, der Scarecrows Angstgas ausgesetzt ist, und gegen den Scharfschützen Deadshot. Ansonsten sehen wir ihm dabei zu, wie er zwei Cops aus einer Schießerei zwischen zwei Mafia-Gangs rettet und ein Kraftfeld ausprobiert, das Kugeln von ihm abprallen lässt – und Querschläger verursacht, die den Falschen treffen.

Das mag alles sehr düster inszeniert sein – und ist daher nichts für Kinder – aber es wirkt ziemlich lahm. Batman wird zu sehr aus der Ferne betrachtet und kommt als Charakter zu kurz. Die einzige Story, die halbwegs Interesse weckt, ist „Working Through Pain“. Wir sehen Batman in der Kanalisation bluten, während er sich an seine Ausbildung in Asien erinnert, als er gelernt hat, den Schmerz auszuhalten. Dass er am Ende verzweifelt, weil er im Müll einen Haufen Schusswaffen findet, hat nicht unbedingt etwas mit der Geschichte zu tun. Das soll von seinem wahren, seelischen Schmerz zeugen, aber diese Andeutung bleibt wie so vieles in diesen Episoden im leeren Raum hängen. Da hilft es auch nicht, dass in der letzten Story der Elternmord nachgereicht wird und kurz darauf Batman Schusswaffen gegenüber doch nicht ganz abgeneigt zu sein scheint. Das passt auch nicht zur Continuity der Nolan-Filme. Gotham Knight ist ein seltsam unentschlossenes und uninspiriertes Werk, das einen gleichgültig zurücklässt.

Spielwiese in Graustufen

DC Comics

DC Comics

Titel: Batman Black and White Vol. 4

Autor/Zeichner: diverse

Erschienen: 2013-2014 (Mini-Serie #1-6, Paperback 2014)


„It’s time to break the pattern, my darlings.“ (Joker)

„In search of justice that is never black or white … it lives in the grey area.“ (Batman)

Parallel zu seiner laufenden Anthologie-Serie Legends of the Dark Knight hat DC mal wieder seine Black and White-Reihe fortgesetzt. Im Gegensatz zu den Freiheiten von Legends müssen sich hier die Autoren auf Zeichner an zwei Regeln halten: Keine Farbe und nur acht Seiten. Doch wie schon angemerkt, bringt die Beschränkung oft die beste Kunst hervor. Während in der Literatur Formen wie Kurzgeschichten, Anekdoten, Aphorismen, Epigramme und Haikus verdichten und pointieren, kann man bei Comics eine ähnliche Wirkung in Strips beobachten – oder eben in Short Storys wie sie in Black and White erzählt werden. (Einem Verächter des Begriffes „Graphic Novel“ sei verziehen, dass er hier einen literarischen Gattungsbegriff auf Comics anwendet, aber es geschieht mangels besserer Begriffe.)

Innerhalb des eng gesteckten Rahmens können sich die Künstler relativ frei austoben, da sie nicht an die Continuity der Serien gebunden sind und auch die Zeichnungen können experimenteller und weniger massenkonform ausfallen. Das macht den Reiz der Reihe aus: Man weiß nicht, was als nächstes kommt. Man weiß nur, dass es nach exakt acht Seiten vorbei sein wird. Und das Kunststück dabei ist, dass es trotz des Mangels an Farbe sehr bunt auf der Spielwiese dieser Blütensammlung zugeht.

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