Scott Hampton

Batman im Reich der Untoten

batman-gotham-county-line.jpg

Gotham County Line #1-3 (DC Comics)

Titel: Batman: Gotham County Line

Autor/Zeichner: Steve Niles/Scott Hampton

Erschienen: 2005 (Miniserie #1-3)


„Dead is dead. Isn’t it?“ (Batman)

Nach einem Kampf mit dem Joker fragt sich Batman, ob es ein Leben nach dem Tod gibt. Eine faktenbasierte Recherche bringt ihn nicht weiter, doch dann bekommt er einen Fall, in dem er praktische Erfahrung sammeln kann. James Gordon schickt Batman nach Gotham County. Normalerweise meidet Batman die Vorstadt (wahrscheinlich weil es dort keine Hochhäuser und Wasserspeier gibt), aber der Fall lässt ihn eine Ausnahme machen.

Ein Serienmörder tötet Familien und schneidet den Opfern die Augen heraus. Kaum hat Batman mit seiner Detektivarbeit begonnen, bekommt er es mit dem Mörder zu tun, wird im Nahkampf ausgeknockt und später sogar angeschossen. Er findet heraus, dass es ein Polizist namens Radmuller ist. Doch als er ihn fassen will, hat der Mörder seinen Selbstmord so inszeniert, dass Batman für den Tod mitverantwortlich ist. Und dann wird es noch wilder: Radmuller steht von den Toten auf – und er ist nicht der einzige.

Was folgt, ist eine Reise in eine seltsame Welt, nicht Jenseits, nicht Traum, aber irgendeine andere Form von Realität, in der Batman auf Scharen von Untoten trifft – eine Art Fluch, verursacht vom Mörder. Zwischendurch erklärt noch Deadman die Handlung und Phantom Stranger darf bei so einer Horror-Story ebenso wenig fehlen wie ein toter Robin und die Eltern von Bruce Wayne.

Steve Niles (Gotham After Midnight) erzählt eine sehr düstere Horrorstory mit einigen Schockmomenten und seitenlangen Prügeleien gegen Zombies und am Ende steht die tröstende Erkenntnis, dass es irgendeine Form von Dasein nach dem Tod gibt und man auch auf eine Art von Gerechtigkeit für Mordopfer hoffen kann. Zeichner Scott Hampton (Night Cries) hat einen etwas sperrigen Stil, der mit starken Schatten und unruhigen Strichen eine beklemmende Atmosphäre schafft – zumindest wenn man Batman nicht mit Jetpack durch die Luft düsen sieht, das nimmt dem Dunklen Ritter, der bekannt dafür ist, aus dem Nichts aufzutauchen und darin zu verschwinden, seine mystische Aura.

>> Batman 2000-2011


Unterstütze das Batman-Projekt

€1,00

Batman treibt Blüten

DC Comics

DC Comics

Titel: Solo

Autor/Zeichner: diverse

Erschienen: 2004-2006 (Mini-Serie #1-12), Deluxe Edition 2013


„Tell me, Alfred — am I a dinosaur?“ (Batman)

Das Prinzip von Solo ist einfach: zwölf Zeichner, jeder hat ein Heft von 48 Seiten und darf machen, was er will. Und wenn großen Künstlern völlige Freiheit gelassen wird, kommt oft etwas Gutes dabei heraus. (Siehe Batman Black and White.) In Solo steckt viel Gutes: viele erstklassige Geschichten aller Art, von Science-Fiction bis Western, von Noir-Gangster-Krimis bis zum Superhelden-Comic. Für jeden Genretyp und Geschmack ist was dabei – hochtrabend künstlerisch bis cartoonesk-trivial. Und natürlich auch viel Batman.

In „Date Knight“ beginnt Tim Sale (The Long Halloween, Dark Victory, Haunted Knight) gleich mit einem furiosen Katz- und Fledermaus-Spiel zwischen Catwoman und Batman: in gewohnt herrlicher Noir-Manier mit großen Panels, die die intimen Momente feiern.

Darwyn Cooke (Batman: Ego), der seine Anthologie in eine Rahmenhandlung mit Slam Bradley bettet, zelebriert am Ende den Dunklen Ritter, wie es seit dem Vorspann von The Animated Series nicht mehr getan wurde. Der Vergleich kommt nicht von ungefähr: Cooke war Storyboard-Zeichner für die Serie, und seine Geschichte „Deja vu“, die eine 70er-Jahre-Story nacherzählt, handelt wie der Vorspann davon, dass Batman sich ein paar Bankräuber schnappt. Das geht zwar etwas drastischer und dramatischer vonstatten, aber die Handlung ist nur der Aufhänger, um die Essenz von Batman stimmungsvoll einzufangen. Das einzig Überflüssige sind hier die Worte, es ist eine Story, die mustergültig über die Bilder wirkt. Ein mustergültiger Comic. Cooke bekam für seine Ausgabe einen Eisner-Award.

Gleiches gilt für „Teenage Sidekick“ von Paul Pope. Darin rettet Batman Robin aus einer Todesfalle des Jokers. Doch das Spannende spielt sich im Text ab: Der Erzähler zieht einen Vergleich zwischen den dreien, er erklärt plausibel, warum Batman einen Robin braucht, weil er dann nämlich dem Joker zu ähnlich wäre: „dark, isolated, alone … a lonely, hollow man … a bad man who can’t feel …“ Auch dafür gab es den Eisner-Award.

„Poison“ von Jordi Bernet und Brian Azzarello: Poison Ivy bekennt ihren Hass auf Männer und bekommt dafür zweimal eine von Batman gewatscht. Moralisch höchst bedenklich, aber auch sonst eine der eher schwächsten Geschichten des Bandes. Gleiches gilt für die Beiträge von Damion Scott und Brendan McCarthy. Sergio Aragones gelingt eine alberne, aber immerhin witzige Parodie auf Batman.

Michael Allred versucht sich in „Batman A-Go-Go!“ an einer Dekonstruktion des Mythos, anhand der Batman-TV-Serie der 60er Jahre. Buchstäblich, denn es taucht sogar ein Derrida-lesender Möchtegernschurke namens Doctor Deconstruction auf. Aber das nur am Rande. Batman wird grundsätzlich infrage gestellt: Ist er noch zeitgemäß? Lockt er bloß andere Kostümierte an, die sich mit ihm messen wollen? Und es geht auch um die Grundfrage der Kunst: Soll sie das „wahre Leben“ nachahmen? Und wenn ja, ist das „wahre Leben“ das Gute oder das Schlechte? Eine amüsante Reflexion auf einer poppig-bunten und albernen Ebene. Ein interessantes Experiment, wenn auch keine dramaturgisch raffinierte Geschichte.

Ein richtiges Highlight, vielleicht sogar die beste Story der gesamten Anthologie, ist „Batman: 1947“ von Scott Hampton. Ein Batman-Darsteller wird unfreiwillig durch Zufall zum Alltagshelden. Das ist nicht nur eine sympathische Idee, sie wird auch einfühlsam und perfekt inszeniert. Aber auch die übrigen Geschichten von Hampton sind außerordentlich.

Alter schützt vor Torheit nicht

DC Comics

DC Comics

Titel: Dark Knight Dynasty

Autor/Zeichner: Mike W. Barr/Scott Hampton, Gary Frank, Scott McDaniel

Erschienen: 1997 (One-shot)


„I win again. But then, I always do.“ (Vandal Savage)

2300 Jahre Waynes, drei Generationen von Batmen: als Kreuzritter im Mittelalter, als Dunkler Ritter in der Gegenwart, als High-Tech-Kriegerin in ferner Zukunft. Und alle drei müssen sich mit Vandal Savage rumschlagen, jenem unsterblichen Schurken, der einem mysteriösen Meteorit nachjagt. Dafür tötet er sogar Bruce Waynes Eltern. Wozu der ganze Ärger, das erfährt man erst am Ende: auch der Böse hat einfach nur das grundmenschliche Bedürfnis zu wissen, was ihn zu dem gemacht hat, das er ist. Der Aufwand wirkt dann doch etwas übertrieben, vor allem gegen Ende, wenn er einen ganzen Kult um sich begründet. Gastauftritte haben eine Art Catwoman des Mittelalters und eine weibliche Scarecrow, Scarecrown genannt.

Dass sein hohes Alter Vandal Savage aber nicht unbedingt weiser macht, zeigt auch ein Plot-Element, das immer wiederkehrt: In jedem der drei Kapitel lässt er den Helden in einer Todesfalle zurück und lässt ihm damit jedesmal die Gelegenheit zur Flucht – im zweiten Kapitel sogar zweimal. Okay, das ist nicht unbedingt ein Klischee mehr, es ist einfach ein Topos von Heldengeschichten. Aber gleich viermal den gleichen Fehler zu begehen, lässt dann doch am Verstand des angeblich superschlauen Superschurken zweifeln und wird zum Running Gag, der die Story unfreiwilligen komisch macht. Noch lächerlicher ist nur noch ein Affe, der in der Zukunft zu Robin wird (warum nur, warum?).

Visuell macht Dark Knight Dynasty wenigstens zu zwei Dritteln etwas her: Die gemalten Seiten von Scott Hampton (Night Cries) im Mittelalter-Teil und die von Gary Franks (Batman: Earth One, Superman: Secret Origin) Gegenwarts-Teil sind wahre Hingucker. Dagegen ist das Finale von Scott McDaniel und Bill Sienkiewicz nicht nur sperrig gezeichnet, sondern lässt auch schwer der Handlung folgen.

Insgesamt ist Dark Knight Dynasty zwar episch angelegt, aber kann seinen Anspruch nicht ganz erfüllen, weil es dann doch bloß in Banalitäten abdriftet.

>> Liste der Batman-Elseworlds-Comics

Das Durchbrechen der Kette

Batman: Night Cries

Titel: Night Cries (dt. Ein Schreien in der Nacht)

Autor/Zeichner: Archie Goodwin/Scott Hampton

Erschienen: 1992 (One-shot)


„Blinde Fledermäuse bewegen sich problemlos an Hindernissen vorbei, doch taube Exemplare verirren sich hilflos.“

Zwei Familien werden brutal abgeschlachtet. Zunächst scheint es um einen Drogenkrieg zu gehen, doch dann stellt sich heraus, dass die Verbindung zwischen den beiden Fällen im Kindesmissbrauch besteht – höchst ungewöhnlich für eine Batman-Story. Warum das so ist, zeigt sich auch am Ende, wenn die Fledermaus an der Erkenntnis verzweifelt, dass sie zwar viele Verbrechen sieht, verhindern oder rächen kann, aber für die unzähligen Schreie der Kinder taub ist. Batman ermittelt zusammen mit dem frischgebackenen Comissioner Gordon. Bei diesem hängt mal wieder der Haussegen schief, weil das Privatleben wegen der Arbeit leidet und er sich daher die Frage gefallen lassen muss, warum er als Polizeichef immer noch auf der Straße ermittelt. Zudem muss er auch sein Kindheitstrauma bewältigen, von seinem Vater geschlagen worden zu sein. Damit wird der Fall auch zum persönlichen Anliegen, die Kette der Misshandlung zu durchbrechen.

Comic-Altmeister Archie Goodwin schafft es mit seiner Story den Leser im Unklaren zu lassen und einige falsche Fährten zu legen. Dazu passen die gemalten Panels von Scott Hampton, die diesen Band erst veredeln. Die Bilder sind häufig so dunkel bis schwarz, dass man erst auf den zweiten Blick etwas erkennt, unscharfe Konturen lassen die Figuren mit den Hintergründen verschwimmen. So schafft der Künstler eine bedrückende Atmosphäre, die dem ohnehin schon düsteren Thema gerecht wird. Ein Band für Anspruchsvolle, für dunkle Herbstabende – oder lieber was für sonnige Tage, wenn es einen nicht so sehr runterzieht.