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Niemandsland: Post-Apokalypse in Gotham

Titel: No Man’s Land (dt. Niemandsland)/Road to No Man’s Land (dt. Weg ins Niemandsland)

Autor/Zeichner: Bob Gale, Greg Rucka u.a./Alex Maleev u.a.

Erschienen: 1999-2000 (alle Serien + Specials), Paperbacks 2011-2016 (2+4 Bände); dt. Dino-Verlag: Batman #47-63, Batman Special #11-14, Batman Präsentiert #5-9, Batman Niemandsland Sonderausgabe, Batman Sonderband #8; Panini 2017-2019 (2+8 Bände)


„Die Regeln haben sich geändert.“ (Nightwing)

„Gotham ist zum Traum eines jeden Anthropologen geworden. Ein gewaltiger Freilandversuch für Darwins Theorien. Nur die Stärksten überleben. Mit Mühe.“ (Batman)

„… egal, wie schlimm die Lage bereits erscheint … es kann immer … immer … noch schlimmert werden.“ (Barbara Gordon)

No Man’s Land ist die bislang größte Batman-Saga: Die vier Sammelbände umfassen insgesamt 2088 Seiten, mit den eng verknüpften Vorgeschichten Cataclysm (dt. Inferno) und Road to No Man’s Land sind es sogar 2840 (zum Vergleich: die drei Bände Knightfall haben insgesamt 1948 Seiten, wobei die Saga nicht mal komplett enthalten ist). Lohnt sich der Aufwand, sich da durch zu lesen?

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Nach zwei Seuchen und einem Erdbeben, bei dem ganz Gotham zerstört wurde, wird die Stadt von den USA aufgegeben, evakuiert und isoliert. Auch Bruce Wayne kann daran nichts ändern, als er nach Washington geht und mit pathetischen Reden versucht, den Kongress umzustimmen.

Parallel tut ein aufsteigender Rockstar namens Nicholas Scratch mit seinen Schergen in Teufelsmasken alles dafür, dass die Stadt endgültig vernichtet wird und rekrutiert dazu einige alte Schurken. Der Plan wird zwar vereitelt, aber Gotham wird trotzdem zum Niemandsland erklärt. Nur die Verbrecher und die gesellschaftlichen Außenseiter bleiben da und kämpfen in einem postapokalyptischen Szenario, in dem es am Nötigsten wie Lebensmitteln, Strom, Wasser und einer zivilen Ordnung fehlt, ums Überleben.

Batman macht Urlaub

Nachdem die Arkham-Insassen vom Anstaltsleiter freigelassen worden sind, weil er sie weder in Schach halten noch versorgen konnte, teilen die mächtigsten von ihnen die Stadt unter sich auf. Auch die verbliebenen Polizisten um James Gordon und seine Frau Sarah Essen reklamieren einen Bezirk für sich und versuchen, zu expandieren und wieder Recht und Ordnung herzustellen. Dabei bedienen sich die Cops zweifelhafter Mittel wie Mord zur Abschreckung und das Anzetteln eines Bandenkrieges, bei denen sich zwei konkurrierende Gruppen gegenseitig ausmerzen sollen. Gordon schließt einen Pakt mit Two-Face, den er bald darauf bereuen wird. Schließlich kommt es zu einer Spaltung innerhalb der Gruppe, als einem militanten Cop Gordons Methoden nicht weit genug gehen.

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Und Batman? Der macht erst mal drei Monate Urlaub in Monaco, bevor er zurückkehrt. In der Zwischenzeit wird er vertreten von einer neuen Gestalt im Fledermauskostüm: einem neuen Batgirl, dessen Identität Batman sofort durchschaut: Helena Bertinelli, die vor kurzem noch als Huntress unterwegs war. Doch er lässt sie gewähren und übernimmt ihr Graffito, um sein Revier zu markieren. Bevor Batman die Stadt zurückerobert, muss er den Menschen erst einmal wieder klar machen, dass er wieder da ist und dass sie Grund haben, ihn zu fürchten. Weil er aber keine technischen Hilfsmittel hat, muss er sich neu orientieren. Batman bekommt erneut fundamentale Zweifel, ob er den Eid seinen Eltern gegenüber erfüllen kann.

Im Grunde trägt No Man’s Land die Stimmung von Aftershock weiter: Verzweiflung, Elend, Überlebenskampf. Allerdings sind es eher die normalen Menschen, die hier die echten Probleme haben, während Batman meistens souverän wirkt und schnell bekommt, was er will. Allerdings ist Gordon ziemlich schlecht auf ihn zu sprechen. Erst spät kommt es zu einer Aussprache und zum ultimativen Vertrauensbeweis …

Wendepunkt für Batman

Wie schon infolge des Erdbebens werden Batman und seine Mitstreiter öfter mit moralischen Dilematta konfrontiert, wie etwa der Frage, ob man einem Serienmörder wie Zsasz das Leben retten darf oder soll. Salomonische Urteile scheitern – ebenso wie Supermans Einsatz. Der Pinguin macht aus dem Tausch ein großes Geschäft und lässt Gladiatorenkämpfe ausrichten, Clayface nimmt Poison Ivy gefangen und verkauft die von ihr angebauten Früchte an die Hungrigen. Huntress wird schon bald von einem neuen Batgirl abgelöst: Cassandra Cain, Tochter eines Auftragskillers und Lehrmeisters von Bruce Wayne. Da sie nicht sprechen kann, bleibt sie eine blasse Erscheinung.

No Man’s Land ist nicht nur für Batman ein Wendepunkt, sondern auch für DC. Nach der Überleitung von Road to No Man’s Land wechseln die meisten Autoren und Zeichner – und auch wenn die Resultate nicht immer überzeugen, tut die Erneuerung gut. Die Batman-Serien schütteln endlich den Mief der 90er Jahre ab (beinahe ganz), in denen noch in die Jahre gekommenen Veteranen wie Jim Aparo ihre steifen Figuren zeichnen durften. Das Erzählverfahren ist uneinheitlich: mal langsam, mal sprunghaft, mal episodisch und sogar elliptisch, dass man sich zwischendurch fragt, ob man nicht etwas verpasst hat. Besonders zu loben ist der feinfühlig erzählte Auftakt von Bob Gale.

Schwaches Finale

Greg Rucka ist für den Hauptplot zuständig, allerdings macht sich der rote Faden erst gegen Ende der Saga bemerkbar. Bane tritt in Erscheinung, im Auftrag eines Unbekannten, und wütet so brachial, wie man es von dem Muskelberg kennt, sehr spät kommt auch der Joker hinzu und wird von seiner Sidekick-Braut Harley Quinn begleitet (eine Figur aus der Animated-Serie, die erst kurz zuvor im DC Hauptuniversum eingeführt wurde). Leider bereichert die Präsenz dieses Duos die Geschichte nicht, es wirkt eher planlos, wie die beiden ihre Beziehungsprobleme durchstehen. Der Joker hat keinen Bock auf die Alte – und als Leser kann man es nur nachvollziehen. Erst am Ende übernimmt der Schurke eine Schlüsselrolle, als er den Wiederaufbau in Gotham zu sabotieren versucht. Es fließt zwar viel Blut – und ein wichtiger Nebencharakter stirbt.

Dennoch ist das Finale schwach: Das Problem Niemandsland löst sich fast von allein (wenn auch unter zweifelhaftem Vorzeichen) und man bekommt auch nie den Eindruck, dass Gothams Rettung je ernsthaft gefährdet wäre. Schließlich wirkt das Ende inkonsequent und halbherzig, selbst der Joker scheint die Lust an seinem Vorhaben zu verlieren. Aber auch zuvor wurde zu wenig Spannung aufgebaut. Dafür dass die Autoren über Jahre hinweg Figuren und Leser mit zwei Seuchen und einem Erdbeben malträtiert haben, wirkt das Storytelling zu kurzatmig.

No Man’s Land ist eine kurzweilige Unterhaltung für ausdauernde Leser; immerhin besser als die Vorgänger-Storylines, aber ein Muss ist es nicht.

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Ein Beben geht durch Gotham

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Titel: Cataclysm (dt. Inferno)/Aftershock (dt. Nachbeben)

Autor/Zeichner: Alan Grant, Doug Moench, Chuck Dixon u.a./Jim Aparo, Klaus Janson u.a.

Erschienen: 1998 (18-teilig in mehreren Serien und One-Shots), dt. Dino 1999-2000 (Batman #40-46, Batman Special #9-11, Batman präsentiert #1-2)


„It’s never easy to find inner strength and peace, even when the outer world is relatively stable…the destruction of physical reality always does spiritual damage.“ (Bruce Wayne)

„… there’s little I can do against disease and natural disasters. A lost cause can become a fool’s errand. I’m still only human. I did what was humanly possible. I hope you don’t think I’ve failed in my promise.“ (Batman)

Nach der Seuche kommt das Erdbeben. Gotham wird zerstört, es herrschen Tod, Chaos und Verbrechen. Ein gewisser Quakemaster bekennt sich, die Katastrophe verursacht zu haben und erpresst die Stadt. Die Frage ist nicht, ob er es wirklich war, denn umgehen müssen Batman und seine Verbündeten so oder so mit einer kaum zu bewältigenden Herausforderung. Batman verzweifelt an dem Verfall seiner Stadt und dem Massentod seiner Bewohner, vor allem aber an der Tatsache, dass er niemandem die Schuld an dem Unglück geben kann. Er kämpft an allen Fronten – aber es gibt keinen Gegner, den man verprügeln und einbuchten könnte. Das mag zwar das alte Batman-Schurken-Schema durchbrechen, indem es dem Helden neue Seiten und Leidenswege eröffnet, aber es funktioniert nur schleppend.

Ein One-shot ist Arkham Asylum gewidmet, einer dem Blackgate-Gefängnis, doch nichts davon ist der Aufmerksamkeit wert. Die Blackgate-Episode ist Mittelmaß, Arkham sogar deutlich darunter. Die Insassen der Irrenanstalt brechen aus und erzählen sich Geschichten – ganz in der Tradition von Boccaccios Dekameron, aber keine davon hat das Zeug zum Klassiker.

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Der Erzählzyklus Aftershock ist so etwas wie ein langer Durchhänger – für Batman wie für seine Leser. Es gibt keinen Handlungsbogen, vielmehr eine Reihe von Kurzgeschichten über das Elend in Gotham, Arbeitslose, Obdachlose, Plünderer. Hin und wieder erscheinen ein paar der üblichen Verdächtigen (Mr. Freeze, Clayface, Mad Hatter, Joker) – allerdings nur, um gleich wieder zu verschwinden. Oft tritt die Sache auf der Stelle, es gibt Ausgaben, in denen nur lamentiert wird: wie schlimm alles ist und wie schön es früher war. In Batman #558 sieht man einen verzweifelten Batman, der seinen Butler umarmt und sagt: „Hilf mir, Alfred! Ich brauche Kraft! Ich komme einfach nicht mit dem Tod zurecht, alter Freund. Das kam ich noch nie. Er … zerreißt mich.“ Mehr Emo geht nicht.

Vielleicht muss die Geschichte so sein: Eine ermüdende Durststrecke. Es gibt darunter jedoch einige narrative Lichtblicke. Vor allem die Storys, die Alan Grant für Shadow of the Bat geschrieben hat, stechen in ihrer Qualität heraus. Etwa #76 (Dino: Batman #43), in der erzählt wird, wie eingeschlossene Menschen zu Kannibalen werden, oder #77 (Dino: Batman #44), wo ein Professor eine Klasse voller toter Studenten über Darwinismus unterrichtet und Batman dabei Teil eines Experiments wird. Leider muss Grant am Ende, für alle, die es nicht verstanden haben, die Moral wiederholen: „Vielleicht irrte sich Darwin doch. Nicht der Stärkste überlebt … Auch nicht der mit dem meisten Glück. … Sondern der, der nicht aufgibt!“

Die Geschichten leiten über zum größeren Event, dem No Man’s Land (dt. Niemandsland). Und genauso lesen sie sich auch: Wie Lückenbüßer.

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Viral ist nicht gleich ansteckend

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Titel: Contagion/Legacy (dt. Die Seuche/Der Fluch)

Autor/Zeichner: Chuck Dixon, Alan Grant, Doug Moench u.a.

Erschienen: 1996 (alle Batman-Serien) (dt. 1998, Dino-Verlag, Batman #10-13, #20-23, Batman Special #3, #5)


„Völkermord ist kein Verbrechen, wenn man auf der Seite der Sieger steht, Batman.“ (Bane)

„It’s too big. How can I fight a disease? And if I can’t, Gotham is doomed.“ (Batman)

Es wäre gelogen, wenn ich sagte, ich würde gerne eine Zusammenfassung der Ereignisse in dieser Storyline schreiben. Doch selbst wenn ich wollte: ich kann es nicht. Denn kurz nachdem ich Seuche und Fluch gelesen habe, ist mir bereits entfallen, was da passiert ist. So viel ist klar: Ein Ebola-Virus grassiert in Gotham. Viele sterben einen blutigen Tod. Die Batman-Familie versucht ein Gegenmittel zu finden. Catwoman, Azrael, Robin und Nightwing – sie alle mischen mit. Irgendwas passiert in Grönland. Poison Ivy hat auch etwas damit zu tun. Und als alles erledigt scheint, kommt dann noch ein unnötiger Anhang mit Ra’s al Ghul und Bane, wo es immer noch um die Seuchengefahr geht, was sich noch lahmer liest als der Auftakt. Und manche Dialoge sind so grenzdebil, dass man das Heft am liebsten an die Wand werfen würde.

Muss ich noch mehr sagen? Ich denke nicht. Vielleicht noch eins: die Seuche ist die erste Katastrophe, die Gotham heimsucht. Danach kommt ein vernichtendes Erdbeben, schließlich die Isolation des Niemandslandes. In der zweiten Hälfte der 90er Jahre musste Batman vor allem gegen Gegner kämpfen, gegen die er machtlos war. Batman als Katastrophen-Helfer? Das ist nicht sein Fachbereich, deshalb funktioniert es nur leidlich. Aber beim Versuch, den Helden an seine Grenzen zu treiben, musste dieser Schritt wohl irgendwann unternommen werden. So viel sei vorweggenommen: Man hätte aus all diesen Ideen mehr machen können.

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Batman als Vampir gegen Dracula

Batman & Dracula: Red Rain

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Titel: Batman & Dracula: Red Rain (dt. Der Schwur des Vampirs/Roter Regen)

Autor/Zeichner: Doug Moench/Kelley Jones

Erschienen: 1991 (One-shot, HC), dt. Carlsen 1998, Panini 2002


„Vampires are real … but not all of them … evil.“

„To me, all criminals are ‚vampires‘ cloaked in night to prey on the innocent.“ (Batman)

Doug Moench und Kelley Jones so etwas wie das Batman-Dreamteam der 90er Jahre. Düstere Stories mit noch düstereren Bildern, Batman mit säbellangen spitzen Ohren, überdimensionalen Capes und mehr Schatten als sonstwas – so soll’s sein. Dieser surreale Stil scheidet die Geister: die einen hassen ihn, die anderen lieben ihn. Aber unter den sonst gewöhnungsbedürftigen hölzernen Stilen, die zu der Zeit vorherrschten, wirkt dieser wie seiner Zeit voraus. Bevor Jones von 1995 bis 1998 Hauptzeichner der Batman-Serie war, begann er im Jahr 1991 mit der Arbeit am Dunklen Ritter. Das erste Werk dieser Kooperation war Red Rain, eine der frühen Elseworlds-Stories. Der Untertitel sagt es bereits: Batman kämpft gegen Dracula.

So weit so naheliegend. Doch das Interessanteste daran ist, dass sich Batman nach einem Biss selbst nach und nach in einen Vampir verwandelt: er bekommt Superkräfte. Und die braucht er auch, wenn er sich mit einer Armee von Untoten anlegt. So wird Batman buchstäblich zu einem Bat-Man, während Dracula in seiner monströsesten Form als eine Art Man-Bat erscheint. Blöd ist nur, dass Batman selbst nicht auf das Cape verzichtet, nachdem ihm Fledermausflügel gewachsen sind. Bei aller Fantastik ist das doch etwas zuviel des Guten. Ich denke, dass es beim Fliegen – gerade in seinen Kelley Jones-Ausmaßen- doch ziemlich stören müsste …

Aber das ist nur eine Kleinigkeit. Sonst wird eine ziemlich simple, aber kurzweilige Story geboten: Es gibt die bösen Vampire um Dracula und ein paar gute Vampire, die von der sexy Tanya angeführt werden, einer Untoten im Badeanzug. Sie ist es, die Bruce Wayne nachts heimsucht, um ihn für ihren Kampf zu gewinnen, während in Gotham die Obdachlosen und Huren leergesaugt werden. Der Krieg währt nur kurz: Batman opfert Wayne Manor, dann befreit er Gordon aus Draculas Fängen – inklusive Finale bei Blitz und Donner.

Das alles fordert den Verstand nicht besonders, trieft hin und wieder zu sehr vor Pathos, aber ist im Wesentlichen stimmungsvoll erzählt und beeindruckt vor allem visuell. Kelley Jones zeichnet wunderbare furchterregende Monster und einen spektakulären Batman, der selbst bei guten Lichtverhältnissen alle Schatten auf sich zieht. Eins gerät dafür lächerlich: Das Batmobil wirkt so plump wie das Auto von Donald Duck (auch später in der Serie). Aber das kommt hier ohnehin kaum zum Einsatz. Fledermausflügel sind so viel cooler.

Hinweis: Red Rain ist Teil einer Trilogie: 1994 erschien die Fortsetzung Bloodstorm, 1998 Crimson Mist. 2007 wurden die drei Teile in dem Paperback Tales of the Multiverse: Batman – Vampire gesammelt.

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Frankensteins Bat-Monster

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Titel: Castle of the Bat

Autor/Zeichner: Jack C. Harris/Bo Hampton

Erschienen: 1994 (One-shot)


„It comes down to a question of vengeance or responsibility!“ (Bruce Wayne)

Was wäre, wenn Bruce Wayne im 19. Jahrhundert Arzt geworden wäre, um das Andenken seines ermordeten Vaters zu ehren? Dann hätte er wohl versucht, seinen Vater mit Elektrizität wiederzubeleben. Castle of the Bat erzählt die Frankenstein-Geschichte neu, indem das Monster zu Bat-Man wird, einem Rächer, der Straßenräuber überfällt. Bruce Wayne ist der fanatische Wissenschaftler, der die Grenzen der Moral überschreitet und aus Leichenteilen neues, groteskes Leben erschafft. Zuerst einen Fledermaushund, dann einen Fledermausmenschen – mit allen bekannten Nachteilen.

Diese Elseworlds-Story greift den alten Topos in bewährter Weise auf, bedient sich dabei auch bei der Verfilmung von 1931, aber findet einen eigenen Ansatz, indem sie eine Verschwörung um den Elternmord hinzufügt. Das Ganze ist in den gemalten Panels wie in einen Nebel getaucht und sorgt für eine schaurige Stimmung. Allerdings wirkt die Erklärung, warum das Monster ein Fledermauskostüm trägt, sehr bemüht, was Zweifel an der Grundidee weckt. Schließlich wird Bat-Man auch noch zu Man-Bat. Jekyll und Hyde lassen grüßen. Und auch ein bisschen Dracula. Aber weil die Versatzstücke zu einer stimmigen Gesamtheit zusammengesetzt sind, ist das dünne Heft ein Spaß für Fans von Gothic Novels.

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Batman trifft Houdini

DC Comics

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Titel: Houdini – The Devil’s Workshop (dt. Houdini)

Autor/Zeichner: Howard Victor Chaykin, John Francis Moore/Mark Chiarello

Erschienen: 1993 (One-shot), dt. Carlsen 1997


„I must be mad to put my faith in a wealthy madman with a bat fetish.“ (Harry Houdini)

Das Jahr 1907 in Gotham. Kinder verschwinden von den Straßen. Ein grisender „Albino“ sammelt sie auf, bekannt als Mad Jack Schadenfreude (Joker). Eine andere düstere Gestalt mit schwarzem Mantel und Fledermausmaske wird verdächtigt, doch der Batman hat bloß Gutes im Sinn. Unterstützt wird er von Harry Houdini, dem Entfesselungskünstler und Anti-Spiritisten, der nicht an das Übernatürliche glaubt und es sich zur Aufgabe gemacht hat, alle des Betrugs zu überführen, die sich für Geisterseher oder echte Zauberer halten. Doch dann muss er erkennen, dass es immerhin echte Vampire gibt.

Houdini wird also zu Batmans Sidekick in dieser Elseworlds-Story – und er ist weitaus sympathischer als Robin. Schnell entlarvt er Bruce Wayne hinter der Maske und lässt keine Gelegenheit aus, über den reichen Schnösel mit seinem bühnenreifen Kostüm zu spotten. „You ever thought about the show business, fella?“ Houdini hält sich für den Klügsten, aber was Technik angeht, bleibt er ein Kind des 19. Jahrhunderts. Das wird deutlich, als Batman mit ihm in einem Wright-artigen Flugzeug unterwegs ist. In der Spannung zwischen den beiden Helden entsteht der Witz, der den Mystery-Plot seiner Schwere beraubt.

In der Geschichte scheint die Epoche der Jahrhundertwende wieder lebendig zu werden: die Story steckt voller kultureller Bezüge und Zitate, wie etwa Bram Stokers Dracula, und steht damit in der Tradition der Gothic Novels. Die gemalten Panels von Mark Chiarello verleihen dem Band eine Aura des Unheimlichen. Da kann man auch über einige Schwächen und Sprünge im Plot hinwegsehen: Houdini – The Devil’s Workshop ist ein kurzweiliger Genuss von einem period piece.

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Die zwei Gesichter des Bruce Wayne

Batman: Two Faces

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Titel: Batman – Two Faces

Autor/Zeichner: Dan Abnett & Andy Lanning/Anthony Williams

Erschienen: 1998 (One-shot, Elseworlds) (keine dt. Veröffentlichung)


 „The Bat Man … the Joker … good and evil … two sides of a human coin …“

Über diese Geschichte kann man nicht reden, ohne das Ende vorwegzunehmen, doch es deutet bereits das Cover an: Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde wird zum seltsamen Fall des Batman und Joker. Diese Elseworlds-Story spielt im Gotham des Jahres 1886. Two Face (Harvey Dent) versucht, eine seltene Pflanze mit zwei Persönlichkeiten zu rauben. Warum? Weil’s gut zur Geschichte passt: Nachts erscheint sie anders als tagsüber. Nachdem der Raub scheitert und eine Frau namens Pamela Isley dabei ermordet wird, gibt sich Dents ehemaliger Freund die Schuld und macht aus dem Kraut ein Serum, das die gespaltene Persönlichkeit heilen soll. Den Rest kann man sich denken: Wayne probiert das Gebräu selbst aus. Gestärkt in Geist und Körper beginnt er als Batman Two Face zu bekämpfen. Doch kurz darauf erscheint ein Frauenmörder, der sich Joker nennt …

Obwohl die Lage wegen der Nähe von Stevensons Vorlage schnell klar ist, ist es ein kurzweiliges Vergnügen Two Faces zu lesen. Sowohl die Epoche ist gut eingefangen, wie es einst Mike Mignola mit Gotham by Gaslight (1989) geschafft hat, als auch das Thema der Dualität konsequent ausgeführt: Batman und Joker sind zwei Seiten einer Medaille, ebenso wie Two Face zwei Persönlichkeiten in sich vereint. Der klare Zeichenstil von Anthony Williams ist solide, wenn auch nicht aufregend, besonders gelungen sind die Inszenierungen von Batman und Joker, auch Selina Kyle in Strapse macht sich ganz gut … Vielleicht hätte man sich für die schnell voranschreitende Handlung etwas mehr Zeit (bzw. Raum) lassen können, dadurch büßt die Story etwas von ihrer Stimmung ein. So ist es schade, dass sie in nur 54 Seiten auserzählt ist.

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Batman gegen Jack the Ripper

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Titel: Gotham By Gaslight/Master of the Future (dt. Schatten über Gothams Vergangenheit)

Autor/Zeichner: Brian Augustyn/Mike Mignola, Eduardo Barreto

Erschienen: 1989/1991 (One-shots, beide im Paperback 2006), dt. Carlsen 1990, Panini 2012 (Batman Collection: Mike Mignola, Bd. 1; nur Gotham by Gaslight)


„Gotham City is an overripe fruit … Fat, fetid, and fit to burst. Like London, it is a teeming, sweating, gibbering, monstrosity. A corrupt and decaying miasma fills the air. It is everything I could want.“ (Jack the Ripper)

„We need someone who is prepared for a mean tomorrow … and we need a champion for today.“ (Julie)

Im Jahr 1889 kommt Bruce Wayne von seiner Ausbildung aus Europa nach Gotham City zurück und beginnt sein Doppelleben als Vigilant Batman – samt Cape und Pelerine. Gleichzeitig ist ein Frauenmörder in der Stadt unterwegs, der der berüchtigte Jack the Ripper aus London zu sein scheint. Die Polizei verdächtigt zunächst Batman, dann Bruce Wayne. Weil James Gordon bei ihm, seinem Freund, die Tatwaffe findet, kommt Wayne vor Gericht und wird zum Tode verurteilt. Während er auf seine Strafe wartet, ermittelt er in seiner Zelle den wahren Mörder – und entlarvt, dass der Fall viel mit seiner eigenen Geschichte zu tun hat.

Gotham By Gaslight ist ein kurzweiliges Werk mit einem gelungenen Gothic-Setting, leider sind 48 Seiten jedoch nicht genug, um Charaktere, Stimmung oder Spannung entfalten zu können. Mignola erschafft einen düsteren Batman, der leider etwas zu kurz kommt. Aber der Ansatz ist interessant realisiert, weil der Autor das Motiv des Outlaws weiterdenkt und zu der Konsequenz führt, dass Wayne unschuldig im Knast landet (die Idee wird in der Storyline Murderer/Fugitive erneut aufgegriffen). Gotham By Gaslight gilt als die erste Elseworlds-Story, auch wenn sie noch nicht so genannt wurde (das Logo kam erst später mit Holy Terror). Die Geschichte machte Schule: Batman in anderen Epochen und anderen Rollen, häufig Mashups mit anderen literarischen Stoffen, bot viele Möglichkeiten für interessante Storys.

Leider gehört die Fortsetzung, Master of the Future, nicht unbedingt dazu. Nachdem Wayne Rache am Mörder seiner Eltern genommen hat, verstaubt das Batman-Kostüm in der Höhle. Doch sowohl James Gordon als auch Waynes Flamme finden, dass der Held nötig sei. Als bei einer Ausstellung ein Verrückter in französischer Parade-Uniform, Alexandre LeRoi, auftaucht, ist Batman wieder gefragt. Der Schurke prophezeit dem technischen Fortschritt der Menschheit eine Umweltkatastrophe, erklärt sich zum „Master of your future“ und zum „Man of Tomorrow“ und fordert auch so genannt zu werden – andernfalls werden alle sterben. Und weil ihn die Stadtoberen ignorieren, geht der Irre mit einem Luftschiff auf alle los. Batman rettet den Tag etc.

Die Grundidee dieser Steampunk-Story entbehrt leider zu sehr der Logik: Was will dieser LeRoi? Warum richtet er sich gegen den Fortschritt, wenn er selbst hochentwickelte Maschinen benutzt, wie etwa Roboter? Der Sinn dahinter besteht lediglich darin, dass Batman mit der Ankunft des neuen Jahrhunderts eine Bestimmung bekommt: nämlich Superschurken zu bekämpfen. „Our innocent days are over, Bruce“, sagt Waynes Geliebte Julie. „There are more maniacs like LeRoi out there, just waiting to prey on us.“ Deshalb gibt es auch eine Anspielung auf den Joker (eine Kanone mit Clownsfigur). Aber das alles wirkt zu bemüht.

Ansonsten erinnert die Story an Detective Comics #33 (1939), wo nicht nur Batmans Ursprung zum ersten Mal erzählt wird, sondern wo er auch gegen den wahnsinnigen Carl Kruger kämpft, der die Menschen mit einem Luftschiff terrorisiert, weil er die Welt beherrschen will. Nicht zufällig sieht der Kerl so aus wie sein Vorbild Napoleon. Während man diese Story noch dem Zeitgeist geschuldet verzeihen kann, wirkt die modernere Adaption unmotiviert. Immerhin ist Master of the Future von Eduardo Barreto hübsch und anständig gezeichnet, wenn auch etwas zu gefällig – im Vergleich zu Mike Mignolas sperrigem Stil.

Von Gotham by Gaslight erschien 2019 auch eine Noir-Edition in Schwarz-Weiß.

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Legends of the Dark Knight: Blades & Hothouse

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Titel: Collected Legends of the Dark Knight (Blades, Legend of the Dark Mite, Hothouse)

Autor/Zeichner: James Robinson, John Francis Moore, Alan Grant/Tim Sale, P. Craig Russell, Kevil O’Neill

Erschienen: 1994 (Paperback, Originalausgaben: 1992-1993, Legends of the Dark Knight #32-34, 38, 42-43)


„I am so sick … and sick and tired … of hunting the bad man.“ (Batman)

„Remember, Batman, the potential for evil is in every man. In every man. Even you.“ (The Cavalier)

Drei frühe Erzählungen aus der Serie LOTDK: eine hervorragende, eine mittelmäßige, eine bescheuerte. Die beste sollte man gelesen haben: Blades von James Robinson handelt von einem Batman am Rande seiner Fähigkeiten. Er jagt einen Serienmörder, der es auf alte Menschen abgesehen hat, aber er findet keine Spur, die zum Täter führt – das treibt ihn zur Verweiflung. In dieser Krise erscheint ein neuer Vigilant in Gotham: der Cavalier. Dieser Held mit roter Maske und Schwert orientiert sich an den Helden der Stummfilmzeit wie Zorro oder Robin Hood (beide dargestellt von Douglas Fairbanks). Für Batman ist das besonders bitter, weil Zorro sein Jugendheld ist – und er sich von ihm die Show stehlen lassen muss. Doch als auch noch ein Juwelendieb auftaucht, wird klar, dass der Cavalier nicht der Strahlemann ist, der er vorgibt zu sein.

Die Story hat alles, was man sich wünschen kann: einen gebrochenen, selbstzweifelnden Helden, einen ambigen Gegner und einen mysteriösen, scheinbar übermächtigen Mörder, der als Phantom den Helden plagt. Vollendet wird das Ganze durch die herrlichen, noiresken Zeichnungen von Tim Sale, der später mit Jeph Loeb die Meisterwerke Haunted Knight, The Long Halloween und Dark Victory geschaffen hat. Schon mit dieser frühen Arbeit erweist sich Sale als wahrer Künstler.

Sind die Maßstäbe erst einmal so hoch, ist es schwierig mitzuhalten. Die Geschichte Hothouse ist solides Mittelmaß. Batman untersucht den Selbstmord eines Mannes und der Weg füht ihn zu Pamela Isley, die ihren ersten Auftritt als Poison Ivy hinter sich hat und nun versucht, eine anständige Bürgerin zu sein, was nicht ganz gelingt. Trotz einiger ambitionierter Ansätze schafft es die Story nicht, eine Zugkraft zu entwickeln.

Die dritte Story des Bandes heißt Legend of the Dark Mite. Darin geht es um einen Junkie, der eine Vision von dem Kobold Bat-Mite hat. Für ihn ein Horrortrip, für uns eine alberne Hommage an eine alberne Figur.

HINWEIS: „Blades“ wurde auch im US-Sammelband Tales of the Batman – Tim Sale (2008/2009) nachgedruckt, zusammen mit „The Misfits“ (Shadow of the Bat #7-9).

>> Legends of the Dark Knight

Legends of the Dark Knight: Blink/Don’t Blink

DC Comics

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Titel: Blink

Autor/Zeichner: Dwayne McDuffie/Val Semeiks

Erschienen: 2002-2003 (Legends of the Dark Knight #156-158, #164-167; Paperback 2015)


„Geez. Snuff films, baby snatchers, don’t you know any nice people?“ (Lee Hyland/Blink)

Lee Hyland ist blind, doch er hat eine besondere Gabe: er kann durch die Augen der Menschen sehen, die er berührt. Der schmächtige Mann mit Hut macht sich diese Gabe zunutze, indem er das Leben der Menschen eine Weile beobachtet und sie dann abzieht – bislang mit Erfolg. Doch eines Tages wird er Zeuge eines Mordes und weil er zur falschen Zeit am falschen Ort ist, gerät er selbst unter Mordverdacht. So kreuzt sich sein Weg mit dem von Batman, der dabei ist, einen Serienmörder zu fassen. Schnell wird klar: Der Mörder ist nur ein Teil des Problems, denn er handelt im Auftrag eines Mannes, der für andere Snuff-Filme dreht. Lee Hyland wird vom Gauner zu Batmans Helfer.

In der zweiten Story des Bandes jagt Batman einen Babyhändler-Ring, während Lee Hyland von einer sinistren Regierungsorganisation gefangen gehalten und unter dem Namen Blink dazu missbraucht wird, um Terroristen aufzuspüren. Batman befreit seinen Kumpel und verbündet sich erneut mit ihm, um die anderen bösen Buben zu fassen. Doch die Aufgabe nimmt ihm plötzlich ein anderer ab: einer aus der Babyhändler-Bande besinnt sich und beginnt, seine eigenen Leute abzuknallen. Wieder muss Batman einen Serienmörder vom Töten abhalten. Und dann wird auch noch Hylands Frau entführt …

Blink und Don’t Blink sind zwei typische Legends-Storys aus Batmans Frühzeit. Wir sehen einen etablierten Helden, der immer noch Fehler macht und in seinem Tagebuch Rechenschaft darüber ablegt. Passagen daraus begleiten die Geschichte und erlauben uns Einblicke in Batmans Gedanken. Viel Tiefe ist darin zwar nicht, auch kaum Persönliches, aber dafür einige selbstironische Spitzen. Ansonsten gibt es keinen Bruce Wayne, keine Rückblenden oder andere typische Nebenfiguren, es wird bloß Batman in Action gezeigt. Und sein blinder Begleiter ist ein netter Sidekick, der ihn dank seiner seherischen Fähigkeiten allerdings auch nicht vor Fehlern bewahren kann. (Leser könnten sich an Filme wie Being John Malkovich oder Minority Report erinnert fühlen – und müssen selbst entscheiden, ob es sich dabei um Zitate oder Plagiate handelt.)

Val Semeiks (bekannt für die One Million-Mini-Serie) liefert mit seinen klaren Zeichnungen eine solide, wenn auch formal uninspirierte Arbeit ab. Für meinen Geschmack ist die Stimmung der Panels zu heiter, es fehlt an Schatten und Nacht. Und Batman sieht zu sehr so aus, als hätte er Schulterpolster unter seinem Cape. Dafür sind die Cover von Brian Stelfreeze besonders gelungen, weil sie mit ihrem Split-Screen-Design mit dem üblichen Schema brechen. Blink ist zwar keine hohe Kunst, aber kurzweilige Unterhaltung.

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