Elseworlds

Batman nach Orson Welles

Batman: Citizen Wayne

Titel: Citizen Wayne

Autor/Zeichner: Mark Waid & Brian Augustyn/Joe Staton

Erschienen: 1994 (Legends of the Dark Knight Annual #4; Paperback: Superman/Batman: Alternate Histories, 1996)


„If the city’s freedom is regained by someone outside the law, the freedom is worthless.“ (Bruce Wayne)

Was wäre wenn … Orson Welles Batman verfilmt hätte? Dann hätte Bruce Wayne nur seinen Vater bei dem Überfall verloren, wäre wohl Zeitungsverleger geworden und hätte das organisierte Verbrechen mit den aufklärerischen Mitteln der Pressefreiheit bekämpft. Und es wäre sein bester Freund, der Bezirksstaatsanwalt Harvey Dent, der zu drastischeren Methoden gegriffen hätte.

Das ist die Prämisse der Elseworlds-Story Citizen Wayne, die an Orson Welles‘ Filmklassiker Citizen Kane von 1941 angelehnt ist. Doch hier geht es nicht um die Frage, wer oder was „Rosebud“ ist, sondern darum, was dazu geführt hat, dass Wayne und Dent bei einem gleichzeitigen Sturz vom Dach umgekommen sind. Ähnlich wie bei Welles geht ein Unbekannter der Frage nach, ein zunächst namenloser Assistant District Attorney. Damit gleichen nur das Erzählverfahren und der Stil dem Film. Schwarze Schatten bestimmen die Seiten und die Figuren wirken überaus lebendig, auch wenn die Herren in ihren Anzügen mit ihren überaus breiten Schultern wie Kleiderschränke aussehen.

Citizen Wayne erzählt die Geschichte einer Freundschaft, die beim Kampf gegen das Verbrechen zerrieben wird. Ein Mann verliert seine Existenz und wird zum selbsternannten Rächer jenseits des Gesetzes, der zum Mörder wird, während ein anderer zu seinen Idealen steht. Am Ende kommt es zu einem Duell zwischen Batman und Bruce Wayne in Samurai-Rüstung. Die Autoren verstehen es, die Problematik zwischen Recht und Unrecht auszuloten und dabei das Scheitern der Freundschaft als Tragödie glaubhaft zu machen. Außerdem sieht Batman mit seiner goldenen Maske und dem an Polizei- und Soldaten-Uniformen angelehnten Kostüm ziemlich cool aus. Ein bemerkenswertes Stück alternativer Geschichte – und eine gelungene Hommage an die Filmkunst der 40er.

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Die verhinderte Fledermaus

Detective No 27

DC Comics

Titel: Batman: Detective No. 27 (Detective #27)

Autor/Zeichner: Michael Uslan/Peter Snejbjerg

Erschienen: 2003 (One-shot)


 „Did you ever dance with the devil in the pale moonlight?“

Eine Batman-Story ohne Batman. Bruce Wayne sitzt am offenen Fenster und überlegt gerade, wie er am besten das Verbrechen bekämpfen kann, das seine Eltern das Leben kostete, da klopft es an der Tür. Wayne schließt das Fenster, eine Fledermaus fliegt dagegen. „Stupid bird!“, sagt Wayne genervt ohne richtig hinzusehen. Kurz darauf wird er zum „Detective No. 27“, Mitglied einer Geheimgesellschaft, die gegen eine Verschwörung von Südstaatlern kämpft. Einige von denen haben es nicht verkraftet, den Bürgerkrieg verloren zu haben, also ermordeten sie Abraham Lincoln und planen jetzt, den Norden mit einem tödlichen Gift zu vergasen.

Der Reiz dieser etwas weit hergeholten Geschichte besteht darin, dass sie zwar in der Welt von Batman spielt, aber alles, was man von ihr kennt, lediglich tangiert. Es gibt einen Elternmord, einen Verbrechensbekämpfer, der inkognito unterwegs ist, einen Alfred und sogar einen Robin, aber ohne dass Bruce Wayne sich je als Batman kostümieren würde. Stattdessen begnügt sich die Story mit Anspielungen und (zuweilen kalauerhaften) Wortwitzen. Der platteste fällt, nachdem Wayne eine Horde von Schurken mit einem Baseballschläger (engl. „bat“) zusammengeschlagen hat: „You swing a helluva stick for a civilian, my friend!“, sagt ein Mitstreiter. „Gonna have to start calling you ‚the Bat-Man‘!“ Ansonsten haben wir einen grinsenden Joker (der jedoch nicht blasshäutig ist), einen Mad Scientist namens Hugo Strange, einen Professor Crane und eine Selina Kyle, genannt „the Cat“. Selbst Superman schaut am Ende vorbei – allein dieser trägt sein typisches Kostüm.

Es wird also viel geboten. Das alles geschieht in einem historischen Kontext (die Haupthandlung spielt – natürlich – im Batman-Geburtsjahr 1939), Autor Michael Uslan hat ans Ende des Bandes sogar ein paar Fußnoten gesetzt, in denen er Bezüge zur Geschichte erklärt. Es ist diese Liebe zur Ausschmückung, die diesen Band so sympathisch macht. Peter Snejbjergs schlichte Zeichnungen, die zuweilen an den Animated-Stil erinnern, sind ebenso detailreich und voller Leben. Es ist ein gewagtes Experiment, Batman aufs Cover zu schreiben und dann keinen zu bieten. Aber auch konsequent. Und allein dafür gebührt den Machern Respekt.

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Hardboiled Robin

batman-ninelives

Titel: Nine Lives (dt. Neun Leben)

Autor/Zeichner: Dean Motter/Michael Lark

Erschienen: 2002 (One-shot), dt. Panini 2002


„Maybe being Batman made perfect sense in his world.“ (Dick Grayson)

Für gewöhnlich kann man Elseworlds-Szenarien auf eine Was-wäre-wenn-Formel bringen. Bei Nine Lives könnte man fragen: Was wäre, wenn Zirkuskind Dick Grayson nach dem Tod seiner Eltern Privatdetektiv geworden wäre? Doch damit allein würde man der Story nicht gerecht werden. Denn Dean Motter imaginiert hier ein typisches Noir-Szenario im Stil der 40er: Altmodische Gangster machen die Stadt unsicher, wenige ehrliche Menschen wehren sich dagegen, eine zwielichtige Frau mit Beziehungen zu allen Seiten wird ermordet in der Kanalisation gefunden. Diese Frau heißt Selina Kyle, ist zur Abwechslung eine Farbige und Catwoman ist nicht mehr als ein Spitzname. Ähnlich verfährt Motter mit dem Rest der bekannten Batman-Figuren: Die typischen Schurken wie Joker, Pinguin, Riddler, Mr. Freeze, Two-Face und Clayface sind gewöhnliche Menschen, haben weder besondere Fähigkeiten noch Kostüme. Es sind einfache Gangster und Handlanger, Edward Nygma ist sogar nichts als ein Buchhalter. Die zentrale Frage ist: Wer von ihnen hat Selina Kyle umgebracht?

Privatdetektiv Dick Grayson – ein typisch gebrochener Anti-Held – geht der Sache nach, kommt Batman in die Quere und verbündet sich schließlich mit ihm, um den Fall zu lösen. Die Handlung an sich ist nicht der Rede wert. Nine Lives funktioniert am besten als das, was es sein will, als Hommage an die gute alte Zeit des Detektiv-Romans und Noir-Films. Batman spielt nur eine untergeordnete Rolle, man könnte sagen, er sei hier nur der Sidekick von Grayson – ohne dass dieser hier jemals eine Art Robin wäre. Und gerade diese Eigenschaft zeichnet ihn am meisten aus. Zeichner Michael Lark und Kolorist Matt Hollingsworth sorgen mit ihren an David Mazzuchelli orientierten Panels (eine Reminiszenz ist sogar im Buch versteckt) für eine sinistre Stimmung – ohne jedoch alles übertrieben in Schatten tauchen zu müssen. Die Figuren werden mit wenigen Strichen schlicht und dennoch lebhaft dargestellt.

Die größte Besonderheit: Das Buch ist im Querformat angelegt. Das allein regt dazu an, einen anderen Blick auf bekannte Charaktere zu werfen. Insgesamt ist Nine Lives eine willkommene Abwechslung – formal wie inhaltlich.

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Joker als Held, Batman als Schurke

DC Comics

DC Comics

Titel: I, Joker

Autor/Zeichner: Bob Hall

Erschienen: 1998 (One-shot)


„Something is very wrong with my brain.“ (Joker)

In dieser Elsworlds-Zukunftsversion ist Bruce Wayne tot, sein Mythos lebt aber auf eigenständige Weise weiter: Batman ist ein anderer, ein Tyrann, der sich für Gott hält und der Blutrunst des Volkes dient, indem er Opferrituale organinisert. Einmal im Jahr werden fünf klassische Schurken (Pinguin, Riddler, Two-Face, Ra’s al Ghul und Joker) erschaffen, damit sie von selbsternannten Batmen aus dem Volk niedergemacht werden können. Wer triumphiert, darf gegen Batman antreten. Wer ihn besiegt, wird zum neuen Batman. Doch mit dem Joker stimmt etwas nicht: Er ist ein Rebell gegen die Schreckensherrschaft, der gegen seinen Willen manipuliert wurde, um die Schurkenrolle einzunehmen. Der Joker wehrt sich, wird zum Helden, der sich gegen den Schurken Batman auflehnt.

Interessanter Weise wird der Joker durch diesen Rollentausch zum Gewissen dieser Geschichte. Ihm wird bewusst, dass Batman nicht tötet, er bringt den Wandel in die Gesellschaft – als dauergrinsender Superheld mit einem weiblichen Robin an seiner Seite. Auch wenn diese Dystopie ziemlich überdreht und unsympathisch daherkommt, ist sie mit 48 Seiten genau richtig dosiert, um einmal zur Kenntnis genommen werden zu können – für alle, die den Joker mal anders erleben wollen.

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Es geht auch ohne Superman

Justice League: Another Nail

Titel: Justice League: Another Nail (dt. Noch ein Nagel)

Autor/Zeichner: Alan Davis

Erschienen: 2004 (Mini-Serie #1-3, dt. Panini 2004, DC Premium 34)


„I know that’s what you want … to die! To stop the pain.“ (Joker zu Batman)

Was wäre wenn … Superman bei Amish aufgewachsen wäre? Dann wäre er ein noch größerer Langweiler geworden: Introvertiert, wortkarg, wehmütig. Wie gut, dass es da noch den Rest der Justice League gibt. Und noch gefühlte 1000 weitere Superhelden, Superschurken, New Gods und Green Lanterns gibt. Die Fortsetzung von The Nail wird zwar dafür genutzt, einige offene Fragen des ersten Teils zu beantworten und Episoden wie den Krieg zwischen Apokolips New Genesis sowie die Beteiligung des Green Lantern Corps nachzutragen, dafür erstickt die eigentliche Story in einer Fülle von Figuren, Schauplätzen, Irrungen und Wirrungen. Kurzum: Das übliche Gewusel eines Mega-Crossovers.

Ein Jahr nach den Ereignissen von The Nail passieren wieder seltsame Dinge: Eine unbekannte Kraft saugt Energie von der Erde. Green Lantern ist betroffen, auch Superman. Die meiste Zeit sieht man die JLA wieder mal im Dunkeln tappen und irgendwelchen Energiesignaturen folgen. Das ist langweilig. Und dann sind da noch die vielen Szenenwechsel und Nebenhandlungen, die alles nur unnötig in die Länge ziehen. Wen interessieren zweit- bis drittklassige Helden wie die Doom Patrol, die Outsiders oder die Metal Men? Und dann sind da noch andere Expendables mit blöden Namen, bescheuerten Kostümen und handlungsbremsenden Funktionen, New Gods, Gestalten aus dem Multiversum, die üblichen Verdächtigen der Transzendenz wie Phanton Stranger, Spectre, Etrigan und Deadman, ja sogar der Joker kehrt als Höllendämon wieder. Der Oberschurke ist nichts als eine öde Riesenamöbe, die sinnlos durchs Weltall treibt und nur frisst, was ihr unterkommt. Fader geht’s nicht. Und am Ende ist es nicht Superman, der das Multiversum rettet, sondern ein plötzlich geläuterter Oliver Queen.

Hätte es dafür diese zähe Fortsetzung gebraucht? Nein. Für diese Story wäre weder ein Elseworlds-Label nötig gewesen noch die Anwesenheit von Superman. Das ist das Hauptproblem der Geschichte: Sie verliert ihren roten Faden. Wenn man zuerst ein Riesentheater um eine Welt ohne Superman veranstaltet und dann diese Welt bzw. Story auch ganz gut ohne auskommt, kann man das nur inkosequent nennen.

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Fast eine Welt ohne Superman

JLA: The Nail

Titel: JLA: The Nail (dt. Der Nagel)

Autor/Zeichner: Alan Davis

Erschienen: 1998 (Mini-Serie #1-3, Paperback 1999), dt. Dino 1999 (JLA Sonderband)


„So it was a kingdom was lost – – all for the want of a nail.“

Was wäre wenn … ein einziger Nagel verhindert hätte, dass Kal-El von den Kents gefunden wird?

Dann gäbe es eine Welt ohne Superman. Das wäre an sich noch kein Verlust, weil alle anderen Superhelden trotzdem entstanden wären. Aber sie hätten keine Galionsfigur, keinen Botschafter für ihre Sache, keinen Vermittler zwischen Metawesen und Menschen. Und so ist die Elseworld von The Nail eine fremdenfeindliche: Lex Luthor ist nicht nur Bürgermeister von Metropolis, er ist auch Anführer einer Hexenjagd gegen Superhelden, Aliens und andere Metawesen. Nach und nach werden sie gefangen genommen oder anderweitig ausgeschaltet. Die Justice League sieht dem Treiben ziemlich machtlos zu bis sie den Urheber des Komplotts entdecken …

Natürlich wäre die Story nichts ohne bekannte Gesichter der Superman-Familie: Lois Lane, Lana Lang, die Kents und vor allem Jimmy Olsen kommen wichtige Rollen zu. Und natürlich bedeutet dieses Szenario nicht, dass es keinen Kal-El und keine Rakete von Krypton gibt. So ist The Nail nur zunächst eine Welt ohne Superman. Im Grunde sehen wir seiner Entstehung mit einem großen Umweg über viele Katastrophen zu. Wir sehen auch eine der grausamsten Szenen, die Batman widerfährt: Der Joker ermordet brutal Robin und Batgirl und zwingt Batman zuzusehen, daraufhin wird der Dunkle Ritter zum Mörder und infolgedessen zu einem gebrochenen Mann.

Trotz des durchgängig ernsten Tones, der Armut an Humor und des schnellen Erzähltempos ist Alan Davis (Batman: Year Two, Full Circle) eine der besten Elseworlds-Stories gelungen. The Nail ist actionreich ohne zu unterfordern oder gar anzustrengen, die Grundidee ist gut durchdacht und bis zur letzten, noch so schlimmen Konsequenz ausgeführt, weil sie die Bedeutung Supermans für das DC Universum hervorhebt und vor nichts zurückschrecht – außer natürlich, den Lesern Superman ganz vorzuenthalten. Schließlich ist die Story auch für einige überraschende Wendung gut. Der Schurke ist der, von dem man es am wenigsten erwartet. Vor allem aber erweist sich Davis mit seinem dynamischen, geschmeidigen und klaren Zeichenstil als einer der talentiertesten Künstler. Er zeichnet Bilder, die sich einprägen – ebenso wie die Geschichte, die sie erzählen.

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Elseworlds: Batman – Holy Terror

DC Comics

DC Comics

Titel: Holy Terror

Autor/Zeichner: Alan Brennert/Norm Breyfogle

Erschienen: 1991 (One-shot)


„Now I find out that the God I’ve thought I loved is responsible for my parents‘ deaths!“ (Bruce Wayne)

Was wäre wenn … die USA ein Commonwealth-Staat unter der britischen Krone geworden wären? Dann gäbe es dort ein theokratisches Regime, in dem unliebsame Minderheiten im Namen Gottes unterdrückt werden. Doch eine Sache bliebe gleich: Die Waynes würden ermordet werden und Bruce würde zu Batman werden, um sie zu rächen.

Das ist die Prämisse von Holy Terror, dem zweiten Elseworlds-Abenteuer, aber dem ersten, das das Logo trägt. Es ist nicht irgendeine Geschichte. Für ein Superhelden-Comic geht es darin sehr politisch und kirchenkritisch zu. Waynes Eltern sind nicht zufällig gestorben, sondern wurden von einem geheimen Gericht verurteilt, weil sie Menschen medizinisch geholfen haben, die von der Kirchen diskriminiert und verfolgt werden: Homosexuelle, die man misshandelte, um sie umzupolen, verzweifelt Frauen, die sich bei Selbstabtreibungsversuchen umbringen, Prostituierte.

Was Bruce Wayne später entdeckt, ist ebenso schauderthaft: Die Kirche macht Menschenversuche, um eine Superarmee zu generieren, mit der sie den Rest der Welt unterjochen will. Doch die Opfer gehen dabei drauf oder nehmen anderweitig Schaden. Wir sehen gebrochene Versionen von Flash und Aquaman, am Ende muss ein kryptonitverseuchter Superman als gekreuzigter Märtyter herhalten. Und der Schurke, der die Versuche aus Spaß an der Freude durchführt, ist auch noch ein konvertierter Jude – holy shit!

Da verzeiht man es dem Autor, dass er sich nicht um eine plausible Erklärung kümmert, warum Bruce Wayne ausgerechnet ein Fledermauskostüm anzieht, und auch das überraschend versöhnliche Ende, das eine Mission als Kompromiss zwischen Friedenspredigt und Jihad (so wörtlich!) vorschlägt. Holy Terror ist gewagt. Es hat eine klare Botschaft: die Trennung zwischen Gott und Religion, zwischen Staat und Kirche. Und allein deshalb ist es bemerkenswert.

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Verfluchte Stadt

Batman: Haunted Gotham

Titel: Haunted Gotham

Autor/Zeichner: Doug Moench/Kelley Jones

Erschienen: 2000 (Mini-Serie #1-4) (dt. 2001, Dino-Verlag, Batman Sonderband)


„Hey, jeder stirbt mal … und in Gotham ist es meistens Mord.“ (Cal)

Denken wir uns ein Gotham, so finster wie es nie eines gab: Abgeschottet von der Außenwelt und heimgesucht von bösen Geistern, Dämonen und Monstern. Das Verbrechen ist an der Tagesordnung, aber gelenkt von übernatürlichen Mächten, gegen die man als Mensch nichts ausrichten kann. Wenn man den Mord an seinen Eltern rächen will, muss man sich was einfallen lassen. Zum Beispiel zur Fledermaus werden – und den Rest kann man sich denken.

Batman kämpft gegen Werwölfe, Zombies und Schlangenmenschen in einem typisch düster-surrealen Szenario, das Kelley Jones mit vielen schwarzen Schatten versetzt. Das kann man mal machen, aber für eine Batman-Story wirkt dieser Ausflug ins Okkulte zu abgehoben. Und vier Teile mit fast 200 Seiten hätte es für dieses Elseworlds-Abenteuer auch nicht gebraucht. Schnell wirkt diese Fülle von Dämonen, Geistern und Monstern ermüdend.

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Wie die Fledermaus zum Kinde kam

DC Comics

Titel: Son of the Demon (dt. Der Sohn des Dämons)

Autor/Zeichner: Mike W. Barr/Jerry Bingham

Erschienen: 1987 (One-shot), Paperback 2012 (Birth of the Demon); dt. Hethke 1989 (Batman Sonderband 2)


 „… forego your control, your discipline … just once, let yourself go … and take me with you.“ (Talia al Ghul)

Eine unbekannte Bande überfällt ein Chemiewerk, nimmt Geiseln und Batman rettet den Tag. Am Tatort ist auch Talia al Ghul, Tochter des Erzfeindes Ra’s. Sie leugnet jegliche Beteiligung an dem Überfall, also fliegt man gemeinsam zu Papa nach Hause, wo Ra’s dem Detektiv klarmacht, dass sie gegen einen gemeinsamen Feind kämpfen: Qayin, den Mann der Ra’s Frau getötet hat, ist mit den Jahren ein Superschurke geworden, der mit einem Wetter-Satelliten die Welt in den dritten Weltkrieg stürzen will. Während Gegner zu Verbündeten werden, kommen sich Batman und Talia wieder näher, erneuern ihre Ehe und vollziehen sie. Das Resultat dürfte bekannt sein, der Titel verrät es, daher bitte ich den Leser, mir den Spoiler zu verzeihen: Sie zeugen ein Kind.

Und obwohl Son of the Demon noch kein Elseworlds-Logo trägt, hat es lange als nicht-kanonische Story gegolten, bis Autor Grant Morrison ihre Grundidee wiederaufgegriffen und mit Damian Wayne Robin V geschaffen hat (Batman and Son).

Ansonsten ist das Buch ein solides Abenteuer im klassischen Gewand – also ohne große Überraschungen oder ausgefeilte Dialoge, dafür mit den üblichen Schwächen. Wie so oft geht manches zu schnell, wie etwa Ra’s Allianz mit Batman und der Kuhhandel, der Talia betrifft, geht auch allzu leicht vonstatten. Eigentlich will Batman nur einen Schurken fassen und dann lässt er sich spontan auf eine Ehe mit einer Frau ein, die einen größenwahnsinnigen Psycho zum Vater hat. Jerry Bingham ist ein fähiger Zeichner, der seinen Figuren Ausdruck und Schwung verleiht, Mike W. Barr ein Autor, der mit dieser Graphic Novel eines seiner besseren Werke abgeliefert hat.

(Für IGN ist Son of the Demon der fünftbeste Batman-Comic aller Zeiten, zudem die beste Ra’s-Story.)

Hinweis: Son of the Demon wurde zusammen mit den beiden anderen Teilen der Trilogie, Bride of the Demon und Birth of the Demon, in dem Sammelband Batman: Birth of the Demon (2012) aufgelegt.

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Thrillkiller: Batman zurück in den 60ern

Batman: Thrillkiller

Titel: Thrillkiller/Thrillkiller ’62

Autor/Zeichner: Howard Chaykin/Dan Brereton

Erschienen: 1997/1998 (#1-3, One-shot), dt. Carlsen 1999


Was wäre, wenn … es zuerst Batgirl und Robin gegeben hätte, Bruce Wayne nur Detective bei der Polizei wäre und der Joker eine Frau? Davon geht Thrillkiller aus. Die vierteilige Elseworlds-Story spielt in den Jahren 1961 bis 1962. Das dynamische Duo mischt „knüppelschwingende Bullen“ auf, die gegen Studentenproteste vorgehen, legen sich aber auch mit der Unterwelt und korrupten an – wogegen aber Papa Gordon bei der Polizei vorgehen muss.

Wir sehen, wie Bruce Wayne zu Batman wird, einer ambigen moralisierenden Figur, die einerseits protestierende Studenten in die Bibliothek verdonnert und andererseits der Polizei den Rat gibt, sich nicht wie die Gestapo zu verhalten. Das war’s aber auch schon in Sachen Charaktertiefe. Robin, der eine bemüht europäische Herkunft erhält („Richard Graustark“?!), wird zum größten Waschlappen der Story; einzig sein Kostüm mit der College-Jacke überzeugt. Dass Barbara Gordon zur Batgirl geworden ist, nachdem sie ihre Mutter in einer fledermausförmigen Blutlache hat sterben sehen, wirkt ebenso konstruiert wie die Erklärung, warum sie Wayne Manor bewohnen darf.

Bei Elseworlds-Geschichten geht es um Verschiebungen. Doch mehr als eine Rochade bietet Thrillkiller nicht. Die Story bleibt flach, konzentriert sich eher auf Liebeleien zwischen den Hauptcharakteren und wird durch sprunghaftes, allzu übereiltes Erzählen nicht besser. Einige Motive der Figuren bleiben unklar, wie etwa warum Batgirl ihr Kostüm ablegt, aber dann zu Robin wird oder warum „Harley Quinn“ eine Mörderin ist. Der blumige Stil der Erzählstimme nervt, die melodramatischen Dialoge heben das Niveau nicht über den Durchschnitt. Die unbeholfene deutsche Übersetzung tut dem Text keinen Gefallen.

Das größte Plus sind die gemalten Panels von Dan Brereton, der sich eines knallbunten, expressionischen Stils bedient. Allerdings wirken seine Figuren oft steif und gleichförmig. Die Gesichter der Figuren sind so ähnlich (Stichwort: Schmollmünder), dass sie meist nur an ihren Haaren oder ihrer Kleidung zu unterscheiden sind. Bei Frauen scheinen nur Oberweite und Dekolleté zu zählen. Naja, immerhin ein paar Hingucker …

Dafür hätte es den Sprung in die 60er wirklich nicht gebraucht.

(Übrigens verließ Elvis die Army bereits 1960 und nicht, wie behauptet wird, 1961.)

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