Elseworlds

Fast eine Welt ohne Superman

JLA: The Nail

Titel: JLA: The Nail (dt. Der Nagel)

Autor/Zeichner: Alan Davis

Erschienen: 1998 (Mini-Serie #1-3, Paperback 1999), dt. Dino 1999 (JLA Sonderband)


„So it was a kingdom was lost – – all for the want of a nail.“

Was wäre wenn … ein einziger Nagel verhindert hätte, dass Kal-El von den Kents gefunden wird?

Dann gäbe es eine Welt ohne Superman. Das wäre an sich noch kein Verlust, weil alle anderen Superhelden trotzdem entstanden wären. Aber sie hätten keine Galionsfigur, keinen Botschafter für ihre Sache, keinen Vermittler zwischen Metawesen und Menschen. Und so ist die Elseworld von The Nail eine fremdenfeindliche: Lex Luthor ist nicht nur Bürgermeister von Metropolis, er ist auch Anführer einer Hexenjagd gegen Superhelden, Aliens und andere Metawesen. Nach und nach werden sie gefangen genommen oder anderweitig ausgeschaltet. Die Justice League sieht dem Treiben ziemlich machtlos zu bis sie den Urheber des Komplotts entdecken …

Natürlich wäre die Story nichts ohne bekannte Gesichter der Superman-Familie: Lois Lane, Lana Lang, die Kents und vor allem Jimmy Olsen kommen wichtige Rollen zu. Und natürlich bedeutet dieses Szenario nicht, dass es keinen Kal-El und keine Rakete von Krypton gibt. So ist The Nail nur zunächst eine Welt ohne Superman. Im Grunde sehen wir seiner Entstehung mit einem großen Umweg über viele Katastrophen zu. Wir sehen auch eine der grausamsten Szenen, die Batman widerfährt: Der Joker ermordet brutal Robin und Batgirl und zwingt Batman zuzusehen, daraufhin wird der Dunkle Ritter zum Mörder und infolgedessen zu einem gebrochenen Mann.

Trotz des durchgängig ernsten Tones, der Armut an Humor und des schnellen Erzähltempos ist Alan Davis (Batman: Year Two, Full Circle) eine der besten Elseworlds-Stories gelungen. The Nail ist actionreich ohne zu unterfordern oder gar anzustrengen, die Grundidee ist gut durchdacht und bis zur letzten, noch so schlimmen Konsequenz ausgeführt, weil sie die Bedeutung Supermans für das DC Universum hervorhebt und vor nichts zurückschrecht – außer natürlich, den Lesern Superman ganz vorzuenthalten. Schließlich ist die Story auch für einige überraschende Wendung gut. Der Schurke ist der, von dem man es am wenigsten erwartet. Vor allem aber erweist sich Davis mit seinem dynamischen, geschmeidigen und klaren Zeichenstil als einer der talentiertesten Künstler. Er zeichnet Bilder, die sich einprägen – ebenso wie die Geschichte, die sie erzählen.

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Elseworlds: Batman – Holy Terror

DC Comics

DC Comics

Titel: Holy Terror

Autor/Zeichner: Alan Brennert/Norm Breyfogle

Erschienen: 1991 (One-shot)


„Now I find out that the God I’ve thought I loved is responsible for my parents‘ deaths!“ (Bruce Wayne)

Was wäre wenn … die USA ein Commonwealth-Staat unter der britischen Krone geworden wären? Dann gäbe es dort ein theokratisches Regime, in dem unliebsame Minderheiten im Namen Gottes unterdrückt werden. Doch eine Sache bliebe gleich: Die Waynes würden ermordet werden und Bruce würde zu Batman werden, um sie zu rächen.

Das ist die Prämisse von Holy Terror, dem zweiten Elseworlds-Abenteuer, aber dem ersten, das das Logo trägt. Es ist nicht irgendeine Geschichte. Für ein Superhelden-Comic geht es darin sehr politisch und kirchenkritisch zu. Waynes Eltern sind nicht zufällig gestorben, sondern wurden von einem geheimen Gericht verurteilt, weil sie Menschen medizinisch geholfen haben, die von der Kirchen diskriminiert und verfolgt werden: Homosexuelle, die man misshandelte, um sie umzupolen, verzweifelt Frauen, die sich bei Selbstabtreibungsversuchen umbringen, Prostituierte.

Was Bruce Wayne später entdeckt, ist ebenso schauderthaft: Die Kirche macht Menschenversuche, um eine Superarmee zu generieren, mit der sie den Rest der Welt unterjochen will. Doch die Opfer gehen dabei drauf oder nehmen anderweitig Schaden. Wir sehen gebrochene Versionen von Flash und Aquaman, am Ende muss ein kryptonitverseuchter Superman als gekreuzigter Märtyter herhalten. Und der Schurke, der die Versuche aus Spaß an der Freude durchführt, ist auch noch ein konvertierter Jude – holy shit!

Da verzeiht man es dem Autor, dass er sich nicht um eine plausible Erklärung kümmert, warum Bruce Wayne ausgerechnet ein Fledermauskostüm anzieht, und auch das überraschend versöhnliche Ende, das eine Mission als Kompromiss zwischen Friedenspredigt und Jihad (so wörtlich!) vorschlägt. Holy Terror ist gewagt. Es hat eine klare Botschaft: die Trennung zwischen Gott und Religion, zwischen Staat und Kirche. Und allein deshalb ist es bemerkenswert.

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Verfluchte Stadt

Batman: Haunted Gotham

Titel: Haunted Gotham

Autor/Zeichner: Doug Moench/Kelley Jones

Erschienen: 2000 (Mini-Serie #1-4) (dt. 2001, Dino-Verlag, Batman Sonderband)


„Hey, jeder stirbt mal … und in Gotham ist es meistens Mord.“ (Cal)

Denken wir uns ein Gotham, so finster wie es nie eines gab: Abgeschottet von der Außenwelt und heimgesucht von bösen Geistern, Dämonen und Monstern. Das Verbrechen ist an der Tagesordnung, aber gelenkt von übernatürlichen Mächten, gegen die man als Mensch nichts ausrichten kann. Wenn man den Mord an seinen Eltern rächen will, muss man sich was einfallen lassen. Zum Beispiel zur Fledermaus werden – und den Rest kann man sich denken.

Batman kämpft gegen Werwölfe, Zombies und Schlangenmenschen in einem typisch düster-surrealen Szenario, das Kelley Jones mit vielen schwarzen Schatten versetzt. Das kann man mal machen, aber für eine Batman-Story wirkt dieser Ausflug ins Okkulte zu abgehoben. Und vier Teile mit fast 200 Seiten hätte es für dieses Elseworlds-Abenteuer auch nicht gebraucht. Schnell wirkt diese Fülle von Dämonen, Geistern und Monstern ermüdend.

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Wie die Fledermaus zum Kinde kam

DC Comics

Titel: Son of the Demon (dt. Der Sohn des Dämons)

Autor/Zeichner: Mike W. Barr/Jerry Bingham

Erschienen: 1987 (One-shot), Paperback 2012 (Birth of the Demon); dt. Hethke 1989 (Batman Sonderband 2)


 „… forego your control, your discipline … just once, let yourself go … and take me with you.“ (Talia al Ghul)

Eine unbekannte Bande überfällt ein Chemiewerk, nimmt Geiseln und Batman rettet den Tag. Am Tatort ist auch Talia al Ghul, Tochter des Erzfeindes Ra’s. Sie leugnet jegliche Beteiligung an dem Überfall, also fliegt man gemeinsam zu Papa nach Hause, wo Ra’s dem Detektiv klarmacht, dass sie gegen einen gemeinsamen Feind kämpfen: Qayin, den Mann der Ra’s Frau getötet hat, ist mit den Jahren ein Superschurke geworden, der mit einem Wetter-Satelliten die Welt in den dritten Weltkrieg stürzen will. Während Gegner zu Verbündeten werden, kommen sich Batman und Talia wieder näher, erneuern ihre Ehe und vollziehen sie. Das Resultat dürfte bekannt sein, der Titel verrät es, daher bitte ich den Leser, mir den Spoiler zu verzeihen: Sie zeugen ein Kind.

Und obwohl Son of the Demon noch kein Elseworlds-Logo trägt, hat es lange als nicht-kanonische Story gegolten, bis Autor Grant Morrison ihre Grundidee wiederaufgegriffen und mit Damian Wayne Robin V geschaffen hat (Batman and Son).

Ansonsten ist das Buch ein solides Abenteuer im klassischen Gewand – also ohne große Überraschungen oder ausgefeilte Dialoge, dafür mit den üblichen Schwächen. Wie so oft geht manches zu schnell, wie etwa Ra’s Allianz mit Batman und der Kuhhandel, der Talia betrifft, geht auch allzu leicht vonstatten. Eigentlich will Batman nur einen Schurken fassen und dann lässt er sich spontan auf eine Ehe mit einer Frau ein, die einen größenwahnsinnigen Psycho zum Vater hat. Jerry Bingham ist ein fähiger Zeichner, der seinen Figuren Ausdruck und Schwung verleiht, Mike W. Barr ein Autor, der mit dieser Graphic Novel eines seiner besseren Werke abgeliefert hat.

(Für IGN ist Son of the Demon der fünftbeste Batman-Comic aller Zeiten, zudem die beste Ra’s-Story.)

Hinweis: Son of the Demon wurde zusammen mit den beiden anderen Teilen der Trilogie, Bride of the Demon und Birth of the Demon, in dem Sammelband Batman: Birth of the Demon (2012) aufgelegt.

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Thrillkiller: Batman zurück in den 60ern

Batman: Thrillkiller

Titel: Thrillkiller/Thrillkiller ’62

Autor/Zeichner: Howard Chaykin/Dan Brereton

Erschienen: 1997/1998 (#1-3, One-shot), dt. Carlsen 1999


Was wäre, wenn … es zuerst Batgirl und Robin gegeben hätte, Bruce Wayne nur Detective bei der Polizei wäre und der Joker eine Frau? Davon geht Thrillkiller aus. Die vierteilige Elseworlds-Story spielt in den Jahren 1961 bis 1962. Das dynamische Duo mischt „knüppelschwingende Bullen“ auf, die gegen Studentenproteste vorgehen, legen sich aber auch mit der Unterwelt und korrupten an – wogegen aber Papa Gordon bei der Polizei vorgehen muss.

Wir sehen, wie Bruce Wayne zu Batman wird, einer ambigen moralisierenden Figur, die einerseits protestierende Studenten in die Bibliothek verdonnert und andererseits der Polizei den Rat gibt, sich nicht wie die Gestapo zu verhalten. Das war’s aber auch schon in Sachen Charaktertiefe. Robin, der eine bemüht europäische Herkunft erhält („Richard Graustark“?!), wird zum größten Waschlappen der Story; einzig sein Kostüm mit der College-Jacke überzeugt. Dass Barbara Gordon zur Batgirl geworden ist, nachdem sie ihre Mutter in einer fledermausförmigen Blutlache hat sterben sehen, wirkt ebenso konstruiert wie die Erklärung, warum sie Wayne Manor bewohnen darf.

Bei Elseworlds-Geschichten geht es um Verschiebungen. Doch mehr als eine Rochade bietet Thrillkiller nicht. Die Story bleibt flach, konzentriert sich eher auf Liebeleien zwischen den Hauptcharakteren und wird durch sprunghaftes, allzu übereiltes Erzählen nicht besser. Einige Motive der Figuren bleiben unklar, wie etwa warum Batgirl ihr Kostüm ablegt, aber dann zu Robin wird oder warum „Harley Quinn“ eine Mörderin ist. Der blumige Stil der Erzählstimme nervt, die melodramatischen Dialoge heben das Niveau nicht über den Durchschnitt. Die unbeholfene deutsche Übersetzung tut dem Text keinen Gefallen.

Das größte Plus sind die gemalten Panels von Dan Brereton, der sich eines knallbunten, expressionischen Stils bedient. Allerdings wirken seine Figuren oft steif und gleichförmig. Die Gesichter der Figuren sind so ähnlich (Stichwort: Schmollmünder), dass sie meist nur an ihren Haaren oder ihrer Kleidung zu unterscheiden sind. Bei Frauen scheinen nur Oberweite und Dekolleté zu zählen. Naja, immerhin ein paar Hingucker …

Dafür hätte es den Sprung in die 60er wirklich nicht gebraucht.

(Übrigens verließ Elvis die Army bereits 1960 und nicht, wie behauptet wird, 1961.)

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Die Freuden des Freudianers

The Batman of Arkham

Titel: The Batman of Arkham

Autor/Zeichner: Alan Grant/Alcatena

Erschienen: 2000 (One-shot)


Was wäre wenn … Bruce Wayne im Jahr 1900 Psychiater und Leiter von Arkham Asylum wäre?

Dann wäre er ein Freudianer, Philanthrop und natürlich auch Batman. In Alan Grants Elseworlds-Story erscheint Wayne als fortschrittlicher Arzt, der – anders als zu der Zeit üblich – seine Patienten nicht wegsperrt und unterdrückt, sondern zu heilen versucht. Bei Killer Croc hat das offenbar funktioniert, nun versucht Wayne sein Glück auch mit Poison Ivy, dem Bauchredner und Two-Face. Die Frage, die ihn dabei beschäftigt ist, was Menschen zu Mördern macht. Die Antworten darauf fallen unterschiedlich aus.

Wie üblich vertritt der Joker die steilste These: „The whole world is a death factory! Sooner or later, everybody dies … What matter if I hasten things along? Some might say I’m doing everybody a favor!“ Gesagt, getan. Der Joker tyrannisiert die Stadt mit seinem berüchtigten Lachgas. Als Batman eine Dosis abbekommt, kann er das Lachen nicht lassen und wird selbst Patient in Arkham. Dort übernimmt Dr. Crane die Leitung, was einer Schreckensherrschaft gleichkommt. Crane macht allen Fortschritt Waynes zunichte, er glaubt an die Macht der Angst. Nicht von ungefähr hat er den Schatten einer Vogelscheuche …

Wie so häufig bei Alan Grant ist auch diese Story voller Grübeleien über Gott und die Welt: „Gotham has always been synonymous with insanity“, sinniert Wayne. „The city has always carried the taint of madness. Is it someting in the water, perhaps … or even in the air itself?“ Für Two-Face ist die Ursache globaler Natur: „The world is an irrational place, doctor. Men fight wars, burn cities, torture each other. How can a product of this madness ever make a rational decision?“

Das gerade einmal 48 Seiten umfassende Buch ist vor allem formal interessant, nicht nur wegen der schön düsteren Zeichnungen von Alcatena, sondern auch weil die Panels in Jugendstil-Ornamenten untergebracht sind. Batman ist in einem Kostüm unterwegs, das an das von 1939 erinnert. Außerdem gibt es eine schöne Variation des Elternmordes – er findet bei einer Zirkusvorstellung statt, in der gerade Clowns das Publikum zum Lachen bringen … Man kann jedes Trauma noch steigern.

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