Monat: März 2018

Supermans Anfänge im Wandel der Zeit

Ausschnitt aus dem Cover von Action Comics #5 (2012, DC Comics)

Wir kennen die Geschichte in- und auswendig. Wie oft hat man es schon gesehen? Wie oft hat das Baby schon den explodierenden Planeten in einer Rakete verlassen und ist auf der Erde gelandet? Wie oft wurde sie schon erzählt, die Entstehungsgeschichte von Superman? Im Comic, im Film, im Fernsehen.  Unzählige Male wurde sie in 80 Jahren erzählt und immer wieder neu interpretiert. Und jedes Mal hat sie sich wenigstens ein wenig verändert, wurde ausgeschmückt und erweitert oder auch wieder reduziert. Aber in ihrer Grundstruktur ist sie gleichgeblieben: Ein Kind wird von einem sterbenden Planeten zur Erde geschickt, wo es Superkräfte entwickelt und zum Helden wird.

Die bekanntesten und populärsten Superhelden-Geschichten sind die über ihre Entstehung. Es sind Geschichten einer Entwicklung, sie handeln vom Erwachsenwerden. Egal welche Unterschiede es gibt, sie verlaufen im Prinzip immer gleich: from zero to hero. Von normal (oder gar defizitär) zu außerordentlich. Es sind Variationen der Heldenreise, der Ur-Geschichte schlechthin. Deshalb sind Ursprungsmythen die wirkmächtigsten Erzählungen unserer Kultur. Wer das nicht glaubt, sollte mal in den Kalender schauen und sich fragen, warum die Woche sieben Tage hat. Weil es so am Anfang der Bibel steht. Jeder kennt diese Mythen, wenn auch nur rudimentär, weil ihre Wirkung bis heute allgegenwärtig ist. Wir wollen wissen, wie alles begann, weil wir der Welt einen Sinn geben wollen. Und so ist die Bibel – genauso wie alle anderen Mythologien – voller Ätiologien, die alle möglichen Phänomene erklären. Und sei es, warum man am Sonntag frei hat. Solche Geschichten sind anschaulicher als Theorien über den Urknall aus dem Nichts, deshalb funktionieren sie immer noch so gut.

Mit dem „Wo kommen wir her?“ ist auch eng die Frage nach dem Ursprung des Schlechten in der Welt (Mühsal, Leid, Krankheit, Tod) bzw. dem Bösen (Lüge, Raub, Mord) verbunden. Nicht ohne Grund handeln die wirksamsten Schöpfungsmythen unserer Kultur auch vom Sündenfall. Was bei Adam und Eva die Frucht vom Baum der Erkenntnis ist, ist in der griechischen Mythologie die Büchse des Pandora. Der Ursprung allen Übels ist aber nicht die Frau, sondern die Neugier, man kann auch sagen der Urtrieb aller Wissenschaft. Und was daraus entsteht, ist besagte Erkenntnis.

Nicht von ungefähr sind Superhelden oft Wissenschaftler (oder stammen – wie Superman – von solchen ab) und Superschurken Mad Scientists, wahnsinnige und böse Wissenschaftler, die mit ihren Erkenntnissen Leid schaffen und an ihrer Hybris zugrunde gehen. Und auch nicht zufällig sind Superhelden-Origins auch oft mit der Entstehung von Superschurken verknüpft. Besonders in Filmen, wo die Erzählökonomie es verlangt, erfahren wir meistens parallel zur Heldengeschichte, wie die Bösen böse wurden – oft in bester Absicht. Aber auch in Comics haben Schurken häufig einen gemeinsamen Ursprung mit den Helden. Lex Luthor ist mit Clark Kent aufgewachsen, General Zod stammt von Krypton, Brainiac hat die kryptonische Stadt Kandor entführt usw.

Und die Bösen sind meist nichts als die Kehrseite der Guten. Man braucht sie als Gegengewicht, nicht nur dramaturgisch, sondern weil zu einer Schöpfungsgeschichte beide Seiten gehören: Gott und die Schlange. Erst dann ist die Welt im Gleichgewicht. Pandora setzt nicht nur Elend und Tod frei, sondern auch die Hoffnung. Der kleine Kal-El in der Rakete ist so ein Hoffnungsträger inmitten von Zerstörung und Tod. Er wird für die Erde zum Heilsbringer, ein Findelkind wie Moses oder eher wie Jesus, der als Sohn eines Übervaters geschickt wurde.

Action Comics #1 (1938)

Bei den Origins der Superhelden geht es zunächst darum, zu erklären, wie sie „super“ geworden sind. Besonders am Anfang, als Superman der Welt vorgestellt wurde, war es wichtig, eine schier unglaubliche Figur glaubwürdig zu machen. Seine Schöpfer, Jerry Siegel und Joe Shuster, hatten jahrelang Schwierigkeiten, eine so fantastische, so abgehobene Figur in Druck zu bekommen. Und als sie dann endlich ihre Chance bekamen, in Action Comics #1 (1938), wurde die erste Seite der Figur zunächst der Entstehung und Erklärung gewidmet, woher dieser blau-rot gekleidete Mann seine Kräfte hatte. Und als wäre die Story nicht genug, wird noch eine (pseudo-)wissenschaftliche Erklärung hinterhergeschoben.

Supermans noch namenloser Planet

In Action Comics #1 ist am Anfang nur die Rede von einem „distant planet“, der wegen seines Alters vernichtet wurde. Wir erfahren keinen Namen und auch sonst nichts über diesen Planeten. Angedeutet sehen wir nur die Illustration: einstürzende Wolkenkratzer und Rauchwolken. Und eine kleine rote Rakete, die aus dem Rauch aufsteigt. Ein Wissenschaftler, heißt es weiter, habe seinen Sohn in ein eilig zusammengebautes Raumschiff gesteckt und Richtung Erde geschossen. Wir sehen den Mann nicht und auch keine Frau. Der ganzen dramatischen Ur-Szene, die Rettung eines Kindes, der Bewahrung von neuem Leben inmitten einer sterbenden Zivilisation, wird nur ein Panel gewidmet – aber damit wird diese neue Serie ihrem Namen durchaus gerecht. Die Geschichte nimmt sich nicht einmal richtig Zeit, den Namen Clark Kent einzuführen, das passiert ganz nebenbei.

Baby mit Sessel

Nächstes Panel: Das Kind wird von einem Autofahrer gefunden und in ein Waisenhaus gebracht. Auch hier sehen wir keine Personen, nur zwei Scheinwerfer, die die Rakete beleuchten. Wir wissen nicht einmal, wo in etwa das Raumschiff gelandet ist. Egal, weiter: Im dritten Panel sehen wir endlich das Kind, das nur eine Windel trägt – und einen roten Sessel. Zwei Menschen sehen zu, einem Mann fällt vor Erstaunen der Zwicker von der Nase.

Clark Kents Kräfte

Im nächsten Panel stecken gleich drei Bilder, die nicht nur einen Zeitsprung machen, sondern auch zeigen, was der mittlerweile zum Mann gewordene Junge kann: Gebäude überspringen, große Gewichte (wie Stahlträger) heben und schneller laufen als ein Expresszug, ein Caption erwähnt noch die Unverwundbarkeit. Dann wird erklärt, dass Clark (der Name fällt erst jetzt) sich entschied, seine Kräfte zum Wohle der Menschheit einzusetzen. Ein Panel später sehen wir endlich Superman in voller Montur: blauer Anzug, rotes Cape, gelbes Wappen auf der Brust. Darunter steht seine Gesinnung: „Champion of the Oppressed“, Held der Unterdrückten, wird er genannt. Damit wird auch klar, dass er nicht einfach nur „den Menschen“ hilft oder einer Elite, sondern denen, die seine Hilfe wirklich brauchen. Edlere Motive kann man sich nicht vorstellen.

Die Erklärung für Supermans Kräfte

Warum er so auffällig herumläuft – kein Wort darüber. Stattdessen werden die zwei letzten Panels dafür aufgewendet, um die Kräfte „wissenschaftlich“ zu erklären: Kent (der Nachname fällt erst jetzt) kommt von einem Planeten, dessen Einwohner einen um Millionen Jahre weiter fortgeschrittenen Körperbau hatten als die Menschen. Interessanterweise werden zum Beleg der Überlegenheit zwei (scheinbar) unterlegene Spezies der Erde gezeigt: Insekten, die das Hundertfache ihres Gewichts tragen und Heuschrecken, die weit springen können.

Die erste Seite von Action Comics lässt uns eine Reise vom Großen ins Kleinste machen: Von einem weit entfernten (und zerstörten) Planeten zur Landung auf der Erde, die Überwindung der Beschränkungen der Erde durch Clark bis hin zum Mikrokosmos der Insekten. Diese Verschiebung des Blickwinkels, die Erstaunen auslösen soll, weckt Verständnis für die Figur, die das für Menschen Unmögliche vollbringt. Und während wir beim Umblättern noch den Grashüpfer springen sehen, springt im nächsten Bild schon Superman mitten in die Handlung hinein. Wir wissen nicht viel, vor allem nicht, wie aus einem Waisenkind ein junger Mann mit hehren Idealen werden konnte, aber wir wissen genug, um den komisch gekleideten Typen, der auf dem Cover ein Auto anhebt, zu akzeptieren.

Superman #1 (1939)

Rakete von Krypton

Ein Jahr später bekommt Superman eine eigene, nach ihm benannte Comicserie. Die erste Ausgabe wäre nicht der Rede wert, weil sie eigentlich nur die ersten vier Hefte von Action Comics wiedergibt, aber ganz am Anfang gibt es sechs neue Seiten. Der einseitige Origin wurde durch einen neuen, zweiseitigen ersetzt. Schon hier gibt es einige Abweichungen zur ersten Fassung: Die Rakete (blau-rot statt rot) ist nicht mehr notdürftig zusammengebaut, sondern wird als „experimental rocket-ship“ bezeichnet. Der Planet bekommt den Namen Krypton, aber wir sehen ihn nur noch in der Ferne explodieren.

Der kleine Clark mit Schrank

Auf der Erde findet nicht ein anonymer Fremder das Kind, sondern das ältere Ehepaar Kent. Sie bringen es in ein Waisenhaus und adoptieren es kurz darauf. Im Waisenhaus trägt der Junge einen kleinen Schrank statt eines Sessels, neben ihm liegt ein zerbrochener Balken. Die Geschichte bekommt Humor, denn der Heimleiter ist froh, dass er den Jungen loswird, bevor er noch die Einrichtung zerlegt.

Lektionen fürs Leben von den Eltern

Die Kents bringen den Jungen im nächsten Panel zwei Lektionen bei: Der Vater schärft ihm ein, seine Kräfte geheimzuhalten, die Mutter widerspricht indirekt, indem sie ihn rät, die Kräfte zum Wohle der Menschheit einzusetzen. Was in Action Comics #1 noch mit bloßem Text gelöst wurde, ist hier nun geerdet in einer Szene, in der die Eltern als Erzieher auf den Jungen einwirken.

„Try again, Doc!“

Die nächste Seite ist den Kräften gewidmet: Clark springt über Wolkenkratzer und Häuserblöcke, hebt ein Auto an (wie schon in Action Comics #1), rennt schneller als ein Zug und ist unverwundbar. Letzteres wird so dargestellt, dass ein Arzt keine Nadel in seine Haut stechen kann. Clark entgegnet lächelnd „Try again, doc!“ und beweist Humor.

Clark am Grab seiner Eltern – und als Superman

Im vorletzten Panel sterben die Kents und Clark fasst den bekannten Entschluss. Letztes Panel: Superman, in der gleichen offensiven Haltung, wird mit dem exakten Wortlaut wie noch vor einem Jahr als „champion of the oppressed“ betitelt.

Zweiter Versuch einer wissenschaftlichen Erklärung für das Unerklärliche

Eine wissenschaftliche Erklärung für die Kräfte fehlt – jedenfalls auf diesen zwei Seiten des Origins. Braucht es auch nicht, denn ein Jahr nach seiner Premiere ist Superman längst etabliert bei den jungen Lesern. Sie wird dennoch an anderer Stelle im Heft nachgereicht, ausgebreitet auf einer ganzen Seite. Wieder lesen wir die gleichen Erklärungen, wieder Ameisen und Grashüpfer, diesmal aber angereichert mit zwei Panels: Eines zeigt eine Stadtkulisse auf Krypton, über die zwei Kryptonier springen, ein anders zeigt den Größenunterschied der Planeten, der die schwächere Gravitation der Erde illustrieren soll. Hier wird ein Widerspruch deutlich. Einerseits wird die körperliche Perfektion der Kryptonier angeführt, andererseits die geringe Erdanziehungskraft. Doch wenn Superman seine Kräfte erst auf der Erde entfalten konnte, warum sehen wir dann Kryptonier über Wolkenkratzer hüpfen?

Superboy (1944)

Superboys erster Auftritt

Zwischen dem kleinen Clark und dem großen Superman gab es in den ersten Jahren eine große Zeitspanne, die nicht erzählt blieb. Da aber das Kind bereits Kräfte hatte und man noch mehr ein junges Publikum ansprechen konnte, wie etwa beim Sidekick Robin, wurde Supermans Karrierebeginn vorverlegt: In seiner Jugend war er schon als Superboy unterwegs.

Leben auf Krypton

Seinen ersten Auftritt hatte der Junge in More Fun Comics #101 (1944, Cover Date 1945). Wieder beginnt die Geschichte ganz am Anfang, diesmal bekommt sie fünf Seiten. Hier erfahren die Leser zum ersten Mal, was sich auf Krypton abgespielt hat. Wir sehen eine hoch entwickelte Zivilisation, wir lernen jetzt auch Supermans leibliche Eltern kennen und erfahren, dass sein Vater Jor-El den Untergang des Planeten kommen sieht, aber niemand ihm glaubt. Erdbeben erschüttern den Planeten, Jor-El will die Kryptonier in Raumschiffen retten, aber Kryptons Politiker wiegeln ab: Erdbeben und Stürme habe es immer gegeben. (Es erinnert ein wenig an die heutigen Leugner des Klimawandels.)

Platz für zwei …

Jor-El ist ein typischer Prophet, der im eigenen Land nicht erhört wird, er ist ein Beinahe-Held der Wissenschaft und Vernunft, der an der Ignoranz scheitert. Dramatische Szenen spielen sich ab: Jor-El will seine Frau mit dem Baby retten, in dem kleinen Raumschiff ist genug Platz für beide, aber Lara will lieber mit ihm sterben. Es stellt sich die Frage, warum eine Mutter freiwillig ihr Kind allein lässt und der Ungewissheit einer Reise durchs Weltall aussetzt. Gerade noch rechtzeitig startet die (gelbe!) Rakete, bevor der Planet explodiert.

Die wissenschaftliche Erklärung für Supermans Kräfte liegt nun in der höheren Gravitationskraft, die auf Krypton wirkt. Und es gibt auch zumindest eine visuelle Andeutung, woher Superman seine Inspiration für sein Kostüm haben könnte: Die männlichen Kryptonier tragen eine Uniform in Primärfarben: Ein blau-rot-geteiltes Oberteil und einen gelben Helm.

Der Fremde und die Kents

Auf der Erde passiert sich eine Mischung der Versionen aus Action Comics #1 und Superman #1: Zwar findet jetzt wieder ein vorbeifahrender Fremder das Kind in der Rakete, wieder sehen wir Clark im Waisenhaus einen roten Sessel heben (mit den zwei erstaunten Zeugen), aber adoptiert wird er dennoch von den Kents. Wir sehen ihn Holzstämme tragen, über eine Scheune springen und schnell laufen. Als ein Mann unter einem Auto eingeklemmt wird, hebt der kleine Clark es hoch (ähnlich wie in Action Comics #1).

Statt Ratschläge von seinen Eltern mitzubekommen, sinniert er selbst, dass er seine Kräfte zwar für gute Zwecke einsetzen, aber diese in seiner zivilen Identität geheimhalten sollte. Clark bekommt sogar ein wenig psychologische Tiefe, seine Superkräfte findet er selbst etwas furchterregend. Daraufhin schneidert er sich selbst ein Kostüm und wird zu Superboy.

The Origin of Superman (1948)

Zehn Jahre nach dem ersten Auftritt (Superman #53, 1948) bekommt die Entstehungsgeschichte noch mehr Raum: Auf zehn Seiten wird noch einmal rekapituliert, wo Superman herkommt und wie er wurde, wer er ist. Die Story beginnt bemerkenswert: Auf dem Cover steht Superman noch lächelnd mit geschwellter Brust da, während hinter ihm seine Rakete durchs Weltall rauscht. Auf Seite eins aber sieht er traurig aus, die Hände über den Kopf geschlagen, während über ihm die Rakete den explodierenden Planeten verlässt. Doch eigenartigerweise sieht man anstelle des Planeten seine leiblichen Eltern lächeln und winken – verkehrte Welt. Denn eigentlich haben Jor-El und Lara keinen Grund zur Freude, auch später in der Geschichte nicht. Und Superman hat keinen Grund zu trauern, denn er bekommt als Kind noch nichts vom Tod seiner Eltern mit.

Auf Seite zwei wird Superman eingeführt, mit all seinen Kräften, also ganz ähnlich wie in den ersten Origins, nur dass hier zuerst die Gegenwart dargestellt wird. „The whole world knows of Superman’s titanic strength!“, heißt es zu Beginn. Was aber Autor Bill Finger nicht davon abhält, dennoch alle Kräfte aufzuzählen. Und es spielt auch keine Rolle, dass Supermans Vorgeschichte bereits erzählt wurde (mindestens dreimal!), er tut einfach so, als ob er die Fragen beantwortet, die Millionen Lesern auf der Seele brennen. Ganz abseitig ist das aber nicht, denn man konnte im Jahr 1948 nicht erwarten, dass die Kinder von damals zehn Jahre alte Superman-Hefte kannten. Hier zeigt sich vielmehr die Notwendigkeit von unendlichen Fortsetzungsgeschichten, hin und wieder den Lesern zu erklären, was bisher geschah – oder in diesem Fall: Wie alles begann.

Wir sehen ähnliche Szenen wie im Superboy-Origin: Es wird gezeigt, wie hoch entwickelt Krypton ist, es gibt die Erklärung mit der Gravitation und die Erdbeben. Allein die Kleidung der Kryptonier ist vielfältiger geworden, trotzdem gibt es wieder Aspekte, die an Superman erinnern: Jeder trägt irgendein Symbol auf der Brust, Jor-El trägt ein gelbes Cape und ein rot-gelbes Ringplaneten-Symbol auf seinen grün-gelben Anzug.

Niemand glaubt Jor-El

Supermans Vater erklärt diesmal ausführlicher, warum Krypton explodieren wird: wegen Uranium im Erdinneren, Krypton ist eine große Atombombe – das versteht im Jahr 1948 jeder Leser. Aber abgesehen davon, dass er ausgelacht wird, will auch schon deswegen keiner zur Erde fliegen, weil die Bewohner so weit mit ihrer Entwicklung zurückliegen. Krypton geht also nicht allein an einer Naturkatastrophe zugrunde, sondern an dem Hochmut seiner Bewohner.

Platz für zwei in der Rakete …

So stirbt eine dekadente Welt: Wie schon in Action Comics #1 und More Fun Comics #101 sehen wir Hochhäuser einstürzen und wie in Superman #1 verlässt die blau-rote Rakete den explodierenden Planeten. Für alle Leser, die sich gefragt haben, was aus der Rakete auf der Erde geworden ist, wird auch eine Erklärung geliefert: sie zerstörte sich selbst.

… Lara bleibt bei ihrem Liebsten.

Der Junge wird von den Kents gefunden, als die Rakete an ihrem Auto vorbeirauscht. Die Kents bekommen Vornamen: John und Mary. Sie bringen das Kind pflichtbewusst ins Waisenhaus gebracht und adoptieren es später.

Die Kents entdecken die Rakete.

Wir sehen aber zunächst, wie das Kind sein Spielzeug zerbricht und sich stattdessen anders vergnügt, indem es einen Arzt anhebt (statt eines Sessels oder Schranks) und sich an eine Deckenlampe hängt. Das zerbrochene Spielzeug kann man durchaus als Symbol lesen: Hier überwindet nicht nur das Kind die (gewöhnliche) Kindheit, die jungen Leser bekommen auch zugleich einen anderen Zeitvertreib vorgeführt. Wer braucht schon Spielzeug, wenn er Supermans aufregende Abenteuer lesen kann?

Clark zerbricht sein Spielzeug und findet neues.

Wir sehen bekannte Episoden aus Supermans Jugend, wie er einen Expresszug überholt und über eine Scheune springt, und eine neue, wie er unter einen Traktor kommt und der Traktor zu Bruch geht und wie er dank Röntgenblick die Brille seiner Mutter findet. Am Ende gibt ihm der Vater auf dem Totenbett die prägenden Ratschläge für sein Leben und Clark beschließt, als beide Eltern tot sind, Reporter zu werden, um mit den Bedürftigen in Kontakt zu bleiben.

Was Superman aber immer noch nicht erfährt, ist, woher er stammt. Auch seine Eltern scheinen kein Wort über die Rakete zu verlieren, die ihn hergebracht hat. Seine kryptonische Herkunft erkennt er ein Jahr später (Superman #61, 1949). Dank einer Zeitreise sieht er endlich selbst, was die Leser längst wissen.

The Story of Superman’s Life (1961)

Superman #146 (DC Comics)

Krypton bleibt ein Thema, das immer wieder ausgeschlachtet wird. Superman kehrt zweimal zu seinem Heimatplaneten zurück. In Superman #146 (1961) wird wieder alles von vorn erzählt, auf dem Cover wird aber (wieder) behauptet, es geschehe zum ersten Mal … Und wenn man es genau nimmt, stimmt das, denn so wurde es natürlich noch nicht erzählt: Jede Version ist anders, auch wenn die typischen Versatzstücke gleich sind.

Schon auf dem Cover wird ein wichtiger Unterschied klar: Kal-El ist kein Baby mehr, als er in die Rakete gesteckt wird. Er kann bereits sprechen. Und er trägt schon ein blaues Oberteil mit roter Unterhose und gelbem Gürtel – was bereits spätere Stilentscheidungen vorwegnimmt. (Was impliziert, dass er im Grunde nur ein Kind im Strampelanzug bleibt.) Auf der ersten Seite sehen wir wieder eine Montage wie schon in Superman #53, nur dass Lara diesmal weint, während sie der startenden Rakete zuwinkt, Jor-El hält sie im Arm. Wieder werden zunächst die Kräfte rekapituliert, von denen angeblich die ganze Welt Bescheid weiß. Und es wird einfallsloserweise sogar genauso inszeniert wie 1948: Superman hebt einen Bus an, eine Atomrakete prallt an ihm ab (vorher war es eine Kanonenkugel), er verhindert ein Verbrechen mit Röntgenblick (und benutzt seinen Hitzeblick), er bekämpft Luthors Roboter und baut Häuser für die Armen.

Alltag auf Krypton

Krypton (diesmal mit roter Sonne) wird weiter ausgeschmückt: Mit einem Wetterkontrollturm, der Smog wegblasen kann, mit exotischen Tieren und Robotern für die Hausarbeit. Jor-El (der immer noch Grün trägt, aber jetzt eine gelbe Sonne auf der Brust) erzählt seinen Wissenschatler-Kollegen von der Atombombe im Planetenkern, wird aber ausgelacht. Die Wissenschaft glaubt an eine kosmische Uhr, die für „endlose Jahre“ Sicherheit vorhersagt. Jor-Els Expertise wird abgetan, er habe zu viele Science-Fiction-Geschichten gelesen, heißt es. (Eine seltsame Selbstreferenzialität: Wie Science-Fiction wohl in einer Welt aussieht, die wahrgewordene Science-Fiction lebt?) Er wird von einem Roboter abgeführt, während er von Weltraum-Archen spricht. (Offenbar hat man auch auf Krypton schon von Noah gehört.) Die technikgläubige Welt geht daran zugrunde, dass sie nicht mehr auf die Vernunft ihrer Einwohner vertraut. Die Zivilisation hat mit ihrer Überheblichkeit ihren Zenit erreicht und muss daher untergehen.

Jor-El wird abgeführt

Der Einzige, der Jor-El glaubt, ist sein Bruder Zor-El, Vater des späteren Supergirl. Jor-El testet seine Rakete zuerst mit dem Hund Krypto. Doch obwohl die Rakete mit dem Hund vom Kurs abdriftet, steckt er seinen Sohn dennoch in eine weitere Rakete. Platz für zwei ist da nicht mehr … Während Krypton explodiert, wird Kryptonit freigesetzt, was für Supermans späteres Leid und Todesgefahr steht.

Kal-El wird aus der Rakete geschleudert, bevor sie explodiert.

Kaum auf der Erde gelandet, wird das Kind aus der Rakete geschleudert, dann explodiert sie. Kal-El bleibt unversehrt, aber Jor-El hat das – anders als zuvor – nicht vorhergesehen. Die Kents (die bereits Jonathan und Martha heißen) legen das Kind vor dem Waisenhaus ab, um es später zu adoptieren. Aber im Waisenhaus fällt seine Stärke noch nicht auf – wieder ein Unterschied zu früher. Dafür darf er bei seinen neuen Eltern sein Potenzial ausschöpfen: Er reißt einen Baumstumpf aus, überlebt den Angriff eines Stiers, bläst ein Feuer aus, macht aus Kohle Diamanten etc. Weil seine Kleidung zerstört wird, machen ihm die Kents neue aus den unzerstörbaren Stoffen, die in der Rakete lagen. Clark assistiert mit Röntgen-Hitzeblick.

Aus dem gleichen Stoff näht Martha das Superboy-Kostüm.  Sechs Seiten werden dem jugendlichen Helden gewidmet. So ziemlich alles wird erklärt, was später eine Rolle spielen wird: Krypto, Krypton und Kryptonit. Die Eltern sterben. Wieder gibt der Vater dem Sohn den letzten Rat – aber der ist überflüssig angesichts all der guten Taten, die Superboy bereits vollbracht hat. Wieder steht Clark am Grab. Smallville nimmt Abschied von Superboy, der zu Superman wird.

The Man of Steel (1986)

DC Comics

Nach der Crisis on Infinite Earths, als das DC-Multiversum zusammenbrach und mehrere Erden zu einer neuen fusionierten, starteten alle Helden von vorn. Batman bekam sein Year One, Superman sein The Man of Steel. John Byrne erzählt in der sechsteiligen Miniserie wieder alles neu. Und diesmal ist sehr vieles anders.

Jor-El mit seinem ungeborenen Sohn

Krypton wird heimgesucht von einer grünen Strahlung aus dem Erdinneren, die Bewohner werden von einer Seuche dahingerafft, die Explosion des Planeten steht bevor. Jor-El ist kein unerhörter Prophet mehr, es gibt keine wissenschaftliche Diskussion, sondern nur noch eine mit seiner Frau Lara, die zuerst skeptisch ist, sich dann aber überzeugen lässt. Krypton ist eine sterile Welt, in der die Bewohner sich nicht mehr sexuell fortpflanzen, sondern künstlich. Jor-El schickt kein Baby durchs All, sondern einen Fötus, der erst auf der Erde geboren wird. Lara ist abgestoßen von der Barbarei der Menschen, aber sieht die Notwendigkeit ein, ihr Kind zu retten. Jor-El sieht Kal-Els Fähigkeiten voraus, die durch die gelbe Sonne hervorgerufen werden.

John Byrne fügt in seinem Sechsteiler vieles zum Origin hinzu. Den Umweg übers Waisenhaus lässt er aber weg. Die Kents tun so, als wäre Clark ihr leibliches Kind. Es gibt wieder die Szene mit dem Stier. Jonathan Kent zeigt dem jugendlichen Clark die Rakete, mit der er gekommen ist. Später erscheinen ihm auch seine leiblichen Eltern als Projektionen, die ihn mit Wissen um die alte Heimat speisen. Wichtig: Ma und Pa Kent werden verjüngt und bleiben dadurch am Leben, als Superman erwachsen ist. Sie sehen, was aus ihm wird – und bleiben emotionale Bezugspunkte in Smallville. Das Konzept von Superboy ist in der Crisis draufgegangen, Clark entwickelt seine Kräfte erst allmählich. Die Jugend von Clark wird in der späteren Miniserie Superman for All Seasons (1998) ausführlich erzählt.

Fast zwei Jahrzehnte lang bleibt The Man of Steel der maßgebliche Superman-Origin.

Neues Jahrtausend, neue Origins

Das 21. Jahrhundert ist voller Superman-Neuanfänge: In den Comics gibt es Birthright (2004), dann Secret Origin (2009), abseits der Continuity erscheinen die Elseworlds-Story Secret Identity (2004) und Earth One (2010). Nach dem Flashpoint-Event wird das DC-Universum wieder auf Null gesetzt. Im Zuge des Reboots von The New 52 (2011) bekommt auch die Traditionsserie Action Comics eine neue Nummer 1 (nur um fünf Jahre später wieder zur alten Zählung zurückzukehren) und Superman einen neuen Origin. Zuletzt widmete sich die Miniserie American Alien erneut den Anfängen.

Und dann gibt es noch Film und Fernsehen: Das neue Jahrtausend begann mit der TV-Serie Smallville, die das Superboy-Thema auf zehn Staffeln streckte (und das noch in die Comics fortgesetzt wurde), bis hin zu dem Film-Reboot Man of Steel (2012). Nach dem Vorbild von Gotham ist im März 2018 eine Fernsehserie namens Krypton gestartet, eine Serie namens Metropolis ist in Arbeit.

Die unendliche Geschichte geht weiter. Immer wieder von vorn.

Mehr zum Thema:

Advertisements

Grün hinter den Ohren

DC Comics

Titel: Green Lantern: Earth One Vol. 1

Autor/Zeichner: Gabriel Hardman, Corinna Bechko/Gabriel Hardmann

Erschienen: 2018 (One-shot)


Nachdem Superman, Batman und Wonder Woman auf Erde eins ein neues Zuhause gefunden haben, ist jetzt auch Green Lantern dran – mit einer neuen Entstehungsgeschichte. Harold Jordan ist hier kein draufgängerischer Testpilot, der von einem sterbenden Green Lantern zum Nachfolger auserkoren wird. Er ist Raumfahrer, aber als solcher nicht mehr als ein gewöhnlicher Arbeiter, wenn auch im Weltall. Für ein Unternehmen macht er im Asteoridengürtel neue Quellen für Rohstoffe ausfindig. Mit der Erde hat er abgeschlossen, er will zu den Sternen.

Auf einem dieser Felsbrocken entdeckt er ein altes Raumschiffwrack, in dem ein toter Green Lantern liegt, gleich neben einem scheinbar abgeschalteten Roboter, der sich später als Manhunter herausstellt. Jordan nimmt sich Ring und Laterne, als beides aktiviert wird, wird das Raumschiff von der Energie zerrissen und ein Kollege stirbt im All, während Hal von der grünen Energie geschützt wird. Der Manhunter greift an, er besiegt ihn und trifft auf den Green Lantern Kilowog, der ihm erklärt, was es mit dem Ring auf sich hat.

Das Green Lantern Corps ist zerstört, die meisten tot, ermordet von den Manhuntern. Der Rest hält sich bedeckt. Jordan trifft andere, die ihm noch mehr erzählen und es stellt sich heraus, dass die Wächter hinter der ganzen Misere stecken …

Green Lantern: Earth One ist ein frischer Zugang zu einem alten Stoff, der sich auch für Nicht-Green-Lantern-Fans flüssig wegliest und kein Vorwissen erfordert. Die ausdrucksstarken Zeichnungen haben einen „schmutzigen“ Look, der an Filme wie Alien denken lässt. Überhaupt ist diese Welt eine ziemlich düstere voller desillusionierter und verdorbener Charaktere, es gibt Sklaverei und ein Leben ist in diesem Universum nicht viel wert.

Das ist zwar alles ein starker Stoff, aber bei all dem bleibt leider der Held auf der Strecke: Harold Jordan trägt zwar keine Maske, aber dennoch bleibt er als Charakter oberflächlich. Wir erfahren nicht viel über ihn und sein Innenleben. Eigentlich müsste das Abenteuer großen Eindruck bei ihm hinterlassen, die Space Odyssey müsste ihn stark mitnehmen, aber er fügt sich schnell in seine neue Rolle als Superheld ein und macht einfach tapfer mit. Die rasante Handlung geht leider zulasten der Tiefe, dafür kommt man einem Nebencharakter wie Kilowog etwas näher. Wer Jordan ist? Das wird wohl in der Fortsetzung näher ausgeführt werden, denn darauf ist der erste Band ganz klar angelegt.

Knightfall #8: Knightquest – The Search

Wenn Jean-Paul Valley der neue Batman ist: Was macht eigentlich Bruce Wayne? Der sitzt im Rollstuhl – und ist sehr mobil. Da vor seinen Augen Jack Drake (Vater von Robin Tim Drake) und dessen Ärztin Shondra Kinsolving entführt worden sind, macht er sich zusammen mit Alfred auf, sie wiederzufinden. Die erste Station führt sie nach Santa Prisca, der Heimat von Bane. Dort sucht sich Bruce wegen seines Rückenleidens Unterstützung dreier Helden: Bronze Tyger, Gypsy und Green Arrow. Aber der Einsatz geht schief – und die Entführer entkommen.

Die Jagd führt nach England. Aber nur für Bruce und Alfred. Weil die anderen nicht mitkommen (warum eigentlich nicht?), sucht Bruce Hilfe bei Hood, dem Vigilanten von London. Der stiehlt für ihn eine Akte über den Entführer, Benedict Asp. Aber danach versucht Bruce wieder sein Glück allein, inkognito als reicher Edelmann – obwohl er kaum stehen kann. Wir erfahren, dass Asp und Shondra zusammen telepathische Kräfte haben, mit denen sie heilen oder töten können. Asp zwingt Shondra zu einem Massenmord an einem ganzen Dorf. Immerhin wird Jack Drake in Sicherheit gebracht. Er war nur das Druckmittel, um Shondra zu erpressen.

Jean Paul Valley mischt als Batman mit.

Dritte Station: Gotham. Asp erpresst den Präsidenten. Will Bruce Wayne töten. Bruce ist plötzlich verliebt in seine Ärztin. Will sie retten. Alfred hat keine Lust mehr und verlässt ihn (aber putzt noch einmal Wayne Manor, um der guten Zeiten Willen). Am Ende kann Bruce Shondra zwar retten und sich von ihr heilen lassen, aber die Liebe geht schief. Alles beim Alten. Und Bruce hat in all der Zeit nicht mitbekommen, was in Gotham mit Aushilfs-Batman Jean Paul Valley vor sich geht. Erst am Ende (in Robin #7) realisiert er die Gefahr und will JP absetzen. Der aber weigert sich.

Es bleiben Fragen offen: Warum holt sich Bruce Wayne nicht weitere Hilfe für seine Rettungsmission? Warum darf Robin nicht mitkommen, um seinen Vater zu retten (vor allem, wenn er in Gotham überflüssig ist)? Warum strapaziert er seinen Rücken immer mehr und verhindert seine Genesung? Die Antwort steht zwischen den Zeilen und kann nur lauten: Weil Bruce Wayne auch noch als Krüppel und ohne Fledermauskostüm Batman ist. Dennoch bleibt die Frage: Warum hat ihn Dr. Kinsolving nicht schon in Gotham geheilt?

Trotz erheblicher Lücken im Plot liest sich die achtteilige Story flüssiger und kurzweiliger als der überstrapazierte Jean-Paul-Valley-Teil The Crusade. Auch wenn Bruce Waynes entbrannte Liebe bemüht wirkt, ist die emotionale Bindung zwischen ihr und Asp durch eine gemeinsame, tragische Kindheit in einer typischen Melodramatik immerhin so gut ausgearbeitet, dass die Geschichte einen nicht kalt lässt. Aber dass die Heilung schließlich nur ganz nebenbei in einem kleinen Panel erledigt wird, ist angesichts des groß angelegten und höchst traumatischen Knightfalls enttäuschend. Von Bane ist leider nicht mehr die Rede.

The Search ist bisher nur im Knightfall Omnibus Vol. 2 erschienen und soll im November als Paperback herauskommen. Die Einzelausgaben gibt es digital bei Comixology: Justice League Task Force #5-6, Shadow of the Bat #21-23 (auch im Sammelband Shadow of the Bat Vol. 2), Legends of the Dark Knight #59-61. Das letzte Kapitel, Robin #7, findet sich im Paperback Knightfall Vol. 2: Knightquest (2012). Eine deutsche Ausgabe fehlt.

Mehr zu Knightfall:

Frank Miller schreibt Carrie Kelley-Comic

DC Comics

Frank Miller kann’s nicht lassen. Nach dem dritten Teil seines Dark Knight und dem Prequel The Last Crusade, die er zusammen mit Brian Azzarello schrieb, kommt nun noch ein Spin-off: ein Comic über Carrie Kelley. Die junge Frau war der erste weibliche Robin, im zweiten Teil als Catgirl unterwegs, schließlich wurde sie sogar Batgirl. Miller schreibt eine Story, die für junge Leser geeignet sein soll, Ben Caldwell (PREZ) zeichnet die „Graphic Novel“. Zur Handlung und Veröffentlichtung ist noch nichts bekannt.

Zusammen mit dem bereits angekündigten Superman: Year One soll Miller insgesamt fünf neue Projekte für DC realisieren. Welche die anderen sind, ist noch offen. DC gibt Informationen wie immer nur tröpfchenweise heraus, damit jede einzelne Pressemitteilung stärkeres Gewicht bekommt.

Eine Vorschau auf Superman: Year One (gezeichnet von John Romita Jr.) gibt es hier.

 

Luthor zeigt Superman seinen Jurassic Park

DC Comics

Titel: Superman versus Luthor/Luthor’s Undersea City

Autor/Zeichner: Jerry Siegel/Paul Cassidy

Erschienen: 1940 (Superman #4), Paperback 2016 (Superman: The Golden Age Vol. 2)


Der glatzköpfige Kerl auf dem Cover sieht aus wie ein alter Bekannter. Aber nein, es ist nicht Lex Luthor, der vor den zusammenfallenden Säulen davonläuft. Und auch wenn das Bild an den biblischen Samson erinnert: Es ist nicht Superman, der da einen Tempel einreißt. Die Story geht ganz anders. Aber am Ende läuft es dennoch darauf hinaus, dass Luthor die Flucht ergreift.

Die Story geht so: Zum ersten Mal in der Geschichte von Metropolis erschüttert ein Erdbeben die Stadt. Häuser fallen in sich zusammen. Offenbar aber nicht das Gebäude, in dem der Daily Planet (der hier umbenannte „Daily Star“) untergebracht ist. Clark soll eine Story darüber schreiben (seltsam, dass man das einem Reporter im Katastrophenfall, einer Breaking News-Lage, noch sagen muss). Erst dann kommt er auf die Idee, sich als Superman nützlich zu machen und Menschen zu retten.

Anschließend findet er heraus, dass das Beben von einer neuen Waffe der Armee verursacht wurde, die während eines Tests über die Stränge schlug. Clark will den Erfinder interviewen, aber der schlägt ihn bewusstlos und wirft ihn aus dem Fenster. Lösung: Es ist nicht der Erfinder, sondern einer von Luthors Schergen – der echte Wissenschaftler ist entführt. Als aus Clark Superman wird, will ihn Luthor mit einer Bombe erledigen, was natürlich fehlschlägt.

Superman beeindruckt Luthor.

Daraufhin bietet ihm Luthor, dessen Gesicht plötzlich auf einem Baumstamm erscheint, einen Wettbewerb an. Wenn seine Erfindungen Superman besiegen, muss Superman den Weg für Luthor freimachen. Superman sagt zu, ohne dass bei dem Deal für ihn herausspringt. So rennt Superman schneller als Luthors Flugzeuge, springt höher als sie, stemmt selbst die schwersten Gewichte und überlebt Granaten, Kanonenkugeln und Giftgas.

Luthor ist tief beeindruckt. Offenbar hat er vergessen, dass selbst die grünen Strahlen, die er kurz zuvor in Action Comics #23 verschossen hat, Superman nichts anhaben konnten und der Held sogar seine fliegende Festung zu Fall gebracht hat. Luthor kapituliert, lässt den entführten Wissenschaftler frei und haut ab. Superman folgt ihm zu seinem Versteck, muss einen Steinschlag und Wölfe abwehren, schließlich vernichtet er das Versteck und die Beben-Maschine – und Luthor ist spurlos verschwunden (wie schon sein Vorgänger Ultra-Humanite).

Luthor erscheint auf einer Rakete.

Doch schon in der nächsten Geschichte kehrt er zurück. Diesmal noch größer: mit einer Unterwasserstadt, Dinosauriern und einer Riesenratte. Wieder beginnt es mit einem ungewöhnlichen Naturphänomen: weltweit versiegen die Ölquellen. Als Superman rennt Clark nach Oklahoma. Eine Rakete verfolgt ihn, Luthors Gesicht erscheint darauf und warnt ihn, sich um seinen Kram zu kümmern. Aber wie kann Luthor wissen, wo Superman hin will? Woher weiß er überhaupt, wo Superman ist?

Superman vs. T-Rex: Ist das schon Tierquälerei?

Wie dem auch sei: Lois Lane kommt dazu, damit Superman jemanden zum Retten hat. Lois und Clark werden entführt, Clark befreit sie, man fliegt  zu Luthors Unterwasserstadt, die aus dem Meer auftaucht. Superman rettet Lois vor einem Flugsaurier und besagter Riesenratte, dann erklärt ihm Luthor alles in Ruhe, prahlt mit seinem Jurassic Park und bietet ihm wieder einen Deal an: Wenn Superman sich ihm anschließt, wird er bei der Unterwerfung der Welt gnädiger sein. Superman denkt drüber nach.

Superman denkt über Luthors Angebot nach.

Doch als kurz darauf Lois in einen Säuretank geworfen werden soll, ist die Bedenkzeit vorbei: Superman wirft einen Handlanger in die Säure (noch ein Toter), prügelt sich mit einem Tyrannosaurus Rex, weil Luthor das so will, am Ende fallen aber die Dinos über Luthor her, während die Armee Gasbomben über ihm abwirft.

Superman rettet Lois vor der Säure.

Bemerkenswert: Zuerst beeindruckt Superman Luthor, dann versucht Luthor Superman zu beeindrucken, um ihn auf seine Seite zu ziehen. Luthor will Supermans Anerkennung, aber er hat keine Chance. Trotzdem versucht er es. Und trotzdem spielt Superman mit. Man fragt sich aber die ganze Zeit: Warum zum Teufel macht er das? Warum packt er sich den Rotschopf nicht einfach, wie er es auch mit anderen Verbrechern macht, und liefert ihn bei der Polizei ab? Die Antwort kann man sich denken: Weil Luthor immer eine Chance braucht, um wiederzukehren.

Luthors Unterwasserstadt taucht auf.

Die Comics des Golden Age scherten sich nicht um Glaubwürdigkeit. Ihre Sache war es, das Unglaubliche darzustellen. Gerade am Anfang musste man Superman ständig Gelegenheit geben, sich als der weit Überlegene zu behaupten. Deshalb zerlegt er alles, was sich ihm in den Weg stellt mit Leichtigkeit und lässt keinen Kampf aus. Für Superman ist alles nur ein Spiel. Und in Luthor hat er einen besonderen Spielkameraden gefunden, einer der zumindest vom Anspruch her auf Augenhöhe mit ihm ist.

Mehr zum Thema:

Noch einmal The Killing Joke

 

DC Comics

Zum 30-jährigen Jubiläum bringt DC im September eine neue Luxus-Ausgabe eines Klassikers heraus: Absolute Batman: The Killing Joke. Die Hardcover-Edition bekommt einen edlen Schuber und enthält Alan Moores und Brian Bollands Comic in drei Fassungen: in der neuen als auch in der alten Kolorierung von John Higgins sowie als 128-seitiges Script zum Lesen. Als Bonus gibt es Geschichten aus Batman: Black & White #4 („An Innocent Man“), Countdown #31, Who’s Who in the DC Universe #13 sowie Cover und Skizzen von Brian Bolland. Insgesamt soll die Ausgabe 128 Seiten umfassen.

Damit gibt es bereits drei Editionen: Vor zehn Jahren erschien bereits eine 64-seitige Deluxe Edition im Hardcover (die mit neuer Kolorierung), vor zwei Jahren eine Noir-Ausgabe in Schwarz-weiß, die ebenfalls die „An Innocent Man“-Story von Bolland enthielt. Allerdings fehlte bisher in jeder Ausgabe die Vorlage für die Story: „The Man Behind the Red Hood“ (Detective Comics #168, 1951). Und ärgerlicherweise wird sie wohl auch in der Absolute-Ausgabe fehlen.

Auf dem deutschen Markt hat Panini 2016 das Buch zusammen mit der Zeichentrick-Adaption auf Blu-ray herausgebracht, 2017 folgte eine Neuausgabe in neuer deutscher Übersetzung. In der für diesen Sommer angekündigten Batman Graphic Novel Collection soll The Killing Joke ebenfalls vertreten sein. Frühere Ausgaben sind 2001 und 2008 bei Panini erschienen.

Persönliche Anmerkung: Ein alter Witz wird nicht besser, je öfter man ihn erzählt. Und dieser wirkt schon lange abgestanden.

>> Mehr Batman-Neuerscheinungen 2018

Batman, der Terminator

Batman mit Verkabelungsproblemen.

Titel: His Silicon Soul (dt. Seelen aus Silizium)

Drehbuch: Marty Isenberg, Robert N. Skir

Erschienen: 1992 (Batman: The Animated Series S01E62)


Als Einbrecher ein Lager für Elektroteile aufsuchen, bricht plötzlich Batman aus einer Kiste aus und überführt sie. Doch etwas stimmt nicht mit ihm: Es stellt sich heraus, dass er ein Roboter ist. Das überrascht ihn selbst. Er kommt nach Wayne Manor, er erinnert sich an seine Eltern, an Alfred, aber als Alfred die Kabel aus dessen Brust hängen sieht, ist er schockiert.

Robo-Batman erkennt seinen Vater.

Nachdem der Roboter-Batman weg ist, taucht der echte Batman auf. Seine Vermutung: der falsche Batman ist ein Duplikat aus Karl Rossums HARDAC-Fabrik – allerdings müsste sie vor Monaten zerstört sein. Rossum hat sich aus dem Geschäft zurückgezogen und pflanzt jetzt Gemüse an. Als sich herausstellt, dass der böse Computer HARDAC im künstlichen Batman fortbesteht und immer noch alle Menschen durch Roboter ersetzen will, kommt es zum Unvermeidlichen: Batman kämpft gegen den Roboter-Batman.

Terminator-Batman mit Schwert.

Wie schon in der herausragenden Doppelfolge Heart of Steel spielt auch diese Episode mit dem Horror von künstlichen Lebensformen. Diesmal wird Batman zu einer Art Terminator mit roten Augen, der sich sein menschlich wirkendes Gesicht nur wie eine Gummimaske über den stählernen Schädel stülpt. Am Ende ist er nur noch halbgesichtig unterwegs. Doch er ist nicht nur ein Monster, sondern ein Wesen mit einem eigenen Bewusstsein und Gefühlen. So kommt es dazu, dass Batman sich am Ende fragt, ob diese Maschine nicht vielleicht doch eine Seele hatte …

Mehr zum Thema:

Lex Luthors Vorgänger: Der Ultra-Humanite

Der Ultra-Humanite stellt sich vor.

Vor Lex Luthor gab es einen anderen Glatzkopf, der die Weltherrschaft an sich reißen wollte: der Ultra-Humanite, Supermans erster Superschurke. Er war konzipiert (wie so viele Schurken) als das Gegenteil des Helden, in diesem Fall alt und schwach, im Rollstuhl sitzend. „Super“ bzw. „ultra“ ist an ihm nur sein Verstand – auch wenn er sich nicht unbedingt klug anstellt, um seine Ziele zu erreichen. Nur in sechs Ausgaben erscheint er (Action Comics #13, 14, 17, 19-21) bis er in Heft 23 von dem Luthor abgelöst wird.

Der Ultra-Humanite fängt bescheiden an. Die erste Story, in der er auftaucht (Action Comics #13), beginnt zunächst mit ganz gewöhnlichen Kriminellen: Die Cab Protective League ist eine Erpresserbande, die andere Taxifahrer dazu zwingt, ihr gegen Gebühr beizutreten. Im Finale trifft Superman auf den weißgekleideten Greis in einer Holzhütte. Er stellt sich als Kopf einer Reihe von bösen Unternehmen vor, der sein Genie einem wissenschaftlichen Experiment zu verdanken habe. Superman, sagt er, habe bereits öfter seine Pläne durchkreuzt. Aber welche das gewesen sein sollen, bleibt offen.

Die Kreissäge zersplittert bei Superman.

Der Ultra-Humanite betäubt Superman zunächst mit einem Stromschlag und versucht ihn dann mit einer Kreissäge zu töten, aber die zerspringt, sobald sie auf seinen Kopf auftrifft. Die Helfer des Schurken bringen ihn in einem Flugzeug weg, Superman lässt es abstürzen, doch vom Ultra-Humanite findet er im Wrack keine Spur. (Dass er drei Leben auf dem Gewissen hat, scheint ihn auch nicht zu kümmern.)

Ultra-Humanite nimmt Superman gefangen.

In Action Comics #14 verläuft es ähnlich: Wieder geht es um Transportmittel, diesmal die U-Bahn. Eine Firma hat beim Tunnelbau gepfuscht. Zwei Gauner versuchen, einen Zeugen zum Schweigen zu bringen, indem sie ihn vor den Zug werfen wollen. Superman rettet ihn. Nicht, indem er – wie er es später tun würde – die Bahn aufhält, sondern indem er sich das Opfer schnappt und vor dem Zug herläuft. Superman ist zwar superstark, aber noch nicht so stark. (Fliegen kann er auch noch nicht.)

Superman findet heraus, wer dahintersteckt, erzwingt ein Geständnis vom Schuldigen und folgt den Gaunern in ihr Versteck – da verschwindet plötzlich der Fluchtwagen in die Unsichtbarkeit. Superman folgt den Reifenspuren in eine verlassene Scheune und tappt in eine Falle – also wie beim ersten Mal. Er wird vom Ultra-Humanite in einem Kristall gefangen genommen, befreit sich aber sofort daraus. Der Schurke verschwindet spurlos im Erdboden.

Mehr Schein als Sein: der Ultra-Humanite.

Und auch in Action Comics #17 beginnt die Story mit einer missglückten Beförderung: Superman rettet die Passagiere eines Schiffes in Seenot, auf dem ein Feuer ausgebrochen ist. Erst auf Seite acht erfährt er, dass es Sabotage war. Ein zunächst Unbekannter will von der Schifffahrtsgesellschaft fünf Millionen Dollar erpressen. Clark geht der Sache nach und erkennt die Stimme des Ultra-Humanite, nur dass dieser ohne Erklärung nur noch „Ultra“ genannt wird. Mit dem letzten Teil seines Namens hat er auch seine letzten Haare verloren.

Ultras Handlanger versuchen, Clark durch Einschüchterung zum Schweigen zu bringen, Superman befördert ihren Wagen auf das Dach eines Hauses. Bei der Geldübergabe droht ihm Ultra mit einer Säurepistole, doch als Superman ihm furchtlos entgegenkommt, prallt er gegen eine Wand aus durchsichtigem Metall – eine weitere Erfindung des Verbrechergenies. Und als Superman auch dieses Hindernis überwindet, verschwindet der Schurke im Nichts, denn das Bild von ihm erweist sich als Projektion.

Die Ultra-Seuche

Ultra plant den Massenmord.

Das Schema wird in Action Comics #19 gebrochen. Ultra ist hier kein einfacher Erpresser mehr, der im Hintergrund die Fäden zieht und am Ende mit seinen Tricks überrascht, sondern ein ausgemachter Schurke, der eine Seuche auf die Stadt loslässt: die Purple Plague. Die Menschen sterben wie bei der Pest. Ein Wissenschaftler will ein Gegenmittel finden. Ultra will nicht mehr die Welt beherrschen, sondern plant, die Menschheit auszurotten, um eine neue Rasse zu erschaffen. Seine Helfer haben offenbar kein Problem damit, selbst Teil dieser unerwünschten Spezies zu sein.

Superman wird Ultras Sklave

Superman wird am Ende von Ultra gefangen genommen und scheinbar seines Willens beraubt. Aber er tut nur so und zerstört das Flugzeug, das die Seuche verbreiten soll. Als Ultra Superman mit einer Kanone erschießen will, zieht ihn Superman vor den Lauf und Ultra stirbt. Das ist ganz klar Mord, kaltblütig und unnötig, aber Superman zeigt wieder keine Reue.

Superman tötet Ultra.

Die Ultra-Frau

Doch der Tod bedeutet in Superheldencomics bekanntlich nicht zwangsläufig das Ende. Und so kommt es in Action Comics #20 und 21 zu einem bizarren Nachspiel. Ultras Gehirn steckt im Körper einer Frau, der Schauspielerin Dolores Winters. Clark wird für den Daily Star nach Hollywood geschickt. Bei einer Studio-Tour verhindert er ein Attentat auf das Leben der Schauspielerin. Sie will es ihm mit einem Interview danken, aber dazu kommt es nicht. Plötzlich ist sie wie verwandelt, entführt eine Gesellschaft auf einem Schiff und verlangt ein Lösegeld von fünf Millionen Dollar.

Dolores ist Ultra

Superman folgt dem Geld zu einem U-Boot, dann in eine Unterwasserhöhle. Erst ganz am Ende erkennt er beim Blick in Dolores‘ Augen den Schurken Ultra. Das ist bemerkenswert, weil eigentlich nur sein Gehirn verpflanzt wurde, zugleich ist das eine Panel, das Dolores Blick zeigt, das einzige ohne Text. Natürlich verschwindet Ultra-Dolores wieder im Nichts.

In der letzten Ausgabe versucht der Schurke in Frauengestalt noch einmal sein Glück mit Erpressung, allerdings mit stark reduziertem Preis. Ultra droht, Metropolis auszulöschen, und verlangt dafür nur zwei Millionen Dollar. Ultra entführt dazu einen Wissenschaftler, der herausfindet, wie man Atome spaltet. In Ultras riesigem Geheimversteck, das einer Festung gleicht kämpft Superman gegen Roboter, die er so spielend zerlegt wie alles andere.

Schließlich zwingt ihn Ultra, für ihn Juwelen zu stehlen. Das bringt wiederum die Menschen gegen ihn auf. Die Armee hält ihn für den Schurken und beschießt ihn. Superman kümmert sich nicht um seinen Ruf, sondern bahnt sich seinen Weg. Die Stadt gleicht einem Kriegsgebiet. Seltsam, dass sich mehr um einen unverwundbaren Juwelendieb zu kümmern scheinen, als um den Kerl, der soeben ein Hochhaus hat einstürzen lassen … Schließlich aber sind die Steine egal, weil Superman Ultra auch ohne sie aufhält. Konfrontiert mit seiner Niederlage, stürzt sich der Schurke in einen Vulkankrater, Superman wirft noch ein paar Felsbrocken hinterher und lässt den Vulkan ausbrechen – wohl um ganz sicherzugehen.

Damit ist die Geschichte von Ultra(-Humanite) für eine Weile beendet. Aber schon in der übernächsten Ausgabe wird er abgelöst von Lex Luthor. In gewisser Weise kann man sagen, dass Ultra nur der Prototyp für Luthor war. Kein ausgereifter Charakter, nicht einmal eine klar umrissene Figur, mehr eine Art Experimentierfeld, das ständig modifiziert wurde. Kein Wunder, dass ihn Superman nie zu fassen kriegt – dem Leser dürfte es genauso gehen.

Zuerst sitzt der Schurke in einem Stuhl, später in einem Rollstuhl, mal hat er am Hinterkopf Haare, dann wieder nicht, er hat keinen richtigen Namen, mal nennt er sich „the Ultra-Humanite“, mal nur „Ultra“, mal will er die Weltherrschaft, dann nur schnödes Geld, dann will er die Menschen auslöschen, um eine neue Rasse zu erschaffen, am Ende – als er in einem Frauenkörper steckt – geht es ihm wieder nur um Geld. Nur sein weißer Kittel bleibt gleich, als wäre er ein Symbol für das unbeschriebene Blatt, das der Ultra-Humanite bleibt.

Der Wandel zur Frau hat ihn ohnehin in eine Sackgasse gesteckt: Mit dem Körperwechsel ist ihm jegliche Wiedererkennbarkeit abhanden gekommen. Er ist bloß ein austauschbarer Bösewicht geworden, dem es an Beständigkeit fehlt. (In den 80ern bekommt er sogar einen Affenkörper.) Zwar hat sich auch Luthor verändert – er verlor seine Haare und wurde irgendwann mehr Geschäftsmann als Wissenschaftler, schließlich sogar Politiker -, aber lange Zeit blieb Luthor der glatzköpfige Mad Scientist, der Superman hasst und ihn vernichten will. Der perfekte Gegenspieler.

Mehr zum Thema:

Knightfall #7: Knightquest – The Crusade

Bruce Wayne ist gebrochen und im Rollstuhl auf Reisen, Bane ist besiegt, jetzt macht Jean-Paul Valley als Batman die Stadt sicher. Oder vielmehr unsicher. Denn der einst zum Killer indoktrinierte junge Mann weiß noch immer nicht, wer er eigentlich ist und hat sich und seine Programmierung nicht im Griff. Aber da niemand da ist, um ihm auf die Finger zu schauen, kann er machen, was er will. Gotham dient ihm dabei als Spielwiese seiner Selbsterkenntnis.

Das verlassene Wayne Manor verkommt, nicht einmal die Bathöhle macht der Neue sauber. Nach Batmans Kampf gegen Bane liegen immer noch die Scherben der Robin-Vitrine herum, aber vorsichtshalber hat er schon mal den Durchgang zu Tim Drakes Haus zugemauert. Reine Sicherheitsmaßnahme, versteht sich. Heißt aber auch ganz klar: Robin ist unerwünscht. JP macht lieber sein eigenes Ding. Zum Beispiel ein neues Batmobil testen, das auf den Schienen der U-Bahn fährt. 300 Meilen pro Stunde im Tunnel? Das kann nur schiefgehen … Aber zum Glück tauchen zwei Bösewichte auf, die einen Zug voller Geld entführen wollen, da kann JP nach Herzenslust Wildwestheld spielen.

Ach ja, und dann ist da noch die Selbsterkenntnis. Dazu steigt JP nackt in einen Tank voller Wasser, wo er halluziniert. Netter Nebeneffekt: der Leser erfährt noch einmal in Kürze, was bisher geschah. JP bekommt von seinem eingebildeten St. Dumas gesagt, er müsse seinen Kreuzzug als Batman weiterführen. Und da JP macht, was man ihm sagt, legt er los. Gegen Gangsterbosse, gegen neue Schurken wie den Tally Man und einen Profikiller namens Mekros, der genauso wie er konditioniert ist zum Töten und eine Rüstung trägt. Lauter Routine-Aufgaben, im Vergleich zu Bane alles Leichtgewichte, aber der neue Batman tut sich dennoch schwer damit. Aber auch nicht zu schwer, die meisten sind nach zwei Ausgaben erledigt.

Catwoman und Joker

Der neue Batman lässt sich von Catwoman betören, es kommt zu einem körperbetonten Duell, das auf einem Missverständnis beruht. JP hält Selina Kyle für eine Terroristin, die Menschen mit einem Nervengas ermorden will, aber ihre Absichten sind ganz andere. Eine belanglose und zu lang erzählte Episode. Ganz ähnlich die mit dem Joker. Der dreht nämlich einen Film, in dem Batman sterben soll. Aber das Unternehmen ist so halbherzig umgesetzt, dass es nie wirklich um Leben und Tod geht (außer für ein paar unwichtige Nebenfiguren). Joker ist hier bloß wieder Clown, der seine nervigen Späße treibt. Batman bricht ihm am Ende beide Arme – aber dem Joker reichen auch seine Beine, um gefesselt aus einem Krankenwagen zu entkommen …

JP offenbart sich ein paarmal mehr als Fanatiker, der sich selbst nicht im Griff hat. Immer wieder erscheint ihm sein Vorbild St. Dumas und schärft ihm die Wichtigkeit seines Kreuzzugs ein. Später auch sein Vater, der einst als Racheengel Azrael unterwegs war. JP ist hin- und hergerissen. Der Sohn geht äußerst brutal vor, er prügelt besinnungslos auf seine Gegner ein, zerfetzt ihnen das Gesicht mit seinen Klauen und muss sich zusammenreißen, sie nicht zu töten. Andere lässt er laufen, weil sie ihm nicht der Mühe wert erscheinen. Ein Sozialleben hat er nicht. Statt zu schlafen, bastelt er immer wieder an seiner Rüstung rum. Im Laufe der Storyline verändert er ihr mehrmals ihr Design und macht sie zu einer Waffe.

Der Fall Abattoir

Den größten Teil nimmt die Jagd nach Abattoir ein, einem Serienkiller, der es auf seine Familienmitglieder abgesehen hat. Dieser Plot, der mit Batman #505 beginnt, erstreckt sich fast über die zweite Hälfte von The Crusade, involviert neben einigen nervigen Nebenfiguren auch Clayface 3 und Lady Clayface – und ermüdet auch sehr bald. Allerdings kommt es in Batman #508 zu einem entscheidenden Wendepunkt: JP lässt Abattoir sterben. Und dadurch stirbt auch ein weiteres Opfer des Serienkillers. In der Folge hat Commissioner Gordon genug von diesem neuen Batman. JP ist das egal, er rüstet erneut auf – zum letzten Kampf mit dem Profikiller Gunhawk (noch so einer!). Und am Ende taucht Bruce Wayne wieder auf, eigentlich will er sich zur Ruhe setzen. Aber als er sieht, was JP angerichtet hat, stellt er ihn zur Rede und beschließt, seinen Stellvertreter zu entmachten …

The Crusade ist weniger eine Storyline mit einer zusammenhängenden Handlung, sondern eine Reihe von kurzen Geschichten, die nur zum Teil aufeinander Bezug nehmen. Der Spannungsbogen liegt vielmehr in der Entwicklung des Charakters Jean-Paul Valley zum Psycho, der sich nur wenig von seinen Gegnern unterscheidet. Allerdings: So dramatisch ist die Veränderung nun auch wieder nicht. JP tötet Abattoir nicht, er hadert einfach zu lange mit sich, sodass der Killer irgendwann selbst in den Tod stürzt. Dass Batman nicht selbst zum Killer wird, zeigt sich darin, dass er kurz darauf Gunhawk verschont.

Er geht drastischer mit seinen Gegnern um, lässt Wayne Manor verlottern und schottet sich von der Batman-Familie ab. Dennoch bleibt er ein empathischer Held, der einige Male sogar Kinder rettet. So ganz leuchtet die Dringlichkeit also nicht ein, ihn abzusetzen. Außer, dass er nicht freiwillig gehen will. Bruce Wayne hat viel zu leichtsinnig sein Erbe einem unberechenbaren und labilen Mann anvertraut. Der zweite große Fehler nach Bane.

Muss man The Crusade lesen, das immerhin über 600 Seiten lang ist? Nicht unbedingt ganz. Es gibt viele Ausgaben, die man überspringen kann, wenn man ungeduldig ist. Wichtig wird es erst ab Batman #505. Aber auch schon vorher gibt es einige interessante Momente: Batmans Raserei durch die U-Bahn-Schächte, seine Konfrontation mit Robin. Und die klaren Zeichnungen von Graham Nolan und auch die abseitigen von Vincent Giarrano (Shadow of the Bat) sind wahre Hingucker. Die Gunhawk-Episode lässt sich sogar als sozialkritischer Kommentar auf den Waffen-Irrsinn der USA lesen: Wozu braucht Gotham, die Mord-Hauptstadt, eine Waffenmesse? Ein Seitenhieb, der leider immer noch aktuell ist …

The Crusade ist im Paperback Knightfall Vol. 2: Knightquest (2012) sowie im Knightfall Omnibus Vol. 2 (2017) erschienen. Eine deutsche Ausgabe fehlt bislang.

Mehr zu Knightfall:

Batman heiratet und trifft Black Lightning

DC Comics

Im Sommer wird es soweit sein: Batman und Catwoman heiraten in Batman #50. In den beiden Ausgaben zuvor wird es in der Story The Best Man darum gehen, dass der Joker versucht, das zu verhindern, indem er Batman entführt. Im Mai und Juni werden zudem fünf One-Shots erscheinen, die das Prelude to the Wedding bilden: Robin Vs. Ra’s al Ghul, Nightwing Vs. Hush, Batgirl Vs. The Riddler, Red Hood Vs. Anarky, Harley Quinn Vs. The Joker.

Alle Ausgaben werden verfasst von Tim Seeley und gezeichnet von jeweils verschiedenen Künstlern. Die fünf Cover werden aber von Rafael Albuquerque stammen und zusammen eine Einheit bilden.

DC Comics

Außerdem gibt es neues von der Serie Detective Comics zu vermelden: Autor James Tynion IV wechselt zu Justice League: No Justice, ab Ausgabe 982 übernimmt Bryan Hill (Postal, Cyberforce) die Serie. Im Juni beginnt die fünfteilige Story „On the Outside“, in der Batman auf Black Lightning trifft. Der Superheld erlebt gerade mit der gleichnamigen TV-Serie (bei uns auf Netflix) ein umjubeltes Comeback. 1983 war er bereits in Batmans Team The Outsiders.

Von James Tynion IV erscheinen in diesem Jahr noch die Bände A Lonely Place of Living (April), Fall of the Batmen (Juni) sowie im Herbst der wahrscheinlich letzte, noch unbenannte Teil.