Batman (Comic-Serie)

Die erste Comic-Serie, die allein Batman gewidmet ist, erscheint seit 1940.

Batman: Death of the Family

DC Comics/Panini

Deutscher Titel: Der Tod der Familie

Autor/Zeichner: Scott Snyder, James Tynion IV/Greg Capullo, Jock

Erschienen: 2012 (Batman #13-17, Detective Comics #16-17 (The New 52)), dt. Panini 2013 (Batman #15-19), Paperback 2015


„… the ugly truth of it, kiddies, is that deep down, beneath it all … Batman loves me more than he loves you.“ (Joker)

Er ist wieder da: Ein Jahr nachdem sich der Joker vom Dollmaker hat das Gesicht abschneiden lassen, kehrt der Clown zurück, um einen persönlichen Rachefeldzug gegen Batman und Co. zu führen. Die Geschichte beginnt stark: Kaum, dass Bullock seinem Chef Gordon von bösen Omen erzählt, die auf ein großes Unglück hinweisen, gibt es auf der Polizeiwache Stromausfall, der Joker bricht ein und während Gordon mit seinen Leuten buchstäblich im Dunkeln tappt, geht der Joker herum und bricht einzelnen Beamten das Genick. Kurz darauf geht das Licht an, Batman erscheint – und das Joker-Gesicht ist aus der Asservatenkammer verschwunden.

Was der Joker vorhat, ist lange Zeit nicht klar: Er reinszeniert seine ersten Aktionen wie die angekündigten Morde, übertrifft sich dabei selbst an Grausamkeit und Unberechenbarkeit, aber er entführt auch Alfred Pennyworth. Abgesehen von der üblichen Katz-und-Maus-Jagd, die der Joker mit Batman spielt, muss sich der Held die quälende Frage stellen, ob der Clown dessen wahre Identität kennt. Für den Joker ist das alles eine große Abrechnung mit seinem Rivalen, er will ihm vorführen, wie es wirklich um ihr Verhältnis steht und wer seine wahre Familie ist.

In der Wiederholungsfalle

Wieder einmal versteht es Autor Scott Snyder, seine Story packend zu erzählen. Schon allein die erste Seite ist großartig: Gotham in einer Regennacht, ein Lieferwagen am Steg vor dem Gotham River, die roten Lichter gehen an, er setzt zurück und fährt der Stadt entgegen, das Ortsschild spiegelt sich in der Windschutzscheibe, wir wissen nicht, wer drin sitzt – und doch ahnen wir es. Wie schon bei The Court/The City of Owls überraschen auch hier viele unerwartete Wendungen, die das Motiv des Jokers bis zuletzt offen halten. Das Finale ist ähnlich schaurig wie die Labyrinth-Sequenz bei The Court of Owls, nur dass hier Arkham zur Kulisse für den Wahnsinn wird. Zeichner Greg Capullo wird dieses Mal unterstützt von Jock, der mit seinen unruhigen Strichen schon verstörende Bilder für The Black Mirror geschaffen hat.

Bei aller Kreativität, die man von Autor Scott Snyder sonst kennt, steckt er hier jedoch in der Wiederholungsfalle: Die ganze Geschichte ist gespickt mit Zitaten der Batman-Tradition, von The Killing Joke über The Man Who Laughs (bzw. Batman #1 von 1940) bis hin zum titelgebenden A Death in the Family. Es gibt einen Auftritt als Red Hood im ACE-Chemiewerk, es gibt eine Szene an Gothams Wasserreservoir und es gibt auch eine Anspielung auf das Töten eines Rotkehlchens mit einem Breicheisen … Hier zeigt sich die Schizophrenie des Reboots: Einerseits will man Fans bedienen, andererseits Neueinsteiger gewinnen. Doch mit all den Anspielungen wird deutlich, dass ein Neubeginn nicht möglich ist, wenn 25 Jahre Comic-Geschichte vorausgesetzt werden. Dies ist kein Reboot, denn offenbar behalten die alten Geschichten nach wie vor ihre Gültigkeit. Andererseits frage ich mich, ob Fans nicht eher gelangweilt als erfreut darüber sein könnten, dass hier nichts Neues erzählt wird.

Der Joker als Spieler

Immerhin gelingt es Snyder beim Finale in Arkham, ein neues Szenario zu schaffen – auch wenn er sich im Prinzip bei Grant Morrisons Arkham Asylum (1989) bedient. Hier wie da wird Batman vom Joker in das Tollhaus geführt, begegnet der Reihe nach seinen alten Gegnern und muss sich vom Joker anhören, dass sie seine eigentliche Familie sind. Und damit rührt der Erzschurke am wichtigsten Thema: Batman braucht seine Gegner mehr als seine „Familie“. Dem Leser leuchtet das ein. Und es gibt zu bedenken, ob drei Robins und ein Batgirl wirklich nötig sind …

Snyder schafft es bei aller Wiederholung dem Joker drei neue Aspekte abzugewinnen. Erstens spielt der Joker die Rolle des Hofnarrs, der Batman die bittere Wahrheit zuträgt. Zweitens ist er ein Spieler, der das Spiel um seiner selbst Willen treibt und dem es egal ist, wer hinter Batmans Maske steckt, weil die Maske zum Spiel gehört – ebenso wie Jokers Gesicht. (Allerdings deutet das auch schon Grant Morrison an …) Drittens – und das ist das Wichtigste – erscheinen Batman und Joker nicht wie Antipoden, sondern wie Gleichgesinnte, Seelenverwandte, also wie zwei Seiten einer Medaille. Nicht nur das Symbol des zweiköpfigen Löwenbabys zeigt das, auch Harley Quinn spricht es explizit aus, als Batman im Chemietank feststeckt: „Maybe you’ll be the next one. Like I always thought you would. Maybe you’ll come back like he used to be, back then … beautiful.“ Batman als der neue Joker? Am Ende ist es sogar die ganze Bat-Familie, der der Joker wenigstens für kurze Zeit seine Fratze aufsetzt.

Ein großes Lesevergnügen

Warum sich der Joker hat sein Gesicht abschneiden lassen, bleibt jedoch bis zum Schluss offen. Vielleicht weil so das Gesicht zur Maske wird, im Gegensatz zu Batman, dessen Maske das Gesicht ist. Vielleicht ist es aber auch trivialer: Weil er der Joker ist, weil er verrückt ist – und um der furchteinflößenden Figur noch mehr Schrecken abzugewinnen. Damit am Ende nur noch ein faulender Lappen Fleisch an seinen Kopf getackert ist, den die Fliegen umkreisen. Das ist so drastisch, dass ich mich frage, wie man das noch steigern will. Aber vielleicht muss es das auch nicht. Zu kritisieren ist allerdings, dass der Joker nicht den Mitgliedern der Familie ihre Gesichter abgeschnitten hat, sondern die Tat nur inszeniert. Das erscheint angesichts seiner sonstigen Skrupellosigkeit inkonsequent. Aber offenbar wollten die Autoren so viel Grausamkeit den Helden gegenüber ihren Lesern nicht zumuten.

Trotz aller Kritik ist Death of the Family ein großes Lesevergnügen. Nur die Einbindung von Detective Comics, wo es um die Nacheiferer des Jokers geht, hätte man sich sparen können. Besser ist es, nicht der chronologischen Ordnung zu folgen, sondern den dritten Batman-Band am Stück zu lesen. Wer alle Stücke der Story haben will, dem sei zusätzlich der Sammelband Joker: Death of the Family empfohlen.

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Fledermaus gegen Eulen

DC Comics

Titel: The Court of Owls/The City of Owls (dt. Der Rat der Eulen/Die Stadt der Eulen)

Autor/Zeichner: Scott Snyder/Greg Capullo (u.a)

Erschienen: 2011-2012 (Batman #1-7, #8-12, Batman Annual #1, Detective Comics #9 (The New 52)), dt. Panini 2012-2013 (Batman #5-12), Paperbacks 2013/2014 (Bd. 1/2)


„How I love killing Waynes.“ (Talon)

Im Jahr 2011 startete DC unter dem Titel The New 52 alle seine Heft-Serien neu. Darunter auch die Batman-Serie, unter der Autorschaft von Scott Snyder. Der erste Erzählbogen ist The Court of Owls, der in das Crossover-Event The Night of Owls mündet und in The City of Owls sein Ende findet (wobei es zwischen Night und City Überschneidungen gibt). Ich konzentriere mich hier nur auf die Batman-Serie, nicht auf die Tie-ins. Es beginnt mit einem großen Aufgebot: Gleich auf der zweiten Seite sieht man eine Horde wildgewordener Schurken sich mit Batman prügeln. Fast zu viel des Guten für den Anfang.

Womit wir beim ersten Problem des Reboots wären: Zwar wollte DC mit dem Projekt von vorn beginnen und neue Leser gewinnen, aber beim Lesen dieser Story wird man das Gefühl nicht los, dass man bereits viele Jahre verpasst hat. Alle Hauptschurken sind schon da und auch die Batman-Familie ist vollständig, in einem Panel sind allein drei Figuren zu sehen, die das Robin-Kostüm tragen oder getragen haben: Dick Grayson (Nightwing), Tim Drake (ehemals Robin III, jetzt Red Robin) und Damian Wayne (Robin IV). Textkästen erklären dem Leser, wen er da vor sich hat. Bei allem Neuanfang schreckt auch Snyder nicht davor zurück, Frank Millers Initiationsszene aus Year One zu zitieren, in der eine Fledermaus durch die Fensterscheibe gekracht kommt (was ich immer noch für unglaubwürdig halte, es sei denn es ist eine kranke und besonders starke Fledermaus, was wiederum ein übles Omen wäre), sich auf die Büste von Thomas Wayne setzt und Bruce beschließt: „Yes, father, I shall become a bat.“ Selbst visuell ist das Panel Year One nachempfunden. Das ist kein Zitat mehr, das ist ein Plagiat.

Gimmick: Großmaul

Dennoch gibt es Neuerungen. Dieser Batman ist hochtechnisiert: Seine Kontaktlinsen können Lippenlesen und in Schriftsprache übersetzen, eine Laserabtastung im Leichenschauhaus erspart Batman die Anreise und in der Bathöhle hat er eine Art Iron Man-Rüstung, die sehr an die aus The Dark Knight Returns erinnert. Natürlich ist auch Batman selbst schlauer denn je, er kann sogar am Geschmack des Wassers erkennen, im welchen Teil Gothams er sich befindet und aus welcher Art Marmor das Becken besteht. (Das ist so übertrieben wie amüsant.) Das wichtigste neue Gimmick ist, dass Batman in jeder noch so brenzligen Situation den passenden Spruch parat hat. So viel Großmäuligkeit war bisher selten.

Die Story selbst ist ebenso kreativ wie mitreißend: Ein Killer namens Talon treibt sein Unwesen, verkleidet wie eine Eule. Er gehört dem Rat der Eulen an, einem Geheimbund von Maskierten, der die ganze Stadt infiltriert hat und seit Jahren eine Fehde mit der Familie Wayne austrägt. Es gibt ein Attentat auf Bruce Wayne, später muss auch Batman gegen Talon kämpfen – wobei sich herausstellt, dass der Gegner sich auch vom Tod nicht aufhalten lässt. Snyder lässt sich Zeit, was der Story gut tut. Er beginnt seine Kapitel oft mit Reflexionen über Gotham City, so führt er seine Leser in die Atmosphäre, Geschichte und Mythologie der Stadt ein.

Überraschende Einfälle

Das größte Lob gebührt dem Autor, weil er es versteht, mit einer Reihe guter Einfälle zu überraschen. Zu den Höhepunkten gehört Batmans Gefangenschaft in einem unterirdischen Labyrinth. Der Held wird an die Grenzen seiner physischen und geistigen Kräfte gebracht, Horrorvisionen treiben ihn um. Diese zermürbende Episode hinterlässt einen starken Eindruck. Ebenso bemerkenswert, weil sehr spannend, ist der Überfall der Talons auf Wayne Manor, bei dem sich Batman sehr erfindungsreich erweist und auch Alfred eine große Rolle spielt. Bei allen Ideen, die Snyder hier auffährt, bleiben einige Plot-Holes: Schwer nachzuvollziehen ist es, wie Bruce Wayne den Sturz von einem Hochhaus und wie Batman einen Dolch in den Bauch überleben können. Da hat Snyder ein wenig zu oft den Gott aus der Maschine bemüht.

Die Schwächen der Story machen die großartigen Zeichnungen von Greg Capullo wieder wett: dynamisch und expressiv fangen sie perfekt die beklemmende Stimmung ein, die von den Eulen ausgeht. Besonders in den Covern beweist sich Zeichner als wahrer Künstler.

Batman #6 (The New 52)

Batman #6 (The New 52)

Nach Batman #8 fasert die Geschichte in die Nebenschauplätze aus: Nightwing, Robin, Batgirl und Co. prügeln sich mit den Talons durch Gotham (Night of the Owls). Das kann lesen, wer Lust dazu hat – oder es getrost lassen. Es reicht, bei der Hauptreihe zu bleiben. Etwas ärgerlich ist nur, dass eine Episode, nämlich die in Arkham, in Detective Comics #9 spielt. In Batman #9 entsteht dadurch ein offensichtliches Plot-Hole, wenn Batman ankündigt erst nach Arkham, dann zum Bürgermeisterkandidaten zu fahren und plötzlich bei letzterem angekommen ist. Das ist ein klarer Hinweis: Wen’s interessiert, kaufe sich das andere Heft! Aber es lässt im Erzählfluss eine ärgerliche Lücke und zwingt beim Lesen einen unnötigen Sprung zurück zu machen.

Leider wirkt die ohnehin komplexe Story mit ihrem ausführlichen Hintergrund über Gotham und die Familie Wayne etwas überladen. Die Episode, in der Bruce als Kind sein zweites Trauma erlebt, weil er auf der Suche nach dem Rat der Eulen auf einem Dachboden eingesperrt wird, hätte man sich sparen können. Am Ende erinnert die Story das den Schluss des Films Psycho: Es wird erklärt, dann ein bisschen mehr erklärt und dann noch ein bisschen mehr erklärt. Das Problem an diesem Verfahren ist, dass dadurch Mysterien zerstört werden. Ein langes Kapitel ist ausschließlich der Vorgeschichte gewidmet, immerhin ist sie interessant, da von Alfreds Vater erzählt.

Dennoch: Die erste große Batman-Erzählung nach dem Reboot ist ein lohnendes Lesevergnügen für alle mit einem langen Atem – oder einfach für Freunde großer Epen. Die beiden letzten beiden Anhängsel ergänzen die Handlung nur minimal. Während „Ghost in the Machine“ (Batman #12), eine Story um eine junge Elektrikerin, die Batman helfen will, gänzlich überflüssig ist, ist „First Snow“ (Batman Annual #1) vor allem interessant, weil sie eine neue Entstehungsgeschichte von Mr. Freeze  erzählt und ihm dabei einige neue Seiten abgewinnt. So eine Story rechtfertigt den Reboot von The New 52.

>> Batman 2011-2019


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Das Rotkehlchen und die Brechstange

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Titel: A Death in the Family (dt. Ein Tod in der Familie/Ein Todesfall in der Familie)

Autor/Zeichner: Jim Starlin/Jim Aparo

Erschienen: Batman #426-429 (1988-1989), Paperback 2011 (enthält auch A Lonely Place of Dying), dt. Panini 2010/2019


Diese Geschichte ist so berühmt, dass man nicht über sie sprechen kann, ohne den Spoiler vorwegzunehmen. Bereits das Cover zeigt es: Robin II, alias Jason Todd, stirbt – vom Joker mit einer Brechstange totgeschlagen. Eine unerhörte Begebenheit, vor allem weil sie auf unorthodoxe Weise zustande kam. Denn die Mörder waren die Leser. Sie durften in einer Telefonumfrage abstimmen, ob Jason die Prügel mit der Brechstange und eine anschließende Explosion überleben würde oder nicht. Die Figur galt als unbeliebt, doch das Ergebnis war knapp: Etwas mehr als die Hälfte der rund 10.000 Teilnehmer verhängte das Todesurteil. (Was die Autoren nicht davon abhielt, Jason später wiederzubeleben. Ich frage mich nur, welchen Sinn der Titel gehabt hätte, falls Robin überlebt hätte.)

Doch das Buch zu lesen, macht keinen Spaß – es sei denn, man macht sich darüber lustig. Anlass genug gibt es. Jim Starlin erzählt eine hanebüchene Geschichte, in der einerseits Jason Todd seine echte Mutter sucht und andererseits der Joker versucht, eine Atomrakete an arabische Terroristen zu verkaufen. Das sind schon mal zwei Plots, die wenig miteinander zu tun haben. Dennoch: Zufällig führen beide Wege in den Libanon. Doch damit nicht genug der Zufälle: Eine der potenziellen Mütter ist CIA-Agentin, eine andere eine Schurkin, die dritte dreht krumme Dinger als Entwicklungshelferin in Äthiopien und ist Handelspartnerin vom Joker.

Den Gipfel der Dummheit erreicht die Story, als der Iran den Joker – einen weltbekannten Massenmörder – zu seinem Diplomaten ernennt und der Joker die Gelegenheit nutzt, um alle Vertreter der Vereinten Missionen zu töten. Das Ganze ist pathetisch, arg konstruiert, unglaubwürdig und lächerlich. (Besonders peinlich, wenn der Joker seinen iranischen Mitstreiter einen Araber nennt.) Dieser Todesfall in der Familie ist keine Träne wert. Der einzige Grund, weshalb diese Story als eine der wichtigsten gehandelt wird, liegt in seiner Bedeutung für die Batman-Historie und den Kanon. Ansonsten ist sie entbehrlich.

(Warum IGN diesen Schmarrn in seine Top 25 aufgenommen hat, ist mir schleierhaft.)

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Frank Millers Batman-Klassiker

Titel: The Dark Knight Returns/Batman: Year One (dt. Die Rückkehr des dunklen Ritters/Das erste Jahr)

Autor/Zeichner: Frank Miller/Frank Miller, David Mazzucchelli

Erschienen: 1986/1987 (The Dark Knight Returns #1-4/Batman #404-407)


Wenn es um die maßgeblichsten Batman-Comics geht, werden immer wieder diese beiden genannt: Frank Millers Year One und The Dark Knight Returns. Und das zu recht – obwohl das keineswegs selbstverständlich ist. Zwar handelt es sich gewisserweise um Zwillinge – beide sind vom selben Autor und sind in kurzer Abfolge erschienen und sie erzählen von Batmans Anfang und Ende. Doch ist es seltsam, dass gerade sie das Wesen der Figur auf so essenzielle Weise einfangen, denn  bei allen Gemeinsamkeiten sind sie sehr unterschiedlich.

Batman: Year One

Die Fledermaus bricht durchs Fenster: Year One. (DC Comics)

Zum einen ist da Year One. Häufig wird der Vierteiler als Entstehungsgeschichte bezeichnet. Und tatsächlich sehen wir einen jungen Bruce Wayne, 25 Jahre alt, der nach 13 Jahren in seine Heimatstadt Gotham zurückkehrt, um das Verbrechen zu bekämpfen. Wir erfahren nicht, was in den vergangenen Jahren passiert ist, nur so viel ist klar: Seine Eltern wurden ermordet, daraufhin ist er offenbar in der Welt herumgereist und hat für seinen Rachefeldzug trainiert. Also unternimmt er erste Versuche in der Unterwelt, zunächst noch inkognito ohne Kostüm, doch weil sich niemand vor ihm fürchtet, bekommt er Ärger mit einigen Prostituierten, wird verletzt und gezwungen, seine Strategie zu überdenken. Dann die legendäre Szene, wie sie bereits 1939 erzählt wurde: Eine Fledermaus fliegt zum Fenster rein und bringt ihm die Erkenntnis „I shall become a bat!“ Verkleidet als Batman hat er mehr Erfolg, auch wenn er zunächst mit der Polizei in Schwierigkeiten gerät …

Womit wir beim eigentlichen Thema wären: Denn Millers Story ist eben nur zu einem Teil die Geschichte von Bruce Wayne, zum anderen geht es um den Polizisten James Gordon – und eigentlich ist Year One seine Geschichte. Die Geschichte beginnt und endet mit Gordon, man erfährt mehr über seine Motive als die von Batman. Durch seine Figur betrachten wir den Superhelden von außen, wir bekommen Gelegenheit, ihn mit fremden Augen zu sehen, uns zu wundern, an ihm zu zweifeln und uns schließlich mit ihm anzufreunden.

Zu Beginn kommen Gordon wie Wayne von außerhalb, der eine per Bahn, obwohl er lieber geflogen wäre, der andere per Flugzeug, obwohl er lieber näher am Feind wäre. Gordon muss sich gegen korrupte Kollegen durchsetzen, die ihn gerne mal überfallen, um sich seine Loyalität mit Schlägen zu verdienen. Außerdem erfahren wir, dass er eine schwangere Frau hat (Barbara), aber mit ihr offenbar nicht glücklich ist; er fängt eine Affäre mit einer Kollegin (Sarah Essen) an. In dieser schwierigen Phase kommt ihm ein Vigilant wie Batman gerade recht. Auch wenn Gordon den Maskierten jagt und nach dessen Identität fahndet – dabei rückt er sogar Bruce Wayne auf die Pelle –, schließlich erkennt er Batman als Verbündeten an. Denn beide kämpfen gegen dieselben Feinde.

Batman: Year One

„Ladies, Gentlemen. You have eaten well.“ Batmans Kriegserklärung. (DC Comics)

Durch die parallele Erzählweise und die Engführung beider Charaktere werden Wayne und Gordon als Seelenverwandte dargestellt, als zwei Seiten einer Münze, die dasselbe wollen, aber unterschiedliche Wege gehen. Beide bekommen bei Miller etwas Abgründiges. Beide sind Zweifler und Selbstkritiker, beiden passieren schwere Fehler, beide überschreiten Grenzen des Moralischen. Wayne befindet, dass er nicht verdiene, zu leben. Gordon gesteht sich ein, dass er zwar im Beruf, aber nicht im Privaten seinem Herzen folgt. Beide führen ein Doppelleben.

Interessanterweise werden nebenbei noch zwei weitere Figuren des Universums eingeführt: Der Staatsanwalt Harvey Dent (später Two Face), der aus unerklärten Gründen mit Batman kooperiert (in einer Szene sieht man Dent Batman unterm Schreibtisch verstecken), und Selina Kyle, eine Prostituierte/Domina, die sich als Catwoman verkleidet. Und schließlich, am Ende kommt der Verweis auf den Joker. (Christopher Nolan hat sich in Batman Begins stark an Year One orientiert.)

Die Erzählung lebt von Leerstellen. Die Zeit schreitet schnell voran; nur wenige Tage des ersten Jahres werden ausführlich dargestellt. Dennoch schafft es Miller, genauso viel zu erzählen, wie nötig ist, um in die Figur einzuführen. Mit Year One muss er nämlich zwei Sorten von Lesern bedienen: Einerseits alte Leser, die wissen, worum es geht, andererseits sollten mit dem Reboot neue Leser gewonnen werden.

Bat: The Dark Knight Returns

Die Fledermaus und das Fenster: Panel aus The Dark Knight Returns. (DC Comics)

Anders hingegen kommt The Dark Knight Returns daher: Voraussetzungsreich, ausführlich, dicht. Viele winzige Panels drängen sich auf den Seiten. Im Gegensatz zum klaren, schlichen Stil von David Mazzuchelli, der Year One gezeichnet hat, ist hier Frank Miller selbst mit krakeligem, unruhigem Stift am Werk . Er unterstreicht die verstörende Wirkung der Story. (Unterstützt wird er von dem Tuscher Klaus Janson, der diesen Effekt noch verstärkt.) Es handelt sich um eine nicht-kanonische Was-wäre-wenn-Geschichte, einige Jahre später soll DC dafür das Label „Elseworlds“ finden. The Dark Knight Returns handelt von einem gealterten Bruce Wayne in der Zukunft, der sich vor Jahren zur Ruhe gesetzt hat und nun, auf dem Gipfel des Verbrechens in Gotham, das Batman-Kostüm wieder anzieht.

In vier Teilen kommt es zu vier großen finalen Kämpfen: Gegen einen nach seiner Rehabilitation rückfällig gewordenen Two-Face, gegen den Anführer der Mutanten-Jugendbande, gegen den Joker und schließlich gegen Superman, der als Handlanger der Regierung Batman ausschalten soll. Batman ist ein Hardliner, der skrupellos agiert: Er foltert und gerät sogar mehrfach in Versuchung zum Mord. (In einer Sequenz benutzt er sogar ein Maschinengewehr – was sonst ein Tabu ist – und es bleibt zunächst offen, ob er sein Opfer nur anschießt oder erschießt; später klärt er das auf, indem er sagt, dass er seine einzige Regel bisher nicht gebrochen habe.)

Batman & Joker in The Dark Knight Returns

Tödliches Ende einer Romanze im Liebestunnel: Batman und Joker.

Frank Miller zeichnet seinen Batman klobig, in seinem grauen Anzug erscheint er wie ein Fels, während aus seinen inneren Monologen klar wird, dass er ein ambiger Charakter ist. Wieder erleben wir einen gebrochenen Helden, der an sich zweifelt und sich sein Glück, mit dem er immer wieder durchkommt, nicht gönnt („Lucky old man.“). Wir sehen, dass er getrieben ist von einem Todeswunsch (‚This would be a fine death“), aber am Ende dennoch nicht sterben will, denn das bedeutete ja aufgeben. Und so wird das Drahtseil, auf dem Batman in einer Szene balanciert, zum Sinnbild seiner Situation: Immer an der Grenze zum Tod schwankt er zwischen Gesetz und Verbrechen. Miller zeigt, dass er zum Teil auch selbst für dieses Verbrechen verantwortlich ist: Zum einen, als die Mutanten-Anhänger nachdem ihr Anführer besiegt ist, in Batmans Namen Greueltaten im Namen der Selbstjustiz begehen. Zum anderen, weil der Joker erst nach Batmans Rückkehr wieder aktiv wird und Massenmord begeht. Batman wird als Gegenspieler stets zum Mittäter.

Miller beschreibt das Verhältnis zwischen den Antagonisten nicht nur als eines der gegenseitigen Bedingung, sondern auch der gegenseitigen Anziehung. Homo-erotisch wird es, wenn der Joker, als er Batman wiedersieht, erstmals spricht und dabei „Darling“ sagt. Kurz bevor der Joker bei einer Talkshow alle Gäste im Studio ermordet, spricht sein Psychiater davon, dass Batmans Verhalten aus einer „unterdrückten Sexualität“ rühre. Nicht zufällig findet das große Finale auf dem Rummelplatz im Liebestunnel statt. Als letzte ‚Streicheleinheit‘ kommt es zum Nahkampf. Der Joker dreht sich am Ende selbst seinen Hals um, damit es so aussieht, als hätte Batman ihn getötet. Als Batman die Leiche verbrennt und er sieht, wie noch das Skelett zu grinsen scheint, sagt er: „Stop laughing.“ Der Joker ist es, der zuletzt lacht. Er hat Batman im Selbstmord besiegt und lässt ihn als Mörder dastehen. Aber Batman war selbst kurz davor, den Kampf ein für alle Mal zu beenden. Doch auch dann hätte der Joker triumphiert.

Es geht also zur Sache. Drastisch führt Miller seine Figuren vor, kongenial erzählt er in Bildern und Text, die gleichberechtigt nebeneinander stehen. Überhaupt ist ein großer Anteil der Handlung nicht im Bild zu sehen, sondern wird von anderen, vor allem Nachrichtensprechern, nacherzählt. So bleibt dem Leser das Schlimmste meist erspart. Dem gegenüber stehen eindrucksvolle Splash-Pages und minutiöse Zeitlupen-Sequenzen, in denen das Trauma des Elternmordes so intensiv dargestellt wie selten zuvor. Hinzu kommt, dass sowohl The Dark Knight Returns als auch Year One – anders als damals in Superheldencomics üblich – in gedeckten Farben gehalten sind. Dieser Stil sollte sich in den Heftserien erst Jahre später durchsetzen.

Miller hat mit seinen Zwillingen den Mythos nicht nur auf seine Wurzeln zurückgeführt, sondern ihm auch zu neuen verholfen. Er setzte Maßstäbe, nach denen sich alle weiteren Batman-Stories messen lassen mussten, er legte den Rahmen fest, der noch zu füllen war. Die Nachwirkung kann man bis in die Gegenwart sehen: Christopher Nolan bediente sich bei beiden Vorlagen und selbst in der Batman-Zeichentrickserie setzte man Miller ein Denkmal (Episode „Legends of the Dark Knight“). Leider ging der Autor selbst mit seinem Status nicht pfleglich um: Die Fortsetzung The Dark Knight Strikes Again (2001) ist ein übles Machwerk, das formal wie inhaltlich kaum etwas mit seinem Vorgänger zu tun hat. Und auch All Star Batman & Robin, the Boywonder (2005-2008) kam bei den Lesern nicht gut an. Aber dazu ein anderes mal mehr.

(Anmerkung: In einer früheren Fassung wurde Batman als Mörder des Jokers beschrieben. Das trifft nicht zu. Tatsächlich tötet Batman niemanden in „The Dark Knight Returns“.)

>> Batman 1980-1989


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Batman – Das Jahr Eins

 

Titel: Detective Comics #27 (The Case of the Chemical Syndicate) – Batman #1

Erschienen: Mai 1939 – Frühling 1940

Autor/Zeichner: Bill Finger/Bob Kane


Vor 75 Jahren erschien Detective Comics #27. Es enthielt die erste Batman-Geschichte: The Case of the Chemical Syndicate. Ich kann mich noch erinnern, als ich dieses historische Werk zum ersten Mal las: Im Juni 1999, der Dino-Verlag hatte zum 60. Geburtstag des Helden die 37. Ausgabe seiner Batman-Serie  zur Jubiläumsausgabe erklärt: Das Heft war 64 Seiten dick, bot fünf Geschichten, das Cover war matt-schwarz, mit dem schwarz-gelben Batman-Logo in Hochglanz und wenn man es umdrehte, war da das legendäre Cover von Detective Comics #27 – schon deshalb legendär, weil das Original selten und teuer war.

Die Geschichte dahinter enttäuschte mich zunächst: Sechs Seiten, schlecht gezeichnet (besonders Batman sieht seltsam aus) und eine abgehetzt erzählte Standard-Story um ein Mordkomplott, ohne Spannung oder interessante Charaktere. Man kann diese Story nicht ernst nehmen, zu sehr ist sie von heutigen Lesegewohnheiten entfernt. Aber nach einigen Jahren erkannte ich, dass man sie mit einer historischen Brille lesen muss, so wie man Stummfilme schaut – es ist ein anderes Sehen. Die überraschende Wendung der Geschichte ist nämlich nicht das Lösen des Falls, also wer wen warum getötet hat, sondern dass der reiche, gelangweilte Schnösel Bruce Wayne sich als der Mann hinter Batmans Maske herausstellt. Das mag für heutige Leser klar sein, bei den Lesern von 1939 dürfte das Interesse geweckt und der neuen Figur zum Erfolg verholfen haben.

Auch das Cover ist auf diesen Effekt aus: Im Vordergrund stehen zwei Männer in Hüten, die uns den Rücken zukehren, einer hält eine Waffe in der Hand. Er richtet sie auf Batman, der sich an einem Seil durchs Bild schwingt und einen Mann im Schwitzkasten hält. Wir nehmen die Perspektive der Gangster ein. In gewisser Weise spiegelt sich darin das Cover von Action Comics #1, der ersten Superman-Geschichte aus dem Jahr 1938. Dort ist im Vordergrund ein Mann zu sehen, der erschreckt vor Superman wegläuft, während der Held ein Auto an einem Felsen zerschmettert. Hier hält sich zumindest einer der Gangster bereit zum Schießen. Während das Superman-Cover Übermacht ausstrahlt, geht vom Batman-Cover Gefahr aus. Die Szene kommt – anders als das Bild von Action Comics #1 – im Heft nicht vor. Sie drückt nur aus, für was die Figur steht, nämlich Abenteuer in brenzligen Situationen. Es geht darum, neugierig zu machen: Wer ist dieser Typ im Fledermauskostüm und Maske, der diesen anderen Kerl so souverän am Hals durch die Gegend schwingt? Und wie wird es ihm angesichts dieser anderen Gangster ergehen? Oder vielmehr: Wenn Batman einen Mann mit einem Arm festhalten kann, was wird er erst mit den anderen beiden anstellen?

Es ist lohnenswert, die Batman-Stories aus dem ersten Jahr zu lesen. Man kann dabei zusehen, wie die Figur sich entwickelt, besonders äußerlich: Wie die Maske immer deutlichere Konturen bekommt, wie die Handschuhe sich verändern. Schon in diesem ersten Jahr werden wichtige Wegmarken für den Mythos gesetzt: Schon die erste Geschichte handelt von der für Batman so wichtigen Chemie, eine Gaskammer kommt darin vor und – noch viel wichtiger – ein Sturz in einen Chemietank (was für den Joker wichtig werden soll). Später erfahren wir Batmans Entstehungsgeschichte (Detective #33/Batman #1), in der bereits alle wichtigen Elemente auf zwei Seiten vorkommen, der Sidekick Robin hat seinen ersten Auftritt (Detective #38) und es werden Superschurken eingeführt wie der verrückte Wissenschaftler Hugo Strange (Detective #36) und der Joker (Batman #1). Vor allem letzterer ist bereits ganz der irre, Chaos stiftende Mörder, der Batman immer einen Schritt voraus ist. Nicht zuletzt verdankt diese Pulp Fiction ihren Unterhaltungswert der unfreiwilligen Komik: Es ist drollig zu lesen, wie Batman mit sich selbst spricht und so Sätze sagt wie „Feet, run like you’ve never run before!“ Oder, wenn der Joker auf ihn einschießt und sich fragt, warum sein Gegner nicht stirbt, denkt sich Batman: „Hasn’t the Joker ever heard of a bullet-proof vest!“ Und einmal beginnt eine Geschichte damit, dass Batman sich verfahren hat und nun an einem Haus hält, um nach dem Weg zu fragen (Detective #37). Solche Szenen sind es, die den ersten Stories ihren Charme verleihen.

Batmans erstes Jahr ist versammelt in dem Paperback Batman Chronicles #1 (Englisch) sowie dem Batman Archiv #1 (Deutsch, Dino-Verlag).