Two-Face

Warum Batman einen Robin braucht

Batman: A Lonely Place of Dying

Titel: A Lonely Place of Dying

Autor/Zeichner: Marv Wolfman, George Pérez/Jim Aparo

Erschienen: 1989 (Batman #440-442, The New Titans #60-61) Paperback 1990, 2011 (A Death in the Family), 2019 (Batman: The Caped Crusader Vol. 2)


 „Batman and Robin. Maybe they have to be a team. Though sometimes I think I may have created a Frankenstein.“ (Bruce Wayne)

Nach dem Tod von Robin II (Jason Todd) ist Batman nachlässig geworden: er bringt sich selbst unnötig in Gefahr, verletzt sich zunehmend und ist auch sonst eine traurige Erscheinung. Da kommt ein unbekannter 13-Jähriger daher, Tim Drake, der Batman und Robin beobachtet hat, ihr Geheimnis kennt und nun darauf aus ist, den ersten Robin (Dick Grayson), der nunmehr als Nightwing unterwegs ist, dazu zu bringen, wieder Robin zu werden. In der Zwischenzeit versuchen Batman und Two-Face, einander dranzukriegen, indem sie sich gegenseitig Fallen stellen.

Dieser Teil der Story wirkt bemüht konstruiert: Die Doppelstruktur der Erzählung wird in parallel angeordneten Panelreihen enggeführt. Zudem wird Two-Faces Zweier-Manie überstrapaziert – bis hin zu der aufs Auge gedrückten Botschaft, dass auch Batman eine Art Sekundanten braucht. Der Robin-Nightwing-Teil nimmt unnötigerweise einen Umweg über die (lahmen) Titans, wir sehen Dick Grayson dabei zu, wie er einen Mord in seinem ehemaligen Zirkus aufklärt und die Institution vor der Pleite rettet. Und dann gibt es da noch den jungen Tim Drake, der einen wieder daran erinnert, warum er später so nervt. Er ist ein kleiner Klugscheißer, der altkluge, pathetische Reden schwingt und sich in Dinge einmischt, die ihn nichts angehen. Drake ist nicht nur der Robin-Nachfolger, er ist auch derjenige, der erklärt, warum Batman einen Robin braucht – wodurch er sich selbst Legitimation verleiht: „He needs Robin. He needs him to remember what he used to be. Before his parents died.“

DC Comics

Aber eigentlich ist die Begründung egal. Ob man ihn mag oder nicht: Batman braucht einen Robin. Warum? Weil das 1940 so beschlossen wurde und er seitdem (für viele Fans) nicht mehr aus dem Kanon wegzudenken ist. „Das war schon immer so“, ist keine plausible Erklärung, aber eine, die man hinnehmen muss. Dennoch wirkt es plump, wie penetrant sich dieser Tim Drake geradezu in diese Rolle drängt. Und natürlich knickt Batman ein. Bei Robin wird er stets schwach. Ja, vielleicht ist das die wahre Funktion von Robin: Der Sidekick steht für Batmans Schwäche, für all die Fälle, in denen er es alleine nicht bringt.

Vielleicht aber auch ist etwas an dem Satz dran, den Two-Face sagt: „… there are priorities. There are procedures! Without procedure there is anarchy, systems fall apart.“

(Hinweis: Dieser Artikel wurde zuletzt am 27.2.2024 aktualisiert.)

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Die Freuden des Freudianers

The Batman of Arkham

Titel: The Batman of Arkham

Autor/Zeichner: Alan Grant/Alcatena

Erschienen: 2000 (One-shot)


Was wäre wenn … Bruce Wayne im Jahr 1900 Psychiater und Leiter von Arkham Asylum wäre?

Dann wäre er ein Freudianer, Philanthrop und natürlich auch Batman. In Alan Grants Elseworlds-Story erscheint Wayne als fortschrittlicher Arzt, der – anders als zu der Zeit üblich – seine Patienten nicht wegsperrt und unterdrückt, sondern zu heilen versucht. Bei Killer Croc hat das offenbar funktioniert, nun versucht Wayne sein Glück auch mit Poison Ivy, dem Bauchredner und Two-Face. Die Frage, die ihn dabei beschäftigt ist, was Menschen zu Mördern macht. Die Antworten darauf fallen unterschiedlich aus.

Wie üblich vertritt der Joker die steilste These: „The whole world is a death factory! Sooner or later, everybody dies … What matter if I hasten things along? Some might say I’m doing everybody a favor!“ Gesagt, getan. Der Joker tyrannisiert die Stadt mit seinem berüchtigten Lachgas. Als Batman eine Dosis abbekommt, kann er das Lachen nicht lassen und wird selbst Patient in Arkham. Dort übernimmt Dr. Crane die Leitung, was einer Schreckensherrschaft gleichkommt. Crane macht allen Fortschritt Waynes zunichte, er glaubt an die Macht der Angst. Nicht von ungefähr hat er den Schatten einer Vogelscheuche …

Wie so häufig bei Alan Grant ist auch diese Story voller Grübeleien über Gott und die Welt: „Gotham has always been synonymous with insanity“, sinniert Wayne. „The city has always carried the taint of madness. Is it someting in the water, perhaps … or even in the air itself?“ Für Two-Face ist die Ursache globaler Natur: „The world is an irrational place, doctor. Men fight wars, burn cities, torture each other. How can a product of this madness ever make a rational decision?“

Das gerade einmal 48 Seiten umfassende Buch ist vor allem formal interessant, nicht nur wegen der schön düsteren Zeichnungen von Alcatena, sondern auch weil die Panels in Jugendstil-Ornamenten untergebracht sind. Batman ist in einem Kostüm unterwegs, das an das von 1939 erinnert. Außerdem gibt es eine schöne Variation des Elternmordes – er findet bei einer Zirkusvorstellung statt, in der gerade Clowns das Publikum zum Lachen bringen … Man kann jedes Trauma noch steigern.

Weitere Arkham-Storys:

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Scare Tactics: Ziemlich ätzend

Detective Comics 2: Scare Tactics

Titel: Scare Tactics (dt. Die Maske des Schreckens)

Autor/Zeichner: Tony Daniel (u.a.)

Erschienen: 2012 (Detective Comics #8-12, #0, Annual #1 (The New 52)), Paperback 2013; dt. Panini 2013 (Batman #13-14), Paperback 2014


„The death of your parents is the best thing that could happen to you. It freed you from the constraints of mortality. You are destined to be more than human… You are destined to soar like a god.“ (Shihan Matsuda)

Der zweite Sammelband der neuen Detective Comics ist ein Potpourri an Geschichten und Figuren – leider wird kaum etwas davon im Gedächtnis bleiben.  Das erste Heft erzählt eine Scarecrow-Story, die Catwoman und den bereits im ersten Band eingeführten Sohn von Hugo Strange involviert, aber auf den wenigen Seiten keinen Platz bekommt, einen Spannungsbogen Hier werden bloß bekannte Figuren vorgezeigt, ohne etwas Interessantes mit ihnen anzufangen. Bruce Waynes Verhältnis zu seiner Freundin, die im ersten Band eingeführt wurde, spielt kaum noch eine Rolle.

Die zweite Story bildet das Arkham-Kapitel der Night of the Owls, bevor die drei nächsten Ausgaben einem neuen Schurken gewidmet ist: Mr. Toxic. Nicht nur der Name klingt lachhaft, als käme er aus dem Golden Age, auch das Kostüm des Kerls ist nicht gerade einfallsreich. Ein Kerl in einer Rüstung, natürlich mit Muskeln bepackt, trägt eine an Red Hood erinnernde Haube, die – Achtung! – mit einem Totenkopf und gekreuzten Knochen bemalt ist – ziemlich ätzend … In dieser Story wirft Batman nur so mit irgendwelchen pseudo-physikalischen Fachbegriffen um sich, nur um einer ziemlich trivialen Handlung so etwas wie eine Glaubwürdigkeit zu verleihen. Dabei fängt sie eigentlich ganz interessant an: Mit einer Gruppe als Batman verkleideter Räuber. Nur leider wird bis zum Ende nicht klar, warum sie sich gerade so verkleidet haben …

Detective Comics Annual #1, das von einem Kampf von Black Mask gegen den Mad Hatter handelt, ist ebenfalls nicht der Rede wert. Interessant wird es erst am Ende des Bandes (Detective Comics #0), denn dort bekommt man zwei Kapitel aus Batmans Vorgeschichte zu lesen: Zunächts eine Episode aus Bruce Waynes Ausbildung im Himalaya, dann sehen wir seine Heimkehr. Das ist zwar etwas zusammenhanglos, aber es macht Lust auf das Zero Year, das später in Batman erzählt wird. (Leider ist auch die Himalaya-Episode nicht ganz logisch, aber ich will nicht zu viel vorwegnehmen.) Zum Schluss (im Annual #1) gibt es eine passable Two-Face-Story und eine Hinführung zu der Joker-Storyline Death of the Family – beide überzeugen eher durch die Bilder von Szymon Kudranski als die Handlung.

Während Batman die großen Stories erzählt, wird Detective Comics wohl nur die kleinen und zweitrangigen Beiträge leisten.

>> Batman 2011-2019

Joker: Gothams unheilbare Krankheit

Joker

Titel: Joker

Autor/Zeichner: Brian Azzarello/Lee Bermejo

Erschienen: 2008 (One-shot)


„Death, for him — is the punch line.“ (Two-Face)

Eine unerhörte Begebenheit: Der Joker wird aus Arkham entlassen. Warum, ist egal. „I’m not crazy anymore … just mad“, sagt der Joker. Die deutsche Übersetzung „außer mir“ kommt der Doppelbedeutung des Wortes (wütend, wild) sehr nahe, lässt aber die Tatsache außer acht, dass mad auch ein Synonym für verrückt ist und dass es um eine Verschiebung von Nuancen geht. Wie dem auch sei: Nun will der Joker seinen Macht in Gotham zurückerlangen, die ihm während seiner Abwesenheit entglitten ist. Und so schart er Verbündete wie Killer Croc um sich, rächt er sich an seinen Statthaltern – und zwar sehr blutig -, es kommt schließlich zum Krieg mit Two-Face. Der Titel ist Programm, Batman hat erst am Ende einen Kurzauftritt.

Erzählt wird das alles aus der Perspektives eines unbedeutenden Handlangers, Jonny, der den Joker durch die Gegend fährt und dabei ein doppeltes Spiel spielt. Seinen Gedanken folgen wir als Leser, seine inneren Monologe sind etwas wie ein Versuch über das Unfassbare. Er kommt zu der Erkenntnis, dass der Joker nicht krank, sondern selbst eine Krankheit ist: „He was a disease that somehow, with the help of god or the devil — pick your poison — had convinced his doctors he wasn’t diseased anymore.“ Selbst Two-Face wählt diese Methapher, wenn er sagt, die Stadt könne sich diese Krankheit nicht mehr leisten. Und tatsächlich sehen wir den skrupellosesten, brutalsten Joker aller Zeiten: Er häutet einen Menschen bei lebendigem Leibe, in der Nacht überrascht er ein altes Ehepaar im Bett, das er grundlos niedermetzelt, anschließend legt er sich entspannt zu den Leichen.

Doch zugleich erscheint diese Ausgeburt des Teufels auch plötzlich menschlich. Wie das Cover bereits darstellt, ist auch die Geschichte eine Nahaufnahme des Jokers. Anders als in üblichen Batman-Comics sieht man ihn im Alltag seinen Spaß und seinen Ärger haben, man sieht ihn Pillen nehmen und einmal sogar auf den Knien vor Harley Quinn weinen. Trotzdem kommt man ihm nicht näher, diesem unnahbaren Phänomen, auch Jonny verzweifelt schließlich daran, einem Mann nachzueifern, der alles hasst und für den der Tod selbst die Pointe ist. Er ist, denkt sich der Erzähler am Ende, eine Krankheit, für die es keine Heilung gibt – sondern nur einen Batman.

Das Buch kam im selben Jahr heraus, in dem Christopher Nolan in The Dark Knight Heath Ledger als Joker verewigte. Die einzige Verbindung zu dem Film besteht in dem Glasgow-Smile, also den Wangennarben, die der Joker hier wie da trägt. Ansonsten erzählt Autor Brian Azzarello (100 Bullets) eine völlig andere, sehr eigenwillige Geschichte. Der Zeichner, Lee Bermejo, ein wahrer Künstler in der Tradition von Alex Ross, setzt sie kongenial um: Seine Bilder von einem schmutzigen Gotham sind atmosphärisch dicht augefladen und seine Figuren lebensnah gezeichnet. Altbekannte wie Killer Croc, der Riddler und Pinguin erhalten ein neues Aussehen, besonders Batmans Kostüm ist sehr gelungen (mehr davon sieht man in Noel). Schade ist, dass die Zeichnungen nicht durchgängig im typischen Bermejo-Stil gehalten sind (wie bei Noel), sondern häufig mit einem zu kantigem Tuschestrich verschandelt. Aber das ist nur ein Wermutstropfen bei diesem verstörenden Meisterwerk der Erzählkunst.

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>> Mehr über den Joker

Frank Millers Batman-Klassiker

Titel: The Dark Knight Returns/Batman: Year One (dt. Die Rückkehr des dunklen Ritters/Das erste Jahr)

Autor/Zeichner: Frank Miller/Frank Miller, David Mazzucchelli

Erschienen: 1986/1987 (The Dark Knight Returns #1-4/Batman #404-407)


Wenn es um die maßgeblichsten Batman-Comics geht, werden immer wieder diese beiden genannt: Frank Millers Year One und The Dark Knight Returns. Und das zu recht – obwohl das keineswegs selbstverständlich ist. Zwar handelt es sich gewisserweise um Zwillinge – beide sind vom selben Autor und sind in kurzer Abfolge erschienen und sie erzählen von Batmans Anfang und Ende. Doch ist es seltsam, dass gerade sie das Wesen der Figur auf so essenzielle Weise einfangen, denn  bei allen Gemeinsamkeiten sind sie sehr unterschiedlich.

Batman: Year One

Die Fledermaus bricht durchs Fenster: Year One. (DC Comics)

Zum einen ist da Year One. Häufig wird der Vierteiler als Entstehungsgeschichte bezeichnet. Und tatsächlich sehen wir einen jungen Bruce Wayne, 25 Jahre alt, der nach 13 Jahren in seine Heimatstadt Gotham zurückkehrt, um das Verbrechen zu bekämpfen. Wir erfahren nicht, was in den vergangenen Jahren passiert ist, nur so viel ist klar: Seine Eltern wurden ermordet, daraufhin ist er offenbar in der Welt herumgereist und hat für seinen Rachefeldzug trainiert. Also unternimmt er erste Versuche in der Unterwelt, zunächst noch inkognito ohne Kostüm, doch weil sich niemand vor ihm fürchtet, bekommt er Ärger mit einigen Prostituierten, wird verletzt und gezwungen, seine Strategie zu überdenken. Dann die legendäre Szene, wie sie bereits 1939 erzählt wurde: Eine Fledermaus fliegt zum Fenster rein und bringt ihm die Erkenntnis „I shall become a bat!“ Verkleidet als Batman hat er mehr Erfolg, auch wenn er zunächst mit der Polizei in Schwierigkeiten gerät …

Womit wir beim eigentlichen Thema wären: Denn Millers Story ist eben nur zu einem Teil die Geschichte von Bruce Wayne, zum anderen geht es um den Polizisten James Gordon – und eigentlich ist Year One seine Geschichte. Die Geschichte beginnt und endet mit Gordon, man erfährt mehr über seine Motive als die von Batman. Durch seine Figur betrachten wir den Superhelden von außen, wir bekommen Gelegenheit, ihn mit fremden Augen zu sehen, uns zu wundern, an ihm zu zweifeln und uns schließlich mit ihm anzufreunden.

Zu Beginn kommen Gordon wie Wayne von außerhalb, der eine per Bahn, obwohl er lieber geflogen wäre, der andere per Flugzeug, obwohl er lieber näher am Feind wäre. Gordon muss sich gegen korrupte Kollegen durchsetzen, die ihn gerne mal überfallen, um sich seine Loyalität mit Schlägen zu verdienen. Außerdem erfahren wir, dass er eine schwangere Frau hat (Barbara), aber mit ihr offenbar nicht glücklich ist; er fängt eine Affäre mit einer Kollegin (Sarah Essen) an. In dieser schwierigen Phase kommt ihm ein Vigilant wie Batman gerade recht. Auch wenn Gordon den Maskierten jagt und nach dessen Identität fahndet – dabei rückt er sogar Bruce Wayne auf die Pelle –, schließlich erkennt er Batman als Verbündeten an. Denn beide kämpfen gegen dieselben Feinde.

Batman: Year One

„Ladies, Gentlemen. You have eaten well.“ Batmans Kriegserklärung. (DC Comics)

Durch die parallele Erzählweise und die Engführung beider Charaktere werden Wayne und Gordon als Seelenverwandte dargestellt, als zwei Seiten einer Münze, die dasselbe wollen, aber unterschiedliche Wege gehen. Beide bekommen bei Miller etwas Abgründiges. Beide sind Zweifler und Selbstkritiker, beiden passieren schwere Fehler, beide überschreiten Grenzen des Moralischen. Wayne befindet, dass er nicht verdiene, zu leben. Gordon gesteht sich ein, dass er zwar im Beruf, aber nicht im Privaten seinem Herzen folgt. Beide führen ein Doppelleben.

Interessanterweise werden nebenbei noch zwei weitere Figuren des Universums eingeführt: Der Staatsanwalt Harvey Dent (später Two Face), der aus unerklärten Gründen mit Batman kooperiert (in einer Szene sieht man Dent Batman unterm Schreibtisch verstecken), und Selina Kyle, eine Prostituierte/Domina, die sich als Catwoman verkleidet. Und schließlich, am Ende kommt der Verweis auf den Joker. (Christopher Nolan hat sich in Batman Begins stark an Year One orientiert.)

Die Erzählung lebt von Leerstellen. Die Zeit schreitet schnell voran; nur wenige Tage des ersten Jahres werden ausführlich dargestellt. Dennoch schafft es Miller, genauso viel zu erzählen, wie nötig ist, um in die Figur einzuführen. Mit Year One muss er nämlich zwei Sorten von Lesern bedienen: Einerseits alte Leser, die wissen, worum es geht, andererseits sollten mit dem Reboot neue Leser gewonnen werden.

Bat: The Dark Knight Returns

Die Fledermaus und das Fenster: Panel aus The Dark Knight Returns. (DC Comics)

Anders hingegen kommt The Dark Knight Returns daher: Voraussetzungsreich, ausführlich, dicht. Viele winzige Panels drängen sich auf den Seiten. Im Gegensatz zum klaren, schlichen Stil von David Mazzuchelli, der Year One gezeichnet hat, ist hier Frank Miller selbst mit krakeligem, unruhigem Stift am Werk . Er unterstreicht die verstörende Wirkung der Story. (Unterstützt wird er von dem Tuscher Klaus Janson, der diesen Effekt noch verstärkt.) Es handelt sich um eine nicht-kanonische Was-wäre-wenn-Geschichte, einige Jahre später soll DC dafür das Label „Elseworlds“ finden. The Dark Knight Returns handelt von einem gealterten Bruce Wayne in der Zukunft, der sich vor Jahren zur Ruhe gesetzt hat und nun, auf dem Gipfel des Verbrechens in Gotham, das Batman-Kostüm wieder anzieht.

In vier Teilen kommt es zu vier großen finalen Kämpfen: Gegen einen nach seiner Rehabilitation rückfällig gewordenen Two-Face, gegen den Anführer der Mutanten-Jugendbande, gegen den Joker und schließlich gegen Superman, der als Handlanger der Regierung Batman ausschalten soll. Batman ist ein Hardliner, der skrupellos agiert: Er foltert und gerät sogar mehrfach in Versuchung zum Mord. (In einer Sequenz benutzt er sogar ein Maschinengewehr – was sonst ein Tabu ist – und es bleibt zunächst offen, ob er sein Opfer nur anschießt oder erschießt; später klärt er das auf, indem er sagt, dass er seine einzige Regel bisher nicht gebrochen habe.)

Batman & Joker in The Dark Knight Returns

Tödliches Ende einer Romanze im Liebestunnel: Batman und Joker.

Frank Miller zeichnet seinen Batman klobig, in seinem grauen Anzug erscheint er wie ein Fels, während aus seinen inneren Monologen klar wird, dass er ein ambiger Charakter ist. Wieder erleben wir einen gebrochenen Helden, der an sich zweifelt und sich sein Glück, mit dem er immer wieder durchkommt, nicht gönnt („Lucky old man.“). Wir sehen, dass er getrieben ist von einem Todeswunsch (‚This would be a fine death“), aber am Ende dennoch nicht sterben will, denn das bedeutete ja aufgeben. Und so wird das Drahtseil, auf dem Batman in einer Szene balanciert, zum Sinnbild seiner Situation: Immer an der Grenze zum Tod schwankt er zwischen Gesetz und Verbrechen. Miller zeigt, dass er zum Teil auch selbst für dieses Verbrechen verantwortlich ist: Zum einen, als die Mutanten-Anhänger nachdem ihr Anführer besiegt ist, in Batmans Namen Greueltaten im Namen der Selbstjustiz begehen. Zum anderen, weil der Joker erst nach Batmans Rückkehr wieder aktiv wird und Massenmord begeht. Batman wird als Gegenspieler stets zum Mittäter.

Miller beschreibt das Verhältnis zwischen den Antagonisten nicht nur als eines der gegenseitigen Bedingung, sondern auch der gegenseitigen Anziehung. Homo-erotisch wird es, wenn der Joker, als er Batman wiedersieht, erstmals spricht und dabei „Darling“ sagt. Kurz bevor der Joker bei einer Talkshow alle Gäste im Studio ermordet, spricht sein Psychiater davon, dass Batmans Verhalten aus einer „unterdrückten Sexualität“ rühre. Nicht zufällig findet das große Finale auf dem Rummelplatz im Liebestunnel statt. Als letzte ‚Streicheleinheit‘ kommt es zum Nahkampf. Der Joker dreht sich am Ende selbst seinen Hals um, damit es so aussieht, als hätte Batman ihn getötet. Als Batman die Leiche verbrennt und er sieht, wie noch das Skelett zu grinsen scheint, sagt er: „Stop laughing.“ Der Joker ist es, der zuletzt lacht. Er hat Batman im Selbstmord besiegt und lässt ihn als Mörder dastehen. Aber Batman war selbst kurz davor, den Kampf ein für alle Mal zu beenden. Doch auch dann hätte der Joker triumphiert.

Es geht also zur Sache. Drastisch führt Miller seine Figuren vor, kongenial erzählt er in Bildern und Text, die gleichberechtigt nebeneinander stehen. Überhaupt ist ein großer Anteil der Handlung nicht im Bild zu sehen, sondern wird von anderen, vor allem Nachrichtensprechern, nacherzählt. So bleibt dem Leser das Schlimmste meist erspart. Dem gegenüber stehen eindrucksvolle Splash-Pages und minutiöse Zeitlupen-Sequenzen, in denen das Trauma des Elternmordes so intensiv dargestellt wie selten zuvor. Hinzu kommt, dass sowohl The Dark Knight Returns als auch Year One – anders als damals in Superheldencomics üblich – in gedeckten Farben gehalten sind. Dieser Stil sollte sich in den Heftserien erst Jahre später durchsetzen.

Miller hat mit seinen Zwillingen den Mythos nicht nur auf seine Wurzeln zurückgeführt, sondern ihm auch zu neuen verholfen. Er setzte Maßstäbe, nach denen sich alle weiteren Batman-Stories messen lassen mussten, er legte den Rahmen fest, der noch zu füllen war. Die Nachwirkung kann man bis in die Gegenwart sehen: Christopher Nolan bediente sich bei beiden Vorlagen und selbst in der Batman-Zeichentrickserie setzte man Miller ein Denkmal (Episode „Legends of the Dark Knight“). Leider ging der Autor selbst mit seinem Status nicht pfleglich um: Die Fortsetzung The Dark Knight Strikes Again (2001) ist ein übles Machwerk, das formal wie inhaltlich kaum etwas mit seinem Vorgänger zu tun hat. Und auch All Star Batman & Robin, the Boywonder (2005-2008) kam bei den Lesern nicht gut an. Aber dazu ein anderes mal mehr.

(Anmerkung: In einer früheren Fassung wurde Batman als Mörder des Jokers beschrieben. Das trifft nicht zu. Tatsächlich tötet Batman niemanden in „The Dark Knight Returns“.)

>> Batman 1980-1989


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