Marv Wolfman

Pinguin lässt die Vögel los

DC Comics

Titel: The Penguin Affair, I-III (Pawns/Bird of Ill Omen/Winged Vengeance)

Autor/Zeichnner: Marv Wolfman, Alan Grant/Jim Aparo, Norm Breyfogle

Erschienen: 1990 (Batman #448, Detective Comics #615, Batman #449)


„Alfred Hitchcock, eat your heart out.“ (Pinguin)

Der Pinguin findet am Straßenrand Harold, einen stummen Mann mit Buckel – ein erfinderisches Genie. Drei Monate später hat Harold eine Technologie entwickelt, mit der sich Vögel kontrollieren lassen. Der Pinguin lässt sie auf Raubzüge gehen, Menschen angreifen und ein Flugzeug abstürzen. Sie hacken auf Batman ein und verfolgen ihn sogar in die Bathöhle und Wayne Manor.

Doch da kommt Tim Drake auf die Idee, dass sie von Mikrowellen beeinflusst sind und damit auch abgewehrt werden können. (Auf die Idee, dass der Pinguin das riesigen und auffälligen Aviarium als Hauptquartier nutzen könnte, kommt leider niemand.)

Die Vogel-Angriffe á la Hitchcock dienten nur als Test. Der Pinguin will die Technik nicht selbst nutzen, sondern an den meistbietenden Despoten oder Terroristen versteigern. In der Zwischenzeit entführt er eine verehrte Soap-Schauspielerin und versucht ihre Zuneigung zu erzwingen.

Auch wenn sich die Story über drei Ausgaben erstreckt, wirkt sie nicht sehr ausgereift. Der Pinguin soll zwar ein kriminelles Genie sein, das gerne mit Bruce Wayne übers Internet Schach spielt, aber davon ist hier nichts zu sehen. Vielmehr wirkt er wie ein skrupelloser Massenmörder mit gestörter Selbstwahrnehmung. Nicht einmal die anfänglich beteuerte Solidarität mit dem hässlichen Harold zeigt ihn von seiner menschlichen Seite, denn um Harold schert er sich nur so lange, wie er ihn braucht – danach will er ihn „beseitigen“. (Was aber nicht passiert, denn Harold wird später Batmans Helfer.)

In einer Sequenz sehen wir Batman meditieren. In einer anderen seine Unterhosen über die Hose ziehen. Aber der Rest ist actionreiche Routine ohne Innovation.

>> Liste der Pinguin-Comics

 

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Rebellion der Fantasie

DC Comics

Titel: If Superman Didn’t Exist

Autor/Zeichner: Marv Wolfman/Gil Kane

Erschienen: 1984 (Action Comics #554), Hardcover 2018 (Action Comics: 80 Years of Superman)


Was wäre, wenn es Superman nicht gäbe? Dann müsste ihn halt jemand erfinden, dachte sich Autor Marv Wolfman und dachte sich eine alberne Geschichte dazu aus. Die geht so: Aliens wollen die Erde erobern. Aber es sind seltsame Aliens. Denn trotz ihres Willens zur Macht haben sie keine Lust auf Stress mit den Erdenbewohnern. Also sorgen sie schon in der Urzeit der Menschen dafür, dass ihnen jeglicher Drang zur Gewalt, zur Rebellion und jede Vorstellung von Heldentum abgeht. So entwickelt sich die Menschheit zu einer Bauerngesellschaft von Luschen.

Aber während die Aliens kommen, um die Welt zu unterwerfen, stellen sie fest, dass da immer noch etwas ist, das sie davon abhält: zwei Jungs, die sich einen Superman ausgedacht haben. Zufällig heißen sie Jerry und Joe (wie Siegel und Shuster). Und allein die Fantasie von zwei Kindern kann die Welt retten. Denn schließlich wird aus der Fantasie Realität … Denn Superman war natürlich immer schon da etc.

Es ist eine furchtbar naive, pathetische und kindische Geschichte, die uns hier aufgetischt wird. Es geht bloß darum, Supermans Status als Ikone zu zementieren und ihn zu überhöhen. Solche Storys haben dazu beigetragen, dass viele den Superhelden so langweilig finden.

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Sturz ohne Netz

Titel: Year 3

Autor/Zeichner: Marv Wolfman/Pat Broderick

Erschienen: 1989 (Batman #436-439)


„I don’t need any partners. Not ever again.“ (Batman)

Nach dem Erfolg von Year One gab es nicht nur ein Year Two, sondern auch ein Year Three. Das ist weniger bekannt, weil es bisher nie in einem Paperback nachgedruckt wurde. Aber die Geschichte, die hier erzählt wird, ist von einiger Relevanz, denn es geht um die Vorgeschichte des ersten Robin, Dick Grayson.

Anlass zur Rückblende gibt die Gegenwart, in der die Vergangenheit wieder hochkommt und alte Wunden aufreißt. Im Klartext: Tony Zucco, Mörder der Graysons, soll aus dem Knast rauskommen, frühzeitig, auf Bewährung. Gleichzeitig machen Unbekannte Jagd auf die Bosse von Gothams Unterwelt. Batman, der immer noch um Jason Todd trauert, versucht herauszufinden, wer dahintersteckt – dabei zieht er eine Spur der Gewalt hinter sich her. Erst schlagen, dann fragen, heißt das Motto. Nightwing geht einen sanfteren Weg – und schwelgt in Erinnerungen.

Die bekannte Vorgeschichte wird erweitert: Zucco ist nicht nur ein Schutzgelderpresser, der den Zirkus mit dem Mord an den Graysons abstrafen will, sondern auch ein tragischer Fall: Ein ehemaliges Waisenkind, dessen Eltern von Schutzgelderpressern ermordet wurden. Um sie zu rächen, wurde er eben selbst einer … Und er wird sogar zum größten Erpresser der Stadt, denn er hat ein Buch, in dem er alle Schandtaten von Gothams Gangstern festgehalten hat. Zucco hat große Pläne, die Stadt zu beherrschen, alle fürchten sich vor ihm. Dann wird er selbst zur Zielscheibe.

Wie Dick zu Robin wird, mutet seltsam an: Kaum hat Bruce das Sorgerecht für ihn erwirkt, weiht er ihn auch schon in sein Geheimnis ein und macht ihn zu Robin. Alfred hat starke Bedenken: „Wearing that costume … risking your life every night — that is irrational. And now this. It is wrong, Sir.“ Aber Bruce, der zugibt, einsam zu sein, tut das ab mit der Begründung: „Perhaps I need a reminder what I’m fighting for.“

Man muss es sich vor Augen halten: Bruce übernimmt die Verantwortung für ein Kind, das gerade erst seine Eltern verloren hat. (Nur, weil er zufällig bei der Vorstellung war und sich an sein Trauma erinnert fühlte.) Und dann setzt er den Jungen der Gefahr aus, gegen Gewaltverbrecher zu kämpfen. Er trainiert ihn dazu, er indokriniert ihn, er zieht ihn in seine persönliche Vendetta hinein. Weil er einsam ist. Als Erinnerung. Aber im Grunde setzt er damit nur die Fahrlässigkeit von Dicks Eltern fort. Denn alles begann nicht damit, dass ihre Seile durchgeschnitten waren, sondern dass sie ihre Kunststücke ohne Netz gemacht haben. Allein das war unverantwortlich ihrem Sohn gegenüber.

Wenn man darüber hinwegsieht, dass das Konzept von Robin ein Skandal ist, ist Year 3 eine solide Story, die ihren Spannungsbogen durch die Rahmenhandlung in der Gegenwart erhält. Die Motivationen der Figuren werden gut ausgearbeitet, was man aber nicht von ihrer Mimik behaupten kann – die Zeichnungen werten den Vierteiler sehr herab. Batmans Verhalten wirkt irrational und schwer nachvollziehbar. Und letztlich auch tragisch: Denn obwoh Robin ein Fehler ist, begeht er ihn immer wieder. Danach mit Jason Todd. Und kaum ist Jason gestorben, folgt Tim Drake sogleich …

(Die Geschichte von Dick Grayson wird in Dark Victory neu erzählt.)

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Der falsche Joker

Titel: Wildcard/Judgements

Autor/Zeichner: Marv Wolfman/Jim Aparo

Erschienen: 1990 (Batman #450-451)


„There’s a certain freedom in letting insanity rule.“

Dass der Joker seinen Humor verliert, das kommt nicht erst im War of Jokes and Riddles vor: Schon nach dem Vorfall mit Jason Todd ist der Joker nicht mehr derselbe. Schmerzgeplagt und verwirrt kauert er in seinem Versteck und muss im Fernsehen mitansehen, wie ein Betrüger seine Rolle übernimmt. Doch der falsche Joker erzählt bloß miese Witze und will sich nur bereichern. Das kann das Original nicht auf sich beruhen lassen.

Joker, deprimiert und mit roter Haube

Und dann sind da noch Batman und James Gordon. Der Fall öffnet bei ihnen wieder frische Wunden: Batman hat Jason Todd (Robin II) an den Joker verloren (vgl. A Death in the Family), Gordons Tochter Barbara wurde von ihm verkrüppelt und gedemütigt (siehe The Killing Joke). Batman fragt sich, ob er sich das nächste Mal wird zurückhalten können und warum er seinen Widersacher nicht einfach erschießt. Gordon ist da ganz ähnlich.

Der Joker-Nachahmer hat große Ambitionen, er will Erfolg haben, wo der Joker gescheitert ist. Aber seine Motivation erschließt sich nicht wirklich. Er ist ein unsympathischer Typ, den man bloß schnell loswerden will, um den Status quo wieder zu haben. Umso sympathischer wirkt der echte Joker, der von einer sehr menschlichen Seite gezeigt wird: voller Selbstzweifel, in einer Identitätskrise steckend, manchmal überraschend, wenn er etwa für eine Zeitung bezahlt. Am Ende ist man froh, dass er wieder da ist – zurück in Arkham, wo sein ganz normaler Wahnsinn wiederhergestellt wird.

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Die Mutter aller Krisen

DC Comics

DC Comics

Titel: Crisis on Infinite Earths

Autor/Zeichner: Marv Wolfman/George Pérez

Erschienen: 1985 (Mini-Serie #1-12), dt. Dino 1999 (JLA Sonderband #12-13)


„Worlds lived, worlds died. Nothing will ever be the same.“

Einmal alle Helden in einer Geschichte. Das war Marv Wolfmans Kindheitstraum. 1985 bekam er von DC endlich die Gelegenheit dazu: mit Crisis on Infinite Earths. Und dabei hat er auch gleich die Funktion eines Hausmeisters übernommen und einmal das Multiversum entrümpelt von zu vielen Parallelwelten, Helden und auch Continuity-Problemen. Mit der neuen Ordnung sollten die Comics wieder zugänglicher für neue Leser sein. Nach diesem Hausputz begann DC von vorn, Superman und Batman bekamen neue Origins, und die Krise wurde zum Muster für viele weitere Crossover/Events, die darauf folgten und immer wieder aufs Neue das Universum erschütterten, bis nach Jahren wieder mal keiner durchblickte. Alles ist auf Zyklen ausgelegt.

Worum geht es in Crisis? Es gibt zwei Ober-Gurus: Der böse Anti-Monitor aus dem Antimaterie-Universum vernichtet ein Materie-Universum nach dem anderen. Warum? Weil er böse ist und Macht will – das Übliche eben. Der andere Oberguru, der Monitor, versucht seinen bösen Bruder davon abzuhalten und schickt eine hübsche Helferin aus, die ein paar Helden und Schurken versammeln soll, um wenigstens ein paar Welten zu retten. Helden vereinigen sich, Welten überlappen sich, man kämpft gegen Schattendämonen, man kämpft gegen den Anti-Monitor, man kämpft gegen Superschurken, viele Helden und Schurken sterben und auch viele Welten. Die fünf verbliebenen Welten fusionieren zu einer. Ende. Und der Anfang von etwas Neuem.

Im Wesentlichen war’s das. Aber das alles ist auf 350 Seiten so breitgetreten und zäh, dass es abwechselnd furchtbar ermüdet, nervt und langweilt. Eine halbe Ewigkeit braucht es, bis die Handlung richtig in Gang kommt. Zu Beginn sehen wir immer dasselbe: Welten, die von Antimaterie-Wolken vernichtet werden und eine Heulsuse mit lila Haaren, die sich selbst bemitleidet. Später sehen wir unzählige Kämpfe unzähliger Figuren, die alle austauschbar sind. Man hat das Gefühl, in jedem zweiten Panel tummeln sich neue Figuren, die alle mal was sagen müssen, ohne wirklich zur Geschichte beizutragen. Hauptsache scheint zu sein, dass sie da sind. Der größte Makel ist, dass die Story zu viel will und zu wenig bietet: viel Lärm um nichts.

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Warum Batman einen Robin braucht

Batman: A Lonely Place of Dying

Titel: A Lonely Place of Dying

Autor/Zeichner: Marv Wolfman, George Pérez/Jim Aparo

Erschienen: 1989 (Batman #440-442, The New Titans #60-61) Paperback 1990


 „Batman and Robin. Maybe they have to be a team. Though sometimes I think I may have created a Frankenstein.“ (Bruce Wayne)

Nach dem Tod von Robin II (Jason Todd) ist Batman nachlässig geworden: er bringt sich selbst unnötig in Gefahr, verletzt sich zunehmend und ist auch sonst eine traurige Erscheinung. Da kommt ein unbekannter 13-Jähriger daher, Tim Drake, der Batman und Robin beobachtet hat, ihr Geheimnis kennt und nun darauf aus ist, den ersten Robin (Dick Grayson), der nunmehr als Nightwing unterwegs ist, dazu zu bringen, wieder Robin zu werden. In der Zwischenzeit versuchen Batman und Two-Face, einander dranzukriegen, indem sie sich gegenseitig Fallen stellen.

Dieser Teil der Story wirkt bemüht konstruiert: Die Doppelstruktur der Erzählung wird in parallel angeordneten Panelreihen enggeführt. Zudem wird Two-Faces Zweier-Manie überstrapaziert – bis hin zu der aufs Auge gedrückten Botschaft, dass auch Batman eine Art Sekundanten braucht. Der Robin-Nightwing-Teil nimmt unnötigerweise einen Umweg über die (lahmen) Titans, wir sehen Dick Grayson dabei zu, wie er einen Mord in seinem ehemaligen Zirkus aufklärt und die Institution vor der Pleite rettet. Und dann gibt es da noch den jungen Tim Drake, der einen wieder daran erinnert, warum er später so nervt. Er ist ein kleiner Klugscheißer, der altkluge, pathetische Reden schwingt und sich in Dinge einmischt, die ihn nichts angehen. Drake ist nicht nur der Robin-Nachfolger, er ist auch derjenige, der erklärt, warum Batman einen Robin braucht – wodurch er sich selbst Legitimation verleiht: „He needs Robin. He needs him to remember what he used to be. Before his parents died.“

Aber eigentlich ist die Begründung egal. Ob man ihn mag oder nicht: Batman braucht einen Robin. Warum? Weil das 1940 so beschlossen wurde und er seitdem (für viele Fans) nicht mehr aus dem Kanon wegzudenken ist. „Das war schon immer so“, ist keine plausible Erklärung, aber eine, die man hinnehmen muss. Dennoch wirkt es plump, wie penetrant sich dieser Tim Drake geradezu in diese Rolle drängt. Und natürlich knickt Batman ein. Bei Robin wird er stets schwach. Ja, vielleicht ist das die wahre Funktion von Robin: Der Sidekick steht für Batmans Schwäche, für all die Fälle, in denen er es alleine nicht bringt.

Vielleicht aber auch ist etwas an dem Satz dran, den Two-Face sagt: „… there are priorities. There are procedures! Without procedure there is anarchy, systems fall apart.“

Hinweis: A Lonely Place of Dying ist in der Neuauflage der Vorgänger-Story, A Death in the Family, von 2011 enthalten. Das ist nicht nur von Vorteil, weil das Paperback der erstgenannten vergriffen und meist teuer zu haben ist, sondern auch weil das Papier eine miese Qualität hat und dadurch auch das Druckbild kein Vergnügen macht.

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