Alles nur für Lois Lane

Batman versus Superman, Teil 3: World’s Finest Comics #71 (1954)

DC Comics

DC Comics

Titel: Batman – Double for Superman! (dt. Batman – Das Double für Superman!)

Autor/Zeichner: Alvin Schwartz/Curt Swan

Erschienen: 1954 (World’s Finest Comics #71), Hardcover: World’s Finest Comics Archives Vol. 1 (1999), dt. Panini 2002 (World’s Finest Comics Archiv Bd. 1)


 

Das Jahr 1954 ist ein Wendejahr für Superhelden wie für Comics überhaupt. In diesem Jahr erschien Seduction of the Innocent, ein Buch des Psychiaters Fredric Werthams, das Comics dafür verantwortlich machte, die Jugend zu verderben. Auf die Kritik reagierten die Verlage mit dem Comics Code, einem selbstauferlegten Regelwerk, das die Comics harmlos und damit auch langweiliger machte. Trotzdem haben die Storys des Silver Age ihren besonderen Reiz – den Charme des Absurden.

Das Cover von World’s Finest Comics #71 trägt das Comics Code-Label noch nicht (das kam erst 1955, in Ausgabe #75). Stattdessen wirbt es mit Batman und Superman, den beliebtesten Helden von DC. Das ist nichts ungewöhnliches. Allerdings hatten sie bisher nur ein mal ein gemeinsames Abenteuer, und das war vor zwei Jahren. Ab dieser Ausgabe wurde das Super-Team zum Regelfall – bis 1986. Das Neue an diesem Cover ist jedoch, dass Batman und Superman nicht einfach nur die Leser freundlich anlächeln, sondern dass Batman eine Kugel für Superman abfängt. Was ist da los? Batman ist doch nur ein Mensch – oder etwa nicht?

Superman beim Umziehen erwischt

Die beiden Helden tauschen in diesem Abenteuer die Rollen. Doch nicht etwa, um einen Fall zu lösen, sondern wie schon zuvor geht es um eine Frau: um Lois Lane. Am Anfang bergen zwei Schurken Kryptonit aus dem Meer – mit einem gestohlenen Helikopter. Batman und Robin sind sich nicht zu schade dafür, so eine Lappalie zu ahnden. Doch bei der Verfolgungsjagd wird das Batplane zerstört und das Dynamische Duo läuft Gefahr, über der Stadt abzustürzen. Klarer Fall für Superman. Doch der hat es nicht eilig: Während die Kollegen fallen, muss der Blaue sich erst mal umziehen. Es muss wohl keine Telefonzelle in der Nähe gewesen sein, denn stattdessen stellt sich Clark Kent in irgendeinen Flur und wird beim Umziehen von Lois erwischt. Doch keine Zeit für Erklärungen, Superman wollte doch Batman und Robin retten – aber die haben sich schon selbst geholfen, indem sie auf einer Markise langen. Die besten Probleme sind die, die sich selbst lösen. Immerhin kommt er noch rechtzeitig, um das Batplane abzufangen.

Doch die Superhelden haben mal wieder wichtigeres zu tun, als Vebrechen zu bekämpfen. Die eigentliche Geschichte dreht sich nicht um das Kryptonit, sondern darum, Supermans Fehler mit Lois wiedergutzumachen. Batman und Superman tauschen die Kostüme, um Lois zu verwirren, mit dem Effekt, dass sie nun Bruce Wayne für Superman hält. Dabei scheuen sie keine Mühe: sie hetzen abgerichtete Löwen durch den Park, die Bruce Wayne mühelos überwältigen kann, sie manipulieren eine Schere, damit sie bricht, wenn Lois versucht, Bruce eine Strähne abzuschneiden, sie inszenieren einen Umzug mit einem fliegenden Laster und rekonstruieren dazu alle Möbel aus Pappe, um Bruce Wayne als Superman stark erscheinen zu lassen. Der hanbüchene Aufwand hat Erfolg, der Plan geht auf.

Lois ist nicht die Hellste

Der Höhepunkt an Absurdität ist aber diese Szene: Als Lois einmal Batman bewusstlos neben dem Kryptonit liegen sieht und unter der Maske von Batman Clark erkennt, kommt sie zu dem einzig möglichen Schluss: „Er muss sich für eine Story als Batman verkleidet haben und wurde verletzt.“ Wie gut, dass die Frau nicht besonders helle ist. So kann alles weitergehen wie immer und die beiden Helden sind ein eingespieltes Team. Allerdings muss man sich fragen: Wäre es nicht leichter gewesen, Lois von der Geheimidentität wissen zu lassen? Hätte man ihr nicht einfach zureden können, damit sie die Story nicht gleich in alle Welt hinausposaunt? Ja, aber dann gäbe es nicht diese Geschichte. Und das Potenzial für weitere Geschichten. Und überhaupt: Wie kann Superman sich bei der Wahl seiner Umkleide nur so blöd anstellen? Aber um dieses intellektuelle Defizit auszugleichen, ist ja Batman da …

Fortsetzung folgt.

Bisher erschienen:

Das beste Team auf Erden

Batman versus Superman, Teil 2: Das erste gemeinsame Abenteuer (1952)

Superman #76 (1952)

Superman #76 (1952) (DC Comics)

Titel: The Mightiest Team on Earth (dt. Das mächtigste Team der Welt)

Autor/Zeichner: Edmond Hamilton/Curt Swan

Erschienen: 1952 (Superman #76), Hardcover: World’s Finest Comics Archives Vol. 1 (1999), dt. Panini 2002 (World’s Finest Comics Archiv Bd. 1)


Flammen züngeln an einer Hausfassade empor. Lois Lane, die Jungfer in Nöten, steht auf dem Dach und schreckt vor dem Feuer zurück. Sie steht zwischen zwei Männern, die auf sie zufliegen: „Lois is in danger! This is a job for Superman!“ Doch der andere widerspricht: „No, this is a job for Batman!“ Worum geht es hier eigentlich? Die Szene auf dem Cover von Superman #76 wirkt so, als ginge es nicht um das Wohl der Dame, sondern um das Ego der beiden Helden. Kurz gesagt: Wer kriegt die Braut?

 

Es ist nicht die erste Begegnung von Superman und Batman auf einem Cover. Das erste Mal erschienen Batman und Superman zusammen auf dem Titelbild von New York World’s Fair Comics #1 (1939). Zwei Jahre darauf wurde die Serie World’s Best Comics gestartet, die ab Ausgabe #2 World’s Finest Comics hieß. Doch obwohl immer wieder Batman und Superman auf dem Cover zu sehen waren (man spielte sogar zusammen Baseball mit Robin und Hitler), kam man bei DC erst 1952 auf den Trichter, beide Helden ein gemeinsames Abenteuer erleben zu lassen. Das geschah zunächst in Superman #76. In World’s Finest, der traditionellen Batman-Superman-Serie kam es erst 1954 zu einem ersten Team-Up (#71). Doch im Gegensatz zu den Titelbildern waren die ersten Treffen in den Comics alles andere als harmonisch.

Konkurrenten und Partner

In ihrem ersten Abenteuer werden sie „The World’s Mightiest Team“ genannt. Auf der ersten Splash-Page, die die Funktion einer Einführung erfüllt und wie das Cover nichts mit der Story zu tun hat, treten die Helden zunächst nicht als Konkurrenten, sondern als Gemeinschaft auf: Während Superman gerade einen Zug aufhält, schwingt sich Batman (aus dem Nichts) in Richtung Lois Lane, um sie von den Gleisen zu holen. Beide Aspekte – der Konkurrenzgedanke wie der Teamgeist – spielen in der folgenden Erzählung eine große Rolle.

Es menschelt sehr in diesem Abenteuer. Batman und Superman machen Urlaub bei einer Kreuzfahrt. Der eine hat gerade einen Verbrecher zur Strecke gebracht, der andere ein Dinosaurierskelett aus der Wüste Gobi ausgegraben, zusammengesetzt und in ein Museum gebracht – da tut Erholung bitter Not. Wie der Zufall es will, müssen sich Clark Kent und Bruce Wayne eine Kabine teilen. Beide befürchten, der andere könnte die Geheimidentität herauskriegen. Als ein Brand im Hafen ausbricht, kommt es, wie es kommen muss: Die Helden sind gezwungen, ihren Urlaub zu beenden. Doch was tun, um sich nicht die Blöße zu geben? Man schaltet das Licht aus, weil man vorgibt, sich schlafen zu legen, aber in Wahrheit nur ein Alibi braucht, um sich umzuziehen. Und als von draußen Licht einfällt, stehen sich Batman und Superman erstmals in ihren Kostümen gegenüber. Keine Zeit zu staunen, keine Zeit für Fragen: man macht sich an die Arbeit, löscht das Feuer, rettet Lois Lane. Später sucht man den Übeltäter – einen Diamantendieb – auf dem Schiff.

Wen mag Lois lieber?

Aber darum geht es nur am Rande: Denn im Mittelpunkt steht die Dreiecksbeziehung zwischen den Helden und Lois. Die beiden Männer beschließen, eine Eifersuchtsgeschichte zu inszenieren, um Lois vom Herumschnüffeln abzuhalten und sich so selbst um den Fall kümmern zu können. Doch Lois hört das Komplott mit und macht Superman wirklich eifersüchtig, indem sie vorgibt, Batman anzuhimmeln. Was folgt, ist reines Balzverhalten: Die beiden belustigen die Schiffsgsellschaft mit Kunststückchen wie Akrobatik und Jonglage mit Eisbergen. Das Hauptproblem bleibt aber, Lois nicht hinter ihre Geheimidentitäten kommen zu lassen. Gerade da, in ihrer Gemeinsamkeit, funktionieren Batman und Superman am besten. Schnell einigen sich die beiden darauf, einander nicht zu verraten. Dennoch sind sie am Ende begierig darauf zu wissen, auf wen Lois denn nun wirklich mehr steht. Das Ende dürfte alle überraschen … Batman versus Superman, Runde eins, endet unentschieden.

Fortsetzung folgt.

Bisher erschienen:

>> Batman versus Superman, Teil 1: Einführung

Größte Gegner, beste Freunde

Batman versus Superman, Teil 1: Einführung

Nur noch drei Monate dauert es bis zum Kinostart von Batman v Superman. Es wird wohl die Sensation des Jahres: kein Film wird gieriger erwartet (außer vielleicht Captain America: Civil War). Aber hat sich einmal einer die Frage gestellt, was diese Konstellation soll? Batman gegen Superman? Dass die beiden Antipoden sind und unterschiedlicher Meinung sein müssen, ist klar. Aber im Wesentlichen müssten sie sich darin einig sein, Menschen zu helfen. Worin besteht aber auch der Kampf, wenn ein unverwundbarer Übermensch mit Laserblick gegen einen einfachen Menschen im Fledermauskostüm antritt? Es kann kein Kampf sein, bei dem sich die Frage stellt, wer gewinnt. Insofern ist es zwar ein Spaß für Fans, dass man bei dem Konsolenspiel Injustice beide gegeneinander antreten lassen kann wie ebenbürtige Gegner, aber Sinn ergibt dieser Kampf nicht. Und trotzdem: er birgt Sensationspotenzial. Und in den Comics ist er ein altes Motiv.

Von Anfang an waren Superman und Batman Antipoden: Batman war die direkte und düstere Antwort auf den Strahlemann in Primärfarben. Der kostümierte Vigilant gegen das allmächtige Alien. Es dauerte lange, bis die beiden in einer Geschichte aufeinandertrafen, von Anfang an waren sie Konkurrenten, aber es wurde danach schnell klar, dass sie sich als Team perfekt ergänzten wie Muskelkraft und Hirnmasse. Beide sind Brüder im Geiste, beide haben das gleiche Ziel: das Verbrechen zu bekämpfen, Menschen zu schützen und so die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Nur die Ansichten und Methoden sind anders. Superman, der Gutmensch, der moralisierende Oberpfadfinder, will  es allen recht machen, aber Batman, dem einsamen Rächer, ist seine Reputation egal. Er operiert im verborgenen, benutzt Tricks und schreckt vor Einschüchterung, Folter und Körperverletzung nicht zurück, um zu bekommen, was er will. Damit sind die beiden Prototypen der Superhelden: Einerseits der Übermensch, der ein Vorbild in Sachen Menschlichkeit ist. Andererseits der Mensch, der im Kostüm über sich selbst hinauswächst.

Wie schon einst bei Gilgamesch

Die Konstellation zwischen Freundschaft und Feindschaft ist uralt. Schon Gilgamesch, der erste literarische (Super-)Held, kämpft gegen den wilden Menschen Enkidu, nur um im Kampf einzusehen, dass ihm sein Gegner ebenbürtig ist. Es ist der Beginn einer Freundschaft, die nur der Tod entzweien kann. Es geht also auch bei Batman und Superman um nichts anderes als ein Kräftemessen, einen Schaukampf, bei dem die Gegner erkennen, dass sie sich verbünden müssen, um noch stärker zu sein. Davon wird auch der Film Batman v Superman handeln. Aus dem Konflikt geht die Allianz gegen einen gemeinsamen Feind hervor, aus der mit Wonder Woman und Co. später die Justice League wird.

Doch die Vorstellung eines Kampfes blieb auch aus einem anderen, vielleicht noch wichtigerem Grund eine reizvolle Fantasie, die immer wieder durchgespielt wurde. Damit die eigentlich unfaire Prügelei überhaupt zustande kommen kann, muss man die Gegner aneinander angleichen. Entweder man macht Batman stärker (mit einem Kampfanzug oder irgendwelchen anders herbeigedichteten Superkräften) oder man schwächt Superman (zum Beispiel mit Kryptonit oder rotem Licht). Am besten letzteres. Denn so oder so: Es läuft darauf hinaus, dass der Mensch den Übermenschen vermöbelt und – sei es auch nur für eine Weile – die Oberhand behält. Darin steckt das menschliche Bedürfnis nach der Überlegenheit des Schwächeren: Zur Abwechslung zeigt es der benachteiligte Außenseiter mal dem erfolgreichen und beliebten Überflieger, dem Glückskind und scheinbar perfekten Typen, auf den die Mädchen stehen. Das Recht des Stärkeren, das darwinistische Evolutionsprinzip, wird aufgehoben. Wir wollen Superman fallen sehen, wir wollen, dass er liegen bleibt, damit wir die Genugtuung der Schadenfreude auskosten können – oder einfach nur einen Gott als Menschen sehen. Und letzteres erinnert uns an nichts anderes als die Heilsgeschichte Christi.

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Doch reine Gewalt genügt nicht. Damit ein Konflikt entsteht, muss auch einer der beiden Helden korrumpiert werden. Einer wird böse oder zumindest dafür gehalten und der andere muss ihn dann in die Schranken weisen. Meistens ist es Batman, der als unbeugsamer Idealist das Korrektiv gegen Superman spielt. Wie etwa eindrücklich bei Frank Millers The Dark Knight Returns (1986): Superman ist hier der Handlanger der US-amerikanischen Regierung, der Batman ausschalten soll. Batman rüstet sich gut und nutzt alle Tricks, um Superman zu schlagen – und tut es auch fast, doch dann kommt sein menschlicher Makel, das Alter, die Schwäche und der Tod, dazwischen. (Jedenfalls scheinbar.) Seit Gilgamesch gibt es nur diese zwei Möglichkeiten, wie so eine Schlacht der Titanen ausgehen kann: entweder mit Versöhnung und Verbrüderung oder dem Tod. Und weil Superhelden nie wirklich sterben können, stehen Batman und Superman für eine dritte Option: den ewigen Kampf. Worum? Um die Rettung der Menschheit. Und damit letztlich auch um unsere Gunst.


 

In den kommenden Wochen bis zum Kinostart von Batman v Superman werde ich einige Begegnungen zwischen dem Dunklen Ritter und dem Mann aus Stahl in Comic und Film in einer eigenen Reihe besprechen. Ein paar habe ich bereits an dieser Stelle erwähnt, deshalb werde ich nicht mehr näher darauf eingehen:

Fortsetzung folgt.

Kingdom Come: Offenbarung der Superhelden

DC Comics

DC Comics

Titel: Kingdom Come

Autor/Zeichner: Mark Waid/Alex Ross

Erschienen: 1996 (Mini-Serie #1-4, Paperback 1996), dt. Carlsen 1997, Panini 2013


„… perhaps humanity’s only chance is for superhumans to swallow each other …“ (Batman)

Superman hat aufgegeben. Andere Helden sind seinem Beispiel gefolgt. Batman lässt nur noch Roboter über sein Gotham wachen – und macht es dadurch zu einem Polizeistaat. In der Zukunft haben andere Metamenschen das Erbe übernommen – aber sie wissen es nicht zu schätzen. Statt den normalen Menschen zu helfen, werden ihre Kämpfe untereinander zur Bedrohung. Schließlich eskaliert ein Konflikt in der atomaren Verwüstung von Kansas. Das bringt den gealterten Einsiedler Superman dazu, seine Festung der Einsamkeit zu verlassen, die Justice League wieder zusammenzubringen und wieder für Ordnung zu sorgen. Sein Ultimatum: Entweder die Metawesen schließen sich ihm an oder sie werden bestraft.

Schließlich baut er ein riesiges Gefängnis für alle Querulanten. Doch dadurch wird alles noch schlimmer: Intrigen, Grabenkämpfe, Tote. Es kommt zur ultimativen Schlacht, bei der sich am Ende die Frage stellt, ob es besser wäre, dass die Helden oder die Menschen draufgehen. Superman ist verzweifelt, er weiß nicht, was er tun soll.

Kingdom Come zeigt das Superheldentum in der Krise. Die Helden sind bloß noch selbstverliebte Götter, die den Bezug zur Menschlichkeit verloren haben. Doch selbst Supermans Versuch, die Fehler wiedergutzumachen, scheitert. Es geht um die Grundfrage, ob es legitim ist, für die gute Sache zu töten – und mit seinen Idealen zu brechen. Denn am Ende geht es nicht ohne Opfer.

In diesem unlösbaren Dilemma streben böse Mächte auf, die die Menschheit wieder triumphieren sehen wollen, allen voran Lex Luthor. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive des Pfarrers Norman McCay, der vom Spectre das Geschehen offenbart bekommt. Sie sind die unbeteiligten Beobachter der nahenden Apokalypse, die sie aber auch nicht kaltlassen kann. In gewisser Weise ist Kingdom Come für Superman das, was The Dark Knight Returns für Batman ist: die Demontage eines Mythos.

Bei allen Zweifeln ist Kingdom Come aber auch zugleich eine Feier der Superhelden. Ein Blick auf die Seiten von Alex Ross reicht, um ein Gefühl von Erhabenheit zu bekommen. Erst durch seine prächtigen Gemälde bekommt die Story eine epische Würde. Die Helden strotzen vor Kraft und Anmut, die Menschen wirken so menschlich, wie man sie nur darstellen kann. Alex Ross hat ein Gespür für lebensnahe Darstellung und romantische Überhöhung. Beides kombiniert er zu einer Bilderzählung von biblischen Dimensionen. Seine überbordenden Schlachten unzähliger Helden zeigen, dass sie bloß beeindruckend aussehen sollen. Die wahren Konflikte aber werden woanders ausgetragen: im Zwischenmenschlichen oder im Kampf mit sich selbst.

Mark Waid hat ein Werk geschaffen, in dem zwar viele Figuren vorkommen, aber in dem nur wenige eine Rolle spielen. Dadurch wirkt sie bei allen Schlachten nie unpersönlich. Der Rest ist schmückendes Beiwerk, aber zu schön, als dass es entbehrlich wäre. In diesem Konzept spiegelt sich das Prinzip von Superhelden überhaupt: knallbunte Action von Überwesen als Fassade für menschliche Dramen und Reflexionen über die Conditio humana. Weil Kingdom Come genau das perfekt auf den Punkt bringt, ist es eine der besten Superman-Storys und wohl die größte Elseworlds-Story überhaupt.

>> Liste der Batman-Elseworlds-Comics

Big Brother Superman

DC Comics

DC Comics

Titel: Superman: Red Son (dt. Genosse Superman)

Autor/Zeichner: Mark Millar/Dave Johnson, Kilian Plunkett

Erschienen: 2003 (Mini-Serie #1-3), dt. Panini 2014


„I offered them utopia, but they fought for the right to live in hell.“ (Superman)

Was wäre wenn Supermans Rakete in der Sowjetunion gelandet wäre? Dann stünde er nicht für jedenfalls nicht mehr für den American Way. Autor Mark Millar hat die wohl kühnste Vision von Superman geschaffen: der ur-amerikanischte Held (neben Captain America) als Kommunist. Der Blaue als Roter. Eine Provokation. Aber nicht bloß eine weitere Dystopie, die irgendwann hätte geschrieben werden müssen, sondern auch eine Story, die wunderbar funktioniert.

Millar hat nicht nur eine Elseworlds-Geschichte geschrieben, sondern auch eine alternative Geschichte. Superman dient zunächst Josef Stalin und übernimmt nach dessen Tod die Führung der Sowjetunion. Obwohl der Bauernsohn sich zunächst gegen Politik sträubt, wird er zum totalitären Despoten. Die Welt wird nach und nach kommunistisch, die USA sind gegen Superman machtlos, bleiben isoliert, spalten sich, leiden unter Armut und Bürgerkrieg. 1963 wird Präsident Richard Nixon erschossen, John F. Kennedy wird sein Nachfolger und treibt das Land weiter in den Ruin, weil er sich mehr für seine Liebschaft zu Norma Jean interessiert.

Der einzige, der den Durchblick hat, ist Lex Luthor. Der geniale Wissenschaftler, der gleichzeitig mehrere Schachturniere spielt und Urdu lernt, um sein Gehirn bei Laune zu halten, hasst Superman auch in dieser alternativen Welt und arbeitet sich jahrzehntelang daran ab, den Diktator auszuschalten – aber gegen die Übermacht ist er erfolglos. Schließlich verbündet er sich mit Wonder Woman und Green Lantern. Parallel regt sich Widerstand in Russland: Batman bekämpft das System als Guerilla mit Pelzmütze und tritt schließlich auch direkt gegen Superman an.

Batman mit Pelzmütze vermöbelt Superman. (DC Comics)

Batman mit Pelzmütze vermöbelt Superman. (DC Comics)

Big Brother Superman ist alles andere als böse. Auch wenn er für eine andere Ideologie eintritt, bleibt er doch seinen Idealen treu, eine bessere Welt zu schaffen. Allerdings mit zweifelhaften Mitteln, wie etwa totaler Überwachung und der Verwandlung von Aufsässigen in gehorsame Halbroboter. Der Wohlstand der Welt scheint ihm recht zu geben, aber mit den Jahren zweifelt er immer mehr daran, ob seine Herrschaft moralisch tragbar ist. Dieser Konflikt gibt ihm die nötige Komplexität und hält das Interesse an der Figur bis zum Schluss aufrecht.

Red Son ist ein Comic, das alles aufbietet, was man sich wünschen kann: Starke Charaktere, viel Fantasie und Zitate der Superman-Mythologie. Obwohl die Zeichner gängige Motive der Superman-Ikonografie bedienen (z. B. die üblichen Cover von Action Comics #1 und Superman #1), werden die Zeichnungen dem hohen Niveau der Story leider nicht ganz gerecht.

Dafür ist das Ende der Story so grandios, dass man diesem runden Meisterwerk nur applaudieren kann.

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Idylle mit Landei

DC Comics

DC Comics

Titel: Superman For All Seasons (dt. Superman für alle Zeiten)

Autor/Zeichner: Jeph Loeb/Tim Sale

Erschienen: 1998 (Mini-Serie #1-4)


 „Maybe it’s time I was a little impulsive.“ (Clark Kent)

Bevor es Superman gab, gab es nur ein Landei namens Clark Kent. Ein Farmersohn aus Kansas. Ein Durchschnittsamerikaner. Jeph Loeb und Tim Sale versuchen in ihrer Mini-Serie den Mann aus Stahl zu einem Jedermann zu machen, der klein angefangen hat, als Träumer, Grübler und Zweifler. Wie geht ein junger Mann mitten in der Gewöhnlichkeit damit um, ungewöhnlich zu sein, Superkräfte zu haben? Wer bin ich und was soll ich tun?, sind die Fragen, die ihn umtreiben.

Man könnte Superman For All Seasons auch Superman: Year One nennen. Es umfasst das erste Jahr im Leben von Clark nach dem Abschluss in Smallville und seinen Anfängen in Metropolis. Viel Handlung gibt es nicht: Zwar fängt Superman eine Atomrakete ab, zerlegt ein U-Boot voller Terroristen, hält einen Zug auf und stoppt eine Flut, aber diese Taten erscheinen nebensächlich. Es wird kein großes Drama um sie gemacht, vielmehr wirkt es, als müsste man sie zeigen, weil sie einfach nur zum Mythos dazu gehören. Zeichner Tim Sale zelebriert diese Momente in  eindrucksvollen doppelseitigen Splash Pages.

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Sinnieren über Superman

Vertigo

VertigoTitel: It’s a Bird …

Autor/Zeichner: Steven T. Seagle/Teddy Kristiansen

Erschienen: 2004 (One-shot)


„I have … issues with Superman.“

Comic-Autor Steven bekommt das Angebot, Superman zu schreiben. Eigentlich kein schlechter Auftrag, aber Steven zögert. Zu Superman fällt ihm keine Geschichte ein. „There’s no access point to the character for me … for anyone if they ever really thought about it. Too much about him makes no sense –„, sagt er dem Leser. Und dann arbeitet er sich an den einzelnen Aspekten der Figur ab: dem lächerlichen Kostüm, der Farbsymbolik, der Geheimidentität, der Herkunft von Krypton und aus Smallville, der Gewalt und Allmacht, Kryptonit, Nietzsche und seiner Vision des Übermenschen. In kurzen Zwischenspielen reflektiert Steven kritisch, was Superman ausmacht – und zeigt dabei einige Widersprüche auf.

Parallel zu seinem Prokrastinieren (Steve zögert die Zusage hinaus) verläuft die Handlung seiner privaten Probleme. Er hat Angst, an Chorea Huntington zu erkranken – wie schon seine Großmutter. Die erbliche Nervenkrankheit ist sein Kryptonit. Interessanterweise ist er damit zum ersten Mal in Kontakt gekommen, als er auch das erste Superman-Heft in Händen hielt. Allmacht und Ohnmacht, Übermenschentum und Gebrechlichkeit liegen dicht beieinander.

Geschickt verbindet Steven T. Seagle persönliche Erinnerungen und seine Versuche über Superman miteinander zu einer kurzweiligen, überaus menschlichen Story, in der es einige Überschneidungen zwischen Realität und Fiktion gibt. Künstler Teddy Kristiansen verleiht ihm mit seinem abstrakten, variationsreichen Stil der Zeichnungen und Farben eine besondere Aura. Am Ende bleibt die Erkenntnis, worum es bei Superman wirklich geht: nicht nur um Eskapismus (der hier durchaus seine Daseinsberechtigung hat), sondern auch um Realitätsbewältigung: „There’s always a ’next‘. Always. That’s what Superman is all about. To remind us that we have hurdles … but as long as we keep jumping them … we’re in the race.“

It’s a Bird … ist nicht bloß eine großartige Superman-Story, sondern auch große Comic-Kunst, die sowohl kurzweilig unterhält als auch zum Nachdenken anregt.

>> Superman-Comics

Speeding Bullets: Superman als Batman

DC Comics

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Titel: Speeding Bullets

Autor/Zeichner: J.M. DeMatteis/Eduardo Barreto

Erschienen: 1993 (One-shot)


„There’s only one way it could have happened: the way it was meant to be happen.“

„A child in a Halloween costume, playing out a lifetime of guilt and anger.“

„Has our world become so twisted, so violent, that this is the kind of hero we produce?“

Was wäre wenn Supermans Rakete von Krypton in Gotham gelandet wäre? Dann wäre er von den Waynes gefunden und aufgezogen worden, bis zu jenem Tag, an dem sie ermordet werden. Kurz: Superman wäre Batman geworden. Die Elseworlds-Story Speeding Bullets spielt diesen wohl feuchtesten Traum aller Fanboys durch, steckt Superman ins Fledermauskostüm, lässt ihn fliegen, Dinge zerstören und Menschen verbrennen. Das Kostüm ist zum einen konsequent, weil es das Gesicht des Helden ganz verdeckt, zum anderen zeichnet sich in dem gelben Diamanten auf der Brust bereits ab, worauf die Story hinausläuft.

Doch zunächst wird das Superman-Inventar aus Metropolis herangeschafft: Bruce Wayne lässt Perry White und Lois Lane vom Daily Planet zur Gotham Gazette kommen, ein feister Lex Luthor versucht, Waynes Firma zu übernehmen, und scheitert. Kurz darauf zeigt Luthor sein wahres Gesicht: Es ist weiß, hat rote Lippen und lacht bei jeder unpassenden Gelegenheit. Nach einem Unfall in einem Chemiewerk ist Luthor nämlich zum Joker geworden. Warum er sich so nennt, bleibt unklar, denn Witze macht er keine und lustig ist er auch nicht. Allein lächerlich wirkt es, wenn aus seinem Rücken ein Propeller heraustritt, mit dem er durch die Stadt fliegen kann.

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Wie dem auch sei: Batman rettet Lois Lane, dann die ganze Stadt vor einer paramilitärischen Invasoren, die für Luthor Chaos stiften. (Einen tieferen Sinn hat das nicht.) Am Ende lässt Batman sich von Lois zu sanfteren Methoden der Verbrechensbekämpfung bequatschen und legt sein Kostüm ab – er wird zum bekannten Superman in blau, rot und gelb.

Die interessantesten Elseworlds-Storys spielen ihr „Was wäre wenn“ bis zur letzten Konsequenz durch. Doch hier ist das Szenario bloß ein Umweg zum Status quo der regulären Comic-Serien. Daher muss man sich fragen, was sie eigentlich soll. (Zugegeben: The Nail funktioniert auch so, aber besser.) Dabei fängt die Geschichte vielversprechend an: Bruce plagt die Schuld, die Kugeln, die seine Eltern töteten, nicht aufgehalten zu haben. Er verschanzt sich als Einsiedler in Wayne Manor und sammelt Zeitungsartikel, um über das Leid in der Welt zu lamentieren – bis er sein wahres Potenzial wiederentdeckt. Doch mit der bemühten Einführung von Luthor-Joker wird alles zunichte gemacht und die wenigen Seiten für eine Story verschwendet, die nicht der Rede wert ist. Eine vertane Chance.

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Aufstand von ganz unten

DC Comics

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Titel: Batman Beyond: Batgirl Beyond

Autor/Zeichner: Adam Beechen, Scott Peterson/Adam Archer, Annie Wu, Norm Breyfogle u.a.

Erschienen: 2013/1999 (Batman Beyond Unlimited #14-18, Batman Beyond (Vol. 2) #1-2), Paperback 2014


„Do I look like a detective to you?“ (Batgirl)

Kaum, dass der Joker King und seine Anhänger Neo-Gotham in Schutt und Asche gelegt haben, setzt ein Riesenroboter aus wandelbarem Metall die Verwüstung fort. In Gang gesetzt wurde er von „Rebel“, der Anführerin des Hacker-Kollektivs Undercloud. Sie hat auch Terrys Freundin Max rekrutiert und hält sie nun fest. Das Ziel ist die Zerstörung der ungerechten Gesellschaft (Armut unten, Wohlstand oben), um sie danach besser wieder aufzubauen. Was es mit dem Roboter auf sich hat, kann man sich leicht denken: es handelt sich um Alloy, die Summe der reanimierten Metal-Men – eine der lahmsten Superheldengruppen von DC. Und sobald sie sich ihrer selbst wieder bewusst werden, werden sie zu Batmans Verbündeten …

Und was hat das mit dem titelgebenden Batgirl Beyond zu tun? Nichts. Obwohl sie auf dem Cover zu sehen ist, spielt sie nur in einer kleineren Zweit-Story eine Rolle. Zusammen mit Commissioner Barbara Gordon, dem ersten Batgirl, bringt sie Ordnung in einen Aufstand der Unterschicht und macht einen ultrazynischen Konzernboss dingfest, der es nicht nur auf Geld abgesehen hat, sondern auch auf die Armen. Er will dafür sorgen, dass sich die Unterschicht, die er für Ungeziefer hält, selbst ausrottet. Die beiden Batgirls leisten ganz klassische Polizei- und Vigilanten-Arbeit, ohne Science-Fiction-Schnickschnack – und ohne Hilfe der Batmen.

Trotz dieser Sozialkritik bleibt der vierte Batman Beyond-Band von Adam Beechen etwa so oberflächlich und belanglos wie die beiden davor und auch visuell von durchwachsener Qualität. Die einzige nennenswerte Entwicklung: Dana kommt endlich darauf, dass ihr Ex-Freund Terry McGinnis Batman ist. Nicht, dass es wichtig wäre, aber immerhin. Zum Schluss werden noch die beiden ersten Hefte der zweiten Batman Beyond-Comicserie von 1999 mitabgedruckt. In einer der beiden Storys steigt der alte Bruce Wayne wieder in sein Batman-Kostüm, um den neuen Batman zu bekämpfen. Reizvoll ist neben dieser Konstellation auch der Zeichenstil, der sich stärker an der Animationsserie orientiert. Aber leider macht auch diese Zugabe den Band nicht weniger entbehrlich.

Mir ist fürs Erste die Lust an Batman Beyond vergangen. Hoffentlich taugt das neu angelaufene Reboot von Dan Jurgens mehr. Im März erscheint das Paperback.

Coverwahn #11

Lange Zeit war Ruhe, jetzt gibt es mal wieder eine Reihe neuer Cover zu Dark Knight III: The Master Race. Zwei neue Variants zu Book 2, das am 23. Dezember erscheint, von Klaus Janson und Jim Lee, das Variant von Eduardo Risso ist nun auch in Farbe zu sehen – und wirkt mit der knallroten Ecke umso stärker. Zudem hat DC mittlerweile auch die regulären Cover von Andy Kubert zu Book 3 und 4 veröffentlicht: Eines zeigt Batman und Robin im Schnee, wahrscheinlich in der Nähe von Supermans Festung der Einsamkeit, ein anderes zeigt eine Reihe von Supertypen, die aus den Wolken kommen – keine Ahnung, was das bedeutet. Eins ist klar: Bruce Wayne mag tot sein, Batman (der gute alte) ist es selbstverständlich noch lange nicht.

Abgesehen von der Tatsache, dass die Variants mal wieder die typischen Motive verwenden, sind sie sehr ausdrucksstark geworden. Janson und Lee zeichnen Batman in Rüstung, kurz vor dem Kampf mit Superman: klobig, martialisch, larger than life. In dieser Tradition steht auch der kommende Kinofilm Batman v Superman, wie man auch an dem neuen Werbeplakat sehen kann:

Warner Bros.

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