Judd Winick

Im Schatten der Fledermaus

DC Comics

DC Comics

Titel: Long Shadows

Autor/Zeichner: Judd Winick/Ed Benes, Mark Bagley

Erschienen: 2009 (Batman #687-691, Paperback 2010)


„Everything I am is because of him. I’m just not sure I can be him. Or that I want to.“ (Dick Grayson)

„You really believe everything that he was is a suit? A car? Body armor? A cowl? No. Batman’s dead. So what does that make you?!“

Nachdem Dick Grayson den Kampf um Batmans Nachfolge für sich entschieden hat, hadert er immer noch damit, das Kostüm anzulegen. Lieber versucht er als Nightwing (im Batmobil) für Recht und Ordnung zu sorgen. Als er sich endlich dazu durchringt, als Batman aufzutreten, fällt der Öffentlichkeit ein neuer Stil auf: Batman kämpft anders, scheut keine Kameras – und er lächelt während er Gangster aufmischt. Vor allem Two-Face hat seine Zweifel, dass sein Erzfeind doch noch leben könnte. Also plant er, dem Neuen zu Hause einen Besuch abzustatten und den Hochstapler zu überführen. Doch Dick Grayson geht in seiner neuen Rolle so sehr auf, dass er sehr überzeugend sein kann …

Man kann Long Shadows nach Battle for the Cowl als eine weitere Übergangs-Story abtun, die einen Generationswechsel einleiten soll. Aber damit wäre ihr Unrecht getan. Es ist eine ungewöhnliche Erzählung, die nicht vom Plot oder der Action lebt, sondern von einem Konflikt: Dick Grayson, der erste Robin, der sich als Nightwing von Batman emanzipiert hat, kämpft mit dem Mythos, den sein Mentor ihm hinterlassen hat. Dick ist klar, dass sich das Original nicht einfach ersetzen lässt, aber ein neuer Batman nötig ist. Nach langem Zögern und Zweifeln wird er das, was er nur werden kann: ein neuer Batman, keine Kopie des Alten.

Gerade die Zeit, die sich Judd Winick mit der Entwicklung des Hauptcharakters lässt, ist die große Stärke des Bandes. Zudem sehen wir einen Alfred, der um seinen verlorenen Sohn trauert, sowie Superman und Wonder Woman, die in einem der bewegendsten Momente Batmans Maske und Umhang in die Bathöhle überführen. Am Ende überzeugt die Einsicht, die Batman seinem alten Widersacher vermittelt: dass er sich verändern kann. Eben das ist das Geheimnis seines Erfolges.

>> Batman 2000-2011

Vom Rotkehlchen zum Rotkäppchen

Warner Bros.

Warner Bros.

Titel: Under the Red Hood

Drehbuch: Judd Winick

Erschienen: 2010 (Direct-to-Video)


„Ich hätte mich niemals mit einem Wahnsinnigen verbünden dürfen.“ (Ra’s al Ghul)

Fünf Jahre nach der umstrittenen Storyline Under the Hood wurde der Comic verfilmt, allerdings unter dem Titel Under the Red Hood, was danach auch für den Comicsammelband übernommen wurde. Der Film tut, was Filme so tun: Er lässt viel aus. Man könnte auch sagen: Er verdichtet. Und das tut dem Stoff sehr gut.

Kurz gesagt: Es geht darum, wie das ehemalige Rotkehlchen Jason Todd (Robin II) über den Umweg des Todes zum mörderischen Rächer, dem Rotkäppchen Red Hood, wird. Es beginnt mit dem obligatorischen Robin-Mord durch den Joker. Statt die Story von A Death in the Family nachzuerzählen (Jasons Suche nach der Mutter, Reise in den Libanon etc.) wird hier kurzer Prozess gemacht: Der Joker vermöbelt gerade Robin mit der Brechstange, Batman eilt zu Hilfe, aber er kommt zu spät. Irgendwas hat die Sache mit Ra’s al Ghul zu tun, der offenbar gemeinsame Sache mit dem Joker macht. Und dieser Aspekt ist die wohl beste Entscheidung für den Film: So hat man gleich den Protagonisten eingeführt, der für Jason mit der Lazarus-Grube wiederbelebt. Kein metaphysischer Schicksals-Unsinn wie im Comic ist für die Auferstehung verantwortlich, sondern ganz einfach Ra’s selbst, weil er Schuldgefühle hat, für Jasons Tod mitverantwortlich zu sein. Als Leser und Zuschauer fragt man sich: Warum nicht gleich so?

Der weitere Hauptunterschied ist, dass der Joker eine viel größere Rolle spielt. Nicht bloß als Racheobjekt für Jason alias Red Hood, sondern auch dass Black Mask Joker als Auftragskiller für Red Hood anheuert. Der Joker ist gewalttätiger als je zuvor in einem Animationsfilm, er tötet plötzlich einige von Black Masks Männern – nur mit einem Wasserglas und nur weil er gerade Lust dazu hat. Der Part mit Mr. Freeze wird weggelassen, ebenso die Gastauftritte anderer Helden und Schurken, zum Beispiel Deathstroke. Dafür gibt es ein Attentat einer neuen Gruppe: The Fearsome Hand of Four. Batman und Nightwing kämpfen gemeinsam gegen den Androiden Amazo, der auch schon im Comic vorkommt. Trotz der zusätzlichen Gewalt sind andere Szenen entschärft, zum Beispiel die, in der Red Hood eine Tasche voller Köpfe in eine Gangsterversammlung wirft. Im Comic sieht man, was drinsteckt, im Film muss es Red Hood sagen. Einige Rückblenden, in der Robins Anfangszeit nachgereicht werden, vom Räderklau bis hin zu einer kurzen Begegnung mit dem Riddler, sorgen für die emotionale Tiefe der Charaktere.

Under the Red Hood übernimmt das Beste aus den Comics, verdichtet es und fügt einige neue Ideen hinzu. Daraus entsteht ein in sich stimmiges Ganzes, das auch dank der hervorragenden Animation zu fesseln vermag.

Niemand stirbt für immer

DC Comics

DC Comics

Titel: Under the (Red) Hood

Autor/Zeichner: Judd Winick/Doug Mahnke

Erschienen: 2005-2006 (Batman #635-641, #645-650, Batman Annual #25), Paperback 2005/2006 (zwei Bände), 2011 (ein Band, Titel: Under the Red Hood)


„He was never supposed to die.“

„This has nothing to do with science … or logic …“ (Batman)

„Fear isn’t the answer.“ (Red Hood)

Under the (Red) Hood ist wieder so eine Geschichte, über die man nicht sprechen kann, ohne das Wichtigste vorwegzunehmen. Während die Erstleser noch rätseln konnten, wer sich unter der roten Maske verbirgt, dürfte das heute den meisten Lesern klar sein, deshalb sei es hier gesagt: Jason Todd, der vom Joker totgeprügelte Robin II, kehrt von den Toten zurück. Und diese Entscheidung dürfte noch umstrittener gewesen sein, als die Leser damals über den Tod abstimmen zu lassen (vgl. A Death in the Family). Denn immerhin wird damit ihr (Todes-)Urteil für nichtig erklärt.

Was kurz zuvor bei Hush noch ein nettes Gimmick in der Story war, aber sich als Trugbild offenbarte, wird hier zur Tatsache. Im Nachhinein war es doch nicht Clayface in der Gestalt von Robin, der Batman einst auf dem Friedhof begegnet ist, sondern tatsächlich Jason Todd, der später mit Clayface die Rollen getauscht hat. Und es beweist erneut die alte Superhelden-Weisheit: niemand stirbt für immer. Nach dem Tod und der Wiederaufstehung von Superman sind auch Green Lantern Hal Jordan, Wonder Woman und Green Arrow Oliver Queen diesen Weg gegangen. Egal, ob man Superkräfte hat oder nicht, es findet sich immer ein Weg, die Toten zurückzuholen – mit welcher fadenscheinigen Begründung auch immer. Die einen Fans fühlen sich verschaukelt, die anderen freuen sich über die Rückkehr einer beliebten Figur oder einfach nur über eine unerwartete Wendung. Nichts ist unmöglich in der Welt der Superhelden. Das lässt sie leider auch oft sehr willkürlich erscheinen.

Der neue Jason Todd wählt die rote Maske, mit der sein Mörder einst seine Gauner-Karriere begann. Red Hoods Ziel ist klar: Rache. Aber zuvor versucht er, mit drastischen Methoden in Gotham aufzuräumen. Skrupellos tötet er Drogendealer und andere Kriminelle, ruiniert die Geschäfte von Black Mask, indem er etwa dessen Waffen stiehlt. Batman geht Red Hood zu weit. Der Meister versucht seinen Schüler aufzuhalten, aber sein Gegner ist gut ausgebildet. Schnell kommt der Detektiv auf den Trichter, dass es sich um Jason handeln könnte und er befragt einige Wiederauferstandene wie Superman und Green Arrow nach dem Tod. Schließlich, in der Mitte der Story, kommt es zur Offenbarung. Doch viele Fragen bleiben offen, von denen bloß die geringste ist, warum Jason unter der Maske eine weitere trägt.

Batman muss sich von Jason eine Standpauke gefallen lassen, dass er mit seinem halbherzigen Handeln gegen Kriminelle im Allgemeinen und gegen den Joker im Besonderen, weitere Morde zu verantworten hat. Später kämpfen er und Jason doch vereint gegen ein paar von Black Mask beauftragte Attentäter. (Der Attentäter Deathstroke schickt – statt den Auftrag selbst zu erledigen – drei Idioten wie Count Vertigo, Hyena und Captain Nazi vorbei.) Im Finale läuft es auf einen Showdown mit dem Joker hinaus. Und nach einem abrupten und explosiven Ende wird nachgetragen, wie Jason zurück ins Leben fand.

Die Begründung ist hanebüchen und dreist. Und zugleich auch völlig egal. Ob es die Lazarusgrube war oder Magie oder nur ein Scheintod, spielt keine Rolle. Aber dass Superboy-Prime mit ein paar Erschütterungen des Multiversums (siehe Infinite Crisis) das Schicksal wieder einrenkt und dadurch eine mysteriöse Macht Jason aus dem Grab holt, weil dieser nie hätte sterben dürfen, kommt für Fans einer Beleidigung gleich. Jim Aparos alternatives Ende für A Death in the Family zu aus dem Archiv zu kramen und in die Story einzubauen, legitimiert diese Wendung nicht. Auch die Erklärung für Jasons unbemerktes Verschwinden und seine lange Abwesenheit wirkt äußerst bemüht.

Trotz dieses kühnen Schrittes und großen Kunstfehlers ist Under the Hood eine durchaus unterhaltsame Story: Kurzweilig erzählt, grandios gezeichnet und mit ein paar knackigen Dialogen, die zum Teil sogar sehr witzig geraten sind (besonders die Sprüche von Black Mask). Schade ist nur, dass einige Handlungsstränge bloß angerissen, aber nicht zu Ende erzählt werden, zum Beispiel die Sache mit den Waffen, zu denen auch eine Kiste Kryptonit gehört, oder der Anschlag auf Blüdhaven. Auch das Finale endet mit einem Knall, ohne dass man in einem Epilog erfährt, was aus den Figuren geworden ist.

Am besten hat es Hilary Goldstein von IGN formuliert: “ It’s a well-told story, problem is I don’t like the story being told.“

(Die Story wurde 2010 unter dem Titel Under the Red Hood als Animationsfilm adaptiert.)

>> Batman 2000-2011