Neil Gaiman

Poison Ivy erfindet sich neu

DC Comics

Titel: Pavane

Autor/Zeichner: Neil Gaiman/Mark Buckingham

Erschienen: 1988 (Secret Origins #36), Paperback 2016 (Batman Arkham: Poison Ivy)


Green Lantern trifft Poison Ivy? Leider nicht. Das Cover führt in die Irre. Hier bekommen beide nur einen dieser unzähligen Secret Origins verpasst. Alle paar Jahre müssen Helden wie Schurken ihre Entstehungsgeschichte umgeschrieben bekommen, wie Zimmerpflanzen, die umgetopft werden, damit sie frisch bleiben. 1988 übernahm das für Ivy kein Geringerer als Neil Gaiman, der Autor von Sandman (ab 1989) und Whatever Happened to the Caped Crusader?

Poison Ivy bekommt im Knast Besuch von einem Agenten, der sie für die Task Force X rekrutieren will – die sogenannte Suicide Squad. Bei der Gelegenheit erzählt sie ihm ihre Lebensgeschichte. Aus Lillian Rose und Pamela Isley wird Pamela Lillian Isley. Pflanzen waren seit ihrer Kindheit ihre besten Freunde, mit ihnen hat sie gesprochen.

Dann studierte sie Botanik. Die Geschichte mit Legrand, für den sie ägyptische Kräuter stehlen sollte und der sie dann vergiftet hat, hat sie sich nur ausgedacht. „I make stuff up sometimes. I never expected anyone to believe it.“ Damit ist auch die Story, die sie hier auftischt, mit Vorsicht zu genießen. Studiert hat sie bei einem Mann namens Jason Woodrue, dem späteren Floronic Man. Der soll sie in Experimenten vergiftet und sogar getötet und damit Ivy erschaffen haben.

Liebe für Pflanzen und Batman

Doch der Mann, für den sie sich eigentlich interessiert hat, war Batman. Für ihn hat sie ein grünes Kostüm angezogen und ist nach Gotham gekommen. Wir sehen Szenen aus der ersten Ivy-Story. Hier versucht Gaiman, alle bisherigen Ivy-Versionen zu harmonisieren. Doch Ivy ist hier noch mehr: Sie kann Pflanzen dazu bringen, sich wie Tiere zu benehmen, und Tiere in Pflanzen verwandeln. Sie selbst soll sogar zum Teil eine Pflanze sein.

„I am hope and beauty and truth. A symbol of growth in the dark times that are upon us …“

Damit deutet sich ihr Umweltaktivismus an, der später ihr wichtigstes Motiv sein wird.

Im Laufe des Gesprächs wickelt Ivy den Agenten buchstäblich ein, vergiftet ihn und manipuliert ihn, damit er sie aus dem Knast holt. Am Ende veranlasst er einen Transfer nach Arkham Asylum.

>> Poison-Ivy-Comics

Letzte Ehre für Batman

DC Comics

DC Comics

Titel: Whatever Happened to the Caped Crusader? (dt. Was wurde aus dem Dunklen Ritter?)

Autor/Zeichner: Neil Gaiman/Andy Kubert

Erschienen: 2009 (Batman #686, Detective Comics #853, Paperback 2010)


„I do not believe the Batman would ever lie down and die.“ (Alfred Pennyworth)

„It doesn’t matter what the story is, some things never change.“ (Batman)

Batman ist tot. Oder doch nicht? Vielleicht ist er nur verschollen in der Zeit. Denn eins ist klar: Batman kann nicht sterben. Und selbst wenn, er muss wiedergeboren werden – irgendwie. Aber was wäre, wenn Batman tot wäre? Würde sein treuer Butler Alfred eine Trauerfeier im Hinterzimmer einer Bar der Crime Alley abhalten? Würden dann Polizisten wie Gordon zusammen mit allen Superschurken wie dem Joker, Two-Face und dem Pinguin vorbeischauen, um dem Mann, den sie jahrelang bekämpft haben, die letzte Ehre zu erweisen? Würde sie am offenen Sarg stehen, in dem ein kostümierter Batman läge, und davon erzählen, wie er starb? Dann nämlich hätte jeder eine andere Version der Geschichte: Catwoman hätte ihn verletzt aufgefunden und verbluten lassen, Alfred hätte sich selbst zum Joker gemacht und der Riddler hätte Batman erschossen … Batmans Bewusstsein sieht und hört dieser Feier zu und fragt sich: Was soll das Ganze?

Neil Gaimans (Sandman) und Andy Kuberts „letzte Batman-Story“ ist eine wunderbare Hommage an den Mythos Batman sowie die Autoren und Zeichner, die ihn über die Jahre geprägt haben. (Vor allem an die Story Where Were You on the Night the Batman Was Killed?) Aber es ist noch mehr: In dieser Phantasmagorie eines Nahtoderlebnisses werden viele Möglichkeiten an Erscheinungsformen und Geschichten durchgespielt, darin Batmans Wesen auf den Punkt gebracht, geradezu genial werden Tod und Wiedergeburt vernküpft, perfekt greifen Text und Bild ineinander. Wäre dies wirklich die letzte Batman-Story, bildete sie einen würdigen Abschluss. Whatever Happened to the Caped Crusader ist ein Fest für Fans und solche, die es werden wollen.

(Das Paperback enthält zudem drei weitere Batman-Storys von Gaiman, darunter auch eine aus Black & White Vol. 1.)

>> Batman 2000-2011

Batman auf acht Seiten

DC Comics

DC Comics

Titel: Batman Black and White Volume 1 (dt. Schwarz auf Weiß)

Autor/Zeichner: diverse

Erschienen: 1996 (Mini-Serie #1-4, Hardcover 1999, Paperback 2000, Neuauflage 2007), dt. Carlsen 1997


 „Anyway, Batman. He’s not real. He’s just someone people imagine is real. Though why anyone would want to imagine a weirdo in a Bat suit is beyond me.“ (Phillip Benning)

Es war ein gewagtes Experiment: Eine vierteilige Miniserie mit insgesamt 20 Kurzgeschichten á acht Seiten – und das auch noch in Schwarz-weiß. Aber DC-Redakteur Mark Chiarello hat die besten Leute angeheuert und das Ergebnis konnte sich nicht nur sehen lassen, es war auch ein kommerzieller Erfolg. Black and White gehört heute zum Kanon der besten Batman-Bände – und zwar zu recht.

Wieder einmal zeigt sich, dass die reduzierte Form einem Werk förderlich sein kann. Wenn man nur acht Seiten hat, muss die Geschichte dicht sein. Wenn man nur Bleistift und Tusche hat, kann man nicht mit Bonbonfarben tricksen. Und so sind die Storys Miniaturen, Nahaufnahmen, Augenblicke des Dunklen Ritters. In einer Story bemüht sich Batman einer „Jane Doe“, also einer unbekannte Tote, eine Identität zu geben, in einer anderen versucht er einer von ihm traumatisierten Frau die Furcht zu nehmen und in einer dritten diskutiert er mit einem Vater, der aus Verzweiflung zu drastischen Mitteln greift, über die richtige Erziehung. Manchmal fügen sich die Storys in das kanonische Bild, manchmal brechen sie ins Experimentelle aus.

Wie etwa Neil Gaimans „A Black and White World“. In dieser Meta-Story sind Batman und Joker sich ihrer Rollen als Comic-Charaktere bewusst und sinnieren über ihr Darsteller-Dasein. Zunächst plaudern sie ein bisschen im Warteraum, erkundigen sich nach den Kindern, gehen den Text der nächsten Szene durch. Der Joker lästert über die blöden Dialoge und dass er nur viel labern darf, während Batman die großen Splash Panels bekommt. Getragen wird diese schräge Story von Simon Bisleys schrägen Zeichnungen.

In „Good Evening, Midnight“ erzählt Klaus Janson geschickt, wie Alfred einen Brief von Bruces Vater liest, während er auf Batman wartet, der einen Schulbus voller Kinder rettet. Der Vater bescheinigt darin dem Sohn, ihn mit seiner Furchtlosigkeit inspiriert zu haben. Beunruhigend und zugleich beeindruckend inszeniert Brian Bolland (The Killing Joke) seine ruhige Erzählung „An Innocent Guy“: Wir sehen einen Durchschnittstypen, der zu einer Kamera darüber spricht, ein guter Mensch zu sein, aber Lust hätte, einfach so Batman eine Kugel in den Kopf zu jagen. Das perfekte Verbrechen, so die Moral, ist das sinnlose.

Eine der dramatischsten Geschichten bringt Bruce Timm (Mad Love, The Animated Series) mit „Two of a Kind“ über die Rehabilitierung und den Rückfall von Harvey Dent/Two-Face. Eine Tragödie im wahrsten Sinne des Wortes. Timms Zeichnungen beeindrucken durch Ausdruck und Dynamik und gehören zum Besten in dem Band. Matt Wagners Story „Heist“ ist vielleicht eine der schwächsten, hat aber einen sehr coolen Stil zwischen Pop Art und Noir.

„Heroes“ (von Archie Goodwin und Gary Gianni) zeigt Batman im Kampf gegen Nazis, die einen Ingenieur entführen und seine Pläne stehlen wollen. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht des Sohnes, der sich in Abenteuer hineinträumt und für den das Abenteuer plötzlich lebensgefährlicher Ernst wird. Leser werden mit einem überraschenden Ende belohnt. Dafür gab’s den Eisner-Award.