Es wird blutig werden: Frank Millers Dunkler Ritter muss – trotz seines hohen Alters – noch einmal antreten. Und wahrscheinlich wird er Superman erneut eine Abreibung verpassen. So viel kann man dem Ankündigungs-Bild entnehmen, das DC und Miller jüngst veröffentlicht haben. Der Altmeister lässt sich dabei von Autor-Superstar Brian Azzarello (Joker) unterstützen. Und auch wenn nicht – wie gerüchteweise zu lesen war – das Jung-Genie Scott Snyder beteiligt ist, macht das Autorenteam Hoffnung: Denn wie sich die Fangemeinde bei der Fortsetzung des Klassikers The Dark Knight Returns von 1986 überzeugen durfte, scheinen beim guten alten Frank ein paar Sicherungen durchgeknallt zu sein. Ein Eindruck, der mit seinem All-Star Batman nur bestätigt wurde (wenn auch auf viel amüsantere Weise). The Dark Knight Strikes Again war ein übles Machwerk, das alle Qualitäten seines Vorgängers vermissen ließ – vor allem den Titelhelden. Stattdessen wurde eine wirre Geschichte um Dutzende Charaktere erzählt, ohne dass auch nur im Ansatz Spannung oder Anteilnahme aufkam. Die Story war ein Beleg dafür, dass man Klassiker besser unangetastet lässt, sonst läuft man Gefahr, sie zu zerstören (vgl. Star Wars). Azzarello könnte als Stimme der Vernunft dafür sorgen, dass im dritten Teil endlich wieder eine erzählerische Disziplin einkehrt.
Frank Miller
Der Mythos ist Teil des Konzepts
Titel: Legends of the Dark Knight (dt. Die Legende lebt)
Regie/Drehbuch: Dan Riba/Robert Goodman, Bruce Timm
Erschienen: 1998 (The New Batman Adventures S01E19)
„Die Geschichte ist doch faul.“
Wer oder was ist Batman? Ein Mensch oder ein Flugsaurier? Ist er etwa schon alt und ist Robin ein Mädchen? Mit diesen Fragen setzt sich Legends of the Dark Knight auseinander. In dieser Episode der New Batman Adventures diskutieren drei Kinder über Batman. Zwei von ihnen erzählen eine Geschichte, die sie über Batman gehört haben: Eine entspricht im Stil dem farbenfrohen Golden Age, in dem Batman und Robin noch lächelnd eine Spaßmacher-Version des Jokers mit spielerischer Leichtigkeit in einem Setting von überdimensionalen Musikinstrumenten bekämpfen. Die andere ist eine Dystopie, in der Batman mit einem Panzer gegen die Mutantenbande vorgeht und sich dann in einem Schlammloch mit ihrem Anführer prügelt. Diese Szene stammt aus Frank Millers The Dark Knight Returns – sogar die Sprüche sind aus dem Comic übernommen. Am Ende werden die Kinder mit dem Batman ihrer Gegenwart konfrontiert, der Firefly zur Strecke bringt.
Diese Hommage an die vielen Batman-Inkarnationen zeigt nicht nur, dass jeder eine andere Vorstellung von diesem Helden hat und sich seine Lieblingsversion aus einer langen Tradition aussuchen kann, sondern auch, dass zum Konzept des Dunklen Ritters auch die Mythenbildung gehört. Batman ist ein Mysterium – und als solches profitiert er auch davon, dass die Leute ihn nicht kennen, sodass sie ihn entweder bewundern oder fürchten. Geschichten verselbständigen sich zu Legenden, das Konzept Batman wächst über Maske, Kostüm und Logo hinaus. Auch als Pop-Ikone ist Batman keine feste Größe, sondern der Mode (und auch dem Markt) unterworfen, er macht viele Veränderungen durch, wird immer wieder neu erfunden und der Zeit angepasst. Diese bescheidene Serien-Episode macht das deutlicher als alle bisherigen. Man muss den Machern der Serie hoch anrechnen, dass sie sich auch immer wieder selbstreflexiv mit ihrem Helden auseinandergesetzt haben.
The Goddamn Batman

Titel: All Star Batman & Robin, the Boy Wonder
Autor/Zeichner: Frank Miller/Jim Lee
Erschienen: 2005-2008 (#1-10); (Paperback 2009, #1-9)
„I love being the goddamn BATMAN.“
Es ist wohl eines der umstrittensten Batman-Comics der vergangenen Jahre. Spätestens seit Frank Millers Fortsetzung von The Dark Knight Returns (The Dark Knight Strikes Again), sorgte er mit seiner neuen, eigensinnigen Fassung von Robins Entstehungsgeschichte für Aufsehen und Entrüstung. Denn es ist nicht nur eine neue Story, die der Altmeister hier erzählt, es sind auch neue Charaktere.
Miller stellt Batman als Draufgänger dar: Er ist eitel, protzt gerne, gibt sich meist gutgelaunt, es sei denn, man begeht ein Verbrechen oder man kratzt an seinem Ego – was für ihn fast einem Verbrechen gleich kommt. In eine Prügelei stürzt er sich gerne mit irrem Gelächter, dann wird er zum Sadisten, fügt seinen Opfer üble Verletzungen zu und lässt sie länger leiden als nötig. Batman ist mehr denn je ein zweifelhafter Charakter, der auch von seinem Sidekick bloßgestellt wird. Batman erscheint hier verrückter als der Joker.
Cheesburger statt Ratten
Dick Grayson hingegen, gerade erst traumatisiert vom Tod seiner Eltern, wird nicht nur zu Batmans unfreiwilligem Begleiter, sondern auch zu dessen Mitstreiter im Kampf gegen das Verbrechen. Darauf hat der gerade erst einmal zwölfjährige Junge überhaupt keine Lust: „How lame is that?“ Aber Batman hat ihn offenbar längst dazu auserkoren und zwingt ihn in die Rolle hinein – mit höchst fragwürdigen Methoden. Ein Beispiel: Um ihn abzuhärten lässt er den Jungen allein in der kalten Bathöhle, wo er sich selbst mit Ratten versorgen soll. Wie gut, dass Alfred mit einem Cheesburger vorbeikommt …
Für Grayson ist Batman nur ein armer Irrer, der mit seiner verstellten Stimme einen auf Clint Eastwood macht. Das Batmobil? „Totally queer.“ Batman daraufin beleidigt: „Shut up.“ Es sind diese höchst seltsamen Dialoge und Monologe, die frischen Wind in diese Geschichte bringen. Einer der Höhepunkte ist der legendäre, vielzitierte Wortwechsel:
Grayson: „Who the hell are you anyway, giving out orders like this?“
Batman: „What, are you dense? Are you retarded or something? Who the hell do think I am? I’m the goddamn Batman.“
(Im Deutschen geht der Reiz leider flöten. Dort heißt es: „Bist du schwer von Begriff? Blöde oder so? Was glaubst du, wer ich bin? Mann, ich bin Batman.“)
Die Phrase wird im Laufe des Bandes zum Running Gag. Leider neigt Miller aber auch sonst stark zum Wiederholen: Immer wieder heißt es „Shut up“ hier und „Shut up“ da, nicht nur bei Batman übrigens, das wirkt schnell ermüdend. Der große Autor Frank Miller war schon mal reduzierter und einfallsreicher in der Wahl seiner Worte. Die Story zu beurteilen fällt schwer, da sie nicht zu Ende erzählt ist. Die ersten zehn Kapitel wirken aber sehr gedehnt (vor allem am Anfang), sprunghaft und wenig stringent. Der eigentliche Plot – die Suche nach dem Mörder der Graysons – gerät bei all dem Figuren-Aufgebot zur Nebensache: Wir sehen Superman, Green Lantern, Wonder Woman, Black Canary, Batgirl, Joker etc., ohne dass sie viel zur Geschichte beizutragen hätten. Witzig wird es, wenn Batman über all seine Superhelden-Kollegen vom Leder zieht und keiner dabei gut wegkommt: Superman ist zu blöd um erkennen, dass er fliegen kann, Green Lanterns Ring ist bei Hal Jordon bloß verschwendetes Potenzial usw. Trotz aller Angeberei ist Batman keinen Deut besser, immerhin bezeichnet er sich selbst als halbverrückt.
Ironische Helden-Dekonstruktion
Allen Hardcore-Fans sei deshalb gesagt: Die ganze Sache kann nicht ernst gemeint sein. Nur mit Ironie kann man den Band genießen, dann aber ist er für einige Lacher gut. Da er sowohl seine Meilensteine Year One als auch The Dark Knight Returns zitiert, stellt All Star Batman einerseits eine Art Verbindungsglied zwischen Anfang und Ende dar, andererseits treibt es die 1986 begonnene Dekonstruktion der Superhelden auf eine neue Höhe. Hier wird das gesamte Konzept des kostümierten Vigilantentums veralbert und in Frage gestellt – und damit auch sein Publikum mit seinen Erwartungen. Denn im Grunde geht es darum, dass Kerle und Frauen mit Astralkörpern irgendwelche Typen aufmischen, die es verdient haben. Der Sinn dahinter ist zweitrangig, Hauptsache, es sieht cool aus.
Das wird auch in den Zeichnungen von Jim Lee deutlich. Im Gegensatz zu Millers Texten erscheint hier alles zu glatt und perfekt, besonders die idealtypischen Frauen. Der eigentliche Hingucker ist jedoch die sechs Seiten (!) umfassende Splash-Page der Bathöhle. Mit diesem nicht endenwollenden Mega-Panorama hat er ein rekordverdächtiges Centerfold für Fanboys geschaffen. Auch das eine ironische Pose: Während Batman damit protzt („Pretty cool, huh?“), dürften die Fans davon ähnlich begeistert sein wie Robin. Ja, Frank Miller mag verrückt geworden sein, aber sein All Star Batman ist ihm weit unterhaltsamer und kurzweiliger geraten als sein unsäglicher zweiter Dark Knight. Und vor allem ist es sein witzigster Zugang zum Dunklen Ritter.
Die Fortsetzung Dark Knight: Boy Wonder, in der die Geschichte zu Ende erzählt werden soll, wurde bereits vor Jahren angekündigt, die Leser warten bis heute darauf. Oder eben auch nicht.
(Anmerkung: Die US-Paperback-Ausgabe umfasst nur die ersten neun Hefte der Serie, die jüngste deutsche Ausgabe enthält alle zehn.)
Dark Knight 2: Krieg den Tyrannen

Titel: The Dark Knight Strikes Again (dt. Der Dunkle Ritter schlägt zurück)
Autor/Zeichner: Frank Miller
Erschienen: 2001-2002 (Mini-Serie #1-3)
„It’s a whole new ballgame.“ (Batman)
„We blew it, Barry!“, sagt Bruce Wayne zu Flash. „We spent our whole careers looking in the wrong direction! I hunted down muggers and burglars while the real monsters took power unopposed!“ Die wahren Monster: Lex Luthor und Brainiac, sie beherrschen die Welt. Die USA – ein Polizeistaat, mit einem Präsidenten, der nur ein computergeneriertes Bild ist, geschaffen von Luthor. Gegen dieses System lehnt sich der alte Batman drei Jahre nach seinem Scheintod auf: „We aren’t here to rule. We aren’t here to bring chaos or anarchy. We’re here to end the reign of criminals.“
Das klingt revolutonär – und damit vielversprechend für eine Fortsetzung von The Dark Knight Returns, Frank Millers wegweisendem Meisterwerk von 1986. Zwar ist es auf bestimmte Weise revolutionär: Der Zeichen- und Erzählstil ist ein anderer, aber leider ein wenig überzeugender, ja enttäuschender. Zunächst ist es eine unpersönliche Geschichte: Der Titelheld spielt nur eine marginale Rolle, erst nach 86 Seiten tritt er in Aktion, um Superman zu vermöbeln, und auch danach ist er mehr der Anführer einer Superheldengruppe, der die Fäden im Hintergrund zieht. Die Hauptrolle spielt eigentlich Superman, der hadernde Sklave der Herrschenden. Zunächst hält er Batman für einen monomanischen, megalomanischen Soziopathen. Am Ende stellt er fest, dass es dieses skrupellose, radikale Vorgehen ist, das die Welt retten kann. Der grausamste Held mit der dunkelsten Seele wird zur letzten Hoffnung.
Grundweg unsypathisches Machwerk
So weit, so gut. Doch was sich sonst auf diesen 250 Seiten abspielt, ist oft alles andere als klar. Statt auf eine stringente Story und ausgefeilte Charaktere setzt Miller auf eine chaotische Erzählung ohne roten Faden, mit zu vielen Figuren und Nebenschauplätzen, zugespitzt in einer martialischen Botschaft. Lange genug hat Batman gewartet, die Welt zur Hölle fahren sehen, nun ist seine Geduld am Ende. Er versammelt die gefangenen Helden wie Atom und Flash, wir sehen Green Lantern wiederkehren, den Martian Manhunter sterben und auch Wonder Woman, Captain Marvel und Green Arrow tummeln sich auf den Seiten – ohne dass einer von ihnen in diesem Krieg Wesentliches zu tun oder zu sagen hätte. Zu allem Überfluss sieht man das unentwegte Geplapper von Figuren aus dem Fernsehen die Handlung – sofern vorhanden – kommentieren. Während es im ersten Teil noch eine narrative Funktion hatte, ist es hier nur nerviges Beiwerk, das sich aber stets in den Vordergrund drängt.
Nicht einmal optisch ist der Band ein Genuss: Miller rotzt kindisch-plumpe bis schlampige Zeichnungen hin, in denen er sich kaum die Mühe macht, Hintergründe zu zeichnen, wodurch sich die Handlung wie im luftleeren Raum abspielt und die Panels dadurch steril wirken. Die Farben sind entweder banal-flächig gehalten oder brechen in übertrieben psychedelischen Effekten aus. Ein weiterer Stilbruch zum ersten Teil: Die Figuren Superman und Batman, die im ersten Teil wie Riesen wirkten, sind nun schlanker geraten. Zur Begründung heißt es einmal, Batman habe „an Gewicht verloren“. Aber das ist nur das geringste Problem in diesem grundweg unsympathischen Machwerk.
The Dark Knight Strikes Again ist ein Haufen von Ideen, Szenen und Ansätzen ohne Sinn und Verstand. Stattdessen herrscht ein Rabiatismus vor: Batman hat die Schnauze voll und lässt seine Armee alles platt machen. Genauso verfährt auch Miller. Der einstige Meister hat mit The Dark Knight Returns vielleicht das beste Batman-Comic geschaffen, sein Nachfolger ist mit Abstand das missratenste.
Frank Millers Batman-Klassiker
- The Dark Knight Returns (DC Comics)
- The Dark Knight Returns (DC Comics)
- Year One (DC Comics)
- Year One Deluxe (DC Comics)
Titel: The Dark Knight Returns/Batman: Year One (dt. Die Rückkehr des dunklen Ritters/Das erste Jahr)
Autor/Zeichner: Frank Miller/Frank Miller, David Mazzucchelli
Erschienen: 1986/1987 (The Dark Knight Returns #1-4/Batman #404-407)
Wenn es um die maßgeblichsten Batman-Comics geht, werden immer wieder diese beiden genannt: Frank Millers Year One und The Dark Knight Returns. Und das zu recht – obwohl das keineswegs selbstverständlich ist. Zwar handelt es sich gewisserweise um Zwillinge – beide sind vom selben Autor und sind in kurzer Abfolge erschienen und sie erzählen von Batmans Anfang und Ende. Doch ist es seltsam, dass gerade sie das Wesen der Figur auf so essenzielle Weise einfangen, denn bei allen Gemeinsamkeiten sind sie sehr unterschiedlich.

Die Fledermaus bricht durchs Fenster: Year One. (DC Comics)
Zum einen ist da Year One. Häufig wird der Vierteiler als Entstehungsgeschichte bezeichnet. Und tatsächlich sehen wir einen jungen Bruce Wayne, 25 Jahre alt, der nach 13 Jahren in seine Heimatstadt Gotham zurückkehrt, um das Verbrechen zu bekämpfen. Wir erfahren nicht, was in den vergangenen Jahren passiert ist, nur so viel ist klar: Seine Eltern wurden ermordet, daraufhin ist er offenbar in der Welt herumgereist und hat für seinen Rachefeldzug trainiert. Also unternimmt er erste Versuche in der Unterwelt, zunächst noch inkognito ohne Kostüm, doch weil sich niemand vor ihm fürchtet, bekommt er Ärger mit einigen Prostituierten, wird verletzt und gezwungen, seine Strategie zu überdenken. Dann die legendäre Szene, wie sie bereits 1939 erzählt wurde: Eine Fledermaus fliegt zum Fenster rein und bringt ihm die Erkenntnis „I shall become a bat!“ Verkleidet als Batman hat er mehr Erfolg, auch wenn er zunächst mit der Polizei in Schwierigkeiten gerät …
Womit wir beim eigentlichen Thema wären: Denn Millers Story ist eben nur zu einem Teil die Geschichte von Bruce Wayne, zum anderen geht es um den Polizisten James Gordon – und eigentlich ist Year One seine Geschichte. Die Geschichte beginnt und endet mit Gordon, man erfährt mehr über seine Motive als die von Batman. Durch seine Figur betrachten wir den Superhelden von außen, wir bekommen Gelegenheit, ihn mit fremden Augen zu sehen, uns zu wundern, an ihm zu zweifeln und uns schließlich mit ihm anzufreunden.
Zu Beginn kommen Gordon wie Wayne von außerhalb, der eine per Bahn, obwohl er lieber geflogen wäre, der andere per Flugzeug, obwohl er lieber näher am Feind wäre. Gordon muss sich gegen korrupte Kollegen durchsetzen, die ihn gerne mal überfallen, um sich seine Loyalität mit Schlägen zu verdienen. Außerdem erfahren wir, dass er eine schwangere Frau hat (Barbara), aber mit ihr offenbar nicht glücklich ist; er fängt eine Affäre mit einer Kollegin (Sarah Essen) an. In dieser schwierigen Phase kommt ihm ein Vigilant wie Batman gerade recht. Auch wenn Gordon den Maskierten jagt und nach dessen Identität fahndet – dabei rückt er sogar Bruce Wayne auf die Pelle –, schließlich erkennt er Batman als Verbündeten an. Denn beide kämpfen gegen dieselben Feinde.

„Ladies, Gentlemen. You have eaten well.“ Batmans Kriegserklärung. (DC Comics)
Durch die parallele Erzählweise und die Engführung beider Charaktere werden Wayne und Gordon als Seelenverwandte dargestellt, als zwei Seiten einer Münze, die dasselbe wollen, aber unterschiedliche Wege gehen. Beide bekommen bei Miller etwas Abgründiges. Beide sind Zweifler und Selbstkritiker, beiden passieren schwere Fehler, beide überschreiten Grenzen des Moralischen. Wayne befindet, dass er nicht verdiene, zu leben. Gordon gesteht sich ein, dass er zwar im Beruf, aber nicht im Privaten seinem Herzen folgt. Beide führen ein Doppelleben.
Interessanterweise werden nebenbei noch zwei weitere Figuren des Universums eingeführt: Der Staatsanwalt Harvey Dent (später Two Face), der aus unerklärten Gründen mit Batman kooperiert (in einer Szene sieht man Dent Batman unterm Schreibtisch verstecken), und Selina Kyle, eine Prostituierte/Domina, die sich als Catwoman verkleidet. Und schließlich, am Ende kommt der Verweis auf den Joker. (Christopher Nolan hat sich in Batman Begins stark an Year One orientiert.)
Die Erzählung lebt von Leerstellen. Die Zeit schreitet schnell voran; nur wenige Tage des ersten Jahres werden ausführlich dargestellt. Dennoch schafft es Miller, genauso viel zu erzählen, wie nötig ist, um in die Figur einzuführen. Mit Year One muss er nämlich zwei Sorten von Lesern bedienen: Einerseits alte Leser, die wissen, worum es geht, andererseits sollten mit dem Reboot neue Leser gewonnen werden.

Die Fledermaus und das Fenster: Panel aus The Dark Knight Returns. (DC Comics)
Anders hingegen kommt The Dark Knight Returns daher: Voraussetzungsreich, ausführlich, dicht. Viele winzige Panels drängen sich auf den Seiten. Im Gegensatz zum klaren, schlichen Stil von David Mazzuchelli, der Year One gezeichnet hat, ist hier Frank Miller selbst mit krakeligem, unruhigem Stift am Werk . Er unterstreicht die verstörende Wirkung der Story. (Unterstützt wird er von dem Tuscher Klaus Janson, der diesen Effekt noch verstärkt.) Es handelt sich um eine nicht-kanonische Was-wäre-wenn-Geschichte, einige Jahre später soll DC dafür das Label „Elseworlds“ finden. The Dark Knight Returns handelt von einem gealterten Bruce Wayne in der Zukunft, der sich vor Jahren zur Ruhe gesetzt hat und nun, auf dem Gipfel des Verbrechens in Gotham, das Batman-Kostüm wieder anzieht.
In vier Teilen kommt es zu vier großen finalen Kämpfen: Gegen einen nach seiner Rehabilitation rückfällig gewordenen Two-Face, gegen den Anführer der Mutanten-Jugendbande, gegen den Joker und schließlich gegen Superman, der als Handlanger der Regierung Batman ausschalten soll. Batman ist ein Hardliner, der skrupellos agiert: Er foltert und gerät sogar mehrfach in Versuchung zum Mord. (In einer Sequenz benutzt er sogar ein Maschinengewehr – was sonst ein Tabu ist – und es bleibt zunächst offen, ob er sein Opfer nur anschießt oder erschießt; später klärt er das auf, indem er sagt, dass er seine einzige Regel bisher nicht gebrochen habe.)
Frank Miller zeichnet seinen Batman klobig, in seinem grauen Anzug erscheint er wie ein Fels, während aus seinen inneren Monologen klar wird, dass er ein ambiger Charakter ist. Wieder erleben wir einen gebrochenen Helden, der an sich zweifelt und sich sein Glück, mit dem er immer wieder durchkommt, nicht gönnt („Lucky old man.“). Wir sehen, dass er getrieben ist von einem Todeswunsch (‚This would be a fine death“), aber am Ende dennoch nicht sterben will, denn das bedeutete ja aufgeben. Und so wird das Drahtseil, auf dem Batman in einer Szene balanciert, zum Sinnbild seiner Situation: Immer an der Grenze zum Tod schwankt er zwischen Gesetz und Verbrechen. Miller zeigt, dass er zum Teil auch selbst für dieses Verbrechen verantwortlich ist: Zum einen, als die Mutanten-Anhänger nachdem ihr Anführer besiegt ist, in Batmans Namen Greueltaten im Namen der Selbstjustiz begehen. Zum anderen, weil der Joker erst nach Batmans Rückkehr wieder aktiv wird und Massenmord begeht. Batman wird als Gegenspieler stets zum Mittäter.
Miller beschreibt das Verhältnis zwischen den Antagonisten nicht nur als eines der gegenseitigen Bedingung, sondern auch der gegenseitigen Anziehung. Homo-erotisch wird es, wenn der Joker, als er Batman wiedersieht, erstmals spricht und dabei „Darling“ sagt. Kurz bevor der Joker bei einer Talkshow alle Gäste im Studio ermordet, spricht sein Psychiater davon, dass Batmans Verhalten aus einer „unterdrückten Sexualität“ rühre. Nicht zufällig findet das große Finale auf dem Rummelplatz im Liebestunnel statt. Als letzte ‚Streicheleinheit‘ kommt es zum Nahkampf. Der Joker dreht sich am Ende selbst seinen Hals um, damit es so aussieht, als hätte Batman ihn getötet. Als Batman die Leiche verbrennt und er sieht, wie noch das Skelett zu grinsen scheint, sagt er: „Stop laughing.“ Der Joker ist es, der zuletzt lacht. Er hat Batman im Selbstmord besiegt und lässt ihn als Mörder dastehen. Aber Batman war selbst kurz davor, den Kampf ein für alle Mal zu beenden. Doch auch dann hätte der Joker triumphiert.
Es geht also zur Sache. Drastisch führt Miller seine Figuren vor, kongenial erzählt er in Bildern und Text, die gleichberechtigt nebeneinander stehen. Überhaupt ist ein großer Anteil der Handlung nicht im Bild zu sehen, sondern wird von anderen, vor allem Nachrichtensprechern, nacherzählt. So bleibt dem Leser das Schlimmste meist erspart. Dem gegenüber stehen eindrucksvolle Splash-Pages und minutiöse Zeitlupen-Sequenzen, in denen das Trauma des Elternmordes so intensiv dargestellt wie selten zuvor. Hinzu kommt, dass sowohl The Dark Knight Returns als auch Year One – anders als damals in Superheldencomics üblich – in gedeckten Farben gehalten sind. Dieser Stil sollte sich in den Heftserien erst Jahre später durchsetzen.
Miller hat mit seinen Zwillingen den Mythos nicht nur auf seine Wurzeln zurückgeführt, sondern ihm auch zu neuen verholfen. Er setzte Maßstäbe, nach denen sich alle weiteren Batman-Stories messen lassen mussten, er legte den Rahmen fest, der noch zu füllen war. Die Nachwirkung kann man bis in die Gegenwart sehen: Christopher Nolan bediente sich bei beiden Vorlagen und selbst in der Batman-Zeichentrickserie setzte man Miller ein Denkmal (Episode „Legends of the Dark Knight“). Leider ging der Autor selbst mit seinem Status nicht pfleglich um: Die Fortsetzung The Dark Knight Strikes Again (2001) ist ein übles Machwerk, das formal wie inhaltlich kaum etwas mit seinem Vorgänger zu tun hat. Und auch All Star Batman & Robin, the Boywonder (2005-2008) kam bei den Lesern nicht gut an. Aber dazu ein anderes mal mehr.
(Anmerkung: In einer früheren Fassung wurde Batman als Mörder des Jokers beschrieben. Das trifft nicht zu. Tatsächlich tötet Batman niemanden in „The Dark Knight Returns“.)

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