Andy Clarke

Eine Geschichte mit zwei Enden

DC Comics

Titel: Two-Face, Too!

Autor/Zeichner: David Hine/Andy Clarke

Erschienen: 2008 (Joker’s Asylum #1: Two-Face), Paperback 2008 (Joker’s Asylum), 2015 (Batman Arkham: Two Face), Hardcover 2017 (Two-Face: A Celebration of 75 Years), dt. Panini 2009 (Paperback)


„Life’s a lottery … It’s chance that decides who lives and who dies.“ (Two-Face)

Two-Face gehört zu den interessantesten der Batman-Schurken, weil es ihm oft nicht um Geld geht, sondern gerade in den jüngeren Zeiten darum, einen Standpunkt klar zu machen. Sein Dualismus ist eine verdrehte Ideologie, die er ständig versucht, vor anderen zu rechtfertigen. Zum Beispiel, dass in jedem das Böse steckt. Oder dass der Zufall darüber entscheidet, ob es zum Vorschein tritt.

Der Joker erzählt uns folgende Geschichte: Two-Face bekommt in Arkham Besuch von Holman Hunt, einem Feuerwehrmann, dessen rechte Gesichtshälfte verbrannt ist. Er versucht dem Verbrecher klarzumachen, dass auch nach einem solchen Schicksalsschlag das Leben weitergehen kann. Seine Frau habe ihn akzeptiert, weil es darauf ankomme, was unter der Haut liege.

Two-Face macht klar, dass er nichts davon hält. Aber das reicht ihm nicht. Nach einem Ausbruch aus Arkham entführt er Holman und dessen Frau. Dann zwingt er Holman eine Entscheidung auf: Entweder seine Frau wird von Säure entstellt oder er erschießt Batman. Holman weigert sich, einen Mord zu begehen. Als er die Waffe gegen Two-Face richtet, wird klar, dass es nur ein Test war, um Holman etwas zu beweisen. Niemand kommt zu Schaden, auch weil Batman interveniert.

Spannend wird es im Epilog. Holmans Frau verlässt ihn. Aber wie endet die Geschichte? Es gibt zwei. Der Joker fordert die Leser auf, eine Münze zu werfen, um zu entscheiden, ob Holman seine Frau wiederbekommt oder sich erschießt. Der Leser bestimmt über Leben und Tod. Ein bitteres Ende. Joker und Two-Face erteilen uns eine böse Lektion …

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Der Preis des Zweifels

DC Comics

Titel: Face the Face

Autor/Zeichner: James Robinson/Don Kramer, Andy Clarke u.a.

Erschienen: 2006 (Detective Comics #817-820, Batman #651-654), Paperback 2006, Deluxe Edition 2017


„Better than sex. Better than heroin.“ (Harvey Dent)

Vor einiger Zeit fragte mich ein Leser dieses Blogs, der sich über meine Kritiken ärgerte, warum ich überhaupt noch Batman-Comics lese, wenn ich so viel daran auszusetzen hätte. Die Antwort ist einfach: Ich liebe Comics, ich liebe die Figur und daher interessieren mich auch die Geschichten. Leider können bei der Masse davon aber nur die wenigsten richtig gut sein. Was aber macht eine gute Batman-Story aus?

Wie bei vielen Lesern setze ich den Maßstab bei den prägendsten Comics an: The Dark Knight Returns und Year One, bei The Long Halloween und Dark Victory. Die besten Geschichten sind nicht nur spannend oder überraschend, sie werden auch dem Charakter und dem Medium Comic gerecht. So eine Geschichte ist Face the Face.

James Robinson (Autor des Juwels Blades) beschränkt sich auf eine Thema: Nach einem Jahr Abwesenheit (nachzulesen im Event 52, das auf Infinity Crisis folgt) sind Batman und Robin (Tim Drake) wieder zurück in Gotham. In der Zwischenzeit hat Harvey Dent, der chirurgisch und psychologisch von Two-Face befreit wurde, auf die Stadt aufgepasst. Doch kaum ist Batman wieder da, tötet ein Unbekannter Superschurken – und alles spricht dafür, dass Dent wieder zu alten Gewohnheiten zurückkehrt.

Obwohl wir einen Gang durch die Rogues Gallery bekommen (Poison Ivy, Scarecrow, Scarface, Killer Croc), bleiben diese Nebenfiguren Nebensache und die Geschichte verliert nie ihren Fokus: das Verhältnis zwischen Batman und Dent. Wir sehen, wie mit jedem neuen Mord und Indiz der Zweifel an der Rechtschaffenheit des Geläuterten wächst – und man wünscht sich, dass Det doch noch die Kurve kriegt, auch wenn man ahnt, dass der Wandel zum Guten nicht von Dauer sein kann. Der Zweifel sät aber Misstrauen und daraus erwächst das Böse. Der eigentliche Höhepunkt ist Dents Kampf gegen den eigenen Dämon, den er in jedem Spiegel sieht. (Die Rehabilitation von Two-Face ist übrigens eine sehr alte Idee, die schon 1943 in The End of Two-Face durchgespielt wurde, 1996 erneut in Batman Black and White.)

Robinson gibt den Charakteren und der Handlung genug Raum, sich zu entfalten, jedoch ohne Seiten zu schinden. Ihm ist es wert, auch mal die Panels für sich sprechen zu lassen. Auch wenn in einer Sequenz auch mal nichts passiert. Oder so gut wie. Da wird zum Beispiel eine Seite für eine Sequenz aufgewendet, um zu zeigen, wie Tim Drake einen Bleistift zerbricht – und es wird klar, wie sehr er um seinen toten Vater trauert (siehe Identity Crisis). Ohne Worte wird hier die Tragik der Figur deutlich, was die spätere Adoption durch Bruce Wayne emotional vorbereitet. Auch der Polizei wird die nötige Aufmerksamkeit zuteil: Der wieder als Commissioner eingesetzte James Gordon kann aus Sorge um seine Stadt nicht schlafen, Harvey Bullock bekommt eine zweite Chance, nachdem er der Korruption überführt wurde.

Trotz verschiedener Zeichner wirkt das Werk auch visuell wie aus einem Guss. Es geht nicht allein um ausdrucksstarke Panels mit dynamischen Figuren und überwältigende Bildarrangements, sondern vor allem um eine düstere Grundstimmung, wie man sie von Gotham erwartet. Auch wenn es an Action nicht mangelt: Was Batman ausmacht, wird hier im Stillen zelebriert.

Seit Jahren war Face the Face vergriffen – und es war eine Schande, dass DC es nicht neu aufgelegt hat. Das wurde jetzt mit einer Hardcover-Deluxe Edition nachgeholt. Es war längst überfällig. Denn diese Story gehört zu den besten Batman-Comics der 2000er Jahre. Deswegen liest man überhaupt Batman.

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Der Zorn des Lesers

DC Comics

DC Comics

Titel: The Wrath (Detective Comics Vol. 4), (dt. Der Anti-Batman)

Autor/Zeichner: John Layman/Jason Fabok, Andy Clarke u.a.

Erschienen: 2014 (Detective Comics #19-24, Detective Comics Annual #2), dt. Panini 2014 (Batman #21-22, #24-25), Paperback 2015 (enthält Detective Comics #21-24)


 „What is it about this town and cutting off faces anyway?“ (Bullock)

Ernsthaft? Da müssen wir sechs Hefte lang mitansehen, wie ein gewisser Ogilvy, irgendein dahergelaufener Niemand, ein Handlanger den Pinguin ausbootet und dessen Imperium übernimmt (und sich schwachsinnigerweise „Emperor Penguin“ nennt) und dann ist nach einer kurzen Prügelei mit Batman – zwei Hefte später – wieder Schluss mit der Geschichte? Der Pinguin kommt frei, weil er mal eben einen Richter bedroht und rettet zufälligerweise Batman das Leben. Der gute alte deus ex machina darf mal wieder aushelfen, wenn dem Autor keine originelle Lösung eines Problems aushelfen. Blöd nur, dass Batman durch den Glücksfall als unfähig dargestellt wird.

Ach ja, und vorher entfesselt Ogilvy eine Seuche mit dem Man-Bat-Virus, aber das ist Autor John Layman nur eine Ausgabe von Detective Comics wert. Dieses Problem ist schneller abgehandelt als es aufgebaut wurde: Langstrom nimmt das Mittel selbst und fertig. Wie es mit Man-Bat weitergeht, wird jeweils an den Heft-Enden in kleinen Episoden nachgereicht. Bemerkenswerter Weise sind sie es, die den interessantesten Teil des vierten Detective Comics-Bandes bilden. Langstroms Frau nimmt nämlich ebenfalls das Man-Bat-Serum und wird zur Mörderin, es kommt zum Kampf – und zu einer unerhörten Auflösung, was es mit der Beziehung zwischen den beiden auf sich hat.

Es ist ein befremdliches Erzählverfahren, das Layman seinen Lesern zumutet. Ohne richtig einzuführen – weder in Charaktere noch Themen – sind die Fälle immer schon da und werden viel zu schnell erledigt. Negativ fällt das vor allem in Titelgeschichte – The Wrath – auf. Der Schurke erscheint gleich zu Beginn in seiner Metallrüstung, sagt was er will – nämlich Polizisten zu töten, und schon setzt er seinen Plan auch um. Geheimnis und Spannung? Völlig überschätzt! Parallel muss Bruce Wayne sich buchstäblich mit dem Industriellen Caldwell rumschlagen, weil dieser Waynes Firma übernehmen will. Und weil ein Karatekampf langweilig ist, prügeln sich beide eben in einem Ring, der einem Balkon ohne Brüstung gleicht. (Als ob Batman sich nicht schon oft genug nachts in Lebensgefahr begeben hätte.) Der eigentliche Kampf Batman gegen Wrath ist ein High-Tech-Krieg, bei dem sich zunächst beide in ihren spacigen Gleitern durch Gotham jagen und am Ende als zwei Iron-Men miteinander kloppen. Und weil das wieder alles sehr schnell vorbei geht, gibt’s im Epilog noch einen Ausblick auf eine Kooperation zwischen Caldwell und Ogilvy im Knast …

Zwei Einzelstories bilden abgeschlossene Geschichten: in einer taucht die in Detective Comics Annual #1 eingeführte Mio (eine alte Bekanntschaft aus Asien) wieder als Attentäterin auf und verschwindet wieder – das alles übrigens nur, um Ra’s al Ghul mal eben kurz als Mann im Schatten einzuführen. In der zweiten Stories geht es um einen Mörder, der die Persönlichkeit seiner Opfer annimmt. Hier darf sich Harvey Bullock mal kurz verlieben, aber kaum ist die Beziehung zu einer Psychiaterin eingeführt, ist sie auch schon wieder vergangen. Bullocks Frage, was diese Stadt es nur mit dem Abschneiden von Gesichtern hat – eine Anspielung auf Detective Comics #1, wo dem Joker ebendies widerfährt – liest sich wie ein Eingeständnis der Planlosigkeit der Autoren.

Leider macht Detective Comics nach vier Bänden immer noch keinen Spaß, John Layman schafft es nicht, gegenüber dem ebenfalls schwachen Tony Daniel das Niveau zu heben. Die Stories sind zu sprunghaft, zu verworren, zu sehr ineinander geschachtelt – und vor allem ohne nennenswerte neue Ideen. Von Detektivarbeit ist ebenfalls nicht viel zu sehen. Ganz abgesehen von Bruce Waynes Privatleben: zu Beginn des Reboots hatte er noch eine Freundin, doch schon lange hat er weder einen Gedanken noch eine SMS an sie verschwendet – oder sich mit einer anderen getröstet.

Eine Chance geben wir der Serie noch. Und vielleicht noch eine, denn in Band 6 darf wieder mal ein neues Kreativ-Team dran. Offenbar hält es die Künstler nicht lange bei DCs Hauptserie. Und das ist kein gutes Zeichen.

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