Heldennostalgie

Titel: DC – The New Frontier (dt. Neue Horizonte)

Autor/Zeichner: Darwyn Cooke

Erschienen: 2004 (Mini-Serie #1-6, Paperback 2004-2005, Absolute Edition 2006, Deluxe Edition 2015), dt. Panini 2005-2006 (DC Premium Bd. 40-41)


„Mankind needs a new road to travel, carved by the heroes of tomorrow.“ (Phantom Stranger)

Die USA der 50er Jahre stecken außenpolitisch im Kalten Krieg, innenpolitisch betreiben sie eine Hexenjagd gegen Kommunisten, Superhelden sind per Gesetz verboten – es sei denn sie arbeiten für den Staat. Wie Superman und Wonder Woman, die beim Konflikt in Indochina aufräumen. Doch die meisten anderen sind im Ruhestand – außer natürlich Batman, der als Outlaw weitermacht und sich dabei auch nicht von Superman stoppen lässt. Und dann ist da noch Barry Allen, der zum Flash wird. Und der Marsianer J’onn J’onzz, der in Gotham als Polizist John Jones arbeitet. Und vor allem der Pilot Hal Jordan, der nach einem traumatischen Kriegseinsatz in Korea in ein Raumfahrtprojekt zum Mars eingespannt wird und nebenbei zur Green Lantern wird. Und was hat eigentlich eine Insel voller Dinosaurier damit zu tun?

Autor und Zeichner Darwyn Cooke wollte mit DC: The New Frontier gleich mehreres erreichen: Superhelden in der Realität verorten, eine Brücke zwischen Golden Age und Silver Age schlagen und den Zeitgeist der 50er Jahre heraufbeschwören. Immerhin letzteres ist ihm gelungen. Wenn das Buch etwas geworden ist, dann konzentrierte Nostalgie. Auch die Zeichnungen des ehemaligen Storyboard-Zeichners für die Batman- und Superman-Animated-Serien sind voller Ausdruckskraft und Dynamik und vereinen das Beste von Bruce Timm und Jack Kirby. Cooke hat ein gutes Gespür für das Erzählen mit Bildern, auch wagt er einige kleine Experimente. Aber seine Geschichte, die sich über 400 Seiten erstreckt, scheitert an ihrer Ambition. Cooke will einfach zu viel. Dass er sich bei Werken wie Watchmen und The Dark Knight Returns bedient, ist dabei nur das geringste Problem.

Patriotismus und Heldenverehrung

Die vielen Schauplätze und Figuren führen dazu, dass in der ersten Hälfte kein roter Faden erkennbar ist und es auch lange Zeit keinen Helden der Geschichte gibt, sondern bloß viele, zu viele Helden, die sprunghaft in kurzen Episoden behandelt werden. Selbst Hal Jordan, der eigentliche Protagonist, geht in der Fülle unter. Klassische Helden wie Superman und Wonder Woman spielen keine große Rolle, selbst Batman nicht, auch wenn er zwei verschiedene Kostüme und sogar einen Robin zur Seite gestellt bekommt. Im Grunde ist The New Frontier nur am Rande eine Superhelden-Story. Vielmehr geht es um die Menschen, also die Wissenschaftler, Soldaten und Reporter. Cooke will in seiner Geschichte darauf hinaus, dass sich Menschen und Superhelden auf Augenhöhe begegnen: die tapferen Soldaten in ihren Uniformen und die Superhelden in ihren Kostümen und Masken. Jeder dient seinem Land auf seine Weise usw. Aber diese Botschaft, die von viel amerikanischem Pathos aufgetragen wird, erdrückt die Handlung erst recht. Auf dem Höhepunkt darf Superman seitenlang eine Ansprache im Independence Day-Stil halten, am Ende hat John F. Kennedy das letzte Wort mit einer weiteren ermüdenden Rede. Und dann gibt es noch die unsägliche Heldenverehrung, die auf den Splash Pages zum Teil an Propaganda-Plakate erinnert.

Um auch noch das Thema Rassismus mitzunehmen, wird die Figur des maskierten, hammerschwingenden Rächers John Henry eingeführt, allerdings ohne dass der Held relevant für die Handlung wäre. Diese Binnenerzählung funktioniert in etwa wie Tales of the Black Freighter in Watchmen, allerdings wirkt sie wie zu viel des Guten. Genauso wie die obligatorische Sequenz mit Spectre, Dr. Fate und Phantom Stranger, die wie üblich von oben herab über das Schicksal der Menschheit räsonnieren.

Superhelden in der Realität?

Auch das Konzept, den Helden einen Platz in der Zeitgeschichte zu geben, geht nicht auf. Die Botschaft „neue Zeiten brauchen neue Helden“ sagt weder etwas über die Realität aus, noch bereichert sie das Superheldencomic. Wenn am Ende alle zusammen gegen eine abstrakte Mega-Gefahr kämpfen, die aussieht wie ein riesiger Kuhfladen und die einem Spacetrips mit Selbsterkenntnis beschert wie in 2001: Odyssee im Weltraum, ist der Erkenntnisgewinn mager – sowohl für das Verständnis der Historie als auch der Gegenwart. Es rechtfertigt nicht die Paranoia des Kalten Krieges gegenüber dem Fremden und es erklärt nicht die Rolle von Superhelden. Wie jeder Versuch, Superhelden und Realismus miteinander zu verbinden, scheitert dieser Ansatz. Und er funktioniert nicht annähernd so gut wie seine Vorbilder.

The New Frontier ist zwar mit Lob und Preisen überschüttet worden, für mich (einem großen Darwyn Cooke-Fan) war es eine bittere Enttäuschung. Immerhin ist die aufwendige Deluxe Edition sehr schön aufgemacht und bietet viele hübsch anzusehende und informative Extra-Seiten. In einem gesonderten Special – ebenfalls in der Ausgabe enthalten – wird der Kampf zwischen Batman und Superman nachgetragen. Die Episode gehört noch zu den besten, auch wenn sie zu stark bei The Dark Knight Retuns abgeguckt ist. Denn immerhin nimmt sie eine überraschende Wendung. Und vielleicht nimmt sie vorweg, welche Rolle Wonder Woman im Film Batman v Superman spielen könnte …

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