Andrew Helfer

Verschwörung gegen Bruce Wayne

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DC Comics

Titel: Journey Into Knight (dt. Der Weg ins Dunkel)

Autor/Zeichner: Andrew Helfer/Tan Eng Huat

Erschienen: 2005-2006 (Miniserie #1-12), kein US-Paperback; dt. Panini 2007 (Monster Edition Bd. 3)


Kurz nach Batmans erstem Jahr soll Bruce Wayne endlich das Erbe seines Vaters antreten und Wayne Industries übernehmen, einen Konzern, der so ziemlich alles herstellt. Doch er hadert mit der Rolle, denn eigentlich will er lieber Batman sein. In seinen Träumen sagt ihm Thomas Wayne, er soll das mit der Rächerrolle lassen, denn die Eltern seien bereits gerächt und als Batman weiterzumachen lasse den Mörder bloß gewinnen.

Für Batman aber gibt es gerade viel zu tun: Eine neue Droge tötet in Gotham Menschen. Als Batman (undercover) ein Flugzeug mit der nächsten Ladung aus Kolumbien abfangen will, stellt er fest, dass es voller Leichen ist. Sämtliche Passagiere sind einem hochansteckenden und sofort tödlichen Virus zum Opfer gefallen – bis auf einen, der es eingeschleppt hat.

Immun dank Fledermäusen

Auch Batman steckt sich sofort an, überlebt aber auf wundersame Weise. Seine Erklärung: Das Virus stammt von Fledermäusen und weil er mal als Kind von Fledermäusen attackiert und gebissen wurde, hat sein Körper eine Immunität gegen das Gift von Fledermausbakterien entwickelt. Was Bakterien mit Viren zu tun haben sollen, bleibt schleierhaft. Im pandemischen Zeitalter lässt man sich mit so einem pseudowissenschaftlichen Unsinn nicht mehr für dumm verkaufen (auch wenn es Leute geben soll, die sich Entwurmungsmittel gegen Viren spritzen).

Und so jagt Batman einerseits den hochansteckenden Mann, der einst nach Kolumbien geflogen ist, um einen Schatz zu finden, und nun die Seuche in Gotham verbreitet, andererseits eine Drogendealerin. Praktischerweise finden die beiden zusammen, verlieben sich so plötzlich wie grundlos ineinander und ziehen als mordendes Duo durch die Stadt, um unliebsame Menschen loszuwerden. Ja, eigentlich sollen sogar alle sterben, damit nur noch das Paar übrig bleibt. Nur wie die Frau mit dem Mann überleben soll, wird nicht klar. Denn bisher muss er eine Atemschutzmaske tragen, um sie nicht anzustecken.

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DC Comics

Klingt bescheuert? Ist es auch. Zum Glück ist es nach sechs Ausgaben auserzählt, aber aus irgendeinem Grund meinte man damals, es sei eine gute Idee, die Geschichte auf epischen zwölf Ausgaben breitzutreten, also über 264 Seiten. Das entspricht etwa dem Format von The Long Halloween. Leider ist es nicht annähernd so unterhaltsam.

Joker gegen Bruce Wayne

Später geht es um brandstiftende Kinder und eine Verschwörung gegen Bruce Wayne, bei der ihm ein Mord angelastet wird. Hier könnte es spannend werden. Doch auch der späte Auftritt des Joker trägt nicht viel dazu bei: Er verpasst Bruce in Arkham eine Gehirnwäsche, indem er ihm versucht einzureden, dass sein Vater nichts getaugt habe. Angeblich will der Joker selbst die Vaterrolle einnehmen. Statt Spannung bekommt man hier bloß lange Monologe geboten – zwischendurch fragt man sich, warum die Aktion so lange niemandem in Arkham auffällt – bis das Finale völlig ohne Bruces Zutun im Nichts verpufft.

Journey Into Knight ist insgesamt eine öde und zähle Angelegenheit: extrem wortlastig, arm an Action, und wenn doch, dann sehen wir einen Batman, der sich an einem Seil hinter einem Zug herziehen lässt und auf einer Schiene surft oder mit einem Wasserschlauch den Wall-E macht. Einen Großteil machen Gespräche mit Nebenfiguren aus, die sich um Wayne Industries drehen – und wenn Batman-Leser eins lieben, dann ist es bekanntlich business talk. Und für alle, die etwas anderes wollen, gibt es noch Psychiatergespräche und eine bemühte Liebelei ohne Konsequenzen.

Wir sehen hier einen anderen Batman: einen netten Batman, der auch mal Gordon Kaffee mitbringt und ihm hilft, die Glühbirne im Batsignal zu wechseln, obwohl er ihm zuvor ein Handy gegeben hat. Am Ende sieht man kaum noch etwas von Batman, bis er dann als brutaler Berserker zurückkehrt. Leider hat man hier verpasst, diese Entwicklung ordentlich darzustellen.

Das ist auch deshalb schade, denn die Albtraum-Sequenzen mit dem Vater sind gelungen: Thomas Wayne desillusioniert Bruce, indem er ihm klarmacht, in der Familie sei es alles andere als rosig zugegangen. Thomas habe zu viel gearbeitet und habe zu wenig Zeit für seinen Sohn gehabt. Daraus hätte man eine interessantere Geschichte machen können.

So ist es kein Wunder, dass von dieser epischen Story bisher kein Paperback erschienen ist. Man kann sie getrost dem Vergessen anheim geben.

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Das Erbe des Vaters

DC Comics

Titel: The Eye of the Beholder

Autor/Zeichner: Andrew Helfer/Chris Sprouse

Erschienen: 1990 (Batman Annual #14), Hardcover 2017 (Two-Face: A Celebration of 75 Years)


„We made our choice. No choice.“ (Two-Face)

Mit der Crisis on Infinite Earths wurde das DC-Universum neu erschaffen. Batman bekam einen neuen Origin – und so auch seine Schurken. Harvey Dent war schon in Year One zu sehen. In Annual #14 wird erzählt, wie er zu Two-Face wurde.

Es ist alles da, was man aus dem Goldenen Zeitalter kennt: der engagierte Bezirksstaatsanwalt, Vincent Maroni (der früher „Boss“ Moroni hieß, was wohl zu sehr an „moron“ erinnerte), der ihm während einer Verhandlung Säure ins Gesicht schüttet, die Entstellung, die Heilung und der Rückfall. Aber da ist noch mehr: Im Year One-Stil gehalten, bekommen wir Einblicke in die Gedanken von Batman, James Gordon und auch Harvey Dent.

Der Staatsanwalt erhält eine Vergangenheit: einen trunk- und spielsüchtigen Vater, der ihn misshandelte, eine schwierige Kindheit, Schizophrenie. Zu Beginn der Geschichte versucht Harvey zunächst, sich mit seinem Vater auszusöhnen, aber der schenkt ihm nur einen Silberdollar – ein verhängnisvolles Geschenk. Der Konflikt bringt Harvey um den Schlaf, er wacht schweißgebadet auf.

Und dann ist da noch die belastende Arbeit. Zunächst frustriert ihn, dass er einen Serienmörder nicht verurteilt bekommt, dann bringt er ihn selbst mit einer Bombe um. Er schließt mit Batman einen Bund, aber der wird sogleich belastet, als Dent ihn zu überreden versucht, einen anderen Gangster mit unlauteren Mitteln ins Gefängnis zu kriegen. Batman weigert sich. Bei Maroni scheint der Erfolg sicher – doch da geschieht das Unheil. Two-Face bricht aus dem Krankenhaus aus, will sich an dem Kollegen rächen, der Maroni die Säure besorgt hat. Batman interveniert, Two-Face erschießt den Kollegen trotzdem, tritt vor seinen Vater – und wieder stört die Fledermaus …

Das tragische Ende gebührt immer Harvey Dent, dessen Gesicht zwar geheilt, aber dessen Geist gespalten bleibt. Und so fügt er sich wieder selbst Wunden zu, um sein Äußeres mit seinem Inneren in Übereinstimmung zu bringen.

Harvey Dent erhält nicht nur mehr Hintergrund, sondern auch mehr Tiefe – und auch sehr viel Abgründigkeit. Der Münzwurf des Vaters, den Harvey übernimmt, wird immer wieder als seitenfüllendes Leitmotiv eingestreut: Man sieht bloß die Münze und eine Hand in der Dunkelheit, dazwischen den Dialog zwischen Vater und Sohn. Solche Sequenzen machen die Geschichte zu einem starken Charakterstück. The Eye of the Beholder ist so intensiv erzählt, dass die altbekannte Story ein neues Gesicht bekommt.

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