The Killing Joke: Seiten 6-9 – Rummelplatz/Erste Rückblende

Joker auf dem Rummelplatz (alte und neuer Kolorierung). (DC Comics)

Ortswechsel. Der Joker auf dem Rummelplatz. Wie bei Batman sehen wir auch ihn erst nach und nach, Stück für Stück, wenn auch deutlich eher. Das erste Panel zeigt nur seine Hand im Handschuh an einem Gehstock, im Hintergrund der Makler und die Stadt. Im zweiten Panel sehen wir den verlassenen Vergnügungspark mit den Fahrgeschäften: Riesenrad und ein Helter Skelter, eine spiralförmige Rutschbahn, der Paul McCartney später in einem Beatles-Song verewigte, was wiederum durch Charles Manson traurige Berühmtheit erlangte. (Das Wort „Helter“ erscheint auch auf dem Cover von Watchmen #3, da von der Aufschrift „Shelter“ das S verdeckt ist.)

Wir sehen den Joker nur von hinten, bevor er erst im dritten Panel sich umdreht und sich nicht nur dem Makler, sondern auch uns zuwendet: Zum ersten Mal erscheint sein wahres Gesicht und zwar in Übergröße, sodass es die Panelgrenzen überragt und der Joker sich sogar bis an den Seitenrand erstreckt.

Das strenge Neunerraster der ersten Seiten ist damit völlig aufgebrochen und wird erst wieder auf der letzten Seite wiederkehren.

Wir sind Zeugen einer Besichtigung und eines Verkaufsgesprächs. Der Joker will den Rummelplatz erwerben. Er beschreibt ihn als hässlich und tödlich, aber genau das spricht ihn an: „I’m crazy for it.“ Sein breites Lächeln und sein Blick bestätigen das.

Das vierte Panel zeigt einen Glaskasten mit einer Clownspuppe, dahinter sind Plakate für eine Freakshow zu sehen: ein zweiköpfiges Baby, ein dreibeiniger Mann, schließlich – im letzten Panel, eine „Fat Lady“, die mit dem Werbespruch angepriesen wird: „Gals, be glad it ain’t you“. Der Anblick des Posters hat jedoch auf den Joker einen anderen Effekt: Es erinnert ihn an seine eigene Lage als junger Mann (Alan Moore schreibt im Skript: vor etwa 20 Jahren). Als es um den Kaufpreis geht, wird dies zum Anlass für die erste Rückblende, als Geld für ihn noch ein Problem war.

Rückblende in die Vorgeschichte

Die erste von insgesamt vier Rückblenden erstreckt sich über zwei Seiten mit einem strengen Sechserraster. Es ist das erste Mal in der Geschichte des Jokers, dass man etwas über sein Leben vor seiner Verbrecherkarriere erfährt, auch wenn er anonym bleibt. (Auch im Skript steht nur „Young Man“. Erst Tim Burtons Batman-Film ein Jahr später macht aus ihm „Jack Napier“.) Allein seine Frau erhält den Namen Jeannie. Sie bildet die Analogie zur „Fat Lady“, da sie hochschwanger mit entblößtem Bauch auf einem Stuhl sitzt. Damit geht The Killing Joke über den bisherigen Joker-Origin aus Detective Comics #168 (1951) hinaus.

Erste Rückblende: Joker als junger Mann. (DC Comics)

Der junge Mann steht im Vordergrund des Bildes wie der Joker davor und hält seinen Hut fest. Wie auf der Seite zuvor sehen wir ihn zuerst von hinten und erst im dritten Panel von vorn. Es handelt sich um einen angehenden, aber offenbar untalentierten Comedian. Er hat sein Vorsprechen vergeigt, niemand lacht über seine Witze. Jeannie reagiert mit einem „Oh“, was den Mann aufregt und ihn alle Sorgen in diese Reaktion hineinlegen lässt, denn er hat keine Arbeit, kann die Miete nicht bezahlen und muss bald eine Familie ernähren.

Er will genug Geld verdienen, um sich ein besseres Zuhause leisten zu können. Er beneidet die Prostituierten, die mehr Geld verdienen, ohne einen Witz erzählen zu müssen. Er scheint es mit seiner Berufung nicht sehr ernst zu meinen. Seine Frau lacht über die Bemerkung und zeigt sich optimistisch. Sie liebe ihn auch ohne Job, er sei gut im Bett und bringe sie zum Lachen.

Verzerrte Erinnerungen

Das Gesicht des jungen Mannes hat einen düsteren Blick im Spiegel, ebenso der Joker im nächsten Panel, der sich im Glaskasten des „Laughing Clown“ spiegelt. Damit wird Jeannie zum zweiten Mal unvorteilhaft verglichen. Nach dem „Freak“ der „Fat Lady“ ist entspricht sie nun der Witzfigur eines Clowns, obwohl sie in dieser Sequenz verständnisvoll und gütig erscheint. Da aber beide Referenzen auf dem verwüsteten Rummelplatz liegen, könnte man sie auch als verzerrte Abbilder deuten, die die Erinnerung des Jokers zwar heraufbeschwören, aber ungute Assoziationen oder Gefühle auslösen. Man sieht es auch am ungewohnt finsteren Gesicht des Jokers. Was an seinem Leben früher gut war, ist nun – in seinem Wahnsinn – zu einer grotesken Karikatur geworden.

Mord als Pointe: Joker und der Makler. (DC Comics)

Auf der nächsten Seite setzt sich das Sechserraster fort, obwohl die Rückblende vorbei ist und wir uns wieder auf dem Rummelplatz befinden. Der Makler sitzt auf der Figur eines rosa Elefanten und versucht, dem Gelände etwas Positives abzutrotzen. Der Joker gibt dem Makler die Hand, die er eben noch nach dem Clown bzw. seiner Frau ausgestreckt hat. Sie schlagen ein und der Joker erklärt ihm, nicht zu bezahlen, weil der Platz bereits ihm gehöre. An der Nadel in seiner Hand sieht man, dass der Makler vergiftet wurde. Der Joker witzelt darüber, wie zufrieden der Makler sei und er werde sprachlos sein – „that’s a lifetime guarantee …“

Die Pointe fällt im letzten Panel: Der Makler ist bereits tot, sein Gesicht ist erbleicht (in der alten Kolorierung gelb), seine Lippen sind rot und er trägt das typische eingefrorene Grinsen eines Joker-Opfers, damit ähnelt er nicht nur dem Joker, sondern auch der Clownsfigur auf Seite 8.

Der Joker hingegen wendet sich ab – wie zu Beginn der Szene – als würde er nach einem Auftritt wieder von der Bühne gehen. Doch es ist nur ein vorläufiger Abtritt. Sein großer Auftritt kommt noch.

>> The Killing Joke: Einführung, Cover, Seiten 1-5


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5 Kommentare

  1. Sehr cool Lukas, wirklich. Mir gefällt auch die Tatsache, dass die Seiten nicht nur in der alten und neuen Colorierung verglichen werden, sondern auch noch zum vergrößern verlinkt sind. Das ist eine völlig neue Erfahrung, meinen Lieblingscomic auf diese Weise zu genießen.Top!

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