The Killing Joke: Das Cover

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Ikonisches Cover, oft zitiert: The Killing Joke. (DC Comics)

Bereits Brian Bollands Cover zu The Killing Joke erzählt eine Geschichte: Es zeigt eine Nahaufnahme des grinsenden Joker, jedoch halb verdeckt von einer Kamera, die er sich vors Gesicht hält. Der Joker sagt „Smile!“ Die Lichtreflexionen auf der Linse zeichnen ebenfalls ein schiefes Lächeln, ähnlich dem Smiley aus Watchmen. Es entsteht eine ungewohnte Nähe. Wir sehen jede Falte, jedes Haar, jeden Zahn. Der Joker rückt uns geradezu auf die Pelle. Da der Joker nach vorne schaut, spricht er direkt den Betrachter an – und er fotografiert damit auch uns.

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Nahaufnahme: Joker auf dem Cover zu „The Killing Joke“. (DC Comics)

Der Joker hat zwar einen Hut aufgesetzt, aber er erscheint hier in einen violetten Trenchcoat, den passenden Handschuhen und einer grünen Schleife um den Hals. Damit entspricht er dem klassischen Design, besonders erinnert der Aufzug an The Laughing Fish von Steve Englehart und Marshall Rogers (1978).  Zudem kann man eine winzige Joker-Karte auf einem (Manschetten?)Knopf erkennen. Die Karte deutet zurück auf den Namensgeber, auf die Fabrik, in der der Joker entsteht. Außerdem hat auch Batman eine solche Karte in der Batcave.

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DC Comics

Mit diesem Cover bricht Bolland mit einer Tradition. Der Titel nennt zwar Batman, doch der Titelheld ist nicht zu sehen, nicht einmal angedeutet. Gleichzeitig steht das Cover auch im Widerspruch zu seiner Vorlage: Detective Comics #168 zeigt lediglich Red Hood zwischen Batman und Robin, ohne dass sein Gesicht zu erkennen ist. Stattdessen werden die Leser dazu aufgefordert, zu erraten, wer hinter der Haube stecken könnte. Einen Hinweis gibt es auf dem Cover nicht. Allerdings ist bemerkenswert, dass Batman und Robin sich von ihm abwenden, als könnten sie seinen Anblick nicht ertragen oder als würden sie nicht wagen, hinzuschauen. Dabei ist in der Geschichte Red Hood derjenige, der geblendet wird.

Die Enthüllung des Jokers ist die Überraschung am Ende. Seine Entstehungsgeschichte nimmt nur die letzte Seite ein. Hier aber ist ein ganzes Comic ihm gewidmet. Das Cover verspricht einen Joker in Nahaufnahme. Zum ersten Mal bekommt er eine Vorgeschichte, wenn auch noch keinen Namen. Auch der Name Joker kommt auf dem Cover nicht vor, wenn auch das Wort „Joke“ nah dran ist.

Joker und „Witzmacher“

Hinweise darauf gibt die Aufschrift der Kamera. Die stammt vom Hersteller „Witz“. Auf dem Objektiv steht „Witzmacher“, was wohl deutsch sein soll, aber kein echtes Wort ist, neben der polnischen Entsprechung „kawalarz“. Außerdem nutzt Brian Bolland den Rand des Objektivs dazu, seinen Namen dort zu verewigen. In einer Reihe mit „Witzmacher“ und „kawalarz“ erscheint das Wort „Bolland“ ebenfalls wie ein Synonym für Joker – oder die Begriffe beziehen sich auf den Künstler, der sich hier einen Spaß erlaubt. (Die Vor- und Rückseite der Absolute Edition zeigen den Joker jeweils von der Seite. Auf der Kamera sind weitere Übersetzungen von „Joker“ zu lesen, auf Albanisch, Ungarisch und Russisch.)

Damit ist bereits die Vielgestaltigkeit der Figur angedeutet. Wenn er später sagt „If I’m going to have a past, I prefer it to be multiple choice!“, dann gilt das auch für seine Bezeichnungen. Schon früh wurde er „Clown Prince of Crime“ oder „The Harlequin Of Hate“genannt. Doch das sind nur Titel und Umschreibungen, denn auch in The Killing Joke bleibt es dabei: „Name unknown“.

Das Bemerkenswerte an dem Cover ist aber: Eine solche Szene selbst kommt im Buch nicht vor. Der Joker trägt zwar die Kamera, als er Barbara Gordon überfällt, er macht auch Bilder von ihr, aber man sieht nicht wie. Das Cover schließt also gewissermaßen eine Lücke in der Erzählung, jedoch ohne die Szene selbst abzubilden, da der Joker auf dem Cover andere Kleidung trägt als in der Szene.

Weil aber der Joker seine Betrachter anspricht und fotografiert, treten wir an die Stelle von Barbara Gordon und nehmen dadurch ihre Rolle als Opfer eines Gewaltverbrechens ein. Wenn man das Buch zum ersten Mal liest, weiß man das noch nicht. Erst wenn man es wiedersieht, wirkt es auf diese Weise übergriffig: Wir werden zu Opfern des Jokers. Wir wollen uns ein Bild von ihm machen – doch er verhindert das, indem er sein Gesicht halb verdeckt und stattdessen ein Bild von uns macht. Was das für ein Bild ist, sehen wir bereits an der Reflexion in der Linse: ein grinsendes Zerrbild. Wir werden zum Joker.

Coverzitate und Kontroverse um Batgirl #41

Batman: Three Jokers #3: Cover und Variants von Jason Fabok. (DC Comics)

Das Cover zu The Killing Joke wurde immer wieder zitiert und variiert, besonders prominent in Three Jokers (2020), wo alle Cover und Variants im Grunde das Prinzip der Joker-Nahporträts adaptierten, besonders aber der dritte Teil, der den Joker wieder mit (angedeuteter) Kamera zeigte. Zuletzt zitierte sich Bolland selbst auf einem Variant von Rorschach #1 (2020), das den Titelcharakter mit einer Rorschach-Test-Karte zeigt. (Der Sprechblasentext „A smile“ enthält einen typographischen Fehler, ein falsches I.) Das Cover der letzten Ausgabe der Serie The Joker (#15, 2022, gezeichnet von Giuseppe Camuncoli) zeigt den Joker beim Fotografieren mit einem Smartphone.

DC Comics

Im Jahr 2015 zitierte der Künstler Rafael Albuquerque das TKJ-Cover für ein Variant von Batgirl #41. Der Joker umarmt Batgirl, bedroht sie mit einer Waffe und zeichnet ihr ein rotes Grinsen ins Gesicht, während sie starr vor Angst ist.

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Bereits die Ankündigung kam nicht gut an, weil es die Heldin in einer traumatisierenden Situation darstellt. Außerdem hatte das Cover nur wenig mit dem Inhalt des Heftes wie auch mit dem Ton der Serie zu tun gehabt haben, die The Killing Joke überwinden wollte. Nach Protesten hat Albuquerque das Cover von DC zurückziehen lassen und es wurde nie gedruckt – auch wenn es Gegenproteste gab.

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6 Kommentare

  1. Sodele Lukas jetzt komme ich endlich zu „The Killing Joke“ im Batman Projekt. Mein all time favourite comic book von dir seziert, ich bin ja so gespannt. Und schon beim Cover geht es los:
    Noch nie zuvor habe ich da so viel drüber nachgedacht und hineininterpretiert, Wahnsinn. Übrigens empfinde ich die Cover und speziell die zahllosen Variant Covers zu „Three Jokers“ ebenfalls als eine Hommage an das hier besprochene Werk. Das hattest du jetzt net erwähnt. Liege ich da falsch, oder bin ich mal wieder überpingelig?
    „Wir wollen uns ein Bild von ihm machen – doch er verhindert das, indem er sein Gesicht halb verdeckt und stattdessen ein Bild von uns macht. Was das für ein Bild ist, sehen wir bereits an der Reflexion in der Linse: ein grinsendes Zerrbild. Wir werden zum Joker.“ – Wie gruselig ist das denn bitte? Ich werde dieses Cover nie mehr mit denselben Augen betrachten. Wow.
    Von der „Absolute Edition“ hatte ich bisher keine Kenntnis. Habe mir natürlich soeben gleich ein unboxing video auf youtube dazu reingezogen. Wenn die berühmt-berüchtigte „censored page“ dabei wäre, würde ich sogar die 37 Euro dafür ausgeben. Da ich jedoch stolzer Besitzer des first printing von „The Killing Joke “ bin *hüstel, hüstel* werde ich wohl passen. Man kann (und muss) ja schließlich nicht alles haben.
    Die Kontroverse um das Cover zu Batgirl #41 kann ich übrigens teilweise nachvollziehen. Wenn das Cover nicht zum Inhalt passt und man Barbara einfach nur gequält und hilflos und traumatisiert darstellen will, weil es beeindruckend aussieht, ist das unnötig. Hätte man den Inhalt direkt genutzt um Babs gegen das Trauma in ihrem Inneren ankämpfen zu lassen und sie es schließlich überwindet, hätte das Ganze einen Bezug gehabt. So macht es wenig Sinn, wenn es zugegebenermaßen auch echt beeindruckend aussieht.

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