Strange Apparitions: Joker

DC Comics

Titel: The Laughing Fish/Sign of the Joker

Autor/Zeichner: Steve Englehart/Marshall Rogers

Erschienen: 1978 (Detective Comics #475-476), Paperback 1999 (Strange Apparitions), Hardcover 2020 (Tales of the Batman: Steve Englehart); dt. Egmont Ehapa 1978 (Batman Taschenbuch #2), Eaglemoss 2015 (Im Zeichen des Jokers)


Batman steigt bei Silver St. Cloud durchs Fenster und fragt erst dann, ob er eintreten darf. Dass sie nur mit einem Handtuch bekleidet ist, stört ihn nicht. Silver wirkt so perplex, dass sie gar nicht erst antwortet. Batman fragt, ob sie ihm was zu sagen habe, doch das Gespräch führt zu nichts. Silver tut so, als ob sie nicht wüsste, dass er Bruce ist (Detective Comics #474). Dabei weiß er, dass sie es weiß, nur sie weiß nicht, dass er es weiß – was für ein Melodrama! Nach dieser creepy Stalker-Aktion ruft er sie als Bruce Wayne an und tut so, als wäre nichts gewesen. Silver sagt ihr Date unter einem Vorwand ab. Noch mehr Melodrama!

Hausfriedensbruch: Batman bei Silver St. Cloud. (DC Comics)

Da wir hier nicht weiterkommen, wenden wir uns daher lieber dem Kerngeschäft zu: Die Fische im Hafen von Gotham tragen alle ein böses Grinsen im Gesicht. Dahinter kann nur einer stecken – und tatsächlich taucht kurz darauf der Joker im Patentamt auf und verlangt, sich seine Jokerfische patentieren zu lassen, er wittert das große Geschäft. Das gehe nicht, sagt der Beamte. Fische seien Gemeingut. Der Joker droht ihm, er habe Zeit bis Mitternacht, seine Meinung zu ändern.

Joker-Fische und Joker-Katze

Später droht er auch noch Rupert Thorne: Niemand dürfe Batmans Geheimnis wissen, denn das würde ihm den Spaß an seinem größten Gegner nehmen. Obwohl die Ungewissheit bleibt, lässt er Thorne am Leben. Der macht sich daraufhin davon, nimmt Silver St. Cloud als Anhalterin mit, schmeißt sie kurz darauf wieder raus und wird von Hugo Stranges Geist angegriffen, sodass er vor lauter Angst alle seine Schandtaten der Polizei gesteht. Damit löst sich ein großes Problem in Wohlgefallen auf und Batman kann sich auf seinen Erzfeind konzentrieren.

Joker blättert die Seite um. (DC Comics)

Ansonsten wiederholt sich die Geschichte aus Batman #1 (1940): Der Joker kündigt Morde an und begeht sie trotz aller Vorsichtsmaßnahmen trotzdem. Der erste Patentbeamte stirbt durch Jokergas, der zweite durch eine Joker-Katze. Als dritter soll James Gordon dran glauben. Der Joker verkleidet sich als Polizist und verspritzt Säure, doch Batman kann ihn davon abhalten. Bei der anschließenden Verfolgungsjagd wird der Clown vom Blitz getroffen und stürzt ins Wasser – noch ein Problem von selbst gelöst.

Batman jagt den Joker. (DC Comics)

So einfach es sich Autor Steve Englehart hier macht, so legt sich Zeichner Marshall Rogers ins Zeug und inszeniert die Jagd meisterhaft: Mit extrem schmalen Panels und stark beschnittenen Figuren deutet er die Handlung mehr an als sie voll darzustellen. Dazu montiert er geschickt in kleinen, immer größer werdenden Panels, Silver St. Cloud ein, die zusieht und um Bruces Leben fürchtet. Dichter können die Seiten nicht gepackt sein.

Silver St. Cloud macht Schluss

Am Ende kommt es zur Konfrontation mit Silver. Sie gesteht ihm seine Liebe, doch sie kann die Sorge um ihn nicht ertragen, wenn er sich in Gefahr begibt. Ein letzter Kuss, dann macht sie mit ihm Schluss. Leider ist das Drama wieder enorm zusammengequetscht, in elf Panels auf einer Seite. Da wirkt die grandiose Splash Page am Ende, in der er sich wortlos und einsam durch die Stadt schwingt, wie eine Befreiung. Ein neuer Tag bricht an, doch Batman flieht vor dem Licht in die Schatten. Dazu verdeckt ihm eine Linsenreflexion das traurige Gesicht. Es wirkt wie ein Schnappschuss, der uns das Wichtigste, die emotionale Resonanz, vorenthält. Genial gemacht!

DC Comics

Bilanz: Engleharts Detective-Storyline ist ein enormer Fortschritt auf dem Weg, Batman traditionsbewusst und doch zeitgemäß für ein erwachsenes Publikum zu erzählen. Behandelt werden ernste Themen wie Korruption und Atomenergie, auch die Liebe spielt wieder eine Rolle für Batman und ebnet den Weg für eine weitere Liebschaft mit Selina Kyle, die bald darauf beginnt.

Wahrscheinlich hätte die Geschichte davon profitiert, wenn er mehr Raum gehabt hätte und er die einzelnen Episoden nicht in gerade mal 17 Seiten hätte pressen müssen. Doch auch wenn der Versuch, mehrere Erzählstränge zu erzählen, ehrenwert bleibt, wirkt er hier unbeholfen. Die Beziehung zu Silver wird nie richtig aufgebaut. Nach einem kurzen Treffen ist sie bereits mit Bruce zusammen, ohne dass man sieht, wie es dazu kam. Und die Thorne-Story wirkt verschenkt, weil die Tatsache, dass Batman wieder zum Outlaw wird, kaum Konsequenzen hat. Hugo Stranges Geist nimmt Batman die Möglichkeit, seinen Gegner selbst zu besiegen. Ziemlich albern und abgedroschen ist das Motiv auch: Die bösen Taten rächen sich selbst. Dann braucht es aber keinen Batman mehr.

Schließlich wirkt die Joker-Story, auch wenn sie mittlerweile selbst Klassikerstatus hat, zu sehr abgekupfert bei der allerersten. Die Pinguin-Story hingegen ist in ihrer Absurdität so sehr dem Golden und Silver Age verhaftet, dass sie nicht ernstzunehmen ist, ebenso wie der Kampf gegen Deadshot auf der Riesenschreibmaschine. Hier steht die sich sonst sehr ernst nehmende Geschichte im Widerspruch zu der kindischen Vorzeit, von der man sich eigentlich abgrenzen will. Ein neues Kostüm für Deadshot reicht nicht als Update. Trotzdem: Marshall Rogers macht visuell das Beste draus und vor allem dank ihm darf dieser Batman-Run als Meilenstein gelten.

 

Fortgesetzt wurde die Geschichte 2005 in Dark Detective. Auch ein dritter Teil war geplant, kam aber nicht zustande, weil Marshall Rogers vorzeitig starb. Dieser durfte zuvor noch einmal Silver St. Cloud in Siege (Legends of the Dark Knight #132-136, 2000) zeichnen.

(Die Joker-Story wurde in Batman: The Animated Series adaptiert und erschien auch in der Anthologie The Joker: A Celebration of 75 Years, 2014.)

Mehr zum Thema:


Unterstütze das Batman-Projekt

€1,00

4 Kommentare

  1. Danke für dein wie so oft mitten ins Schwarze treffendes Feedback, Lukas. Einzig Rogers‘ genialer Strich ist dafür verantwortlich, dass sich dieser Sammelband vom Fleck weg zu einem meiner liebsten gemausert hat. Schlicht genial!!!

    Gefällt 1 Person

Hinterlasse eine Antwort zu Mario Antwort abbrechen