Wunderknabe wird 75

DC Comics

Detective Comics #38 (DC Comics)

Nachdem Jeph Loeb und Tim Sale mit The Long Halloween einen Klassiker der Batman-Comics geschaffen haben, rief eines Tages der Autor beim Zeichner an und erzählte ihm von seiner Idee einer Fortsetzung – mit Robin. Tim Sale maulte: „But I hate Robin, he doesn’t make any sense, he’s so colorful, Batman’s a loner, he can’t escape the tragedy hat shaped his life …“ Jeph Loeb wandte ein: „That’s the point. You wait and see.“ Der Rest ist Geschichte. Dark Victory ist fast ebenso gut geworden wie sein Vorgänger – trotz Robin. Oder vielleicht auch seinetwegen. Er spielt nur eine untergeordnete Rolle als Held, er hat noch kein Kostüm und kein Alter Ego. Wichtiger ist die menschliche Tragödie und das Verhältnis zu Bruce Wayne, der am Ende sagen kann, als er Robin seinen Schwur abnimmt: „I am no longer alone.“

75 Jahre alt wird der Sidekick in diesem Frühling. Er ist nicht nur comichistorisch wichtig, weil er der erste Sidekick eines Superhelden überhaupt ist. Er ist trotz seiner Unterschiedlichkeit vom düsteren Batman, trotz seines gelben Mäntelchens, seiner grüngeschuppten Unterhose, seiner nackten Beine und elfenhaften Schuhe, ein fester Bestandteil der Mythologie und Bat-Family. Sei es in einer der fünf bis gefühlten 1000 Inkarnationen in den Comics oder als Kalauerschleuder Burt Ward an der Seite von Adam West in der 60er-TV-Serie. Robin spaltet die Fans: man kann ihn lieben, wie die Kinder seit den 40ern es tun, weil sie sich mit ihm identifizieren, oder hassen, weil man – wie Tim Sale – einsieht, dass er keinen Sinn ergibt und er Batman schwächer und weniger düster wirken lässt.

Pendant zum Joker

Auch wenn ihm zuvor schon hin und wieder ein grimmiges Grinsen übers Gesicht gehuscht ist, man kann sagen, dass Batman erst mit Robin das Lachen lernte. Auf dem Cover von Detective Comics #38 strahlt der Held seine Leser an, als er ihnen erstmals The Boy Wonder präsentiert: „a laughing, fighting, young daredevil“ – in der Tradition von Robin Hood, daher der Name. Am Anfang geht alles ganz schnell: Kaum hat das Zirkuskind seine Eltern verloren, erkennt Batman seine Gemeinsamkeit mit ihm und hilft ihm nicht nur, die Täter zu fassen, sondern macht ihn sofort zu seinem Helfer – samt Ausbildung und Kostüm.

Schon in der nächsten Ausgabe (Batman #1, 1940) trifft das Dynamische Duo erstmals auf den Joker. Diese Nähe ist kein Zufall. Das falsche Dauergrinsen des Jokers ist etwas wie die pervertierte Kehrseite des humorvollen, lebensbejahenden Lachens, das Robin in die Hefte gebracht und mit dem er Batman angesteckt hat. Der Joker ist ein skrupelloser Mörder, der nicht nur unpassender Weise lächelt, sondern auch seine Opfer sich zu Tode lachen lässt. Es fällt auf, dass Batman und Robin, während sie ihn gleich zwei Mal in dieser Ausgabe bekämpfen müssen, nichts zu lachen haben. Der Joker stiehlt ihnen nicht nur die Show, sondern auch die Leichtigkeit.

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In dieser Tradition steht der Erzschurke. Er hasst nicht nur Batman. Noch viel mehr hasst er Robin. Man könnte sagen, aus Eifersucht, weil der Junge seinen größten Gegner zum Lachen bringt – und damit etwas schafft, was dem Joker nicht (oder nur selten) gelingt. Robin ist zugleich Batmans wunder Punkt, hier kann man ihn leicht treffen. Und so kommt es in den 80ern, dass der Joker immerhin Robin II (Jason Todd) mit einer Brechstange erschlagen darf – das Urteil haben zuvor die Leser gefällt. Aber weil im Superheldenuniversum niemand für immer stirbt, kommt Jason später als Red Hood von den Toten zurück und schließt sich der wachsenden Bat-Familie an.

Auch wenn die Figur Robin immer Kind geblieben ist, sind die Charaktere hinter der Maske gealtert. Dick Grayson wurde irgendwann im Laufe seiner Emanzipation von Batman zu Nightwing. Tim Drake (Robin III) gelang das mit Red Robin (so ein dämlicher Name) nur leidlich. In der alten Continuity gab es noch ein Mädchen (wie schon bei Frank Millers The Dark Knight Returns), danach folgte Damian, Bruce Waynes brutaler Sohn – und auch der musste mittlerweile dran glauben … Im Grunde ist Robin der Fehler, den Batman ständig wiederholt, indem er trotz der schlechten Erfahrungen und Gefahren immer wieder einen neuen Wunderknaben rekrutiert. Es ist der Fluch der Tradition: die Leser wollen es so, also handelt Batman unlogisch – und fällt damit aus der Rolle. Wer Robin will, muss diesen Makel in Kauf nehmen. Vielleicht ist es aber auch diese Schwäche, die den Helden menschlicher und damit greifbarer erscheinen lässt.

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So beliebt die Konstellation Batman und Robin bei den jungen Lesern schon immer war, so sehr wurde sie auch kritisiert. Der Psychologe Fredric Wertham, der 1954 mit seinem Buch Seduction of the Innocent indirekt die Comics einem strengen Moralkodex unterwarf, verdächtigte die beiden Verbrechensbekämpfer, mit Alfred in einer Schwulen-WG zu leben. Um dem Verdacht vorzubeugen, wurde kurz darauf Batwoman als eine Art Anstandsdame eingeführt. Rund 50 Jahre später hat Frank Miller das Verhältnis zwischen den beiden in seiner Parodie All-Star Batman ad absurdum geführt und zugleich demonstriert, wie zweifelhaft das Selbstverständliche ist, dass ein Fanatiker im Fledermauskostüm ein Kind so unverantwortlich behandelt. Bei Miller ist es Batman, der Dick Grayson die Rolle des Robin aufzwingt. Der Junge hält nicht viel von Batman, bezeichnet ihn als irre (was Batman hier auch ist). Batman misshandelt ihn mit Schlägen, lässt ihn allein in der Bathöhle hungern und fordert ihn auf, Ratten zu essen. Die Dekonstruktion einer Jungsfantasie. Die dunkle Kehrseite von Adam West und Burt Ward. Man kann beides hassen. Aber das wechselvolle Verhältnis zwischen Batman und Robin ist allein historisch interessant.

Wer sich näher damit beschäftigen will, für den veröffentlicht DC im Mai eine Anthologie mit einigen der besten Storys: Robin The Boy Wonder: A Celebration of 75 Years. Hier eine Liste mit einigen essenziellen Robin-Comics, von denen einige bereits hier besprochen wurden, weitere werden folgen:

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8 Kommentare

  1. Dick Grayson schien noch der beste zu sein, aber auch nur, weil er zu Nightwing wurde. Ich mag Robin immer noch nicht… Er war nicht nur der erste Sidekick, wobei ich anderes gehört habe, sondern auch noch ein kindlicher Held.

    Seitdem ich zum ersten Mal von der Homo-Hypothese erfahren habe, muss ich sagen, dass mir Bruce Wayne sympathischer wurde. Manchmal macht es Sinn, aber da war bei einigen Leuten der damaligen Zeit zu viel Fantasie dabei.

    Jedenfalls bleibt Robin nervig, aber echt ey! 🙂

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  2. Mir gefällt Batman auch immer besser allein. Die Figur funktioniert auch am besten, wenn man sich die ganzen anderen Helden weg denkt.
    Allerdings finde ich es schick, dass Dick zu Nightwing wurde und das ja nun auch schon für eine ziemlich lange Zeit bleiben durfte. Endlich mal etwas dass sich in Superheldencomics entwickelt hat und nicht sofort zurückgenommen wurde.
    Als ich Batman noch regelmäßig gekauft habe, war Tim gerade aktuell und die Figur ist nicht schlecht als Robin – frecher, eigensinniger und mit Hose – ziemlich sympathisch.

    und gleich noch eine Lob für dieses schicke Projekt: Seid es auf Comicgate erwähnt wurde, lese ich hier nach und nach die Beiträge und habe jetzt schon eine Liste mit Comics, die ich nachholen will. Danke für die informativen und unterhaltsamen Beiträge.

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    1. Lieber Carsten, vielen Dank für deinen Kommentar und dein Lob. Es freut mich sehr, dass dir mein Blog gefällt und dass es seinen Zweck erfüllt.
      Ich teile deine Meinung zu Robin: Batman allein ist natürlich am besten. (Auch mit ein Grund, weshalb die Nolan-Filme so gut funktionieren.) Mich stört vor allem, dass es nicht nur einen Robin gibt und dadurch die Batman-Familie zu groß geworden ist. Paradoxer Weise habe ich Figuren wie Tim Drake oder Batgirl mit der Zeit trotzdem lieb gewonnen (vor allem dank der Animated-Serie).

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  3. Die Batman-Familie: Ich habe nichts von Batman Inc. gelesen, finde aber das ganze Konzept hört sich unglaublich unpassend an zum dunklen Detektiv, welcher als Mythos Ganoven erschrecken will.
    Falls Du noch Anregungen für Empfehlungen benötigst: Ich würde liebend gern mal wieder eine Batman Geschichte lesen in der er sich vor allem als Detektiv beweist. Im meinem allerersten Batmancomic trat er als Matches Malone auf. Das fand dich damals großartig und das hat ebenso sehr wie die Burton-Filme und die gelungene Animated-Serie das Bild von „meinem“ Batman geprägt.

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    1. Batman Inc. steht bei mir auch noch aus. Dem werde ich mich nächstes Jahr widmen. Anregungen nehme ich immer gerne entgegen. Eine schöne Detektiv-Geschichte, die ich vor kurzem besprochen habe, ist „City of Crime“ (Stadt der Sünde). Auch „Nine Lives“ geht in die Richtung, auch wenn hier eher Dick Grayson der Hauptermittler ist. Ansonsten werde ich mal in mich gehen, was sich sonst noch so anbietet. Ich mag diese investigativen Storys nämlich auch am liebsten.

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