Deutscher Titel: Der Gargoyle von Gotham
Autor/Zeichner: Rafael Grampa
Erschienen: 2023-2026 (Miniserie #1-4), Hardcover 2026; dt. Panini 2024-2026
Batman nimmt ein Drogenlabor hoch, in dem Sklaven arbeiten. Doch da kommt ihm ein anderer zuvor und in die Quere: ein Mann in Schwarz, der mit einem Hammer ein Gemetzel anrichtet. Dieser ist ein Fan der alten, brutalen Zeichentrickserie Crytoon und ahmt sie nun nach. Denn wir wissen ja, dass bekanntlich gewaltverherrlichende Medien Menschen zu Mördern machen …
Parallel dazu untersucht Detective James Gordon einen Serienmord: Die Opfer werden nackt und mit Stichwunden aufgefunden. Ein gewisser Dr. Franz Ebner, ein deutschen Wissenschaftler, der sich mit dem „Energiefeld“ des menschlichen Körpers befasst hat und einst verurteilt wurde, weil er seinen Assistenten ermordet hat, wurde selbst auf ähnliche Weise getötet wie die aktuellen Mordopfer. Die Ermittlungen führen zu Arkham Asylum, das einst eine Kinderabteilung hatte. Alle Opfer waren dort Patienten – inklusive Bruce Wayne …
Kritik am Kapitalismus
Rafael Grampa (Dark Knight Returns: The Golden Child) erzählt uns von einem anderen Batman. Einer, der erst am Anfang steht, aber schon plant, Bruce Wayne offiziell sterben zu lassen. Einer, der wenig Anteil nimmt an der Welt um ihn herum jenseits seiner eng gefassten Mission. Und ihm fehlen Erinnerungen. So weiß er nicht mehr, dass er noch am Abend des Mordes an seinen Eltern loszog, um sich zu rächen und den Mörder so zusammenschlug, dass er danach querschnittsgelähmt war.
Die Story, die in der Tradition von David Finchers Sieben steht (vor dem Grampa sich genauso verneigt wie vor Drehbuchautor Andrew Kevin Walker und Frank Miller), ist voller Horrorfiguren und -momente: Ein Priester verwandelt sich in ein mottenartiges Monster, ein ehemaliger Arzt wird zu einem okkulten Sektenführer, eine Rächerin hat übersinnliche Kräfte und der Joker ist ein Kleinkind, das keine Gelegenheit auslässt, Menschen brutal dahinzumetzeln.
Doch die extreme Gewalt ist nur Ausdruck einer kaputten Gesellschaft. Gegen die Herrschaft der Reichen und die Unterdrückung der Armen protestiert eine junge Frau öffentlich und zettelt einen Aufstand an. Bruce Wayne muss sich seiner sozialen Verantwortung stellen und erkennen, dass es nicht ausreicht, das Verbrechen im Kostüm zu bekämpfen, sondern dass man auch etwas für die Opfer tun muss – oder gar nicht erst zuzulassen, dass Menschen ihr Heim verlieren.
Es hätte nicht gebraucht, das Böse mythisch aufzuladen mit einem Kult, der sie als „Dunkle Energie“ bzw. „Dunkle Aura“ bezeichnet und nährt. Dass Menschen durch Umstände böse werden, ist kein Hexenwerk. Die Story wird hier konfus, aber dadurch gerettet, dass es sich unterm Strich um eine Verschwörung der Elite handelt: Gotham soll zerstört werden, damit die Reichen Kasse machen können. Kapitalismuskritik mit dem Holzhammer, aber vielleicht heutzutage nötiger denn je.
Eigenwilliger Zeichenstil
Grampas Zeichenstil ist eigenwillig: einerseits extrem detailliert und präzise, andererseits wirken die Gesichter oft cartoonhaft, mit Anleihen beim Manga. Er schwankt also zwischen Realismus und Karikatur. Ob es gefällt, ist Geschmackssache. Doch man gewöhnt sich daran, weil er viele Schauwerte bietet. Sein Batman sieht sagenhaft einzigartig aus, pechschwarz und von weißen Linien durchzogen, elegant und höchst lebendig. Im Laufe der Geschichte legt Grampa noch zweimal eins drauf, wenn Batman mit einem improvisierten Kostüm sich durch die Menge kämpft und am Ende wird er selbst zu einer ultimativen Horrorgestalt, dem „Gargoyle of Gotham“ eben.
Das visuelle Storytelling ist höchst dynamisch. Die atmosphärischen Farben von Mat Lopes und das einfallsreiche, innovative Lettering von John Workman sorgen dafür, dass jede Seite beeindruckend anzuschauen ist und es viel zu entdecken gibt. Manchmal ist es sogar zu viel des Guten.
Grampas Geschichte ist mit 200 Seiten breit angelegt und sehr vollgepackt mit Ideen. Nicht alle gehen auf. Dass das Batmobil ohne Fenster gebaut ist, ergibt keinen Sinn und lässt Batman etwas dumm dastehen, wenn er blind gegen Leitplanken fährt, weil das GPS ausfällt. Namen wie „Doktorgeist“ wirken albern und „Stadtgeist“ ist – anders als behauptet – kein feststehender deutscher Ausdruck (im Gegensatz zu „Zeitgeist“).
Die Arbeit an dieser Story zog sich hin. Fast drei Jahre lang mussten die Leser von der ersten bis zur vierten Ausgabe warten. Hat es sich gelohnt? Auf jeden Fall. Gargoyle of Gotham ist zwar nicht perfekt, doch für mich der beste Batman-Comic dieses Jahres.
