Der Superman von Christopher Reeve und Richard Donner ist Fluch und Segen zugleich. Segen natürlich, weil es bis heute keinen besseren und sympathischeren im Film gibt, der Supermans Essenz einfängt. Fluch, weil 1978 anscheinend Maßstäbe gesetzt werden, von denen man bis heute nicht loszukommen scheint. Deshalb knüpfte Bryan Singer 2006 mit Superman Returns in sklavischer Verehrung an Superman II an und ignorierte Teil III und IV, allerdings mit mäßigem Erfolg, ohne Fortsetzung.
2013 machte Zack Snyder mit Henry Cavills Man of Steel eine radikale Kehrtwende, alles sollte ganz anders sein als bei Donner und Reeve – aber dadurch wurde es trist, farb- und humorlos. Dieser Superman ermordete seinen Gegner Zod, starb schon im zweiten Teil, ehe man mit ihm warm werden konnte, und musste für ein übereiltes World Building mit der Justice League herhalten, das man schnell wieder aufgab und sich lieber Wonder Woman, Shazam und Aquaman zuwandte.
Schon wieder Lex Luthor
Nun versucht also James Gunn sein Glück. Der Titel ist schlicht Superman, das Farbenfrohe kehrt zurück und auch der Humor. Man überspringt zum Glück die altbekannte Originstory, Superman ist seit drei Jahren etabliert und bekommt erstmals echte Schwierigkeiten. Natürlich mit Lex Luthor. Schon wieder. Wir hatten noch nie einen Brainiac-Film, wir haben weder Metallo noch Parasite auf der Leinwand gesehen, aber dafür kommt nun zum sechsten Mal der glatzköpfige Schurke, der nichts anderes will, als Superman fertigzumachen. Warum? Weil er ihn hasst. Den Grund dafür erfahren wir erst ganz am Ende.
Bis dahin ist Luthor einfach nur böse, ohne dass man das erklären muss. Er zettelt sogar einen Krieg zwischen zwei Nationen an (Parallelen zu unserer Gegenwart sind nicht zufällig), um sein Ziel zu erreichen, obwohl er schier allmächtige Super-Helfer hat wie The Engineer und Ultraman. Letzterer stellt sich am Ende als böser Superman-Klon heraus – Superman IV lässt grüßen. Und dann erschafft Lex noch ein Taschenuniversum, das zu einem Dimensionsriss durch Metropolis führt – was an Lex‘ Plan aus Superman 1978 erinnert, Kalifornien abzuspalten, um es zu beherrschen (auch bei Gunn will er König von „Luthoria“ werden).
Eindimensionale Charaktere
Mehr Klischee geht nicht? Doch, mit der Luthor-Geliebten Eve Teschmacher, die sich Gunn ebenfalls bei Donner ausgeliehen hat. Hier ist sie ebenso oberflächlich und hohl, aber damit genauso eindimensional wie ihr genialer Liebhaber, bei dem man sich fragt, was er an ihr findet und warum er sie ständig Selfies vor seinen Geheimplänen machen lässt. Antwort: Damit sie die Fotos später an den Daily Planet leaken kann.
Auch die anderen Nebencharaktere wie Perry White und Jimmy Olsen bleiben eher uninteressante Figuren, immerhin Lois Lane ist charmant dargestellt von Rachel Brosnahan. Und auch Hauptdarsteller David Corenswet macht eine gute Figur. Nur die Beziehung mit Lois wirkt lieblos. Die beiden haben nicht viele gemeinsame Szenen.
Interessant an der kindischen Story ist lediglich ein neuer Aspekt: Superman erfährt, dass seine leiblichen Eltern von Krypton nicht nur Gutes im Sinn mit ihm hatten, sondern ihn zum Herrscher über die Erde machen wollten. Luthor entdeckt die Botschaft nach einem Einbruch in die Festung der Einsamkeit und leakt sie. Daraufhin schlägt die öffentliche Meinung über Superman um. Hier darf der desillusionierte Held sich beweisen, indem er sich für den edleren Weg entscheidet.
Worldbuilding mit „Justice Gang“
Ansonsten aber wiederholt James Gunn denselben Fehler wie Zack Snyder, seinen ersten Film nicht nur als Neustart des DC-Universums zu verstehen, sondern auch etliche weitere Superhelden dieser Welt zu etablieren: Green Lantern (Guy Gardner), Hawkgirl und Mister Terrific als Mitglieder der „Justice Gang“, dazu Metamorpho, und am Ende gibt es noch einen Cameo von Supergirl (die ihren eigenen Film bekommen soll). Mehr als ein paar Hiebe und ironische Sprüche haben die meisten dieser Helden aber nicht beizutragen. Wichtiger erscheint aggressiver und dummer Superhund Krypto als Deus ex machina, der Superman mehrmals aus der Patsche hilft. Menschen lieben nun mal Hunde …
James Gunn will es mit diesem Film allen recht machen und deshalb geht er auf Nummer sicher. Statt neue Ufer zu betreten, wandert er auf austretenen Pfade. Er bedient sich bei der Nostalgie der alten Filme (sogar John Williams‘ Main Theme und Schrift des Vorspanns übernimmt er), beim Bronze Age der Comics, seine Technik wirkt zuweilen retrofuturistisch. In manchen Szenen zitiert er sich selbst (der Kampf gegen das Monster in Metropolis erinnert an The Suicide Squad, Mr. Terrifics Abwehr der Luthor-Armee an Guardians of the Galaxy). Vor allem aber bleibt er sich treu in Sachen Humor. Hier muss so gut wie jede Szene irgendwie ironisiert werden. Doch statt großer Lacher produziert er vor allem viel Albernheit, die höchstens schmunzeln lässt, aber meist nervt.
Dies ist ein Film, bei dem Zwölfjährige Spaß haben und Superman nicht in seiner schlechtesten Form zum ersten Mal kennenlernen könnten. Doch dem erwachsenen Zuschauer, der schon zu viele Superheldenfilme gesehen hat, kann er kaum Neues bieten. Alles wirkt wie schon mal gesehen und zwar besser. Es geht sicher anders, es geht sicher interessanter, aber wozu das Rad neu erfinden, wenn man auf bewährte Rezepte setzen kann? Es wird Zeit, Christopher Reeve in Frieden Ruhen zu lassen.